Deutsche Ev.-Luth. Gemeinde St. Katharina Gottesdienst, drittletzter Sonntag des Kirchenjahres, 08.11.2020. Pastor Matthias Lasi

Seit August konnten wir uns in St. Katharina wieder zum Gottesdienst treffen. Natürlich mit den notwendigen Abstands- und Hygieneregelungen. Nun müssen wir wieder Pause machen und die Kirche schließen, da meine Frau und ich mit dem Coronavirus infiziert sind. Wir dürfen unsere Wohnung nicht verlassen und der Kirchenvorstand hält es für besser, vorerst bis 15. November die Kirche sicherheitshalber geschlossen zu lassen.
Deshalb grüße ich Sie mit diesem Lesegottesdienst im Internet. Ich wünsche Ihnen trotz allem einen gesegneten Sonntag.
Ihr Pfarrer Matthias Lasi

So feiern wir diesen Gottesdienst im Namen Gottes, des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Amen
Unsere Hilfe steht im Namen des Herrn,
(der Himmel und Erde gemacht hat)

Der heutige Sonntag steht unter dem Leitspruch Matthäus 5,9
Selig sind, die Frieden stiften, dann sie werden Gottes Kinder heißen.

Psalm 90,1-10
1 Herr, du bist unsre Zuflucht für und für. /
2 Ehe denn die Berge wurden und die Erde und die Welt geschaffen wurden,
bist du, Gott, von Ewigkeit zu Ewigkeit.
3 Der du die Menschen lässest sterben
und sprichst: Kommt wieder, Menschenkinder!
4 Denn tausend Jahre sind vor dir /
wie der Tag, der gestern vergangen ist,
und wie eine Nachtwache.
5 Du lässest sie dahinfahren wie einen Strom, /
sie sind wie ein Schlaf,
wie ein Gras, das am Morgen noch sprosst,
6 das am Morgen blüht und sprosst
und des Abends welkt und verdorrt.
7 Das macht dein Zorn, dass wir so vergehen,
und dein Grimm, dass wir so plötzlich dahinmüssen.
8 Denn unsre Missetaten stellst du vor dich,
unsre unerkannte Sünde ins Licht vor deinem Angesicht.
9 Darum fahren alle unsre Tage dahin durch deinen Zorn,
wir bringen unsre Jahre zu wie ein Geschwätz.
10 Unser Leben währet siebzig Jahre,
und wenn’s hoch kommt, so sind’s achtzig Jahre,
und was daran köstlich scheint,
ist doch nur vergebliche Mühe;
denn es fähret schnell dahin,
als flögen wir davon.

Kollektengebet
Jesus Christus,
du bist gekommen, um uns zu suchen. Du wirst wiederkommen, damit wir sehen, was wir jetzt glauben.
Ohne dich sind wir verloren. Ohne dich hat unser Leben keine Mitte und kein Ziel. Darum bitten wir dich: Komm zu uns. Lass uns nicht allein mit unseren Fragen, mit unseren Sorgen und Nöten, mit unserer Schuld. Komm zu uns, damit wir heil werden.
Amen

1. Lesung 1. Thessalonicher 5,1-11
1 Von den Zeiten aber und Stunden, Brüder und Schwestern, ist es nicht nötig, euch zu schreiben;
2 denn ihr selbst wisst genau, dass der Tag des Herrn kommt wie ein Dieb in der Nacht.
3 Wenn sie sagen: “Friede und Sicherheit”, dann überfällt sie schnell das Verderben wie die Wehen eine schwangere Frau, und sie werden nicht entrinnen.
4 Ihr aber seid nicht in der Finsternis, dass der Tag wie ein Dieb über euch komme.
5 Denn ihr alle seid Kinder des Lichtes und Kinder des Tages. Wir sind nicht von der Nacht noch von der Finsternis.
6 So lasst uns nun nicht schlafen wie die andern, sondern lasst uns wachen und nüchtern sein.
7 Denn die da schlafen, die schlafen des Nachts, und die da betrunken sind, die sind des Nachts betrunken.
8 Wir aber, die wir Kinder des Tages sind, wollen nüchtern sein, angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil.
9 Denn Gott hat uns nicht bestimmt zum Zorn, sondern dazu, die Seligkeit zu besitzen durch unsern Herrn Jesus Christus,
10 der für uns gestorben ist, damit, ob wir wachen oder schlafen, wir zugleich mit ihm leben.
11 Darum tröstet euch untereinander und einer erbaue den andern, wie ihr auch tut.

2. Lesung Johannesevangelium 14,27-29
27 Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.
28 Ihr habt gehört, dass ich euch gesagt habe: Ich gehe hin und komme wieder zu euch. Hättet ihr mich lieb, so würdet ihr euch freuen, dass ich zum Vater gehe; denn der Vater ist größer als ich.
29 Und jetzt habe ich’s euch gesagt, ehe es geschieht, damit ihr glaubt, wenn es nun geschehen wird.

Wir bekennen unseren christlichen Glauben
Ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde,
und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus, gekreuzigt, gestorben und begraben, hinabgestiegen in das Reich des Todes, am dritten Tage auferstanden von den Toten, aufgefahren in den Himmel; er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters; von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.
Ich glaube an den Heiligen Geist, die heilige christliche Kirche, Gemeinschaft der Heiligen, Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten und das ewige Leben. Amen

Fürbittengebet
Jesus Christus,
niemand weiß, was die Zukunft bringen wird.
Viele versprechen dies oder kündigen jenes an.
Lehre uns wach sein im Warten auf deine Zukunft. Hilf uns, die falschen Propheten zu erkennen. Lass uns nicht auf große Worte und leere Versprechen hereinfallen. Hilf uns, unsere Angst zu überwinden. Gib uns Kraft, festzuhalten an der Hoffnung, die der Glaube schenkt. Und lass uns trotz unserer Hoffnung nicht vergessen, dass du uns in die Gegenwart gestellt hast, an unserem Arbeitsplatz, in unserer Familie, zu den Menschen, denen wir jeden Tag begegnen.

Vater unser
Vater unser im Himmel.
Geheiligt werde dein Name.
Dein Reich komme.
Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.
Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.
Amen.

Segen
Gott segne euch und behüte euch.
Gott lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig.
Gott erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden.

Predigt

Liebe Gemeinde,
ein bisschen beunruhigt es schon, das Bild, das Paulus im Predigttext für den Tag des Herrn gebraucht. Wer möchte schon von einem Dieb heimgesucht werden. Einbrecher in der Nacht – ein unangenehmer Gedanke. Wir versuchen, uns so gut wie möglich davor zu schützen, weil wir Angst haben.

Aber genau davor will Paulus bewahren. Er möchte die Angst vor der Zukunft nehmen und trotzdem die Zukunft nicht unwichtig machen.
„Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ an über 300 Stellen wendet sich die Bibel gegen die Angst und lädt ein zum Glauben an Gott, zum Vertrauen und zur Zuversicht.

Die Frage nach der Zukunft führt uns zurück in die Gegenwart, das was jetzt ist. Daran erinnert Paulus die Christen.
Die Praxis sieht aber oft anders aus:
Da gibt es Menschen, die leben nur in der Vergangenheit. Sie leben für die Bewahrung der Tradition und sind nicht bereit, sich weiterzuentwickeln. Für sie gibt es keine Zukunft und eigentlich auch keine Gegenwart.

Andere dagegen leben nur mit Blick auf die Zukunft. Fortschritt und Wachstum sind wichtig. Dabei könnten sie aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Zwischen diesen beiden Gruppen gibt es noch eine dritte Gruppe. Sie interessiert nur die Gegenwart. Für sie gilt: Ich lebe heute, hier und jetzt oder nie. Was geht mich gestern und morgen an!

Vielleicht liebe Gemeinde, geht es ihnen auch so, dass sie sich gelegentlich zu der einen oder der anderen dieser drei Gruppen zählen können. Manchmal wirkt Geschehenes so stark, dass es Gegenwart oder Zukunft überdeckt. Manchmal beschäftigt der Gedanke an die Zukunft so sehr, dass er vor lauter Angst Gegenwart und Vergangenheit vergessen lässt.
Abschnitte wie der Predigttext können in solchen Situationen helfen, jetzt zu leben, ohne Vergangenheit und Zukunft aus dem Blick zu verlieren.

Jetzt leben umschreibt Paulus im Predigttext mit wach und nüchtern sein. Das Gegenteil davon nennt er schlafen und betrunken sein oder anders ausgedrückt: weltfremd oder weltbesessen sein.
Beides sind Möglichkeiten, die Realität und die Zukunft zu vergessen.

Der Weltfremde fragt: “Was geht mich das alles an? Damit will ich nichts zu tun haben. Ich lebe meinen Glauben für mich allein und das reicht.” Wer so schläft hat vielleicht einen Traum von der Zukunft. Er träumt vielleicht schon vom Reich Gottes, aber er träumt eben nur. Er wird vielleicht auch von dem träumen, was er im Glauben alles erlebt hat. Aber mit der Gegenwart hat das alles nichts zu tun. Der Weltfremde verschläft seine Verantwortung für das was ist und für das was kommt.

