Dialog zwischen Judentum und Christentum

2. Mose 19, 1 – 6; Markus 12, 28 – 34

Unsere Lesung aus dem Exodus, dem sogenannten zweiten Buch Moses, enthält eine zärtliche Liebeserklärung Gottes an das Volk der Israeliten. Aus Ägypte.n, aus dem Land der Sklaverei, hat er sie “auf Adlersflügeln getragen und sie zu sich gebracht.”

Wie ein fliegender Adler seine Jungen auf dem Rücken trägt, so hat Gott der Herr die Seinen getragen und sie bis an diesen Ort gebracht, wo er sich nun weiter als der Liebende offenbaren wird. Es wird keine allgemeine Gotteserkenntnis vermittelt -nein, es folgt ein liebevoller Zuspruch speziell für Israel, oder auch für “das Haus Jakobs”, wie es in unserm Text genannt wird.

“Hört auf was ich euch sage! Ja sicher, die ganze Erde ist mein, aber von allen Völkern werdet ihr – gerade ihr! – mein Eigentum sein.” Dann krönt er Herr sie mit königlicher Ehre: “Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.” Von allen Völkern der Erde wendet Gott sich mit diesen Worten ausgerechnet dem Volk Israel zu. Dazu gehört dann seitens dem Volk ein entsprechendes Verhalten; Gott wird ihm seinen Willen kundgeben, seine Weisung, die torah. Mehr als um die Frage nach dem, was sie tun sollen, handelt es sich darum, wessen sie sich enthalten sollen.
In den zehn Geboten heisst es: “Du sollst nicht … Du sollst nicht …” Du bist ja ein heiliges Volk, so lasse dich nicht mit unsauberen Dingen ein!
Beachten wir doch die biblische Reihenordnung. Der Gehorsam an die Weisung ist nicht eine Bedingung dafür, dass Israel Gottes Eigentum werden kann
- nein, die Weisung wird ihnen gegeben weil Gjött sie erwählt hat, weil sie Gottes Eigentum sind.

Im jüdischen Glauben ist eine solche Erwählung keineswegs ein Grund zum Hochmut. Dass ihnen die torah anvertraut ist, ist einersets ein Grund zu überschwenglicher Freude – die “Freude der torah” ist ein alljährlich begangenes Fest. Anderseits kann die Sonderstellung der Juden unter den Völkern auch eine schwere Aufgabe sein.

Schriftverständnis. Es ist für Christen ganz interessant, wenn sie die sogenannten messianischen Texte aus dem Alten Testament einmal durch eine jüdische Brille lesen.

Und welche gegenseitige Freude kann es geben, wenn wir entdecken, wieviel wir gemeinsam haben! Wundenichöfi ist die Geschichte aus unsrer heutigen Evangelienlesung, über den Schrift-gelehrten, der aller Streitigkeiten müde war und der Jesus fragte, was denn wohl das höchste Gebot sei. Jesus antwortete mftidem fundamentalen jüdischen Glaubensbekenntnis: “Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein!” Und dann fügt er hinzu: “Du sollst den Heijrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften,” ja, und “du sollst deinen Njächsten lieben wie dich selbst.” Es ist kein anderes Gebot grösser als diese.

Woraufhin der Schriftgelehrte sprach: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer ausser ihm.” Die beiden • haben alle Streitgespräche hinter sich gelassen. Sie finden einander in der Bekenntnis des einen, einzigen Gottes und in der Praxis einer tätigen Liebe. Nach diesem Modell werden Juden und Christen immer wieder sinnvoll aufeinander zugehen. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, i bewahre eure Herzen und Sinne durch Jesus Christus, unsern Herrn.

Nun kommt aber die nächste Frage: Wie verhält sich die Eigenart des jüdischen Glaubens zum Selbstverständnis der Christen? Christen gibt es in vielen Völkern, die meisten ihrer sind nicht jüdischer Abstammung, aber sie beanspruchen trotzdem eine besondere Zuwehdung Gottes.

