Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 15. Sonntag nach Trinitatis, 20. September 2020

Liebe Gemeinde!

Was ist der Mensch? Diese Frage lässt sich sehr unterschiedlich beantworten. Je nach dem auf welchen Aspekt des Menschseins man achtet und von welchen Interessen man geleitet wird, fällt die Antwort aus.

Verschiedene Ansichten vom Menschen etwa begegnen in der Fabel von den drei Tieren. Drei Tiere treffen sich eines Abends zu einem Schwätzchen. Sie reden über dies und das. Und da kommen sie auch auf die Menschen zu sprechen.

“Die Menschen jagen uns Angst ein, bringen mit ihren Autos vielen von uns den Tod und engen uns ein. Die Menschen sind Störenfriede!”, sagt das erste Tier, ein Reh aus dem Wald.

“Die Menschen sind bunt, elegant und geschäftig”, findet dagegen das zweite Tier, eine Taube, die im Kirchturm am Marktplatz wohnt. “Ach nein,” antwortet das dritte Tier. “Die Menschen sind nur Knochen und Erde.” Das dritte Tier ist eine Wühlmaus, die vom Friedhof kommt.

Auf die Blickrichtung kommt es an. Im Buch Genesis begegnet uns ein Blick auf den Menschen, der von einem großen Gegensatz geprägt ist: Vom allmächtigen Gott wird hier erzählt. Und dann vom Staub, der durch Gott geformt wird und in den der Odem des Lebens eingeblasen wird.

Zwischen dem gewaltigen Gott und dem Material, das er verwendet – Erde, Staub oder gar Dreck, – zwischen dem gewaltigen Gott und dem Material, das er belebt, lässt sich kaum ein größerer Gegensatz denken.

Aber darin zeichnet sich eben die Größe Gottes aus, dass er sich hinunterbeugt und auf Tuchfühlung geht zu dem, was er geformt hat. Gott hat keine Berührungsängste, er macht sich die Hände schmutzig. Erst die Nähe Gottes, sozusagen die Mund-zu-Mund-Beatmung schenkt dem Staub das Leben. Der Mensch ist vergänglich, hinfällig und wird nach seinem Tod zu Staub werden, das ist wahr. Das ist die Blickrichtung von unten.

Aber mit dem gleichen Wahrheitsanspruch gilt die Blickrichtung von oben: Der liebende Gott, der mit seinem Atem den Menschen belebt! Schon allein diese beiden so gegensätzlichen Blickrichtungen auf den Menschen machen den Rang dieser zweiten Schöpfungsgeschichte aus. Und ich denke, gerade bei dieser Gegensätzlichkeit tritt die Wahrheit über den Menschen zutage: dass wir vom Menschen als einem persönlich belebten Geschöpf Gottes nie gering denken dürfen, zugleich aber auch seine Hinfälligkeit, Sterblichkeit und seine Begrenztheit nicht deutlich genug betonen können!

Die beiden gegensätzlichen Blickrichtungen, sie gehören zur Basis eines christlichen Verständnisses der Menschenwürde: Kein Mensch, wie hinfällig, schwach oder gebrechlich auch immer er ist, kein Mensch ist auf der Erde, über den Gott sich nicht liebevoll gebeugt hat und ihm den Atem des Lebens eingeblasen hat! Es gibt von daher kein minderwertiges Leben! Und das werdende Leben, es darf nicht irgendwelchen Zielen zum Opfer fallen.

Gerade in der Diskussion um die genetische Forschung an Embryonen und am menschlichen Erbgut müssen wir das festhalten. Sonst setzt sich unter der Hand eine technische Blickrichtung auf den Menschen durch. Und das wäre schrecklich! Die liebende, handgreifliche Zuwendung Gottes zum Menschen, sie verträgt sich nicht mit einer Blickrichtung auf den Menschen, die dessen biologische Anfänge als Versuchslabor ansieht!

Zart und sacht kommt unsere Geschichte daher, sie bringt ihre Wahrheit erzählend zum Zuge. Einen Absolutheitsanspruch erhebt sie nicht. Auch wenn sich eine technische Blickrichtung auf den Menschen ausschließt mit der Betrachtung des liebenden Schöpfergottes, eine naturwissenschaftliche Blickrichtung ist gerade nicht ausgeschlossen.

Die gibt es andeutungsweise. Natürlich mit den Mitteln und dem Wissen der damaligen Zeit und das Interesse des Erzählers ruht nicht darauf. Alle Sträucher auf dem Felde waren noch nicht auf Erden…; denn Gott der HERR hatte noch nicht regnen lassen auf Erden… aber ein Strom stieg von der Erde auf und feuchtete alles Land. Die Geschichte wird so schlicht und einfach erzählt, dass wir Acht geben müssen, ihre Wahrheit nicht zu verpassen.

Neben den beiden Blickrichtungen von unten und von oben ist es gerade diese Schlichtheit, die unsere Aufmerksamkeit erregt. In einer Welt, in der alles kompliziert und immer noch komplizierter wird, in der die Ärzte manchmal über ein einzelnes Organ genauestens Bescheid wissen, aber den Menschen als ganzen nicht in den Blick bekommen, in dieser Welt ist die Geschichte von der Erschaffung des Menschen radikal einfach: Nur Staub, göttliche Handarbeit und göttlicher Lebensatem macht den Menschen aus.

Der Mensch wird nicht als komplexes Zellhaufen-Puzzle, als Zusammensetzung von Leib, Seele und Geist verstanden, sondern als eine von Gott beseelte Einheit. Wir begegnen schon hier am Anfang der Bibel einer ganzheitlichen Sicht des Menschen. Geist, Seele und Körper lassen sich nicht voneinander trennen.

Ein einfaches Beispiel wird die Ganzheitlichkeit einsichtig machen. Denken Sie einmal daran, was geschieht, wenn Sie vor einer großen Herausforderung stehen. Ihre Seele ist unruhig, Sie sind nervös, Ihr Herz schlägt schneller, im Extremfall bekommen Sie noch Magenschmerzen und Sie schwitzen mehr als sonst.

Zur Wahrheit des Menschen gehört auch, dass Gebote und Regeln hilfreich sind für ihn. Das deuten die Verse an, die erzählen, wie der Mensch in den Garten Eden gesetzt wird, in dem es auch den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen gibt. Wir wissen ja, dass die Sache mit den guten Geboten für den Menschen schlecht ausgeht…

Eingehender nachdenken möchte ich aber über den letzten Vers unseres Predigttextes: Gott der HERR nahm den Menschen und setzte ihn in den Garten Eden, dass er ihn bebaute und bewahrte. Der Mensch ist seinem Ursprung nach nicht der, der die Umgegend gestaltet, er ist der, der von Gott an seinen Ort gesetzt wird. Den Garten Eden soll er bebauen und bewahren.

Mit diesem Auftrag ist klar: Das Paradies ist kein Schlaraffenland! Von Anfang an gab es für den Menschen die Arbeit! Arbeit gehört zum Wesen des Menschen, auch diese Wahrheit lässt sich der Geschichte entnehmen. Darum ist Arbeitslosigkeit so schrecklich. Wer in seinen arbeitsfähigen Jahren keine Arbeit hat, kann eine Seite seines Menschseins nicht ausleben. Da drohen Depression, Krankheit und Suchtgefahren! Das Bemühen, Menschen zur Arbeit und zu einer angemessenen Tätigkeit zu verhelfen, ist aller Unterstützung wert!

Arbeit im Paradies ist nicht mühsam, das wird sie erst, nachdem der Mensch die guten Gebote Gottes gebrochen hat… Arbeit im Paradies ist keine bezahlte Arbeit. Sie hat ihren Wert in sich selbst. Wenn wir die Schöpfungsgeschichte ernst nehmen, dürfen wir also die Arbeit, für dies es Geld gibt, nicht höher schätzen als die Arbeit, die ehrenamtlich vollbracht wird. Da wir nicht im Paradies leben, besteht natürlich kein Grund, Erwerbstätigkeit zu verachten. Aber um Geld geht es in unserer Geschichte sowieso nicht

Bebauen und bewahren sollen die Menschen das Paradies. Anders gesagt, produzieren und pflegen. Wir brauchen beide Formen der Arbeit, und gerade die pflegerische Tätigkeit darf gegenüber der produzierenden nicht herabgestuft werden.

Wenn unsere Volkswirtschaften nicht nur auf Fortschritt, Wachstum und immer Mehr, Mehr ausgerichtet wäre, sondern wenn sie genauso stark auf pflegen und erhalten der guten Lebensbedingungen in der Natur achten würde, dann hätten wir manches Problem heute weniger. Wir könnten unbesorgt im Wasser des Dneper baden und möglicherweise müssten wir uns auch nicht mit dem Coronavirus beschäftigen.

Die Wahrheit über den Menschen ist umstritten. Unsere Geschichte sagt: Der Mensch ist bei aller Unzulänglichkeit ein von Gott geliebtes und ausgezeichnetes Geschöpf. Er muss als eine ganzheitliche Einheit angesehen werden. Er braucht Gebote und Regeln. Die Arbeit gehört in beiden Gestalten als pflegerische oder als produzierende zur Wesensbestimmung des Menschen.