Zu Beginn der Pandemie hörte ich manche Stimmen, die behaupteten, einem richtigen Christen könne das Virus nichts anhaben. Wir werden nicht krank. Ich wunderte mich, wie man so träumen und die Warnungen ernsthafter Wissenschaftler ignorieren konnte. Inzwischen sind die Stimmen vorsichtiger geworden, weil einige der Wortführer selbst ernsthaft erkrankt waren. Man kann auch mit seinem geistlichen Gedankengebäude schlafen und die Realität aus dem Blick verlieren.

Beim Weltbesessenen sieht es umgekehrt aus:
Da ist nur die Gegenwart im Blick mit ihren Aufgaben und Chancen. Nun gilt es anzupacken. Chancen müssen genutzt und Probleme gelöst werden. Aber das kann sehr schnell umschlagen, wenn man entdeckt wie wenig der Einzelne erreichen kann. Dann schlägt der Arbeitseifer um in Katzenjammer. Dann schafft man sich alternative Fakten, weil man die Realität nicht mehr aushalten kann. War ursprünglich die Zukunft im Bereich des Machbaren, so ist sie jetzt völlig verloren und hoffnungslos.

Weltfremd oder weltbesessen, schlafen oder betrunken sein, beide Extreme verlieren die Zukunft, weil sie sich nicht richtig um die Gegenwart bemühen.
“Lasst uns wachen und nüchtern sein”, ruft Paulus im Predigttext auf, “angetan mit dem Panzer des Glaubens und der Liebe und mit dem Helm der Hoffnung auf das Heil”.

Panzer und Helm gehörten zur Ausrüstung eines Soldaten, die ihm Schutz verleihen sollte.
Diesen beiden Gegenständen werden Glaube, Liebe, Hoffnung zur Seite gestellt. Alles drei sind Dinge, die doch sehr verletzlich sind. Vielleicht kommt in der Zusammenstellung von Helm und Panzer mit Glaube, Liebe, Hoffnung zum Ausdruck, dass wir diese drei Ausrüstungsteile brauchen um in der Gegenwart wach und nüchtern zu leben.

Wir können uns Glaube, Liebe, Hoffnung aber nicht selbst machen.
Der Glaube gibt Standfestigkeit und Mut, bei schwierigen Entscheidungen. Der Glaube zeigt mir immer wieder, dass auch bei Fehlern, die ich mache, der Wert meines Menschseins nicht auch dem Spiel steht. Der Glaube zeigt mir, es gibt noch mehr als arbeiten und besitzen. Aber Glaube ohne Liebe, Mut ohne Bewegung zum Nächsten führt schnell zu Rechthaberei und Sturheit.

Dann wird das, was ich glaube zum einzig Richtigen. Die Standpunkte meiner Mitchristen müssen sich an meinem Glauben messen lassen. Aber habe ich denn die Wahrheit gepachtet?

Andererseits verliert die Liebe ohne den Glauben schnell die Energie, um auf andere zuzugehen. Liebe braucht den Glauben, um ausdauernd zu sein. Und Liebe braucht Hoffnung, weil sie sonst an der Gegenwart verzweifelt. Liebe braucht die Hoffnung, die Jesus hatte. Jesus hat in den Menschen das was war nicht übersehen. Aber er hat auch durchgeschaut auf die Chancen und Möglichkeiten, die in den Menschen stecken.

Glauben als Geborgenheit in Jesus und Liebe als die Zuwendung zu den Mitmenschen und Hoffnung als die Blickrichtung auf die Zukunft gehören zum Nüchternsein und Wachen.

Konkret wirkt sich das so aus, dass wir uns nicht dazu hinreißen lassen, irgendwelchen Berechnungen des Weltendes Glauben zu schenken. Bisher ist noch keine dieser Vorhersagen eingetroffen, sondern viel eher wurden die Menschen in eine falsche Sicherheit geführt, weil sie ja zu wissen meinten, was die Zukunft bringen wird. Sie lebten auf den Zeitpunkt des Endes hin und vergaßen ganz ihre Verantwortung für die Gegenwart.

Oder aber sie gerieten in solche Angst vor dem Nahen Ende, dass sie kopflos jedem scheinbaren Angebot von Sicherheit folgten.

Ich sehe uns heute in einer Zeit, in der viele trügerische Angebote von Sicherheit angeboten werden. Angesicht der Bedrohung durch das Coronavirus versuchen manche durch Kombination von Halbwahrheiten mit Erfundenem Sicherheit vorzugaukeln. Etwa wenn man behauptet, das Virus sei von Anfang eine Erfindung, um Menschen zu beherrschen. Das Schwierige dabei: Alle diese Theorien klingen in sich logisch.

Deshalb ist Wachsamkeit und Nüchternheit notwendig.
Keine der Verschwörungstheorien verhindert auch nur eine Infektion oder rettet gar ein Menschenleben. Ärzte aus den Krankenhäusern berichten uns etwas anderes als die Verschwörungstheoretiker. Und wer selbst mit ernsthaften Symptomen an Corona erkrankt war, wird kaum einer Verharmlosung des Virus zustimmen.

Paulus möchte vor beidem bewahren, vor falscher Sicherheit und vor panischer Zukunftsangst.
Seid nüchtern und wachsam! Fürchte dich nicht, ermutigt Gott in der Bibel, ich habe dich erlöst, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein.
Amen

Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. October 2020

1.Mose1, 26 – 27; 2, 1 – 3; Markus 2, 23 – 28;

In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird uns erzählt, dass Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat. Oder genau genommen: Gott habe sechs Tage daran gearbeitet, und am siebenten Tag habe er von allen seinen Werken geruht. “Und – so lesen wir – Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.”

Bevor wir weiter über diese Worte nachdenken, kommt mir die Frage: Was bedeutet hier die Zahl sieben? Hätte es nicht ebenso gut heissen können, Gott habe die Welt in fünf, oder zehn, oder vielleicht auch zwanzig Tagen geschaffen?

Eine Einteilung der Zeit in siebentägige Wochen gab es gewiss schon vor der Zeit, als die biblische Schöpfungsgeschichte entstand. Mit Monaten hatte man schon immer gerechnet: das Wort “Monat” hängt ja mit “Mond” zusammen: von einem Neumond bis zum nächsten verläuft genau ein Monat, und die vier Gestalten des Mondes laden uns ein, diesen Zeitverlauf in vier Einheiten zu je sieben Tagen zu verteilen.

In manchen alten Kulturen gab es zwar auch andere Prinzipien der Zeiteinteilung, aber es ist klar, dass sich in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Zahl sieben auf die Beobachtung der Schöpfung selber bezieht. Sinngemäss hat man in manchen Sprachen – etwa Französisch und Italienisch – die einzelnen Wochentage nach Sonne, Mond und den fünf von jeher bekannten Planeten benannt!

Wenn wir nun lesen, dass Gott dem siebenten Tag einen besonderen Segen gibt, so heisst das, dass er der Schöpfung als Ganzer sein Wohlgefallen schenkt. Wenn wir nun in einem Zeitrythmus von sieben Tagen leben, dann werden wir aufgefordert, jeweils dem siebenten Tag unsere besondere Aufmerksamkeit zu schenken – uns in besonderer Weise des göttlichen Segens zu freuen.

Die nächste Frage ist nun: Was heisst das, “sich des göttlichen Segens zu freuen” – wie tun wir das? Die biblischen Zehn Gebote geben darauf teilweise eine Antwort. Im dritten Gebot heisst es: Am siebenten Tag sollst du nicht arbeiten, weder dein Sohn noch deine Tochter, weder dein Knecht noch deine Magd; ja, sogar Ochs und Esel sollen sich der Arbeit enthalten.

Es gehört zum Stil der Zehn Gebote, dass die meisten als Verbote formuliert sind: “Du sollst nicht dies, und du sollst nicht das.” Aber wenn ich das so lese und mir nichts anderes dabei denke, so bekomme ich den Eindruck, dass der siebente Tag ein Tag fürchterlicher Langeweile sein muss!

Es erinnert mich an die Reisebeschreibung von lebensfrohen Franzosen, wenn sie im strengen, viktorianischen England irgendwie den Sonntag zu verbringen hatten: Geschäfte und Gaststätten waren geschlossen, Tanzböden ausser Betrieb, keinerlei Möglichkett sich zu amüsieren. Fast wie ein landesweiter Lockdown! Höchstens in die Kirche konnte man gehen, aber gerade über Kirche oder Synagoge lesen wir nun wieder in den Zehn Geboten kein Sterbenswörtchen!

Es wird uns aber gesagt, dass die Juden gerade in der Zeit, als sie über fremde Länder verstreut wurden, anfingen, das Sabbatgebot besonders pünktlich in acht zu nehmen. Sie wurden dadurch ständig daran erinnert, dass sie anders waren als die anderen Völker. Auch die jüdischen Speisegesetze bekamen dadurch eine neue Bedeutung. “Ihr sollt nicht … und ihr dürft nicht…”

Sollte man sich wirklich durch totale Enthaltsamkeit des göttlichen Segens erfreuen? Hier greift unsere heutige Evangeliumslesung vom Ährenraufen am Sabbat in die Diskussion ein. Sollte man nicht auch am Sabbat Ähren raufen dürfen, wenn man etwas zu knabbern haben möchte?