Im Neuen Testament, im j1. fceljrusbrief, wird die Verheissung aus dorn! Exodus wortwörtlich auf die Christen angewandt: “Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums!” Wer hat nun das bessere Bibelverständnis – die Christen oder die Juden? Die Antwort auf diese Frage hat viele praktische Konsequenzen. Erst einmal soll festgestellt werden, dass die Autoren des Neuen Testaments Interesse daran hatten, ihre Botschaft scharf vom jüdischen Glauben abzugrenzen. Die Juden hätten ihre Bibel nicht recht verstanden; man meinte, sie halten sich nur am Buchstaben des Gesetzes und es fehle ihnen das geistliche Verständnis; sie erkennen Christus nicht, obwohl er überall in den Schriften zu finden sei. Also gibt es da einen zweideutigen Gebrauch des Alten Testaments: Ohne die jüdischen Schriften wäre uns die Botschaft von Jesus als Messias zwar völlig unverständlich, aber gleichzeitig werden diese Schriften 50 interpretiert, dass sie den jüdischen Glauben als hinfällig betrachten!

Viele Jahrhunderte galt als die Meinung der Christen, dass sie doch das wahre Gottesvolk seien; anstelle dejs Judentums sei nun die Kirche von Gott auserwählt worden. Diese Ansicht wurde verstärkt durch düstere Verdächtigungen und Hassgefühle, die das Judentum – vorsichtig ausgedrückt – zu einem negativen Faktor in der Menschheitsgeschichte herabsetzten. Daneben hat es auch – vor allem seit dem 19. Jahrhundert – eine Strömung gegeben, die sich als judenfreundlich bezeichnete: Was den Juden fehle, sei doch der Glaube an Jesus als den Messias! Es sei also die Aufgabe der Christen, die Juden zum Messiasglauben zu bekehren, sie christlich zu evangelisieren. Es entstanden vielerlei Ansätze zu einer zielbewussten Judenmission.

Es gibt nun auch, seitdem die Besinnung über den Holokaust in der! christlichen Theologie einen Umschwung eingeleitet hat, gelegentliche Versuche, em
christlichen Reden und Handeln gewisse jüdische Merkmale aufzudrücken. Das Laubhüttenfest zum Beispiel, mit den Mahlzeiten unter eineml | primitiven Zweigengeflecht, oder die chänukah, das ichtfest mit dem achtarmigen Kerzenleuchter – es gibt heute Christen, die sich solche Traditionen aneignen. Mit den Juden ins Gespräch zu kommen – das wäre immerhin schon ein Erfolg. Wie kann man einander beurteilen, wenn man voneinander bloss hablonenhafte
Kenntnis hat, vielleicht immer noch aufgrund der Polemik das Apostels aulus? Nun gut, es soll ein interreligiöses Gespräch zwischen Juden und hristen
geben. Aber was kann der Einsatz, was das Ziel solcher Gespräche sein? Wenn Anhänger verschiedener

Religionen den Dialog führen wollen, ist die Voraussetzung, dass sie sich gleichberechtigt und gleichwertig begegnen. Beim Dialog mit den Christen bekommen die Juden aber fast immer den Eindruck, dass sie von jenen vereinnahmt werden; dass die Christen es nicht unterlassen können, die jüdischen Partner irgendwie in ihr System hineinzuzwingen. In umgekehrter Richtung ist das nur selten der Fall. Das Judentum ist nicht missionarisch ausge-richtet. Der Jude kann höchstens den Christen darauf hinweisen, dass die Aussagen aus dem Neuen Testament – Aussägen von Jesus oder auch vom Ex^Rabbiner Paulus – viel “jüdischer” sind als man bisweilen geglaubt hat.

Soll das Gespräch mit. den JUden weiter geführt werden? Ich glaube: Gewiss! Und zwar unsrerseits mit dem Ziel, etwas vom andern Glauben zu lernen. Jahrhunderte alte Vorurteile müssen abgebaut werden; das kann aber nur in geduldiger Arbeit mehrerer Generationen geschehen. Jüdische Gelehrsamkeit sqll aus dem geistlichen Ghetto, in dem sie so lange eingeschlossen war, heraustreten und unser gemeinsames Erbe werden. Das gilt natürlich auch für das jüdische.

Klaus van der Grijp

Geistlichen Kampf

Psalmgebet: 91, 1 – 7 (Jesaja 59, 15b – 20)

Epheser 6, 10 – 17

Lukas 11, 14 – 23

16. Oktober 2016

21. Sonntag nach Trinitatis

Im alten Israel kannte man die Volksklage: die gemeinsame Klage über das viele Unrecht in der Welt, über das Unvermögen der Menschheit, Wege zum Frieden zu finden.