Nehmen wir den Wahrheitsanspruch unserer Geschichte ernst! Aufforderungen ergeben sich daraus. Aber die hören wir nur recht, wenn wir uns zuvor freuen, wie gut Gott es mit uns meint! Er, der sich liebend zu uns herabbeugt. Aller unserer Sorge um den Menschen und unsere Welt geht die Fürsorge Gottes voraus! Amen

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 13. Sonntag nach Trinitatis, 06. September 2020

Liebe Gemeinde,

ein Murren erhob sich in der Gemeinde über die Benachteiligung der griechisch stämmigen Witwen, die vor leeren Tellern saßen. Schon die erste Gemeinde musste sich mit Problemen beschäftigen. Schon damals war keine heile Welt, auch nicht bei den Christen.

 

Mich beruhigen und ermutigen solche Abschnitte in der Bibel sehr. Bin ich doch immer wieder versucht, die ersten Christen als Vorbild zu nehmen. Dann denke ich: „Damals war noch alles gut. Damals mussten sie sich nicht mit so vielen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen auseinandersetzen. Damals waren die ersten Christen noch nah dran am Ursprung. Manche werden Jesus noch persönlich gekannt haben.“

 

Ja, früher, war eben auch nicht alles besser. Schon damals gab es Probleme und keine heile Welt. Wir wünschen uns das vermutlich alle gerne, eine Gemeinde, eine Kirche, in der Harmonie und Einigkeit herrscht.

 

Ja, und dann erlebt man die Realität. Dann muss eine Gemeinde mit einem ehemaligen Bischof kämpfen, der nicht abtreten will. Dann muss eine ganze Kirche eine lange Reihe von Gerichtsprozessen führen. Dann entdeckt man, dass es auch in der Kirche Ungleichheit und Probleme gibt.

 

Natürlich wollen wir als Gemeinde ein gutes Bild abgeben. Wir haben ja auch unsere Vorstellungen wie es harmonisch und friedlich in der Kirche zugehen soll. Aber haben wir es nötig, uns wie auf schönen Familienfotos in einer scheinbar harmonischen Scheinwelt darzustellen, von der jeder weiß, dass sie nicht existiert. Haben wir in der Kirche nötig, nach außen eine scheinbar heile Welt zu spielen?

 

Ich würde sagen: Nein, es ist nicht die Aufgabe christlicher Gemeinde, die Welt um eine weitere Scheinwelt zu bereichern. Es ist Zeichen ihrer Wahrhaftigkeit, wenn Probleme nicht unter den Teppich gekehrt, sondern angesprochen werden. Ich gebe jedem gerne zu, dass in der Kirche nicht die besseren Menschen sitzen. Aber die, die in der Kirche sitzen haben eines gemeinsam, sie glauben an Jesus Christus. Diese gemeinsame Grundlage ermöglicht es ihnen, dass sie sich von Gott und seinem Wort ansprechen und helfen lassen.

 

Das Evangelium selbst legt den Finger in offene Wunden und sorgt dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Hierzu gehört die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Kultur oder ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. Mit der Armut der Armen mag sich das Evangelium nicht abfinden. Gott ist ein Freund der Armen und Benachteiligten.

 

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20/1-15) macht Jesus deutlich, dass die Gerechtigkeit Gottes jedem nicht nur das zukommen lassen will, was er verdient, sondern das, was er zum Leben braucht. Deshalb ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit für die Christenheit nicht vor allem eine politische, sondern eine geistliche Angelegenheit. Es gibt Fragen, in denen Christen nicht anders können, als auf ihren Herrn zu hören.

 

Damit sind mir die Apostel in der Gemeinde von Jerusalem ein Vorbild. Sie halten keine beschwichtigenden Reden, sondern gehen geistesgegenwärtig daran, Abhilfe zu schaffen. Und manchmal fängt das damit an, Einsicht zu gewinnen in die eigene Überforderung. “Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.”

 

Also werden sieben aufrechte Männer gewählt und in die Küche geschickt. Allerdings gehen die Gewählten nicht ohne vorherige Ordination mit Gebet und Handauflegung an die Arbeit. Und wir sehen daran, dass die Bibel auch den Tischdienst für ein geistliches Amt hält. Denn schließlich dient auch dieser Dienst dem Dienst am Wort.

 

Gemeinde ist wie ein Mobile: Viele kleine Teile hängen zusammen. Sie halten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Leise bewegen sie sich im Wind und verändern immer wieder ihre Position und bleiben in Bewegung. Wenn ich aber einen Teil wegnehme, ist es vorbei mit dem Gleichgewicht. Im schlimmsten Fall klappt alles zusammen und die feinen Fäden verheddern sich.

 

Die Gemeinde ein Mobile, ein schöner Gedanke. Jede Gruppe, jedes Team, jede Gemeinschaft, jede einzelne Mitarbeiterin und jeder einzelne Mitarbeiter sind Teil dieses Ganzen. Im Kirchenvorstand haben wir miteinander Entscheidungen zu treffen, wie und wo das Mobile verschoben wird. Vielleicht wird es dabei kleiner und weniger imposant, aber es darf nicht aus dem Lot geraten, es muss sichtbar bleiben und den Menschen seine Botschaft zeigen.

 

In den vergangenen Wochen und Monaten mussten wir entscheiden, wie soll angesichts der Quarantäne unsere Gemeindearbeit aussehen.

Damals haben wir uns entschieden, mit Gottesdiensten und Gemeindegruppen zu pausieren, dafür aber zu helfen, wo Not ist. Allen, die mitgeholfen haben möchte ich hier Danke sagen.

 

Am vergangenen Sonntag beschäftigten wir uns mit der Frage, wie können wir jetzt wieder vorsichtig beginnen, obwohl die Quarantäne nicht einfach aufgelöst ist. Das Virus bedroht immer noch unsere Gesundheit und es gibt immer noch keine Medizin oder Therapie gegen diese Krankheit.

 

Es fiel uns nicht leicht. Oft können Probleme nicht ganz ohne Schmerzen gelöst werden. Wir werden wahrscheinlich auf längere Zeit nicht mehr zu unserer bisher gewohnten Form des Gottesdienstes mit Gesang und Chor und gemeinschaftlicher Nähe zurückkehren können.

 

„Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“ Die Lösung des Problems muss der Gemeinde eine gute Ausstrahlung gegeben haben.

Liebe Gemeinde, ich stelle mir aktuell immer wieder eine Frage:

Gibt es bei aller Tragik und allen Einschränkungen in der gegenwärtigen Situation auch Gutes zu entdecken?

 

Meine Antwort ist heute ein vorsichtiges „Ja“. Ja, es gibt auch Positives, aber wir können es auch wieder verspielen. Ein Beispiel‘: Mit dem Tagen der Maske und mit dem Einhalten von Abstand befolgen wir ja nicht lediglich eine lästige Anweisung unserer Behörden. Maske und Abstand verstehe ich auch als ein Zeichen unserer christlichen Nächstenliebe.

 

Auch mir selbst fällt es oft schwer, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Bei allem was wir heute wissen, sind beide Maßnahmen die einzigen wirksamen gegen eine Ausbreitung des Virus. Dabei geht es nicht so sehr um meine eigene Ansteckung, sondern um die des Nächsten. Ich selbst könnte ohne eigenes Wissen andere anstecken.

 

Gerade in unserer Kirche sollten wir unsere Nächsten hochachten. Maske und Abstand wären da schöne sichtbare Zeichen. Nicht wegen mir, sondern weil ich dich hoch achte trage ich Maske. Gerade weil du mir lieb und wichtig bist umarme ich dich nicht zur Begrüßung und gebe dir nicht die Hand.

So könnte in der gegenwärtigen Situation Nächstenliebe praktiziert werden.

Amen

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 12. Sonntag nach Trinitatis, 30 . August 2020

Liebe Gemeinde!

 

“Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.” 1. Korinther 3, 11

Auf das Fundament kommt es an!

 

Drei Beispiele hierfür mögen dies verdeutlichen: In Österreich gibt es eine gewaltige Brücke zwischen Innsbruck und dem Brenner. Sie ist 192 hoch und steht auf riesigen Pfeilern und Brückenfundamenten. Nur weil die Fundamente stabil sind, hat die Brücke Halt.

 

Venedig ist eine wunderbare Stadt im Wasser mit unzähligen Kanälen und Wassersträßchen. Die Stadtoberen sind sehr besorgt. Denn Venedig versinkt immer mehr im Wasser. Vielleicht muss diese geschichtsträchtige Stadt einst in den Fluten des Meeres untergehen, weil ihr Fundament nicht fest ist.

 

Schließlich ein Beispiel aus Delmenhorst bei Bremen. Wir schreiben das Jahr 1909. Die ev. Stadtkirchengemeinde Delmenhorst kann sich zwar rühmen, die älteste Kirche am Ort zu haben, möchte aber einen ebenso hohen Kirchturm erhalten wie die inzwischen errichtete katholische St.- Marien Gemeinde. Aber das geht nicht. Der Boden, auf dem die Stadtkirche steht, ist zu feucht. Das Fundament kann nicht genug tragen. Der Turm wird zwar erhöht, aber nicht so viel, dass er den “konkurrierenden” Turm überragt. Auf das Fundament kommt es an!

 

Paulus greift ein ihm gut bekanntes Bild auf, mit dem er einerseits seinen eigenen Auftrag erklärt, andererseits andere dazu einlädt am Bau, das ist an der Kirche mitzuarbeiten. Doch das Wichtigste, das Entscheidende schlechthin ist getan: der Grundstein ist gelegt. Worauf nun weiter aufgebaut werden soll wird getragen durch Jesus Christus.