Der Vergleich mit David und seinen Männern, die sich vom Priester die heiligen, Gott geweihten Brote zu essen erbaten, ist wohl nicht richtig überzeugend. Denn da handelte es sich um ausgehungerte Partisanen, die sich in einer gewissen Notlage befanden. Die Frage, worum es sich hier handelt, ist vielmehr, ob das pharisäische Verbot des Ährenraufens nun wirklich zur Heiligung des Sabbats beiträgt, oder auch nicht.

Bekannt ist, dass Jesus ein äusserst respektvolles Verhälnis zum jüdischen Gesetz hatte. “Meint nicht, dass ich gekommen bin um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen.” Das Gesetz zu erfüllen – das heisst: es zu seinem letzten, tiefsten Sinn hinzuführen. Wenn der siebente Tag so eine wichtige Rolle spielt, wenn Gott diesem Tag seinen besonderen Segen verliehen hat, so dürfen wir die Worte Jesu über den Sabbat sicher nicht in einem gegensätzlichen Sinn verstehen.

Jesus führt seinen Sinn vielmehr zurück auf die Schöpfungsordnung. Gott hat zunächst den Menschen geschaffen und dann erst seinen Segen über den siebenten Tag gesprochen. Man stelle sich vor, Gott hätte erst den siebenten Tag geheiligt und dann anschliessend den Menschen geschaffen, so könnte das bedeuten, dass der Mensch bloss geschaffen sei damit er die Sabbatsruhe einhalte. Dann hätte Gott den Menschen um des Sabbats willen geschaffen.

Aber nein, aus der Schöpfungsgeschichte wird sofort klar, dass bei Gott alles auf den Menschen zuläuft und dass dann der besondere göttliche Segen seiner ganzen Schöpfung, einschliesslich dem Menschen, gilt.

Fragen wir uns nun noch einmal: Wie können wir uns am siebenten Tag in besonderer Weise des göttlichen Segens erfreuen? Die Antwort ist: indem wir für uns und für unsere Mitmenschen so handeln, wie es mit Gottes Güte und Freundlichkeit übereinstimmt. Ein Spaziergang mit Freunden durch das halb abgemähte Kornfeld, wo sie hie und da ein paar Ähren raufen können, ist nicht mehr als ein Beispiel.

Ich glaube, wir kennen viele verschiedene Weisen um Gottes Güte und Freundlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Jedes gute Wort, jeder kleine Akt der Nächstenliebe ist da willkommen.

“Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat,” so endet unsere heutige Schriftlesung. Jesus Christus führt den siebenten Tag zu seiner eigentlichen Bedeutung hin. Wir kennen die Geschichte vom Ostermorgen: Jesus ist auferstanden am Morgen nach dem Sabbat, also am ersten Tag der Woche. Damit hängt es zusammen, dass in unserer Tradition der biblische Sabbat auf den Sonntag verschoben ist.

Für uns ist der Sonntag “der Tag des Herrn.” Was uns die Bibel über den siebenten Tag erzählt, bezieht sich für uns auf den Sonntag. Ein Tag besonderen Segens, ein Tag der Besinnung, ein Tag, der sich von den anderen Wochentagen unterscheidet.

Geschäfte, die wir an anderen Tagen erledigen können, vermeiden wir am Sonntag. Einkäufe, die nicht unbedingt am Sonntag besorgt werden müssen, besorgen wir lieber einen oder zwei Tage zuvor. Wenn auch in der modernen Grossstadt das business unaufhaltsam vorangeht, so können wir unsern Nachbarn, unsern Vewandten und Bekannten durch die Sonntagsfeier zeigen, dass unser Glaube uns zu einem andern Lebensstil inspiriert.

Und was ist mit unserm Kirchgang? Ja freilich, um uns auf Gottes Wort zu besinnen und die Gemeinschaft mit lieben Mitmenschen zu pflegen halten wir den Sonntag für besonders geeignet. Aber das wisst Ihr ja schon, Ihr lieben Gemeindemitglieder – denn sonst wäret Ihr heute wahrscheinlich nicht hier! Ich wünsche Euch einen gesegneten Sonntag!

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 19. Sonntag nach Trinitatis, 18. October 2020

Liebe Gemeinde,
aus Alt mach Neu. In meiner Heimat in Schwaben gibt es eine Sage, wir nennen sie die Altweibermühle. Darin geht es um einen Müller, dessen Mühle keinen Gewinn abwirft und der deshalb auf die Idee kommt, seine Mühle als Jungbrunngen zu vermarkten. Oben gehen die Alten rein und unten kommen sie als junge Burschen oder Mädchen wieder heraus.

So einfach geht es leider nicht. 30,40, 60 oder 80 Jahre lassen sich nicht einfach wieder zurückdrehen, obwohl das oft genug ein reizvoller Gedanke wäre. Einfach aus dem Alten herausschlüpfen und ein Neues anziehen, wie bei einem Kleidungsstück.

Diese Vorstellung legt der Anfang des Predigttextes nahe, den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen.
Im Hintergrund steht dabei ein altes Bild von der Taufe. Damals, als der Predigttext entstand, war es üblich, dass die Täuflinge bei der Taufe neue, weiße Kleider anzogen und danach noch einige Tage anbehielten.

Damit sollte jeder sehen, diese Person ist Christ geworden. Sie hat ein neues Leben mit einem neuen Lebensstil begonnen. Damals war klar, wenn jemand getauft ist, dann hat er einen neuen Lebenswandel nach christlichen Prinzipien zu führen.

Stünde diese alte Erwartung auch heute noch hinter der Taufe, dann wären Eltern und Paten dafür verantwortlich, dass sie ihre Kinder zu guten Christinnen und Christen machen.
Dass das nicht so selbstverständlich geht, liegt auf der Hand.

Wir Eltern können selbst beim besten Willen und mit der größten Anstrengung nicht garantieren, dass aus unseren Kindern einmal gute Christen werden. Die Kindererziehung ist ein Unternehmen, bei dem das Ergebnis nicht schon von Anfang an feststeht.

Dazu kommt dann noch die Frage: Was gehört zu einem guten Christen? Man müsste beschreiben können, was einen guten Christen ausmacht. Welche Eigenschaften muss er haben? Was darf ein Christ tun und was darf er nicht tun?

Gäbe es auf diese Fragen ganz eindeutige Antworten, wo bleibe dann die Verantwortung des Einzelnen für sein Tun? Und was geschieht, wenn jemand diesem Idealtyp nicht gerecht wird? Was geschieht, wenn jemand entdeckt: Ich bin zwar getauft, aber ich schaffe es nicht als neuer Mensch zu leben und zu handeln, ich kann meine Vergangenheit, die mich geprägt hat, nicht einfach wieder zurücknehmen.

Bei der Taufe ändert sich rein äußerlich betrachtet gar nichts. Christen sind Menschen wie alle anderen auch, mit Stärken und Schwächen, Ecken und Kanten. Es ist deshalb gut, dass der Predigttext sich nicht auf das Ablegen des alten Menschen und das Anziehen des neuen Menschen beschränkt. Es geht weiter mit ziemlich deutlichen Anweisungen zum neuen Leben.

Es ist eine Zusammenstellung von Dingen, die Christen vermeiden sollten. Offenbar war es damals schon nicht selbstverständlich, dass sich mit der Taufe sofort alles änderte. Wohl gab es damals schon unter Christen Betrügereien, Streit, Diebstahl und unnützes Geschwätz.

Ich verstehe diese Anweisungen zum neuen Leben deshalb nicht als Beschreibung eines Idealbildes von christlichem Lebenswandel. Viel eher denke ich möchte damit eine Hilfestellung gegeben werden zu Fragen des täglichen Lebens. Wie gehe ich z.B. mit meinem Zorn um.

Interessant ist, dass es nicht heißt: “Zürnet nie”. Es wird durchaus damit gerechnet, dass Zorn entsteht. Manchmal ergeben sich aus einem Zornausbruch durchaus gute Folgen. Manchmal ist es nötig, deutlich Grenzen zu setzen. Schlimm ist, wenn sich jemand nicht wehren kann, weil er der Meinung ist, Zorn sei auf jeden Fall verboten für einen Christen. Diese Ansicht lässt sich mit der Bibel nicht begründen. Auch nicht mit der Stelle im Predigttext.

Hier jedoch wird auf eine Gefahr hingewiesen:
“Zürnt ihr, so sündigt nicht; Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.”
Vielleicht könnte man es auch so sagen: Lass dir die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.

Leicht kann es geschehen: Man wird von seinem Zorn derart aufgefressen, dass man nichts anderes mehr sehen kann. Alle Lebensfreude vergeht, weil ständig die Gedanken des Zorns die Aufmerksamkeit fesseln. Hat man dann nicht Möglichkeiten an der Hand, mit dem Zorn umzugehen, gewinnt er immer weiteren Raum.

Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen muss nicht unbedingt als zeitliche Grenze verstanden werden. So, als dass man nicht länger als bis zum Abend zornig sein darf.
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, kann auch heißen: Lass dir das Leben nicht vom Zorn verfinstern. Das kann leicht geschehen, wenn der Zorn ohne die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung ist.

Ohne Versöhnung kann der Zorn eine Beziehung völlig zerstören. Da geschieht es dann, dass sich Geschwister im Zorn trennen und jahrelang nicht mehr miteinander reden.
Zugegeben, es fällt nicht leicht, nach einem Zorn, bei dem man sich eigentlich immer im Recht fühlt, sich beim anderen zu entschuldigen.