Die jüdischen Frommen wussten, dass sie auch selber schuld daran waren.

Im Buch Jesaja, im 59. Kapitel, finden wir ein Beispiel von solcher Klage.

“Wir harren auf Licht, siehe, so ist’s finster; auf Helligkeit, so wandeln wir im Dunkeln.” Kein anderer kann Recht schaffen als Gott alleine!

Ein Prophet, dessen Namen wir nicht kennen, kommt unserer Hoffnung entgegen, indem er bildend beschreibt, wie Gott gegen das Unrecht der Welt einschreitet und sein Volk erlöst. “Der Herr sieht, dass niemand auf dem Plan ist, und verwundert sich, dass niemand ins Mittel tritt. Da hilft er sich selbst mit seinem Arm, und seine Gerechtigkeit steht ihm bei.

Er zieht Gerechtigkeit an wie einen Panzer und setzt den Helm des Heils auf sein Haupt und zieht an das Gewand der Rache und kleidet sich mit Eifer wie mit einem Mantel.

Nach den Taten wird er vergelten, mit Grimm seinen Widersachern, mit Vergeltung seinen Feinden, ja, den Inseln wir er heimzahlen (…).

Aber für Zion wird er als Erlöser kommen und für die in Jakob, die sich von der Sünde abwenden – spricht der Herr.”Bis dahin das Zitat.

Gott der Herr wird als ein Krieger dargestellt, der Recht schafft auf Erden und der Erlösung bringt denen, die ihn fürchten.

Es gibt also einen geistlichen Kampf, dargestellt in der Bildsprache der damaligen Kriegs-führung: der Panzer der Gerechtigkeit, der Helm des Heils, das Gewand der Rache, der Soldatenmantel der Vergeltung.

Für die Gläubigen ist er ein schützender Gott, wie wir es heute in unserm Psalmgebet (91, 4 – 5) gehört haben:

“Zuflucht wirst du habenunter seinen Flügeln, seine Wahrheit ist Schirm und Schild; damit du nicht erschrecken musst vor dem Grauen der Nacht, vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.”

Zu diesem geistlichen Kampf gibt uns das Lukasevangelium ein anschauliches Beispiel anhand der Heilung eines Besessenen, von dem Jesus die bösen Geister ausgetrieben hatte. Jesus spielt dabei nicht die Rolle eines gewappneten Kriegers. Nein, das liegt nicht in seiner Art.

Aber Jesus hat Autorität! Auf sein Wort müssen die Geister weichen.

Und dann sagt er: “Wenn ich durch Gottes Finger die bösen Geister austreibe, so ist das Reich Gottes zu euch gekommen.”

Der Teufel wird wie ein starker, gewappneter Gegner dargestellt, aber …“wenn ein Stärkerer über ihn kommt und überwindet ihn, so nimmt er ihm seine Rüstung, auf die er sich verliess, und verteilt die Beute.”

Jesus ist der Stärkere! Im Kampf mit dem Bösen ist Jesus der Sieger.

Ja, “durch Gottes Finger”…! Aus der letzten Kantate des Weihnachtsoratoriums kennen wir die Arie für Sopran-Solo, die diese Autorität in unvergleichlich schönen Worten zum Ausdruck bringt:

Nur ein Wink von seinen Händen

stürzt ohnmächtger Menschen Macht.

Hier wird alle Kraft verlacht!

Spricht der Höchste nur ein Wort,

seiner Feinde Stolz zu enden,

o, so müssen sich sofort

sterbliche Gedanken wenden.

 

Auch der Apostel Paulus spricht in seinen Briefen oft vom geistlichen Kampf, in dem wir als Gläubige verwickelt werden, und im letzten Kapitel seines Briefes an die Epheser benutzt er dazu das Bild eines gerüsteten Kriegers.

Der Krieger ist in diesem Fall nicht Gott, wie bei Jesaja, sondern der Gläubige, der aber gleich am Anfang des Abschnitts gemahnt wird: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!”

Denn, so sagt er – wir haben nicht mit Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern mit den Mächten, die diese Welt beherrschen, “mit den Herren der Welt, die in dieser Finsternis herrschen.”