 

Was hier ineinander greift ist das Handeln Gottes und des Menschen Tun. Niemand soll sich übernehmen, niemand meinen, dass er selbst den Grundstein des Glaubens zu legen hätte. Aber wir sind eingeladen, unseren Glauben weiterzugeben. Jede Generation muss da für sich einen Weg finden.

 

Jede Generation muss für sich herausfinden, wie wollen wir auf diesem Fundament weiterbauen und unsere Werte, unsere Maßstäbe, unseren Glauben weitergeben. Wohin wollen wir mit unserem Leben, mit unserem Glauben? Wie kann eine Kirche glaubwürdig bleiben für die junge Generation, die sich in der Kirche nicht angesprochen fühlt.

 

Wenn das Fundament gelegt ist kann man weiterbauen. Für die Erziehung stellt sich dann die Frage: Wohin wollen wir denn eigentlich unsere Kinder bekommen, wie prägen wir sie, welche Werte vermitteln wir? Das ist die Frage nach den Eckpfeilern in einem Leben, nach den Grundwerten, die uns zuversichtlich leben und dann vielleicht auch einmal sterben lassen.

 

Ich denke, was wir unseren Kindern über unsere Liebe hinaus zunächst schulden, ist Erziehung und Bildung in einem sehr umfassenden Sinne, eine Begleitung ins Leben, die Zukunft möglich macht und nicht verbaut. Doch in gleicher Weise – und das ist die Gradwanderung jeder Erziehung – gehört dazu die Freiheit zur Entscheidung. Das Ermöglichen von Entscheidungen ist gerade das Entscheidende einer guten Erziehung.

 

Es gibt so viele unglückliche Erwachsene, die von ihren Eltern in eine Richtung gelenkt wurden, in welche sie gar nicht wollten. „Mein Traum war Ärztin“, sagt eine junge, hochintelligente Frau, „aber mein Vater war der Meinung, eine Frau muss nicht studieren. Also lernte ich Apothekenhelferin. Ich hätte nicht auf ihn hören sollen.“

„Ich bin Jurist, weil meine Eltern mich dazu gezwungen haben, eigentlich wollte ich lieber Pilot werden. Jetzt ist es zu spät.“ Derartige Sätze kann man immer wieder hören.

Wie soll sich denn ein Kind zwischen Alternativen entscheiden können, wenn Eltern alle Entscheidungen vorwegnehmen.

 

“Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus.” 1. Korinther 3, 11

Jesus Christus ist das Zentrum und die Grundlage unseres Glaubens. Die Bibel weißt uns auf Jesus Christus hin. Die Evangelien erzählen von Jesus, die Apostel und Schreiber des Neuen Testamentes denken darüber nach, welche Konsequenzen hat es, wenn jemand an Jesus Christus glaubt.

 

Jesus Christus als Zentrum, mit dieser Voraussetzung lesen wir die Bibel, von diesem Zentrum her verstehen wir sie. Die Bibel möchte gelesen werden. Die biblischen Schreiber selbst regen an, über ihre Worte nachzudenken, nachzuforschen und zu interpretieren, um dann miteinander Antworten auf die Fragen unserer Zeit zu suchen.

 

Paulus spricht von sich als Mitarbeiter, als ein Baumeister, der an einem großen Bau mit baut, er spricht von Christus, der das Fundament dieses Hauses ist und er spricht von der Gemeinde, von uns.

 

Das Haus der Kirche war zu jeder Zeit eine Baustelle, wir sehen es am Kölner Dom, an den großen Kirchen hier in Kiew, an unserer Kirche St. Katharina. Die Kirchen sind mit den ständigen Bauarbeiten ein Bild für das Leben selbst. Niemand wird mit seinem Leben allein fertig, das Leben ist einer unendlichen Baustelle vergleichbar. Es gibt immer etwas zu tun, aufzubauen, zu reparieren.

 

Auf der einen Seite ist etwas endlich fertig geworden, gelungen und geglückt, auf der anderen Seite bröckelt die Fassade schon wieder. Wenn aber die Grundlage stimmt, schadet das dem Gebäude insgesamt nicht.

 

Im Gegenteil, Renovierungsarbeiten lassen eine Kirche hinterher wieder in neuem Glanz erstrahlen. Und sie geben Sicherheit für diejenigen, die diese Kirche besuchen. Reparaturen am Gebäude dienen nicht zuletzt auch der Sicherheit seiner Besucher.

 

Hat jemand den Grund für sein Leben gefunden, bringt ihn so schnell nichts mehr durcheinander. Wer selber Halt gefunden hat, kann anderen Halt geben. Einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist, Jesus Christus.

Amen

Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 11. Sonntag nach Trinitatis, , 23 . August 2020

Predigt

Liebe Gemeinde,

im Norden von Deutschland ist folgende Legende angesiedelt: Irgendwann vor etwa 200 Jahren auf einer Insel in der Nordsee lebte eine anständige, kleine Gemeinde mit ihrem Pastor. Es war Herbst, eisige Winde wehten. Ein ehrbares Gemeindemitglied war gestorben und musste beerdigt werden. Der Pastor hielt eine lange Predigt am Grab, sodass die Menschen ordentlich durchgefroren waren.

 

Nun saß man im Gasthaus zusammen und trank einen heißen Kaffee mit Sahne. Auch der Herr Pastor saß bei ihnen. Er hatte sich draußen an seiner inneren Wärme erbaut und hatte daher weniger gefroren.

 

Es war ein tragischer Todesfall, der jedem ordentlich zugesetzt hatte. Und dennoch kam mit der zweiten und mit der dritten Tasse Kaffee mit Sahne Stimmung auf. Die Zungen der sonst eher schweigsamen Nordfriesen lösten sich mehr und mehr.

 

Der Pastor, der seine Schafe gut kannte und deren Geblöke ihn jetzt ein wenig befremdete, nahm sich die Tasse eines gerade austretenden Herrn und schnupperte daran.

Ein kräftiger Rumgeruch umwehte seine forschende Nase. Die Tasse zornig zu Boden werfend, rief er: “Ihr Pharisäer!”

 

Seitdem steht dieses Getränk an der deutschen Nordseeküste in jedem Cafe auf der Getränkekarte. Nur der Rum der heutigen “Pharisäer” ist nicht mehr so stark, wie damals bei den braven Nordfriesen!

 

Bemerkenswert, wie eine biblische Gestalt ihre Nachwirkungen hat. Dabei waren die Pharisäer ehrbare Leute mit vorbildlichem Lebenswandel.

 

Und was von Zöllnern zu halten ist, wusste jeder.

Der Zöllner arbeitet im Dienst der verhassten Besatzungsmacht. Da kann er doch nur ein schlechter Mensch sein! und außerdem: Zöllner sind alle Betrüger. Sie schikanieren die Menschen, wo sie nur können, nehmen zu viel Zollgebühren und wirtschaften in die eigene Tasche.

 

Da spielt es keine Rolle, ob dieser Mann eine Ausnahme ist; ob er in seinem Beruf und auch sonst um Ehrlichkeit bemüht ist; ob er ein Familienvater ist, der sich um Frau und Kinder liebevoll kümmert; ob er sich nach Gott sehnt. Er ist ein Zollbeamter, das reicht, so einem gibt man keine Chance.

 

Das Schlimme daran ist: Dieser Mann gibt sich selbst keine Chance mehr. Er glaubt zu wissen, dass er im Vergleich mit dem ehrenwerten Pharisäer keine Hoffnung hat.

 

Alle, die diese Geschichte hörten, werden ihm recht gegeben haben. Was ist schon ein Zöllner gegen diesen frommen Mann, der seinen Glauben sichtbar ernst nimmt. Dieser Gauner ist gegen den anständigen Pharisäer ein hoffnungsloser Fall.

 

Der Zöllner steht nun im Tempel und glaubt sich selbst fehl am Platz. Sein Urteil steht fest: Ich habe kein Recht, vor Gott zu treten. So hat man ihm auch immer wieder gesagt. und jetzt glaubt er es selbst. Der Zöllner verurteilt sich selbst. Sein Gebet ist ein Aufschrei aus tiefster Verlassenheit.

 

Recht geschieht ihm, mögen die Leute gedacht haben.

Aber Jesus gibt dieser Geschichte eine unerwartete Wendung: Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.

 

Ich kann mir vorstellen, für die Zuhörer damals ein unerwarteter Ausgang. Für uns heute auch. Diesen unerwarteten Ausgang hat Jesus nicht erklärt. Er hat ihn durch sein Leben entfaltet. Er hat sich den Menschen zugewandt, die abgeschrieben waren. Den Zöllnern und Huren, den Kranken, den Sündern und sogar dem Verbrecher, der neben ihm am Kreuz hing. Jesus hat gelebt, was er mit der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner sagt.

 

Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

Gott hat die Menschen, die mit leeren Händen vor ihm stehen, genauso lieb wie die, die sich bemüht und die viel geleistet haben.

 

Zugegeben, das widerspricht unserem Gerechtigkeitsempfinden. Wir denken oft: Leistung muss sich lohnen, auch im Glauben.

Und wenn wir ehrlich sind: dieser Pharisäer ist uns eigentlich sympathisch. Wenn wir in unseren Kirchengemeinden noch mehr solcher Leute hätten, die vorbildlich leben, die regelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen und auch noch einen Teil ihres Geldes spenden, dann würde unsere Gemeinde gut dastehen. Solche Leute wären angesehen bei uns und auf solche Leute sind wir ohne Zweifel angewiesen. Ohne Leute, die sich für Gott und ihren Glauben engagieren, könnte eine Kirchengemeinde nicht leben.