Besonders schwer fällt das denke ich, wenn der Anlass zum Ärgernis die eigenen Kinder sind, wenn sie trotz wiederholter Ermahnung die schöne Polstergarnitur beschmutzt haben oder wenn sie extrem herumtrödeln, gerade dann wenn man es besonders eilig hat.

In solchen Augenblicken spürt man nur zu gut, ich bin nicht vollkommen. Ich bin Mensch, mit Ecken und Kanten, nicht besser als andere. Da ändert auch die Taufe nichts daran.

Jedoch eines ändert sich mit der Taufe: Gottes Liebe wird bei der Taufe einem Menschen fest versprochen.
Gottes Liebe gilt auch wenn ich mich ändern möchte und merke, dass ich mich bemühe aber nicht loswerde, mit was ich bei mir unzufrieden bin.

Auch wenn ich spüren muss: Vergangenes lässt sich nicht zurückholen, bleibt mir der Wert meines Lebens sicher. Die Taufe bezeugt jedem Getauften: Gott hat dich gewollt. Auch wenn du mit dir und deinen Eigenheiten unzufrieden bist, freut sich Gott, dass du lebst.
Amen

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. October 2020

Liebe Gemeinde,

Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. (Matthäus 15,21-26)

Dieses Evangelium ist befremdlich, ja mehr noch, skandalös. Es gibt kaum eine andere Stelle in den Evangelien, in der Jesus so schroff, so abweisend auftritt. Jesus tut am Anfang so, als höre er die Stimme der Frau nicht: „Und er antwortete ihr kein Wort.“

Als Jesus die Situation dann aufgrund des Geschreis der Frau nicht mehr ignorieren kann, folgt zunächst radikale Ausgrenzung: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ So eine schroffe Antwort hätte man von Jesus kaum erwartet.

Jesus zieht den Kreis ganz eng, denen helfe ich, den anderen nicht; klar und deutlich definiert er, wer innen und wer außen ist, wer dazugehört oder ausgeschlossen ist.

Es wäre schwer auszuhalten, wenn diese Erzählung schon zu Ende wäre. Gut, dass es nicht so ist. Der Evangelist Matthäus erzählt weiter:

Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 15,27-28)
So wird aus einer Ausgrenzungsgeschichte auf einmal eine Heilungsgeschichte. Doch das Ende war für die damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer nicht weniger befremdlich als der Anfang. Denn Jesus lässt sich eines Besseren belehren – von einer kanaanäischen Frau: In den Augen der Juden damals von einer ungläubigen Ausländerin „minderen Geschlechts“ – so muss ich es sagen, um das Skandalöse dieser Erzählung deutlich zu machen.

Jesus macht in diesen wenigen Versen eine Entwicklung durch. Vom strikten Verfechter einer „Geschlossenen Gesellschaft“ zu einem, der diese Geschlossenheit aufbricht. Jesus irrt sich, macht einen Fehler, lernt dazu und korrigiert sich. Der beim ersten Hören so schroff und ablehnend wirkende Jesus wird auf einmal menschlich sympathisch.

Der Lernprozess Jesu hat einen Ausgangspunkt: Der Glaube der kanaanäischen Frau. Der Glaube kann die Gebirge von Vorurteilen, Ablehnung und Ausgrenzung verschwinden lassen. Und wenn Jesus bereit war, dazuzulernen, einen Irrtum einzugestehen und sich zu korrigieren, dann können wir das doch aus dem Glauben heraus auch. Und können versuchen, diejenigen zu ermutigen offen zu sein, die aus Unsicherheit und Angst ausgrenzen.

Etwas Weiteres ist irritierend: Warum ist diese Erzählung überhaupt überliefert worden? Warum zeichnet der Evangelist Matthäus Jesus hier als jemanden, der irrt, der – wenn nicht vorurteilsbeladen – so doch zumindest verstockt ist und belehrt werden muss? Das ist in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich.

Liest man die Lebensbeschreibungen römischer Kaiser aus der damaligen Zeit, so wird man selten kritische Töne finden. Auch spätere Heiligenlegenden zeichnen oft ein geschöntes Bild. Nicht so Matthäus.

Das zeigt mir als Erstes, dass die Bibel ein zutiefst ehrliches Buch ist. Selbst vor Jesus macht diese Wahrheitsliebe nicht Halt. Jesus ist eben ganz Mensch geworden; Kind seiner Zeit und seines Glaubens. Aber er ist mehr. In dieser Erzählung ist er der, der den Glauben der kanaanäischen Frau erkennt und ihre Tochter heilt.
Mich ermutigt dieses Beispiel zur Wahrheit. Das, was ist, zu beschönigen, hilft niemandem.

Der Evangelist Matthäus verfolgt mit dieser Erzählung noch ein weiteres Ziel. Er schreibt sie seinen Leserinnen und Lesern ins Stammbuch. Zu seiner Zeit öffnen sich die christlichen Gemeinden auch nichtjüdischen Anhängerinnen und Anhängern. Dass diese Entwicklung nicht reibungslos ablief, davon berichten eindrücklich die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe.

Und der Evangelist Matthäus schreibt seinen Leserinnen und Lesern: Zieht den Kreis nicht zu eng; definiert nicht, wer dazugehören darf und wer draußen bleiben muss. Die Gemeinde Christi ist keine „Geschlossene Gesellschaft“. Das hat auch Jesus gelernt, und dann müsst ihr es in seiner Nachfolge auch kapieren.

Und das gilt nicht nur vor fast 2.000 Jahren, das gilt heute genauso. Das müssen auch wir heute immer wieder lernen und kapieren. Die christliche Gemeinde ist keine „Geschlossene Gesellschaft“. Das ist zunächst keine rechtliche Frage: Wer ist konfirmiert und wer nicht?

Die Konfirmation haben wir in den lutherischen Kirchen als Voraussetzung, um mitentscheiden zu dürfen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir als Kirchengemeinde Menschen abweisen. Wer sich für unseren evangelisch-lutherischen Glauben interessiert, ist herzlich eingeladen.

Niemand wird abgewiesen, der Fragen hat. Wer an der Konfirmation interessiert ist, ist herzlich eingeladen zum Konfirmandenunterricht. Erst wenn man das Besondere am evangelisch-lutherischen Glauben kennt, kann man auch über die Belange der Kirchengemeinde mitentscheiden.

Offene und einladende Kirchengemeinde zu sein, ist für mich eine Sache des Herzens. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Ich möchte dieses ALLE ernst nehmen. Ich möchte ein weites Herz haben, denn Liebe beginnt immer mit einem weiten Herzen.
Amen

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 17. Sonntag nach Trinitatis, 04. October 2020

Liebe Gemeinde,
was haben Sie wohl mit der Zahl auf ihrem Los gewonnen? Was wird es wohl sein? Hier unter der Decke liegen die Gewinne. Aber reicht es auch für alle? Hoffentlich hat man genügend Gewinne vorbereitet!

Sorget nicht, sagt Jesus. Er nennt Nahrung und Kleidung als Grund zur Sorge. Solche Sorgen betreffen die Lebensgrundlage und führen letztlich zu der Frage: Habe ich morgen noch genug zum Leben?

Jesus nutzt diese Frage, um deutlich zu machen, welchen großen Wert wir Menschen in Gottes Augen haben. Wenn Gott die schönen Blumen so wunderbar blühen lässt, warum sollte ihm dann unser Wohl nicht wichtig sein?

Dabei benutzt Jesus eine deutliche Logik, um auf darauf hinzuweisen, wie wenige Dinge wir Menschen wirklich beeinflussen können, weder die Körpergröße, noch die Lebenslänge und ich füge hinzu, den Erfolg unserer Arbeitsmühe, die Freiheit in unserem Land. Das alles lässt sich nur begingt oder überhaupt nicht beeinflussen.
Damit lädt Jesus zum Vertrauen ein. Vertraut Gott und lasst euch nicht von den Sorgen bestimmen.

Sorgen ums Überleben müssten nicht sein, wenn diejenigen, die Möglichkeiten haben auf die achten, welche keine Möglichkeiten haben, um vorzusorgen. Mit seinem „Sorget nicht“, wendet sich Jesus nicht gegen die Verantwortung, die wir füreinander haben.

Gerade in unseren Tagen ist es wichtig hier zu unterscheiden zwischen sich Sorgen machen und Verantwortung ernst nehmen. Gerade während der Coronakrise müssen wir in Verantwortung aufeinander achten. Inzwischen kenne ich Menschen persönlich, die an Corona erkrankt waren. Sie berichten nichts Angenehmes. Das mahnt mich vorsichtig zu sein und verantwortlich zu handeln. Und ich denke, das ist im Sinn von Jesus.

Nirgends in der Bibel wird Reichtum schlecht gemacht. Aber immer wieder wird betont, dass Reichtum immer Verantwortung mit sich bringt. Würden alle diese Verantwortung ernst nehmen, müsste sich niemand Sorgen machen.
Amen

Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 16. Sonntag nach Trinitatis, 27. September 2020

Liebe Gemeinde – Unsere erste Schriftlesung erzählt uns heute von einem ganz besonderen Festtag.
Er entspricht, wie wir da lesen, einer ewigen Ordnung, es soll für das ganze Volk, ja auch für die Fremdlinge, ein hochheiliges Fest sein.