“In dieser Finsternis” – Paulus meint da wohl das selbe, was wir im 91. Psalm gelesen haben über das Grauen der Nacht.

Es ist die geistige Finsternis, in der das Böse herumschleicht und die Harmlosen erbeutet. Die Waffenrüstung Gottes macht uns fähig, diesen Mächten Widerstand zu leisten.

Die Metaphern, die der Apostel dabei gebraucht, sind vielsagend.

”So steht nun fest – sagt er –, umgürtet an den Lenden mit Wahrheit.” Werdet fertig mit dem Lügengeist, der Übles beschönigen will.

“Zieht euch den Panzer der Gerechtigkeit an.” Also die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt; die Gerechtigkeit aufgrund von Christi Verdienst.

“Und an den Beinen gestiefelt, bereit, einzutreten für das Evangelium des Friedens.”

Wir dürfen mit unsrer Rüstung nicht einfach sitzen bleiben und abwarten, sondern müssen unsre Stiefeln anziehen, uns auf den Weg begeben, eintreten für die Sache unsres Herrn.

“Vor allen Dingen aber – und hier kulminiert die Bildsprache des Apostels – ergreift den Schild des Glaubens, mit dem ihr auslöschen könnt alle feurigen Pfeile des Bösen.”

Es ist, wie das Psalmwort es uns gesagt hat: “Du brauchst nicht zu erschrecken vor den Pfeilen, die des Tages fliegen.” Das Schild des Glaubens wird euch dagegen beschützen. “Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, welches ist das Wort Gottes.” Wir erinnern uns der Geschichte von Jesu Versuchung in der Wüste, wie er jede Verlockung des Bösen erwiderte mit einem “aber es steht geschrieben.”

Wer sich das Wort Gottes angeeignet hat, kann es zum Angriff benützen wie ein scharfes, zweischneidiges Schwert (Offenbarung 1, 16. 2, 12).

“Widerstand werden wir leisten – sagt uns der Apostel – und alles überwinden und das Feld behalten.

Jesus ist Sieger. Wir wissen es. “Es streit’ für uns der recht Mann, den Gott hat selbst erkoren.”

Und der Satz aus dem Lutherlied endet mit der triumphierenden Aussage: “Das Feld muss er behalten.”

Als Gemeinde Christi sind wir eine Gemeinde von Kämpfern, gerüstet für den Kampf um das Gute.

Eine vernünftige Strategie, eine Organisation der verfügbaren Kräfte ist dabei sicher zu empfehlen.

Schon die geistlichen Ritterorden des Mittelalters haben das verstanden. Die Jesuiten im Zeitalter der Gegenreformation waren nach militärischen Grundsätzen organisiert.

Im 19. Jahrhundert stiftete der Engländer William Booth seine Heilsarmee, deren Mitglieder noch heutzutage in hoffnungslosen Winkeln der Gesellschaft mutig kämpfen, um Menschen ohne Hoffnung wieder auf den rechten Weg zu bringen.

“Leben heisst kämpfen.” In Brasilien habe ich diese Worte kennengelernt als die Losung, womit die Ärmsten unter den Armen ihre Lage zu meistern suchten.

Ein jeder von uns kennt seinen Kampf, sei es als Einzelner, sei es in der Familie oder zusammen mit Kampfgenossen.

Uns allen hält die Schrift heute das Wort des Apostels vor: “Seid stark in dem Herrn und in der Macht seiner Stärke!” Amen.

Klaus van der Grijp

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!”