 

Und trotzdem genießen sie nicht mehr Ansehen bei Gott. Für unser Gerechtigkeitsempfinden ist das schwer zu verstehen, vor allem, wenn man selbst zu der Gruppe der Engagierten gehört. Irgendwo muss es doch einen Unterschied geben zu den Distanzierten, zu denjenigen, die keinen so ordentlichen Lebenswandel führen.

 

Die Denker des Neuen Testaments hat diese Frage schon beschäftigt, ohne dass sie jedoch eine deutliche Antwort hätten geben können.

Jesus warnt uns. Es geht nicht, andere Menschen dazu zu benutzen, um uns selbst besser zu machen. Der Vergleich gilt nicht.

 

Es ist eine Gefahr, auf andere mit dem Finger zu zeigen, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Der Vergleich mag für uns manchmal vorteilhaft sein. Aber gerade ein solch vorteilhafter Vergleich bringt die Gefahr mit sich, dass wir die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten übersehen und schönfärben. Meine Fehler werden doch nicht kleiner, wenn ich auf die Fehler der anderen zeige.

 

Jesus sagt dazu sehr deutlich: Die einzige Möglichkeit, vor Gott bestehen zu können ist seine Barmherzigkeit und seine Liebe. Gott ist gerecht, aber nicht so, dass er mit sich handeln lässt. Er ist gerecht, aber nicht so, dass er gegenüberstellt, was in einem Leben gelungen und was misslungen ist.

 

Gott ist so gerecht, dass er ohne Blick auf Person oder Leistung einem jeden Menschen seine Liebe und seine Barmherzigkeit anbietet. Weil Gott auf diese Art und Weise gerecht ist, bleibt er mir und jedem Menschen zugewandt mit seiner Liebe und Barmherzigkeit.

 

Liebe Gemeinde, ich möchte an dieser Stelle einen Vergleich wagen. Wenn ein Freund mich schon jahrelang kennt. Wenn er mich so gut kennt, dass er sagen kann, in dieser Situation wird er so oder so reagieren. Wenn er auch meine schwierigen Seiten kennt, – und dann trotzdem zu mir hält gibt mir es große Sicherheit.

 

Gott hält zu mir, ohne Ansehen meiner Person, das gibt Halt und Sicherheit im Leben und im Sterben.

Amen

Geistlichen Kampf

Psalmgebet: 91, 1 – 7 (Jesaja 59, 15b – 20)

Epheser 6, 10 – 17

Lukas 11, 14 – 23

16. Oktober 2016

21. Sonntag nach Trinitatis

Im alten Israel kannte man die Volksklage: die gemeinsame Klage über das viele Unrecht in der Welt, über das Unvermögen der Menschheit, Wege zum Frieden zu finden.

Die jüdischen Frommen wussten, dass sie auch selber schuld daran waren.

Im Buch Jesaja, im 59. Kapitel, finden wir ein Beispiel von solcher Klage.

“Wir harren auf Licht, siehe, so ist’s finster; auf Helligkeit, so wandeln wir im Dunkeln.” Kein anderer kann Recht schaffen als Gott alleine!

Ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, kommt unserer Hoffnung entgegen, indem er bildend beschreibt, wie Gott gegen das Unrecht der Welt einschreitet und sein Volk erlöst. “Der Herr sieht, dass niemand auf dem Plan ist, und verwundert sich, dass niemand ins Mittel tritt. Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.

Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Nach den Taten wird er vergelten, mit Grimm seinen Widersachern, mit Vergeltung seinen Feinden, ja, den Inseln wir er heimzahlen (…).

Aber für Zion wird er als Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde abwenden – spricht der Herr.”Bis dahin das Zitat.

Gott der Herr wird als ein Krieger dargestellt, der Recht schafft auf Erden und der Erlösung bringt denen, die ihn fürchten.

Es gibt also einen geistlichen Kampf, dargestellt in der Bildsprache der damaligen Kriegs-führung: der Panzer der Gerechtigkeit, der Helm des Heils, das Gewand der Rache, der Soldatenmantel der Vergeltung.

Für die Gläubigen ist er ein schützender Gott, wie wir es heute in unserm Psalmgebet (91, 4 – 5) gehört haben:

“Zuflucht wirst du habenunter seinen Flügeln, seine Wahrheit ist Schirm und Schild; damit du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.”

Zu diesem geistlichen Kampf gibt uns das Lukasevangelium ein anschauliches Beispiel anhand der Heilung eines Besessenen, von dem Jesus die bösen Geister ausgetrieben hatte. Jesus spielt dabei nicht die Rolle eines gewappneten Kriegers. Nein, das liegt nicht in seiner Art.

Aber Jesus hat Autorität! Auf sein Wort müssen die Geister weichen.

Und dann sagt er: “Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.”

Der Teufel wird wie ein starker, gewappneter Gegner dargestellt, aber …“wenn ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verliess, und verteilt die Beute.”

Jesus ist der Stärkere! Im Kampf mit dem Bösen ist Jesus der Sieger.

Ja, “durch Gottes Finger”…! Aus der letzten Kantate des Weihnachtsoratoriums kennen wir die Arie für Sopran-Solo, die diese Autorität in unvergleichlich schönen Worten zum Ausdruck bringt:

Nur ein Wink von seinen Händen

stürzt ohnmächtger Menschen Macht.

Hier wird alle Kraft verlacht!

Spricht der Höchste nur ein Wort,

seiner Feinde Stolz zu enden,

o, so müssen sich sofort

sterbliche Gedanken wenden.

 

Auch der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen oft vom geistlichen Kampf, in dem wir als Gläubige verwickelt werden, und im letzten Kapitel seines Briefes an die Epheser benutzt er dazu das Bild eines gerüsteten Kriegers.

Der Krieger ist in diesem Fall nicht Gott, wie bei Jesaja, sondern der Gläubige, der aber gleich am Anfang des Abschnitts gemahnt wird: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!”

Denn, so sagt er – wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Mächten, die diese Welt beherrschen, “mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen.”

“In dieser Finsternis” – Paulus meint da wohl das selbe, was wir im 91. Psalm gelesen haben über das Grauen der Nacht.

Es ist die geistige Finsternis, in der das Böse herumschleicht und die Harmlosen erbeutet. Die Waffenrüstung Gottes macht uns fähig, diesen Mächten Widerstand zu leisten.

Die Metaphern, die der Apostel dabei gebraucht, sind vielsagend.

”So steht nun fest – sagt er –, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit.” Werdet fertig mit dem Lügengeist, der Übles beschönigen will.

“Zieht euch den Panzer der Gerechtigkeit an.” Also die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; die Gerechtigkeit aufgrund von Christi Verdienst.

“Und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens.”

Wir dürfen mit unsrer Rüstung nicht einfach sitzen bleiben und abwarten, sondern müssen unsre Stiefeln anziehen, uns auf den Weg begeben, eintreten für die Sache unsres Herrn.

“Vor allen Dingen aber – und hier kulminiert die Bildsprache des Apostels – ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen.”

Es ist, wie das Psalmwort es uns gesagt hat: “Du brauchst nicht zu erschrecken vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.” Das Schild des Glaubens wird euch dagegen beschützen. “Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” Wir erinnern uns der Geschichte von Jesu Versuchung in der Wüste, wie er jede Verlockung des Bösen erwiderte mit einem “aber es steht geschrieben.”

Wer sich das Wort Gottes angeeignet hat, kann es zum Angriff benützen wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert (Offenbarung 1, 16. 2, 12).

“Widerstand werden wir leisten – sagt uns der Apostel – und alles überwinden und das Feld behalten.

Jesus ist Sieger. Wir wissen es. “Es streit’ für uns der recht Mann, den Gott hat selbst erkoren.”

Und der Satz aus dem Lutherlied endet mit der triumphierenden Aussage: “Das Feld muss er behalten.”

Als Gemeinde Christi sind wir eine Gemeinde von Kämpfern, gerüstet für den Kampf um das Gute.

Eine vernünftige Strategie, eine Organisation der verfügbaren Kräfte ist dabei sicher zu empfehlen.

Schon die geistlichen Ritterorden des Mittelalters haben das verstanden. Die Jesuiten im Zeitalter der Gegenreformation waren nach militärischen Grundsätzen organisiert.

Im 19. Jahrhundert stiftete der Engländer William Booth seine Heilsarmee, deren Mitglieder noch heutzutage in hoffnungslosen Winkeln der Gesellschaft mutig kämpfen, um Menschen ohne Hoffnung wieder auf den rechten Weg zu bringen.

“Leben heisst kämpfen.” In Brasilien habe ich diese Worte kennengelernt als die Losung, womit die Ärmsten unter den Armen ihre Lage zu meistern suchten.

Ein jeder von uns kennt seinen Kampf, sei es als Einzelner, sei es in der Familie oder zusammen mit Kampfgenossen.

Uns allen hält die Schrift heute das Wort des Apostels vor: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!” Amen.

Klaus van der Grijp

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!”