Warum denn wird das mit soviel Nachdruck gesagt? Ich zitiere: “An diesem Tag geschieht eure Entsündung, dass ihr gereinigt werdet; von all euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn.”

Und zwar soll die Feier, nach dem jüdischen Kalender, alljährlich am 10. Tag des 7. Monats begangen werden. Im Jahr 2020 fällt dieser Tag, nach unserer Zeitrechnung, am 28. September. Oder genau genommen fängt er am Abend des 27. September, also heute abend an.

Heute abend, die Feier aller Feiern, das hochheilige Fest! Da ist es doch wohl der Mühe wert, dass wir als Christen den jüdischen Gläubigen ein wenig über die Schulter mitschauen. Worum handelt es sich dabei? Was wird da insbesondere gefeiert?

Es ist die Feier der Versöhnung: Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, Versöhnung auch der Menschen unter sich. Gott will unsere Schuld “bedecken”, sie nicht länger sehen. Auf Hebraisch spricht man vom ”Tag der Bedeckung”, dem Jom Kippur. So wichtig wie für uns Weihnachten und Ostern sind, so wichtig ist für den gläubigen Juden der Jom Kippur.

Die Symbolik dieses Festes wird klar am Ritual, wie es im Jerusalemmer Tempel durchgeführt wurde. Im 3. Buch Moses wird es beschrieben; wir haben es jetzt nicht gelesen, weil es zu lang ist, aber es handelt – kurz gefasst – von zwei Ziegenböcken. Der eine wird auf dem Altar geopfert, auf den Kopf des andern legt der Hohepriester symbolisch alle Sünden des Volkes, woraufhin es in die Wüste gejagt wird.

Der Hohepriester erfüllt seinen Dienst im Heiligtum, das er nur einmal im Jahr betreten darf. Wenn er herauskommt und das Volk segnet, bricht ein allgemeiner Jubel aus. Die Gläubigen umarmen sich und preisen Gott für seine Güte: die Sünden sind bedeckt, versöhnt, verziehen!

Den gnädigen Gott zu preisen, das ist auch uns als Christen vertraut, aber beachten wir doch das Ritual mit den beiden Ziegenböcken. Dass einer geopfert wird für die Sünden des Volkes – erkennen wir darin nicht das Bild des Gotteslammes, “das die Sündender Welt trägt”? (Johannes 1, 29)

Und der Bock, der beladen mit den Sünden des Volkes in die Wüste gejagt wird, der sogenannte Sündenbock, darin sehen wir doch auch den Gottesknecht, der unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich läd, auf dem unsere Strafe liegt, auf dass wir Frieden haben? (Jesaja 53, 4 – 5)

Aussagen, womit wir unseren Glauben an Christus bekennen, haben also ihre Wurzeln im jüdischen Ritual aus der Zeit, als in Jerusalem noch der Tempeldienst funktionierte! Nun ja, der Tempel wurde im Jahre 70 zerstört, und die jüdischen Riten mussten sich auf andere Bedingungen umstellen.

Es gibt keinen Opferkult mehr, und keine Tiere werden dafür mehr geschlachtet. Aber der Kern der Sache ist der gleiche geblieben, ja hat sich wohl noch vertieft: die Freude, der Jubel um diesen Gott, der uns die Schuld vergibt und der auch die Menschen miteinander versöhnt!

Für den Jom Kippur gibt es noch heute, im September 2020, zehn Tage der Vorbereitung, wo der Gläubige all diejenigen, die er im Laufe des Jahres vielleicht gekränkt oder beleidigt hat, um Verzeihung bittet. Es sind Tage der Besinnung und der Einkehr.
Nach unserm lutherischen Lektionar ist für heute der Predigttext 2. Timotheus 1, 7 – 10 und bezieht sich also auf ein ganz anderes Thema. Immerhin lässt sich bei besserem Nachdenken wohl eine Verbindung mit dem jüdischen Festtag finden.
Was wird uns in diesem Timotheuswort gesagt? Es ist ein Wort der Ermutigung: Gott hat uns einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben, weshalb wir frei und furchtlos das Zeugnis für unsern Glauben ablegen dürfen.
Gott hat uns berufen mit einem heiligen Ruf – so lesen wir weiter – nach der Gnade, die uns von jeher gegeben wurde, und die jetzt durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus offenbart worden ist.
Unterstreichen wir zunächst einmal diese eine: die heilige Berufung zum Glaubenszeugnis vor aller Welt. Könnte man vom jüdischen Glauben her sich in diesem Begriffe zurechtfinden? Die Berufung – kann sich ein Jude berufen fühlen? Ja freilich, durch die ganze Geschichte Israels hindurch hat immer wieder Gottes Ruf geklungen! Von Abraham über Mose, über die Könige und Propheten … Aus dem jüdischen Volk stammen Gottes Berufene par excellence!
Und wie steht es mit dem jüdischen Glaubenszeugnis vor aller Welt? Wer das Alte Testament liest, findet da wohl zuerst den Ruf zur Gerechtigkeit im eigenen Volk, also sozusagen eine einwärts gerichtete Berufung. Aber das Alte Testament weiss auch von einer Berufung nach aussenhin, denn Gottes Plan ist es, mittels seines Knechtes Israel die Völkerwelt zu erreichen!
Schon die Psalmen singen von dieser Vision: “Der Herr lässt sein Heil kundwerden, vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. (…) Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes” (Psalm 98, 2 – 3).
Von einer weltweiten Verkündigung dieser Nachricht lesen wir im Buch Jesaja, dessen spätere Kapitel bekanntlich aus der Zeit stammen, als Israel bereits unter die fremden Völker zerstreut wurde. Da sagt der Prophet: “Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde” (Jesaja 49, 6).
Ein Licht der Heiden – also ein freimütiges Zeugnis für den Gott Israels in aller Welt! Tatsächlich hat es so etwas gegeben in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten und auch später noch, als immer mehr Nichtjuden sich von der heidnischen Götterwelt abwandten um den einen, einzigen Gott Israels zu anbeten. Im Neuen Testament werden diese Leute die Gottesfürchtigen oder auch Gottesverehrer genannt.
Dann aber ist die Verbreitung des jüdischen Glaubens unter Nichtjuden wieder zusammengeschrumpft, und ein Grund dafür lag wohl im schwierigen Verhältnis zwischen Juden und Christen.
Der Glaube an Gottes überschwengliche Gnade, den die Juden am Grossen Versöhnungstag erlebten, war ebenfalls die Wurzel des Glaubens der frühen Christen. Diese aber hatten in solcher Gnade ein noch tieferes Geheimnis gefunden: eine Gnade, die – nach den Worten des 2. Timotheusbriefes – “uns vor der Zeit der Welt gegeben ist, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der (…) ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.”
Zusammenfassend dürfen wir sagen, dass es zwischen dem jüdischen und dem christlichen Glauben häufige Querverbindungen gibt. Vieles aus dem christlichen Glauben wird uns klar, wenn wir seine jüdischen Wurzeln beachten, und vieles aus dem jüdischen Glauben verstehen wir besser, wenn wir ihn mit seiner Zuspitzung im Christentum vergleichen.
Wenn es zum Glaubensgespräch zwischen Juden und Christen kommt – was in der Ukraine leider nicht oft der Fall ist – dann möchten wir uns doch vor allem über das gemeinsame Erbe freuen und die Unterschiede in aller Einfachheit hinnehmen.
Amen

Geistlichen Kampf

Psalmgebet: 91, 1 – 7 (Jesaja 59, 15b – 20)

Epheser 6, 10 – 17

Lukas 11, 14 – 23

16. Oktober 2016

21. Sonntag nach Trinitatis

Im alten Israel kannte man die Volksklage: die gemeinsame Klage über das viele Unrecht in der Welt, über das Unvermögen der Menschheit, Wege zum Frieden zu finden.

Die jüdischen Frommen wussten, dass sie auch selber schuld daran waren.

Im Buch Jesaja, im 59. Kapitel, finden wir ein Beispiel von solcher Klage.

“Wir harren auf Licht, siehe, so ist’s finster; auf Helligkeit, so wandeln wir im Dunkeln.” Kein anderer kann Recht schaffen als Gott alleine!

Ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, kommt unserer Hoffnung entgegen, indem er bildend beschreibt, wie Gott gegen das Unrecht der Welt einschreitet und sein Volk erlöst. “Der Herr sieht, dass niemand auf dem Plan ist, und verwundert sich, dass niemand ins Mittel tritt. Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.

Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Nach den Taten wird er vergelten, mit Grimm seinen Widersachern, mit Vergeltung seinen Feinden, ja, den Inseln wir er heimzahlen (…).

Aber für Zion wird er als Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde abwenden – spricht der Herr.”Bis dahin das Zitat.

Gott der Herr wird als ein Krieger dargestellt, der Recht schafft auf Erden und der Erlösung bringt denen, die ihn fürchten.

Es gibt also einen geistlichen Kampf, dargestellt in der Bildsprache der damaligen Kriegs-führung: der Panzer der Gerechtigkeit, der Helm des Heils, das Gewand der Rache, der Soldatenmantel der Vergeltung.