3. Mose 19, 1 – 4. 11 – 14

1.Thessalonicher 4, 1 – 8

Johannes 3, 1 – 8

9. Oktober 2016

20. Sonntag nachTrinitatis

“Das ist der Wille Gottes, eure Heiligung!” So steht es in der Epistellesung für den heutigenSonntag.Was meint der Apostel Paulus mitdiesem Wort?Heilig … Können wir heilig sein? Oder können wir uns bemühen, heilig zu werden?In der katholischen Kirche sowie bei den Orthodoxen hat sich über diese Frage eine ganzbestimmteTraditionentwickelt.Gläubige, deren Leben in der Nachwelt als makellos und als exemplarisch gilt, können als Heilige registriert werden; sie werden dann “kanonisiert”, in die Liste der Heiligen eingetragen.Im Protestantismus halten wir uns an den Artikel des Apostolischen Glaubensbekenntnisses, in der es heisst: “die heilige christliche Kirche, die Gemeinschaft derHeiligen.”Und wir verbinden das sofort mit dem biblischen Grundbegriff, dass Heiligkeit nur Gott dem Herrn zukommt: “Heilig, heilig, heilig ist der Herr der Heerscharen!”Heilig ist Gott der Vater, heilig ist Christus, der Herr, und heilig ist der Geist, “der aus dem Vater und dem Sohn hervorgeht und mit dem Vater und dem Sohn angebetetundverherrlichtwird.”Im abgeleiteten Sinn ist auch die Kirche heilig, insofern sie das Eigentum und das Herrschaftsgebiet des allein-heiligen Gottesist.Wirdürfenuns der ursprünglichen Bedeutung des Wortes “Kirche” erinnern; es stammt vom Griechischen Kyríakè : die, die dem Kyrios, demHerrngehört.Und in diesem Sinn ist die Kirche auch eine “Gemein-schaft der Heiligen”, ohne dass wir feststellen dürfen, wer von uns schon heilig ist, schon zu den Heiligen gehört, und wer noch nicht.

In der Epistel des heutigen Sonntags wird denn auch nicht von Heiligkeit, sondernvonHeiligunggesprochen.Heiligung ist eine Bewegung, eine Richtung, in die sich unser Leben entwickelnkann.ImBibelbuch Leviticus, auch das 3. Buch Moses genannt, gibt es dazu eine bemerkenswerte Reihe von Geboten und Verboten, die viele Jahrhunderte nach Mose in einer Schule vonPriesternzusammengestelltwurde.“Rede mit der ganzen Gemeinde der Israeliten – so heisst es da – undsprich zu ihnen: Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig, der Herr, euer Gott.” Wir verstehen also: Es handelt sich hier nicht um individuelle Personen, die sich bemühen sollen, heilig zu werden, sondern um die ganze Gemeinde der Israeliten, die als Gottes Volk angesprochenwird.“Ich bin heilig – der Herr, euerGott.”Daraus geht hervor, dass sie Mutter und Vater ehren sollen, den Sabbat einhalten sollen, nicht stehlen, nicht lügen, nicht falschschwörendürfen.Denn “Ich bin der Herr,” heisst es jedesmal.Um der Heiligkeit Gottes willen sollen sie sich so mancher Dinge enthalten, die in ihrer Umwelt Gang undGäbesind.Es istähnlich wie bei den zehn Geboten, die wir im Katechismus gelernt haben: Das “du sollst nicht” kommt häufiger vor als das “du sollst.”In der Welt gibt es viele Verhaltensweisen, die mit der Heiligkeit Gottes im Widerspruch stehen, und darum: “Enthaltet euch dieser Dinge!”

Wennwiraufunsere Epistellesung aus dem ersten Brief an die Thessalonicher zurück-kommen, sehen wir, dass Paulus hier beim Stichwort “Heiligung” vor allem die Beziehungen zwischen Mann und Frau in Gedanken hat; die Reinheit alsoimsexuellenSinn.Denn, so lesen wir: “Gott hat uns nicht berufen zur Unreinheit, sondernzurHeiligung.”Nun ist die Frage, wo zwischen Mann und Frau die Reinheit aufhört und zur Unreinheit wird, ein dankbares Thema für Diskussionen über die christlicheMoral.Was darfst du und was darfst du nicht? Ich glaube, jede Generation hat sich da eine eigene Liste von Ge- und Verboten aufgestellt, und in den Gesprächen darüber kann es manchmal recht heisszugehn.Ich möchte aber das Gespräch über die Heiligung lieber zurückführen auf die Einsicht, dass es sich, mehr als um unsere Moral, um die Beziehung des Menschen zu Gott handelt.

Wirhabenausdem Evangelium das Gespräch zwischen JesusundNikodemusgelesen.