3. Mose 19, 1 – 4. 11 – 14

1.Thessalonicher 4, 1 – 8

Johannes 3, 1 – 8

9. Oktober 2016

20. Sonntag nachTrinitatis

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!” So steht es in der Epistellesung für den heutigenSonntag.Was meint der Apostel Paulus mitdiesem Wort?Heilig … Können wir heilig sein? Oder können wir uns bemühen, heilig zu werden?In der katholischen Kirche sowie bei den Orthodoxen hat sich über diese Frage eine ganzbestimmteTraditionentwickelt.Gläubige, deren Leben in der Nachwelt als makellos und als exemplarisch gilt, können als Heilige registriert werden; sie werden dann “kanonisiert”, in die Liste der Heiligen eingetragen.Im Protestantismus halten wir uns an den Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, in der es heisst: “die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft derHeiligen.”Und wir verbinden das sofort mit dem biblischen Grundbegriff, dass Heiligkeit nur Gott dem Herrn zukommt: “Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen!”Heilig ist Gott der Vater, heilig ist Christus, der Herr, und heilig ist der Geist, “der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht und mit dem Vater und dem Sohn angebetetundverherrlichtwird.”Im abgeleiteten Sinn ist auch die Kirche heilig, insofern sie das Eigentum und das Herrschaftsgebiet des allein-heiligen Gottesist.Wirdürfenuns der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “Kirche” erinnern; es stammt vom Griechischen Kyríakè : die, die dem Kyrios, demHerrngehört.Und in diesem Sinn ist die Kirche auch eine “Gemein-schaft der Heiligen”, ohne dass wir feststellen dürfen, wer von uns schon heilig ist, schon zu den Heiligen gehört, und wer noch nicht.

In der Epistel des heutigen Sonntags wird denn auch nicht von Heiligkeit, sondernvonHeiligunggesprochen.Heiligung ist eine Bewegung, eine Richtung, in die sich unser Leben entwickelnkann.ImBibelbuch Leviticus, auch das 3. Buch Moses genannt, gibt es dazu eine bemerkenswerte Reihe von Geboten und Verboten, die viele Jahrhunderte nach Mose in einer Schule vonPriesternzusammengestelltwurde.“Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten – so heisst es da – undsprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.” Wir verstehen also: Es handelt sich hier nicht um individuelle Personen, die sich bemühen sollen, heilig zu werden, sondern um die ganze Gemeinde der Israeliten, die als Gottes Volk angesprochenwird.“Ich bin heilig – der Herr, euerGott.”Daraus geht hervor, dass sie Mutter und Vater ehren sollen, den Sabbat einhalten sollen, nicht stehlen, nicht lügen, nicht falschschwörendürfen.Denn “Ich bin der Herr,” heisst es jedesmal.Um der Heiligkeit Gottes willen sollen sie sich so mancher Dinge enthalten, die in ihrer Umwelt Gang undGäbesind.Es istähnlich wie bei den zehn Geboten, die wir im Katechismus gelernt haben: Das “du sollst nicht” kommt häufiger vor als das “du sollst.”In der Welt gibt es viele Verhaltensweisen, die mit der Heiligkeit Gottes im Widerspruch stehen, und darum: “Enthaltet euch dieser Dinge!”

Wennwiraufunsere Epistellesung aus dem ersten Brief an die Thessalonicher zurück-kommen, sehen wir, dass Paulus hier beim Stichwort “Heiligung” vor allem die Beziehungen zwischen Mann und Frau in Gedanken hat; die Reinheit alsoimsexuellenSinn.Denn, so lesen wir: “Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondernzurHeiligung.”Nun ist die Frage, wo zwischen Mann und Frau die Reinheit aufhört und zur Unreinheit wird, ein dankbares Thema für Diskussionen über die christlicheMoral.Was darfst du und was darfst du nicht? Ich glaube, jede Generation hat sich da eine eigene Liste von Ge- und Verboten aufgestellt, und in den Gesprächen darüber kann es manchmal recht heisszugehn.Ich möchte aber das Gespräch über die Heiligung lieber zurückführen auf die Einsicht, dass es sich, mehr als um unsere Moral, um die Beziehung des Menschen zu Gott handelt.

Wirhabenausdem Evangelium das Gespräch zwischen JesusundNikodemusgelesen.

Nikodemus war, wie der Text es sagt, “ein Mensch unter den Pharisäern”:Er gehörteeiner Bewegung frommer Juden an, die sich um die strikte Observanz des Gesetzesbemühten.Was darf ich tun, was muss ich tun, was soll ich vor allem vermeiden umGottzugefallen?Es war die Frömmigkeit der vielen Regeln, der zahllosen Vorschriften, der Ge- undVerbote.Jesus antwortete ihm darauf unumwunden: “Nikodemus, es sei denn, dass jemand von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!”Nein, du brauchst nicht in den Mutterschoss zurückzukehren, du kannst aber in diesem Leben einneuer Mensch werden.“Geboren werden aus Wasser und Geist,” das ist das Geheimnis der Gottseligkeit.Was du tustund wie du es tust, darüber lässt sich reden; aber worauf es wirklich ankommt, ist: wer du bist.

Wiedergeburtisteinschönes Wort – es wird oft gebraucht und auch manchmal missbraucht.

Im biblischen Sinn bedeutet es, dass du Jesus Christus als deinen Herrn und Heiland kennen-gelernt hast und dadurch ein neuer Mensch geworden bist.Alle guten Taten, die dein Leben dann hervorbringt, haben nicht die Absicht, heilig und noch heiliger zu werden und so dich selbst als religiöserMensch zuvervollkommnen.Deine Taten sind dann einfach Früchte der Dankbarkeit, so wie ja ein guter Baum nur guteFrüchtezeitigenwird.Leben in täglicher Gemeinschaft mit Jesus Christus bringt wie von selbst eine Scheidung zustande zwischen dem, was in der Welt soüblich ist, und deiner Orientierung auf das Reich Gotteshin.Die Liste der moralischenVerbote,”du sollst nicht, du sollst nicht …” wird dir auf die Dauerganzselbstverständlich.Du lebst in der souveränen Freiheit eines Christenmenschen; alles was du tust oder unterlässt leitet sich her von dem einen neuen Gebot: dem Gebot der Liebe.

Heiligungunseres Lebens heisst im Grunde nichts anderes als näherzuJesus kommen.Auch Nikodemus kam zu Jesus: das erste mal bei Nacht, aber später erfahren wir (Johannes 19, 39), dass er bei Jesu Grablegung anwesend war und dazu eine Menge kostbarerKräutermitge-bracht hatte.Ich glaube sicher, dass er auch zu den ersten Gehörte, die dasWunder der Auferstehung erfuhren. Jesusistzu dir gekommen: erst einmal durch seine Menschwerdung und durch alles, was uns das Evangeliumüberihnerzählt. Aberauchpersönlich ist er dir näher gekommen, durch vieles, was du schon erlebt hast und dadurch, dass du jetzt mit vielen anderen die Gemeinschaft der Heiligen erfahrendarfst.Heiligung des Lebens – wir wissen es – ist eine Bewegung, die uns mehr und mehrdemAllein-Heiligen entgegenführt.So lass dich mitnehmen in diese Bewegung, beantworte die Liebe JesudurchdeineGegenliebe.Sei dir der Tatsache bewusst, dass du ganz und gar ihm gehörst, sein Eigentum bist.Was du bist – darauf kommt es ja an: ein neuer Mensch, geboren aus Wasser und Geist. Amen.

Klaus van der Grijp

Die Erstlingsfrüchte

Deuteronomium 26, 1 – 3. 10 – 11

Matthäus 13, 24 – 30

2. Korinther 9. 6 – 15

2. Oktober 2016

19. SonntagnachTrinitatis Erntedankfest

Was unsim Deuteronomium über die Darbringung der Erstlingsfrüchteerzähltwird, passtsonderlich gut zuunsrenGefühlenbeimErntedankfest.WirblickenzurückaufunsreVergangen-heit. Einen langen, mühsamen Weg sindwirgegangen, aber den Segen des Herrnhabenwirerfahren.Undnunbringenwir in Dankbarkeit die SymbolevonGottesSegen in seine heilige Gegenwart.ObstundGemüsesind es, aber es gäbe viel mehr, was wirdahinlegenkönnten.Vieles, was unsreHändegeleistetundunsreHerzenerdachthaben, viele kleine Erfolgeim Leben, wovonwir wissen: Der Herr hat sieunsgeschenkt!Dankbarkeit – In der biblischenTraditionhandelte es sichumErstlingsfrüchte: sobald die Ernteanfing, sollte der ersteErtragdemHerrngeweiht werden.So wie es heute noch jungeMenschengibt, die sagen: “WennicheinmaleinebezahlteArbeitbekomme, kaufeichvomerstenGehalteinschönes Geschenk fürmeineEltern!”

Dankbarkeit – Bei den Judenfeiert man es als schavuót, als das Wochenfest, fünfzigTagenach Pesach, alsoauch noch imFrühsommer.Die Amerikanerfeiernim November ihrenThanksgivings Day, den Tag der Dankbarkeitfür allen Segen, den sieimLaufe des Jahresempfangenhaben.Es ist gut, aufVergangeneszurückzublickenundunsreSegnungenaufzuzählen.Aber in der Bibel hat der Begriff der Ernteauch noch einenganz anderen Sinn.WennwirvomErtragmenschlicherArbeit reden, wirdunsklar, dasseinErtragsich nicht immer soeinfachaufweisenlässt.Das wissen wiraus eigener Erfahrung: Wirhabenuns viel Mühegegeben, wirgebenuns noch immer viel Mühe, aber wo ist der erwarteteErfolg?In einemschönen Psalm (126, 6) wird die Mühemitdem Wort “Tränen” angedeutet.“Die mitTränensäen, werden mitFreudeernten; siegehenhinundweinen, undstreuenihren Samen, und kommen mitFreudenundbringenihreGarben.”Aha! Da handelt es sich nicht umeineErnte, die schonwar, sondernumeineErnte, die noch aussteht, die noch zuerwartenist!