Für die Gläubigen ist er ein schützender Gott, wie wir es heute in unserm Psalmgebet (91, 4 – 5) gehört haben:

“Zuflucht wirst du habenunter seinen Flügeln, seine Wahrheit ist Schirm und Schild; damit du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.”

Zu diesem geistlichen Kampf gibt uns das Lukasevangelium ein anschauliches Beispiel anhand der Heilung eines Besessenen, von dem Jesus die bösen Geister ausgetrieben hatte. Jesus spielt dabei nicht die Rolle eines gewappneten Kriegers. Nein, das liegt nicht in seiner Art.

Aber Jesus hat Autorität! Auf sein Wort müssen die Geister weichen.

Und dann sagt er: “Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.”

Der Teufel wird wie ein starker, gewappneter Gegner dargestellt, aber …“wenn ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verliess, und verteilt die Beute.”

Jesus ist der Stärkere! Im Kampf mit dem Bösen ist Jesus der Sieger.

Ja, “durch Gottes Finger”…! Aus der letzten Kantate des Weihnachtsoratoriums kennen wir die Arie für Sopran-Solo, die diese Autorität in unvergleichlich schönen Worten zum Ausdruck bringt:

Nur ein Wink von seinen Händen

stürzt ohnmächtger Menschen Macht.

Hier wird alle Kraft verlacht!

Spricht der Höchste nur ein Wort,

seiner Feinde Stolz zu enden,

o, so müssen sich sofort

sterbliche Gedanken wenden.

 

Auch der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen oft vom geistlichen Kampf, in dem wir als Gläubige verwickelt werden, und im letzten Kapitel seines Briefes an die Epheser benutzt er dazu das Bild eines gerüsteten Kriegers.

Der Krieger ist in diesem Fall nicht Gott, wie bei Jesaja, sondern der Gläubige, der aber gleich am Anfang des Abschnitts gemahnt wird: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!”

Denn, so sagt er – wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Mächten, die diese Welt beherrschen, “mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen.”

“In dieser Finsternis” – Paulus meint da wohl das selbe, was wir im 91. Psalm gelesen haben über das Grauen der Nacht.

Es ist die geistige Finsternis, in der das Böse herumschleicht und die Harmlosen erbeutet. Die Waffenrüstung Gottes macht uns fähig, diesen Mächten Widerstand zu leisten.

Die Metaphern, die der Apostel dabei gebraucht, sind vielsagend.

”So steht nun fest – sagt er –, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit.” Werdet fertig mit dem Lügengeist, der Übles beschönigen will.

“Zieht euch den Panzer der Gerechtigkeit an.” Also die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; die Gerechtigkeit aufgrund von Christi Verdienst.

“Und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens.”

Wir dürfen mit unsrer Rüstung nicht einfach sitzen bleiben und abwarten, sondern müssen unsre Stiefeln anziehen, uns auf den Weg begeben, eintreten für die Sache unsres Herrn.

“Vor allen Dingen aber – und hier kulminiert die Bildsprache des Apostels – ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen.”

Es ist, wie das Psalmwort es uns gesagt hat: “Du brauchst nicht zu erschrecken vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.” Das Schild des Glaubens wird euch dagegen beschützen. “Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” Wir erinnern uns der Geschichte von Jesu Versuchung in der Wüste, wie er jede Verlockung des Bösen erwiderte mit einem “aber es steht geschrieben.”

Wer sich das Wort Gottes angeeignet hat, kann es zum Angriff benützen wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert (Offenbarung 1, 16. 2, 12).

“Widerstand werden wir leisten – sagt uns der Apostel – und alles überwinden und das Feld behalten.

Jesus ist Sieger. Wir wissen es. “Es streit’ für uns der recht Mann, den Gott hat selbst erkoren.”

Und der Satz aus dem Lutherlied endet mit der triumphierenden Aussage: “Das Feld muss er behalten.”

Als Gemeinde Christi sind wir eine Gemeinde von Kämpfern, gerüstet für den Kampf um das Gute.

Eine vernünftige Strategie, eine Organisation der verfügbaren Kräfte ist dabei sicher zu empfehlen.

Schon die geistlichen Ritterorden des Mittelalters haben das verstanden. Die Jesuiten im Zeitalter der Gegenreformation waren nach militärischen Grundsätzen organisiert.

Im 19. Jahrhundert stiftete der Engländer William Booth seine Heilsarmee, deren Mitglieder noch heutzutage in hoffnungslosen Winkeln der Gesellschaft mutig kämpfen, um Menschen ohne Hoffnung wieder auf den rechten Weg zu bringen.

“Leben heisst kämpfen.” In Brasilien habe ich diese Worte kennengelernt als die Losung, womit die Ärmsten unter den Armen ihre Lage zu meistern suchten.

Ein jeder von uns kennt seinen Kampf, sei es als Einzelner, sei es in der Familie oder zusammen mit Kampfgenossen.

Uns allen hält die Schrift heute das Wort des Apostels vor: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!” Amen.

Klaus van der Grijp

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!”

3. Mose 19, 1 – 4. 11 – 14

1.Thessalonicher 4, 1 – 8

Johannes 3, 1 – 8

9. Oktober 2016

20. Sonntag nachTrinitatis

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!” So steht es in der Epistellesung für den heutigenSonntag.Was meint der Apostel Paulus mitdiesem Wort?Heilig … Können wir heilig sein? Oder können wir uns bemühen, heilig zu werden?In der katholischen Kirche sowie bei den Orthodoxen hat sich über diese Frage eine ganzbestimmteTraditionentwickelt.Gläubige, deren Leben in der Nachwelt als makellos und als exemplarisch gilt, können als Heilige registriert werden; sie werden dann “kanonisiert”, in die Liste der Heiligen eingetragen.Im Protestantismus halten wir uns an den Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, in der es heisst: “die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft derHeiligen.”Und wir verbinden das sofort mit dem biblischen Grundbegriff, dass Heiligkeit nur Gott dem Herrn zukommt: “Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen!”Heilig ist Gott der Vater, heilig ist Christus, der Herr, und heilig ist der Geist, “der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht und mit dem Vater und dem Sohn angebetetundverherrlichtwird.”Im abgeleiteten Sinn ist auch die Kirche heilig, insofern sie das Eigentum und das Herrschaftsgebiet des allein-heiligen Gottesist.Wirdürfenuns der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “Kirche” erinnern; es stammt vom Griechischen Kyríakè : die, die dem Kyrios, demHerrngehört.Und in diesem Sinn ist die Kirche auch eine “Gemein-schaft der Heiligen”, ohne dass wir feststellen dürfen, wer von uns schon heilig ist, schon zu den Heiligen gehört, und wer noch nicht.

In der Epistel des heutigen Sonntags wird denn auch nicht von Heiligkeit, sondernvonHeiligunggesprochen.Heiligung ist eine Bewegung, eine Richtung, in die sich unser Leben entwickelnkann.ImBibelbuch Leviticus, auch das 3. Buch Moses genannt, gibt es dazu eine bemerkenswerte Reihe von Geboten und Verboten, die viele Jahrhunderte nach Mose in einer Schule vonPriesternzusammengestelltwurde.“Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten – so heisst es da – undsprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.” Wir verstehen also: Es handelt sich hier nicht um individuelle Personen, die sich bemühen sollen, heilig zu werden, sondern um die ganze Gemeinde der Israeliten, die als Gottes Volk angesprochenwird.“Ich bin heilig – der Herr, euerGott.”Daraus geht hervor, dass sie Mutter und Vater ehren sollen, den Sabbat einhalten sollen, nicht stehlen, nicht lügen, nicht falschschwörendürfen.Denn “Ich bin der Herr,” heisst es jedesmal.Um der Heiligkeit Gottes willen sollen sie sich so mancher Dinge enthalten, die in ihrer Umwelt Gang undGäbesind.Es istähnlich wie bei den zehn Geboten, die wir im Katechismus gelernt haben: Das “du sollst nicht” kommt häufiger vor als das “du sollst.”In der Welt gibt es viele Verhaltensweisen, die mit der Heiligkeit Gottes im Widerspruch stehen, und darum: “Enthaltet euch dieser Dinge!”

Wennwiraufunsere Epistellesung aus dem ersten Brief an die Thessalonicher zurück-kommen, sehen wir, dass Paulus hier beim Stichwort “Heiligung” vor allem die Beziehungen zwischen Mann und Frau in Gedanken hat; die Reinheit alsoimsexuellenSinn.Denn, so lesen wir: “Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondernzurHeiligung.”Nun ist die Frage, wo zwischen Mann und Frau die Reinheit aufhört und zur Unreinheit wird, ein dankbares Thema für Diskussionen über die christlicheMoral.Was darfst du und was darfst du nicht? Ich glaube, jede Generation hat sich da eine eigene Liste von Ge- und Verboten aufgestellt, und in den Gesprächen darüber kann es manchmal recht heisszugehn.Ich möchte aber das Gespräch über die Heiligung lieber zurückführen auf die Einsicht, dass es sich, mehr als um unsere Moral, um die Beziehung des Menschen zu Gott handelt.

Wirhabenausdem Evangelium das Gespräch zwischen JesusundNikodemusgelesen.