Nikodemus war, wie der Text es sagt, “ein Mensch unter den Pharisäern”:Er gehörteeiner Bewegung frommer Juden an, die sich um die strikte Observanz des Gesetzesbemühten.Was darf ich tun, was muss ich tun, was soll ich vor allem vermeiden umGottzugefallen?Es war die Frömmigkeit der vielen Regeln, der zahllosen Vorschriften, der Ge- undVerbote.Jesus antwortete ihm darauf unumwunden: “Nikodemus, es sei denn, dass jemand von neuem geboren wird, so kann er das Reich Gottes nicht sehen!”Nein, du brauchst nicht in den Mutterschoss zurückzukehren, du kannst aber in diesem Leben einneuer Mensch werden.“Geboren werden aus Wasser und Geist,” das ist das Geheimnis der Gottseligkeit.Was du tustund wie du es tust, darüber lässt sich reden; aber worauf es wirklich ankommt, ist: wer du bist.

Wiedergeburtisteinschönes Wort – es wird oft gebraucht und auch manchmal missbraucht.

Im biblischen Sinn bedeutet es, dass du Jesus Christus als deinen Herrn und Heiland kennen-gelernt hast und dadurch ein neuer Mensch geworden bist.Alle guten Taten, die dein Leben dann hervorbringt, haben nicht die Absicht, heilig und noch heiliger zu werden und so dich selbst als religiöserMensch zuvervollkommnen.Deine Taten sind dann einfach Früchte der Dankbarkeit, so wie ja ein guter Baum nur guteFrüchtezeitigenwird.Leben in täglicher Gemeinschaft mit Jesus Christus bringt wie von selbst eine Scheidung zustande zwischen dem, was in der Welt soüblich ist, und deiner Orientierung auf das Reich Gotteshin.Die Liste der moralischenVerbote,”du sollst nicht, du sollst nicht …” wird dir auf die Dauerganzselbstverständlich.Du lebst in der souveränen Freiheit eines Christenmenschen; alles was du tust oder unterlässt leitet sich her von dem einen neuen Gebot: dem Gebot der Liebe.

Heiligungunseres Lebens heisst im Grunde nichts anderes als näherzuJesus kommen.Auch Nikodemus kam zu Jesus: das erste mal bei Nacht, aber später erfahren wir (Johannes 19, 39), dass er bei Jesu Grablegung anwesend war und dazu eine Menge kostbarerKräutermitge-bracht hatte.Ich glaube sicher, dass er auch zu den ersten Gehörte, die dasWunder der Auferstehung erfuhren. Jesusistzu dir gekommen: erst einmal durch seine Menschwerdung und durch alles, was uns das Evangeliumüberihnerzählt. Aberauchpersönlich ist er dir näher gekommen, durch vieles, was du schon erlebt hast und dadurch, dass du jetzt mit vielen anderen die Gemeinschaft der Heiligen erfahrendarfst.Heiligung des Lebens – wir wissen es – ist eine Bewegung, die uns mehr und mehrdemAllein-Heiligen entgegenführt.So lass dich mitnehmen in diese Bewegung, beantworte die Liebe JesudurchdeineGegenliebe.Sei dir der Tatsache bewusst, dass du ganz und gar ihm gehörst, sein Eigentum bist.Was du bist – darauf kommt es ja an: ein neuer Mensch, geboren aus Wasser und Geist. Amen.

Klaus van der Grijp

Die Erstlingsfrüchte

Deuteronomium 26, 1 – 3. 10 – 11

Matthäus 13, 24 – 30

2. Korinther 9. 6 – 15

2. Oktober 2016

19. SonntagnachTrinitatis Erntedankfest

Was unsim Deuteronomium über die Darbringung der Erstlingsfrüchteerzähltwird, passtsonderlich gut zuunsrenGefühlenbeimErntedankfest.WirblickenzurückaufunsreVergangen-heit. Einen langen, mühsamen Weg sindwirgegangen, aber den Segen des Herrnhabenwirerfahren.Undnunbringenwir in Dankbarkeit die SymbolevonGottesSegen in seine heilige Gegenwart.ObstundGemüsesind es, aber es gäbe viel mehr, was wirdahinlegenkönnten.Vieles, was unsreHändegeleistetundunsreHerzenerdachthaben, viele kleine Erfolgeim Leben, wovonwir wissen: Der Herr hat sieunsgeschenkt!Dankbarkeit – In der biblischenTraditionhandelte es sichumErstlingsfrüchte: sobald die Ernteanfing, sollte der ersteErtragdemHerrngeweiht werden.So wie es heute noch jungeMenschengibt, die sagen: “WennicheinmaleinebezahlteArbeitbekomme, kaufeichvomerstenGehalteinschönes Geschenk fürmeineEltern!”