Das GleichnisvomUnkrautunterdemWeizen, das wirheutegelesenhaben, sprichtauchdavon.MenschlicheArbeitistgeleistet worden, sinnvolleArbeit, so wollen wirhoffen.Aber manche Arbeit war auchsinnwidrig, ja manche ArbeitwurdemitschlechterAbsichtgeleistet.Was der eine Mensch aufzubauenversuchte, wurdevomandernmutwilligabgebrochen.Vielleichtsindwirsogarselberbisweilensodummgewesen, unsereguteArbeitzuverderbenund die Ziele, denenwirnachgingen, zuverdunkeln.Darum wirdgesprochenvoneinem Acker, aufdemsowohlWeizen als auchUnkrautwächst.Könntenwir nicht – ja solltenwir nicht – das BösesofortvomGutenunterscheidenund es energischausjäten, es zunichtemachen?“Nein,” sagt der weiseAckermann, “lasst beide miteinanderwachsen bis zurErnte; undum die Erntezeitwillichzu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkrautundbindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meineScheune.”Da gibt es alsoeineErntezeit, auf die wirgernevorausgreifenmöchten.WirmöchtenjetztschonGutesvonBösemtrennenundunsunsrergutenTaten erfreuen.Wirmöchtenjetztschon das Bösemit Namen nennenundmitdemZeigefingeranweisen, wer Schuld daran hat.Aber es wirdunsgesagt: Habt Geduld! Die Erntezeitist noch nicht gekommen, jemandAndererwirdübereureTaten richten – das ist nicht eureSache.

Die grosse Erntezeit … wannwirdsie kommen?Schon die biblischenProphetenhabendavongesprochen,oftum den Gottlosen das bevorstehendeUrteilanzukündigen, den grimmigen Tag des Herrn.Jesus hat auch in anderemSinndavongesprochen: “Siehe, ich sage euch, hebt eureAugenaufundsehtauf die Felder, dennsiesindreifzurErnte” (Johannes 4, 35). Und: “Die Ernteistgross, der Arbeiterabersindwenige; darumbittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiteraussende in seineErnte!” (Lukas 10, 2)Die Felder, die reifsind – da beziehtsichJesusauf die vielen Menschenkinder, die auf die frohe Botschaft vomKönigreichGotteswarten.Nicht umsonstfällt das jüdischeErntefest, fünfzigTagenachOstern, mitdemchristlichenPfingstfestzusammen.Der Geist des auferstandenen Christus kam über die Apostel, undschonwurden die erstendreitausendSeelenfür den Heiland gewonnen. WelcheineErnte!UndumseineArbeiterzu sein – dazusindauchwirberufen, einjedervonuns, der aus eigener ErfahrungGottesLiebe, GottesGnade, Gottes Trost erfahren hat!Alles, was Gottdichim Leben hat entdeckenunderfahren lassen – das alles bist du berufen, weiterzugeben.EinArbeiter in GottesErnte bist du, wenn du dies alles in Wort undTatdeinemNächstenweitergibst.

So kommen wirdannauchzurDeutung, die der Apostel Paulus für die Erntegibt.Er sammelt bei den Gemeinden in MazedonienfinanzielleUnterstützungfür die notleidendeGemeinde in Jerusalem ein, undbenutztdabeiebenfalls das BildvonSaatundErnte.Dennsozitiert Paulus ein Wort ausdemBuch des Sprüche: “Wer da kärglichsät, der wirdauchkärglichernten, undwer da sätimSegen, der wirdaucherntenimSegen.”“Gebtgrosszügig – soschreibt er – undmitfreudigemHerzen, denn den fröhlichenGeber hat Gottlieb.”Was wirfürunsrenotleidendenGeschwistertun, wirdGottunsvergelten.Man könntemeinen: Soseialso bei Paulus die Kollekte der WeisheitletzterSchluss, wie es in christlichenKreisenauchsozu sein scheint.Auf EnglischgibtesdafüreinwitzigesWortspiel: Pray and pay – “Bete und bezahle.”Wieviel du betest, weissnur der LiebeGott; wieviel du bezahlst, könnenwirzählenundregistrieren.

LiebeSchwesternundBrüder, darübersoll es bei unskeineMissverständnissegeben.UnserKollektengeldist, ebenso wie der Schmuck bei unsermErntedankfest, nureinSymbolvonetwas viel Grösserem: von der Hingabeunseres Lebens für das Gottesreich.Von einerjungeAmeri-kanerin, die ihr Leben dem Dienst des Herrnwidmenwollte, wirderzählt, dasssieimGottesdienstaneinemSonntagmorgeneinmalnebstein paar Dollar einZettelchenauf die Opferschalelegtemit den Worten: Andmyself, ifdeemedworthy– “Undmichselbst, fallswürdigbefunden.”AuchdieserZettel war nureinSymbol, abereinsehrvielsagendes; sie hat dann bis anihrLebensendefür den auswärtigenMissionsdienstgearbeitet.Hier, zumErntedankfest, habenwir in schönemSchmuck die Früchte des Feldesaufgestellt.Aber bedenken wir doch, dassauchdieseDarstellungnureinSymboleines noch viel Grösserenist: Unser Herz, unsern Verstand, unsern Willen dürfenwiraufGottesAltar legen.Hast du das schongetan? Hast du dein Leben bereitswirklichdemgöttlichenMeisterübergeben?Wenn du das tust, dannwird er dir sicher die nächstenSchrittezeigen, die du gehenkannst.

Klaus van der Grijp

Das Heil für alle, die glauben

­­­Jesaja 55, 1 – 5

Römer 10, 9 – 13

18. September 2016

17. SonntagnachTrinitatis Matthäus 15, 21 – 28

“Kommtzumir,” sohabenwir das Prophetenwortgehört. “Neigt eureOhrenundkommt her zumir! Höret, sowerdetihrleben!” Es isteinRufzum Heil, zumGlück, zum Leben. Ähnlich wie das wohlbekannte Wort Christi: “Kommt alle zumir, die ihrmühseligund beladen seid, undichwerdeeuchRuhe schenken.” Gott ruft den Menschenund der Mensch antwortet. Wie steht das bei uns, die wir hier die Bibelzuverstehensuchen? Wann hat Gottdennangefangen, dichzurufen? Undwannhast du zumersten mal verstanden, dass es Gott war, der dichrief? Es gibt in der Bibel die Geschichtevom kleinen Samuel, der von seiner Mutter ins Heiligtum gebracht wurde, umzueinemDienerGotteserzogenzu werden. Einmal, mitten in der Nacht, hörte er seinen Namen rufen: “Samuel!” Er meinte, es wäre sein Meistergewesen, der Priester, der ihngerufenhatte. Er ging zuihmundfragte, was der alte Mann wünschte. “Nein, Samuel, du irrstdich – war die Antwort –, ichhabedich nicht gerufen.” Samuel legt sich wieder hin, aber das Ereigniswiederholtsich. “Samuel, Samuel!” Erst als Samuel diesenRufzumdritten Mal hörte, verstand es, dass es Gottselber war, der ihnrief. Und er verneigtesichundsprach: “Sprich, Herr, dein Knecht hört!” Wennwir in unsereigenes Leben zurückblicken, kannunsetwasÄhnlichespassiert sein. einefeierlicheStunde, die wir als Kindererfahrenhaben, eineinschneidendesErlebnis, an das wiruns noch lange erinnerthaben, einweises Wort, voneinemliebenMenschengesprochen – es könnensolcheBegebenheiten sein, wodurchzumersten Mal an die TürunsresHerzensgeklopftwurde. “Samuel, Samuel!” Undvielleichtgehörst du zudenjenigen, die danneinesTages verstanden haben, dass es Gott war, der dichrief: “Komm her zumir, höreaufmein Wort, sowirst du leben!” Du standestaufund du gingst. Auf den RufGottesfolgtedeineAntwort. DieseAntwortnennt die Bibel den Glauben. Glaubeist die Antwortauf den RufGottes. Bei dem kleinen Samuel war dies der Anfang, der sein Leben weiterhinbestimmte. Auch bei unsgibt es einenGlauben als Anfang, vielleicht bei der Konfirmationoder noch viel früher, undeinenGlauben, der erprobt, bewährt, gestärktwird; einenGlauben, der reift, wenn der Mensch selberzurReifeheranwächst. AusdemRömerbriefhabenwirheute das Wort gelesen: “Wenn du mirdeinemMundebekennst, dassJesus der Herrist, und in deinemHerzenglaubst, dassihnGottvon den Toten auferweckt hat, sowirst du gerettet werden.” Glaubenmitdem Mund, glaubenmitdemHerzen: die Worte, die du sprichst, und die Gefühle, die du hegst, siegehörenzusammen. “Kommtzumir!” spricht der Herr, und es istfürunseinetäglicheÜbung, dieses Kommen durchzuführen. Es istso, wie Mose es nach der Überlieferung den Israelitengebotenhatte: “NehmtnundieseWortezuHerzenund in eureSeeleundbindetsiezumZeichenaufeure Hand; rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunter-wegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst” (5. Mose 11, 18 – 19). Die Worte des Herrn? Der Apostel Paulus beruftsichauf die kürzeste Form des Glaubens-bekenntnisses in der frühchristlichenKirche: “Christus istHerr!” Darinist alles Übrigeeinge-schlossen. Dass der auferstandene Christus Herrdeines Lebens ist – wenn du das mitdemMundebekennstund es vonHerzenglaubst, dannist es gut mit dir. Der Glaubeist die BewegungunsresHerzens, mitdemwiruns die WorteGottesaneignenkönnen.“Kommtzumir,” heisst es imProphetenwort. “Kommtzumir – sagtJesus – alle, die ihrmühseligund beladen seid.” Der Ruf des Herrn gilt allen MenschenkindernohneAusnahme. Paulus sagtdazu: “Es ist hier keinUnterschiedzwischenJudenundGriechen.” Gottes Heil gilt der ganzen Völkerwelt. Und Paulus zitiertdann wieder einProphetenwort: “Wer den Namen des Herrnanruft, der wirdgerettet werden.” Der Apostel ist das lebende Beispiel davon, wie der Ruf Christi ausdemgeschlossenenKreis des jüdischenVolkesheraustritt in die Welt der Völker. Es mussverkündigt werden, alle sollen es wissen!Die GeschichteausdemEvangelium, die wirheutegelesenhaben, von der phönizischen Frau, die  Jesus als den Sohn Davids anriefund deren Tochterdaraufhingeheiltwurde, dürfenwir als einbescheidenes Vorspiel betrachten vondem, was dannfolgte. Der Glaubekommt nicht vonselber, er musserweckt werden. UnddieseErweckungkannnur kommen, indem das Wort Christi verkündigtwird. “Verkündigt” soll es werden – UnsereLutherbibelspricht da von “predigen”, richtig;aber das Wort, das Paulus gebraucht, hat noch eineweitereBedeutung. Der Verkündigerist der Herold, der mitTrommelnund Trompeten die guteNachricht in alle Welt ausposaunt. “JesusistHerr, JesusistHerr!” Alle Welt soll es hören, dennnurwer den Rufhört, wirdauchimstande sein, zuglauben. “Wie sollen sieglauben – fragt der Apostel – wenn es ihnen nicht verkündigtwurde?” Was in der Gemeindegeschieht, sollundkannsoetwas wie eineKettenreaktion sein. Das Wort Christi wirdverkündigt, es wirdgehörtund es erweckt den Glauben, aber der Glaubewillwiederumweiter-gegeben werden. Es ist wie das Echo imHochgebirge: EinlauterRuf (!) wiederholtsichweiterundweiter, man kannihn immer noch hören. Soist es mit der Verkündigungvon Christi Herrschaft. Paulus war einer der ersten, die den Ruf schallen liessen. Bald tönte das Echo überallimRömischen Reich, baldwurde es von anderen Verkündigernübernommen: JesusistHerr, JesusistHerr. Hörenwir es nicht auch hier, in Kiew, in unsererKirche? Die Folgerungistklar. Das Wort Christi ist nicht diesenweiten Weg gegangen, um bei unssanfteeinzuschlafen. Wennwir es recht gehörthaben, wird es auchuns wieder zuVerkündigernmachen. Das Wort, das wirmitdem Mund bekennen undmitdemHerzenglauben, wird hier weitergegeben. Vielleichtso, wie Mose es dem Volk hat beibringen wollen: “Rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunterwegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst.” Rede davonundlebeaus der Freude, die das Wort dir schenkt. Christi Wort – deineAntwort. Sodürfenwirlebenunter der Herrschaft Christi. Amen.