Nikodemus war, wie der Text es sagt, “ein Mensch unter den Pharisäern”:Er gehörteeiner Bewegung frommer Juden an, die sich um die strikte Observanz des Gesetzesbemühten.Was darf ich tun, was muss ich tun, was soll ich vor allem vermeiden umGottzugefallen?Es war die Frömmigkeit der vielen Regeln, der zahllosen Vorschriften, der Ge- undVerbote.Jesus antwortete ihm darauf unumwunden: “Nikodemus, es sei denn, dass jemand von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!”Nein, du brauchst nicht in den Mutterschoss zurückzukehren, du kannst aber in diesem Leben einneuer Mensch werden.“Geboren werden aus Wasser und Geist,” das ist das Geheimnis der Gottseligkeit.Was du tustund wie du es tust, darüber lässt sich reden; aber worauf es wirklich ankommt, ist: wer du bist.

Wiedergeburtisteinschönes Wort – es wird oft gebraucht und auch manchmal missbraucht.

Im biblischen Sinn bedeutet es, dass du Jesus Christus als deinen Herrn und Heiland kennen-gelernt hast und dadurch ein neuer Mensch geworden bist.Alle guten Taten, die dein Leben dann hervorbringt, haben nicht die Absicht, heilig und noch heiliger zu werden und so dich selbst als religiöserMensch zuvervollkommnen.Deine Taten sind dann einfach Früchte der Dankbarkeit, so wie ja ein guter Baum nur guteFrüchtezeitigenwird.Leben in täglicher Gemeinschaft mit Jesus Christus bringt wie von selbst eine Scheidung zustande zwischen dem, was in der Welt soüblich ist, und deiner Orientierung auf das Reich Gotteshin.Die Liste der moralischenVerbote,”du sollst nicht, du sollst nicht …” wird dir auf die Dauerganzselbstverständlich.Du lebst in der souveränen Freiheit eines Christenmenschen; alles was du tust oder unterlässt leitet sich her von dem einen neuen Gebot: dem Gebot der Liebe.

Heiligungunseres Lebens heisst im Grunde nichts anderes als näherzuJesus kommen.Auch Nikodemus kam zu Jesus: das erste mal bei Nacht, aber später erfahren wir (Johannes 19, 39), dass er bei Jesu Grablegung anwesend war und dazu eine Menge kostbarerKräutermitge-bracht hatte.Ich glaube sicher, dass er auch zu den ersten Gehörte, die dasWunder der Auferstehung erfuhren. Jesusistzu dir gekommen: erst einmal durch seine Menschwerdung und durch alles, was uns das Evangeliumüberihnerzählt. Aberauchpersönlich ist er dir näher gekommen, durch vieles, was du schon erlebt hast und dadurch, dass du jetzt mit vielen anderen die Gemeinschaft der Heiligen erfahrendarfst.Heiligung des Lebens – wir wissen es – ist eine Bewegung, die uns mehr und mehrdemAllein-Heiligen entgegenführt.So lass dich mitnehmen in diese Bewegung, beantworte die Liebe JesudurchdeineGegenliebe.Sei dir der Tatsache bewusst, dass du ganz und gar ihm gehörst, sein Eigentum bist.Was du bist – darauf kommt es ja an: ein neuer Mensch, geboren aus Wasser und Geist. Amen.

Klaus van der Grijp

Die Erstlingsfrüchte

Deuteronomium 26, 1 – 3. 10 – 11

Matthäus 13, 24 – 30

2. Korinther 9. 6 – 15

2. Oktober 2016

19. SonntagnachTrinitatis Erntedankfest

Was unsim Deuteronomium über die Darbringung der Erstlingsfrüchteerzähltwird, passtsonderlich gut zuunsrenGefühlenbeimErntedankfest.WirblickenzurückaufunsreVergangen-heit. Einen langen, mühsamen Weg sindwirgegangen, aber den Segen des Herrnhabenwirerfahren.Undnunbringenwir in Dankbarkeit die SymbolevonGottesSegen in seine heilige Gegenwart.ObstundGemüsesind es, aber es gäbe viel mehr, was wirdahinlegenkönnten.Vieles, was unsreHändegeleistetundunsreHerzenerdachthaben, viele kleine Erfolgeim Leben, wovonwir wissen: Der Herr hat sieunsgeschenkt!Dankbarkeit – In der biblischenTraditionhandelte es sichumErstlingsfrüchte: sobald die Ernteanfing, sollte der ersteErtragdemHerrngeweiht werden.So wie es heute noch jungeMenschengibt, die sagen: “WennicheinmaleinebezahlteArbeitbekomme, kaufeichvomerstenGehalteinschönes Geschenk fürmeineEltern!”

Dankbarkeit – Bei den Judenfeiert man es als schavuót, als das Wochenfest, fünfzigTagenach Pesach, alsoauch noch imFrühsommer.Die Amerikanerfeiernim November ihrenThanksgivings Day, den Tag der Dankbarkeitfür allen Segen, den sieimLaufe des Jahresempfangenhaben.Es ist gut, aufVergangeneszurückzublickenundunsreSegnungenaufzuzählen.Aber in der Bibel hat der Begriff der Ernteauch noch einenganz anderen Sinn.WennwirvomErtragmenschlicherArbeit reden, wirdunsklar, dasseinErtragsich nicht immer soeinfachaufweisenlässt.Das wissen wiraus eigener Erfahrung: Wirhabenuns viel Mühegegeben, wirgebenuns noch immer viel Mühe, aber wo ist der erwarteteErfolg?In einemschönen Psalm (126, 6) wird die Mühemitdem Wort “Tränen” angedeutet.“Die mitTränensäen, werden mitFreudeernten; siegehenhinundweinen, undstreuenihren Samen, und kommen mitFreudenundbringenihreGarben.”Aha! Da handelt es sich nicht umeineErnte, die schonwar, sondernumeineErnte, die noch aussteht, die noch zuerwartenist!

Das GleichnisvomUnkrautunterdemWeizen, das wirheutegelesenhaben, sprichtauchdavon.MenschlicheArbeitistgeleistet worden, sinnvolleArbeit, so wollen wirhoffen.Aber manche Arbeit war auchsinnwidrig, ja manche ArbeitwurdemitschlechterAbsichtgeleistet.Was der eine Mensch aufzubauenversuchte, wurdevomandernmutwilligabgebrochen.Vielleichtsindwirsogarselberbisweilensodummgewesen, unsereguteArbeitzuverderbenund die Ziele, denenwirnachgingen, zuverdunkeln.Darum wirdgesprochenvoneinem Acker, aufdemsowohlWeizen als auchUnkrautwächst.Könntenwir nicht – ja solltenwir nicht – das BösesofortvomGutenunterscheidenund es energischausjäten, es zunichtemachen?“Nein,” sagt der weiseAckermann, “lasst beide miteinanderwachsen bis zurErnte; undum die Erntezeitwillichzu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkrautundbindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meineScheune.”Da gibt es alsoeineErntezeit, auf die wirgernevorausgreifenmöchten.WirmöchtenjetztschonGutesvonBösemtrennenundunsunsrergutenTaten erfreuen.Wirmöchtenjetztschon das Bösemit Namen nennenundmitdemZeigefingeranweisen, wer Schuld daran hat.Aber es wirdunsgesagt: Habt Geduld! Die Erntezeitist noch nicht gekommen, jemandAndererwirdübereureTaten richten – das ist nicht eureSache.

Die grosse Erntezeit … wannwirdsie kommen?Schon die biblischenProphetenhabendavongesprochen,oftum den Gottlosen das bevorstehendeUrteilanzukündigen, den grimmigen Tag des Herrn.Jesus hat auch in anderemSinndavongesprochen: “Siehe, ich sage euch, hebt eureAugenaufundsehtauf die Felder, dennsiesindreifzurErnte” (Johannes 4, 35). Und: “Die Ernteistgross, der Arbeiterabersindwenige; darumbittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiteraussende in seineErnte!” (Lukas 10, 2)Die Felder, die reifsind – da beziehtsichJesusauf die vielen Menschenkinder, die auf die frohe Botschaft vomKönigreichGotteswarten.Nicht umsonstfällt das jüdischeErntefest, fünfzigTagenachOstern, mitdemchristlichenPfingstfestzusammen.Der Geist des auferstandenen Christus kam über die Apostel, undschonwurden die erstendreitausendSeelenfür den Heiland gewonnen. WelcheineErnte!UndumseineArbeiterzu sein – dazusindauchwirberufen, einjedervonuns, der aus eigener ErfahrungGottesLiebe, GottesGnade, Gottes Trost erfahren hat!Alles, was Gottdichim Leben hat entdeckenunderfahren lassen – das alles bist du berufen, weiterzugeben.EinArbeiter in GottesErnte bist du, wenn du dies alles in Wort undTatdeinemNächstenweitergibst.

So kommen wirdannauchzurDeutung, die der Apostel Paulus für die Erntegibt.Er sammelt bei den Gemeinden in MazedonienfinanzielleUnterstützungfür die notleidendeGemeinde in Jerusalem ein, undbenutztdabeiebenfalls das BildvonSaatundErnte.Dennsozitiert Paulus ein Wort ausdemBuch des Sprüche: “Wer da kärglichsät, der wirdauchkärglichernten, undwer da sätimSegen, der wirdaucherntenimSegen.”“Gebtgrosszügig – soschreibt er – undmitfreudigemHerzen, denn den fröhlichenGeber hat Gottlieb.”Was wirfürunsrenotleidendenGeschwistertun, wirdGottunsvergelten.Man könntemeinen: Soseialso bei Paulus die Kollekte der WeisheitletzterSchluss, wie es in christlichenKreisenauchsozu sein scheint.Auf EnglischgibtesdafüreinwitzigesWortspiel: Pray and pay – “Bete und bezahle.”Wieviel du betest, weissnur der LiebeGott; wieviel du bezahlst, könnenwirzählenundregistrieren.

LiebeSchwesternundBrüder, darübersoll es bei unskeineMissverständnissegeben.UnserKollektengeldist, ebenso wie der Schmuck bei unsermErntedankfest, nureinSymbolvonetwas viel Grösserem: von der Hingabeunseres Lebens für das Gottesreich.Von einerjungeAmeri-kanerin, die ihr Leben dem Dienst des Herrnwidmenwollte, wirderzählt, dasssieimGottesdienstaneinemSonntagmorgeneinmalnebstein paar Dollar einZettelchenauf die Opferschalelegtemit den Worten: Andmyself, ifdeemedworthy– “Undmichselbst, fallswürdigbefunden.”AuchdieserZettel war nureinSymbol, abereinsehrvielsagendes; sie hat dann bis anihrLebensendefür den auswärtigenMissionsdienstgearbeitet.Hier, zumErntedankfest, habenwir in schönemSchmuck die Früchte des Feldesaufgestellt.Aber bedenken wir doch, dassauchdieseDarstellungnureinSymboleines noch viel Grösserenist: Unser Herz, unsern Verstand, unsern Willen dürfenwiraufGottesAltar legen.Hast du das schongetan? Hast du dein Leben bereitswirklichdemgöttlichenMeisterübergeben?Wenn du das tust, dannwird er dir sicher die nächstenSchrittezeigen, die du gehenkannst.

Klaus van der Grijp

Das Heil für alle, die glauben

­­­Jesaja 55, 1 – 5

Römer 10, 9 – 13

18. September 2016

17. SonntagnachTrinitatis Matthäus 15, 21 – 28

“Kommtzumir,” sohabenwir das Prophetenwortgehört. “Neigt eureOhrenundkommt her zumir! Höret, sowerdetihrleben!” Es isteinRufzum Heil, zumGlück, zum Leben. Ähnlich wie das wohlbekannte Wort Christi: “Kommt alle zumir, die ihrmühseligund beladen seid, undichwerdeeuchRuhe schenken.” Gott ruft den Menschenund der Mensch antwortet. Wie steht das bei uns, die wir hier die Bibelzuverstehensuchen? Wann hat Gottdennangefangen, dichzurufen? Undwannhast du zumersten mal verstanden, dass es Gott war, der dichrief? Es gibt in der Bibel die Geschichtevom kleinen Samuel, der von seiner Mutter ins Heiligtum gebracht wurde, umzueinemDienerGotteserzogenzu werden. Einmal, mitten in der Nacht, hörte er seinen Namen rufen: “Samuel!” Er meinte, es wäre sein Meistergewesen, der Priester, der ihngerufenhatte. Er ging zuihmundfragte, was der alte Mann wünschte. “Nein, Samuel, du irrstdich – war die Antwort –, ichhabedich nicht gerufen.” Samuel legt sich wieder hin, aber das Ereigniswiederholtsich. “Samuel, Samuel!” Erst als Samuel diesenRufzumdritten Mal hörte, verstand es, dass es Gottselber war, der ihnrief. Und er verneigtesichundsprach: “Sprich, Herr, dein Knecht hört!” Wennwir in unsereigenes Leben zurückblicken, kannunsetwasÄhnlichespassiert sein. einefeierlicheStunde, die wir als Kindererfahrenhaben, eineinschneidendesErlebnis, an das wiruns noch lange erinnerthaben, einweises Wort, voneinemliebenMenschengesprochen – es könnensolcheBegebenheiten sein, wodurchzumersten Mal an die TürunsresHerzensgeklopftwurde. “Samuel, Samuel!” Undvielleichtgehörst du zudenjenigen, die danneinesTages verstanden haben, dass es Gott war, der dichrief: “Komm her zumir, höreaufmein Wort, sowirst du leben!” Du standestaufund du gingst. Auf den RufGottesfolgtedeineAntwort. DieseAntwortnennt die Bibel den Glauben. Glaubeist die Antwortauf den RufGottes. Bei dem kleinen Samuel war dies der Anfang, der sein Leben weiterhinbestimmte. Auch bei unsgibt es einenGlauben als Anfang, vielleicht bei der Konfirmationoder noch viel früher, undeinenGlauben, der erprobt, bewährt, gestärktwird; einenGlauben, der reift, wenn der Mensch selberzurReifeheranwächst. AusdemRömerbriefhabenwirheute das Wort gelesen: “Wenn du mirdeinemMundebekennst, dassJesus der Herrist, und in deinemHerzenglaubst, dassihnGottvon den Toten auferweckt hat, sowirst du gerettet werden.” Glaubenmitdem Mund, glaubenmitdemHerzen: die Worte, die du sprichst, und die Gefühle, die du hegst, siegehörenzusammen. “Kommtzumir!” spricht der Herr, und es istfürunseinetäglicheÜbung, dieses Kommen durchzuführen. Es istso, wie Mose es nach der Überlieferung den Israelitengebotenhatte: “NehmtnundieseWortezuHerzenund in eureSeeleundbindetsiezumZeichenaufeure Hand; rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunter-wegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst” (5. Mose 11, 18 – 19). Die Worte des Herrn? Der Apostel Paulus beruftsichauf die kürzeste Form des Glaubens-bekenntnisses in der frühchristlichenKirche: “Christus istHerr!” Darinist alles Übrigeeinge-schlossen. Dass der auferstandene Christus Herrdeines Lebens ist – wenn du das mitdemMundebekennstund es vonHerzenglaubst, dannist es gut mit dir. Der Glaubeist die BewegungunsresHerzens, mitdemwiruns die WorteGottesaneignenkönnen.“Kommtzumir,” heisst es imProphetenwort. “Kommtzumir – sagtJesus – alle, die ihrmühseligund beladen seid.” Der Ruf des Herrn gilt allen MenschenkindernohneAusnahme. Paulus sagtdazu: “Es ist hier keinUnterschiedzwischenJudenundGriechen.” Gottes Heil gilt der ganzen Völkerwelt. Und Paulus zitiertdann wieder einProphetenwort: “Wer den Namen des Herrnanruft, der wirdgerettet werden.” Der Apostel ist das lebende Beispiel davon, wie der Ruf Christi ausdemgeschlossenenKreis des jüdischenVolkesheraustritt in die Welt der Völker. Es mussverkündigt werden, alle sollen es wissen!Die GeschichteausdemEvangelium, die wirheutegelesenhaben, von der phönizischen Frau, die  Jesus als den Sohn Davids anriefund deren Tochterdaraufhingeheiltwurde, dürfenwir als einbescheidenes Vorspiel betrachten vondem, was dannfolgte. Der Glaubekommt nicht vonselber, er musserweckt werden. UnddieseErweckungkannnur kommen, indem das Wort Christi verkündigtwird. “Verkündigt” soll es werden – UnsereLutherbibelspricht da von “predigen”, richtig;aber das Wort, das Paulus gebraucht, hat noch eineweitereBedeutung. Der Verkündigerist der Herold, der mitTrommelnund Trompeten die guteNachricht in alle Welt ausposaunt. “JesusistHerr, JesusistHerr!” Alle Welt soll es hören, dennnurwer den Rufhört, wirdauchimstande sein, zuglauben. “Wie sollen sieglauben – fragt der Apostel – wenn es ihnen nicht verkündigtwurde?” Was in der Gemeindegeschieht, sollundkannsoetwas wie eineKettenreaktion sein. Das Wort Christi wirdverkündigt, es wirdgehörtund es erweckt den Glauben, aber der Glaubewillwiederumweiter-gegeben werden. Es ist wie das Echo imHochgebirge: EinlauterRuf (!) wiederholtsichweiterundweiter, man kannihn immer noch hören. Soist es mit der Verkündigungvon Christi Herrschaft. Paulus war einer der ersten, die den Ruf schallen liessen. Bald tönte das Echo überallimRömischen Reich, baldwurde es von anderen Verkündigernübernommen: JesusistHerr, JesusistHerr. Hörenwir es nicht auch hier, in Kiew, in unsererKirche? Die Folgerungistklar. Das Wort Christi ist nicht diesenweiten Weg gegangen, um bei unssanfteeinzuschlafen. Wennwir es recht gehörthaben, wird es auchuns wieder zuVerkündigernmachen. Das Wort, das wirmitdem Mund bekennen undmitdemHerzenglauben, wird hier weitergegeben. Vielleichtso, wie Mose es dem Volk hat beibringen wollen: “Rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunterwegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst.” Rede davonundlebeaus der Freude, die das Wort dir schenkt. Christi Wort – deineAntwort. Sodürfenwirlebenunter der Herrschaft Christi. Amen.

Klaus van der Grijp