Klaus van der Grijp

Die Sprache der grossen Liebe

Johannes 15, 1 – 8                                                                                                       29. Mai 2016

1 Joh 5 : 1 – 4

Der erste Johannesbrief steht voll von Andeutungen, deren Sinn wir uns erst einmal klarmachen sollten. Als Gläubige sind sind wir  – so sagt der Apostel – “von Gott (oder auch aus Gott) geboren.” Sehr schön, aber wie soll ich mir das vorstellen? Wie kann ich mir das veranschaulichen? Dass Gott etwa die Gläubigen gebiert, sie zur Welt bringt, wie eine Mutter ihre Kinder? Es wäre schön, wenn wir uns Gott so mütterlich vorstellen dürften, dass Ihm sogar eine Entbindung nicht fremd wäre. Aber diese Vorstellung geht mir nun doch ein bisschen zu weit. Der Gedanke an eine göttliche Geburt bringt mir vielmehr die Worte ins Gedächtnis, die der griechische Dichter Homer in seiner Odyssee öfters wiederholt. Er spricht von der “aus Nebeln geborenen, rosenfingrige Morgenröte.” Die Sonne geht auf, und durch die rosigen Nebelwolken bricht der Tag hervor. Das ist ein schönes Bild! So etwa könnte ich mir vorstellen, dass jemand aus Gott geboren wird! Und tatsächlich, wir finden das Bild auch in der Bibel, nämlich im Buch der Richter, wenn die Richterin Debora ihr Siegeslied singt (5, 31): “Die Ihn liebhaben – so singt sie – sollen sein wie wenn die Sonne aufgeht in ihrer Pracht.”

Gott liebhaben und aus Gott geboren werden – darum handelt es sich auch im Ersten Johannesbrief. Gott liebhaben, ja, das können wir – so heisst es (4, 19) –, “weil er uns zuerst geliebt hat.” Als Gläubige werden wir dessen teilhaftig, was zu Gott gehört. Und das ist an erster Stelle: seine Liebe, denn Gott ist Liebe. Unser Autor wiederholt das an mehreren Stellen, um es uns gut einzuprägen: Gott ist Liebe, Gott ist Liebe, Gott ist Liebe. Wer aus Gott geboren wird, bekommt Gottes Liebe als Geburtsgeschenk mit!

Es gibt – zumindest in der Wortwahl des Johannes – einen schroffen Kontrast zwischen Gott und der Welt. Wir wissen es: Die Welt ist zwar gute Schöpfung Gottes, aber sie ist auch das Vergängliche, das Flüchtige, das Unzuverlässige. “Die Welt vergeht mit ihrer Lust,” – wiederum zitiere ich den Ersten Johannesbrief –, “wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.” Dieses Bleiben, im Gegensatz zu allem Vergänglichen und Flüchtigen, das ist auch ein Begriff, den der Brief uns einschärfen will. Es ist wie das bekannte Jesaja-Wort (40, 8), das wir meistens in der Adventszeit lesen: “Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.” Unser Gott ist standhaft, zuverlässig; auch wenn alles um uns herum ins Wanken gerät – er ist der Bleibende und sein Wort hält stand. “Das Wort unseres Gottes!” Es ist nicht ein allgemeiner Gottesbegriff, wie etwa der Gott der Philosophen, nein, er ist unser Gott: der Bleibende ist bei uns und geht mit uns, so sagt es das Prophetenwort. Oder wiederum mit Johannes (1. Joh 2, 14): “Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch.”

Welch eine Zusage! Die Stärke Gottes wird unsere Stärke, denn das Wort Gottes bleibt in euch.Es bleibt – da haben wir es wieder. In schwachen Augenblicken dürfen wir uns daran erinnern. Wenn wir an uns selber zweifeln, ob wir durchhalten werden, ob wir einer schweren Aufgabe auch gewachsen sein werden, so dürfen wir es uns sagen lassen: “Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch.”

Gott in uns … Jemand wird mir sagen, das sei Mystik. Nun gut, aber so steht es in der Bibel, und es hilft uns, wenn die äussere Welt uns bedrängt: “Der in euch ist, ist grösser als der, der in der Welt ist” (4, 4), und “alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt” (5, 4). Das ist das Geheimnis aller jener Gläubigen, deren Mut und Beharrlichkeit für uns ein Beispiel geworden sind, sei es bei unseren eigenen Vorfahren, sei es irgendwann in der Geschichte der Christenheit. Denn sie wussten: Der in uns ist, ist grösser als der, der in der Welt ist, und alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt!

Gott in uns … Aber nun gilt auch das Umgekehrte: Wir in Gott! “Wer in der Liebe bleibt,” so heisst es, ”in dem bleibt Gott und er in Gott.” Gott ist sozusagen ein Raum, ein Schutz, ein Heiligtum, in dem ich als Gläubiger verweilen darf, und zwar nicht bloss für einen Augenblick, in einer Sternstunde meines Lebens, sondern ständig, ja, bleibend: ich darf bleiben in Gott! Das erinnert mich an die Psalmen, wo Gott unsere Burg genannt wird; dass wir unter dem Schirm des Höchsten sitzen dürfen und unter dem Schatten des Allmächtigen bleiben; dass er uns mit seinen Fittichen decken wird; dass wir Zuflucht haben werden unter seinen Flügeln, denn seine Wahrheit ist Schirm und Schild (Psalm 91, 1. 4). Nicht nur Gott will in mir bleiben, sondern auch ich darf bleiben in Gott! Das wird also gesagt von denen, die aus Gott geboren sind.

Nun kann es aber nicht anders, oder Johannes bringt dabei den zur Sprache, der als erster – vor allen Zeiten – aus Gott geboren ist: Christus, den eingeborenen Gottessohn. “Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott.” Die innige Gemeinschaft zwischen Gott und dem Gläubigen wird vermittelt durch Christus, dem Scharnier, dem Gelenkpunkt zwischen Gott und uns. Johannes sagt das schon gleich zu Anfang seiner Epistel: “Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn, Jesus Christus (1, 3).” Dementsprechend, ein paar Kapitel weiter: “Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott, und er in Gott.” Wir wissen es: Christus ist nicht ein anderer, neben Gott, zu dem wir eine parallele Beziehung aufzubauen hätten, sondern er zeigt uns das Wesen Gottes, in ihm wird ja die Liebe Gottes offenbar. Wie können wir uns das vorstellen? Welches Bild schwebt uns dabei vor Augen?

Gleich wie wir uns unsere Beziehung zu Gott als eine Geburt vorzustellen versuchen, vermittelt uns das Evangelium des heutigen Sonntags ein Bild aus der Botanik: den Weinstock und die Reben. Auch hier handelt es sich um gegenseitige Durchdringung: Die Rebe ist nichts ohne den Weinstock. “Bleibt in mir,” so sagt Jesus, “und ich in euch. (…) Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht.”

Bleiben in Jesus, Jesus mit sich und in sich herumtragen – sind das etwa verschwommene, nebulöse Begriffe? Ich glaube es nicht. Es ist die Sprache der Liebe. Wer schon einmal richtig verliebt gewesen ist, kann es bestätigen. “Bei allem was ich tue, sage oder denke, steht sie mir vor Augen” – und das Mädchen wird sagen: “Bei allem muss ich immer wieder denken an ihn, an ihn, an ihn…” Herzliche Liebe zu Jesus lässt sich damit vergleichen. Und dann handelt es sich natürlich nicht um die Gefühlsregung eines Augenblicks, nicht um eine Liebe, die morgen wieder erkaltet. Nein: “Bleibt in meiner Liebe, bleibt in mir!” Es ist ein Aufruf zur Beständigkeit. In einem schönen Passionslied heisst es:

“In meines Herzens Grunde / dein Nam’ und Kreuz allein

funkelt all Zeit und Stunde, drauf kann ich fröhlich sein!”

Das wollen wir uns sagen lassen: Fröhlich sein – auch heute, ungeachtet aller unserer Sorgen! Amen.

Klaus van der Grijp

Beweisen kann man das nicht

Lukas 5, 1 – 11

1.Korinther 1, 18 – 25

26. Juni 2016

5. Sonntag nach Trinitatis

Der Apostel Paulus war noch nicht dabei, als Petrus und seine Gefährten den wunderbaren Fischzug erlebten.Sie waren auf das Wort Jesu mit ihrem Boot in tiefes Wasser gefahren, und siehe da, sie fingen soviele Fische, dass ihre Netze zu reissen drohten. Und dann sprach Jesus diese bedeutungsvollen Worte: “Von nun an wirst du ein Menschenfischer werden!” Nicht Fische fangen, sondern Menschen fangen im Netz der frohen Botschaft! Dieses “Fangen” ist dann natürlich im übertragenen Sinn gemeint. Wenn Fische im Netz gefangen werden, können sie nicht mehr heraus; sie werden an Land gezogen und sterben dann durch Atemnot. Wenn Menschen in das Netz der frohen Botschaft gezogen werden, so werden sie gerade zu neuem Leben befreit. Jesus wollte dem Petrus sagen: Du wirst mir folgen – und du wirst viele Menschen für das Königreich Gottes gewinnen.

Wenn Petrus das nicht sofort kapiert hat, dann hat er es wohl nachher verstanden, zu Pfingsten, als der Heilige Geist ausgegossen wurde und sich an einem Tag dreitausend Seelen taufen liessen. Menschen fangen … Wer die Apostelgeschichte liest, kann sich nur wundern, wie sich in wenigen Jahrzehnten das Christentum über das Mittelmeergebiet ausbreitete: nach Syrien, nach Klein-Asien, nach Griechenland, nach Rom und vielleicht sogar schon nach Spanien. Wir sehen da den Apostel Paulus rastlos von einem Ort zum andern reisen: Juden, Griechen, römische Staatsbürger wusste er für Christus, seinen Meister, zu gewinnen. Menschen fangen – sicher, das gelang ihm!

Natürlich längst nicht überall. Wir erfahren auch von Enttäuschungen und Misserfolgen.

Es war wohl wie bei dem wundersamen Fischzug, von dem uns der Evangelist Lukas erzählt: viele Fische gerieten in das Netz, andere entwischten und schwammen davon.Aber Gott sei  Dank, wir gehören zu denen, die irgendwie gefangen wurden: zwar nicht direkt durch Petrus oder durch Paulus – aber immerhin durch die Kraft des Evangeliums. Jemand – oder vielleicht mehrere Personen – haben an das Netz gezogen … und schwups! Man hat uns gefangen.Hier sitzen wir, als Gläubige in der Katharinenkirche, mit dem Blick auf das Geheimnis, das uns zu Gläubigen gemacht hat: den gekreuzigten Christus.

Wie sagt Paulus es im 1. Korintherbrief, woraus wir ein paar Verse gelesen haben?“Für uns, die wir selig werden, ist das Wort des Kreuzes eine Gotteskraft.” Seien wir uns klar darüber: Es steckt keine Philosophie dahinter, keine wissenschaftliche Begründung. Es ist anders als beim Marxismus, deren Grundlagen man vielen von uns noch in der Schule hat beibringen wollen. Es ist auch  anders als beim modernen Humanismus, der sich nur auf des Menschen Dasein und auf seine Erfahrungen beruft – wenn auch der Humanismus in manchen Dingen dem Christentum nahe steht.

Nein – “für uns, die wir selig werden, ist das Wort des Kreuzes eine Gotteskraft.”Wie hat es uns erreicht? Wie haben wir uns in sein Netz fangen lassen? Vielleicht einfach durch die grenzenlose Liebe des Gekreuzigten: Er gab sein Leben für uns, er war getreu bis in den Tod, er trug was wir nicht tragen konnten. Vielleicht hat uns eigene Leidenserfahrung näher zum Gekreuzigten gebracht. Was wir erfuhren, hat auch er erfahren, obwohl er Gottes Sohn ist; ja, noch viel Schlimmeres muss er gelitten haben als wir: “Mein Gott, warum hast du  mich verlassen?” Vielleicht – ja, das glaube ich sicher! – steht für uns hinter dem Kreuz das Geheimnis der Auferstehung, der Sieg des Leben über den Tod hinaus. Wenn uns ein lieber Mensch gestorben ist und wir über seine sterblichen Überreste das Zeichen des Kreuzes machen, dann sagen wir damit: “Mein Liebster, meine Liebste, auch bei dir wird der Tod nicht das letzte Wort haben!”

Es kan viele Gründe, viele Anlässe geben, wodurch das Wort des Kreuzes uns lieb wird. Aus der Matthäuspassion, die unser Kirchenchor in vergangenen Jahren mehrmals aufgeführt hat, kennen wir diese Arie:

Komm, süßes Kreuz, so will ich sagen,

mein Jesu, gib es immer her.

Wird mir mein Leiden einst zu schwer,

so hilfst du mir es selber tragen.

Die Liebe zum Kreuz und zu dem Gekreuzigten – wie können wie die einem Ungläubigen erklären? Der Apostel Paulus schreibt darüber an die Gemeinde in Korinth, die Besuch bekommen hatte von gelehrten Predigern, die die Korinther zu ihrer Weisheit zu überreden suchten. Es gab in Korinth natürlich auch Juden, und diese wollten Zeichen sehen, Beweise, dass Paulus die Wahrheit sprach, wie sie schon zu Jesu Lebzeiten nach Beweisen fragten.Nein! sagt Paulus, für die tiefsten Geheimnisse des Lebens gibt es keine Argumente, keine Beweise – sie bewegen sich auf einem andern Niveau!Man sagt euch, liebe Korinther, dass das Torheit sei? Nun gut, nennen wir es einmal Torheit. Aber es hat Gott gefallen, durch diese angebliche Torheit “selig zu machen, die daran glauben.”

Die Torheit des Kreuzes! Das Wort war als Beschimpfung gemeint, und siehe da – es wird eine ehrenvolle Bezeichnung. “Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.” Neulich las ich ein Buch über einen jungen Mann, einen Franzosen, der im 2. Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war. Unglaubliche Grausamkeiten hat er gesehen und selber erlitten, und viele seiner Gefährten sind dabei ums Leben gekommen. Aber als er, wie durch ein Wunder, den Tag der Befreiung erleben durfte, wusste er eines ganz sicher: “Jetzt will ich Theologie studieren! Jetzt will ich den Leuten erzählen können, wie Jesus inmitten solcher Unmenschlichkeiten Mensch geworden ist, um uns zu neuen Menschen zu machen.” Ich habe diesen Mann gekannt. Zum letzten Mal traf ich ihn, als er schon über achzig Jahre war. Er hat das Geheimnis des Kreuzes ein Leben lang mit sich herumgetragen und es anderen weitergegeben.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott legt dieses Geheimnis auch in unsere Mitte nieder.  Das Zeichen des Kreuzes will uns immer wieder daran erinnern.Wir haben hier unsern schönen Kruzifix an der Wand, viele von uns haben vielleicht zu Hause etwas Ähnliches zur täglichen Besinnung hingestellt; ich trage gerne als Krawattennadel das goldene Kreuzchen, das mir meine Mutter einmal geschenkt hat. Alle diese Zeichen sind wie eine Einladung, des Wortes vom Kreuz innezuwerden: der grenzenlosen Liebe unseres Heilandes, der Schwachheit Gottes, die stärker ist als alle Mächte des Schicksals. Das ist das Evangelium! Wenn du noch nicht in dieses Netz gefangen bist, so lass dich fangen, heute. Das Netz wird nicht zerreissen,  Nimm dir das Wort des Kreuzes zu Herzen. Amen.

Klaus van der Grijp