Dankbarkeit – Bei den Judenfeiert man es als schavuót, als das Wochenfest, fünfzigTagenach Pesach, alsoauch noch imFrühsommer.Die Amerikanerfeiernim November ihrenThanksgivings Day, den Tag der Dankbarkeitfür allen Segen, den sieimLaufe des Jahresempfangenhaben.Es ist gut, aufVergangeneszurückzublickenundunsreSegnungenaufzuzählen.Aber in der Bibel hat der Begriff der Ernteauch noch einenganz anderen Sinn.WennwirvomErtragmenschlicherArbeit reden, wirdunsklar, dasseinErtragsich nicht immer soeinfachaufweisenlässt.Das wissen wiraus eigener Erfahrung: Wirhabenuns viel Mühegegeben, wirgebenuns noch immer viel Mühe, aber wo ist der erwarteteErfolg?In einemschönen Psalm (126, 6) wird die Mühemitdem Wort “Tränen” angedeutet.“Die mitTränensäen, werden mitFreudeernten; siegehenhinundweinen, undstreuenihren Samen, und kommen mitFreudenundbringenihreGarben.”Aha! Da handelt es sich nicht umeineErnte, die schonwar, sondernumeineErnte, die noch aussteht, die noch zuerwartenist!

Das GleichnisvomUnkrautunterdemWeizen, das wirheutegelesenhaben, sprichtauchdavon.MenschlicheArbeitistgeleistet worden, sinnvolleArbeit, so wollen wirhoffen.Aber manche Arbeit war auchsinnwidrig, ja manche ArbeitwurdemitschlechterAbsichtgeleistet.Was der eine Mensch aufzubauenversuchte, wurdevomandernmutwilligabgebrochen.Vielleichtsindwirsogarselberbisweilensodummgewesen, unsereguteArbeitzuverderbenund die Ziele, denenwirnachgingen, zuverdunkeln.Darum wirdgesprochenvoneinem Acker, aufdemsowohlWeizen als auchUnkrautwächst.Könntenwir nicht – ja solltenwir nicht – das BösesofortvomGutenunterscheidenund es energischausjäten, es zunichtemachen?“Nein,” sagt der weiseAckermann, “lasst beide miteinanderwachsen bis zurErnte; undum die Erntezeitwillichzu den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkrautundbindet es in Bündel, damit man es verbrenne; aber den Weizen sammelt mir in meineScheune.”Da gibt es alsoeineErntezeit, auf die wirgernevorausgreifenmöchten.WirmöchtenjetztschonGutesvonBösemtrennenundunsunsrergutenTaten erfreuen.Wirmöchtenjetztschon das Bösemit Namen nennenundmitdemZeigefingeranweisen, wer Schuld daran hat.Aber es wirdunsgesagt: Habt Geduld! Die Erntezeitist noch nicht gekommen, jemandAndererwirdübereureTaten richten – das ist nicht eureSache.

Die grosse Erntezeit … wannwirdsie kommen?Schon die biblischenProphetenhabendavongesprochen,oftum den Gottlosen das bevorstehendeUrteilanzukündigen, den grimmigen Tag des Herrn.Jesus hat auch in anderemSinndavongesprochen: “Siehe, ich sage euch, hebt eureAugenaufundsehtauf die Felder, dennsiesindreifzurErnte” (Johannes 4, 35). Und: “Die Ernteistgross, der Arbeiterabersindwenige; darumbittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiteraussende in seineErnte!” (Lukas 10, 2)Die Felder, die reifsind – da beziehtsichJesusauf die vielen Menschenkinder, die auf die frohe Botschaft vomKönigreichGotteswarten.Nicht umsonstfällt das jüdischeErntefest, fünfzigTagenachOstern, mitdemchristlichenPfingstfestzusammen.Der Geist des auferstandenen Christus kam über die Apostel, undschonwurden die erstendreitausendSeelenfür den Heiland gewonnen. WelcheineErnte!UndumseineArbeiterzu sein – dazusindauchwirberufen, einjedervonuns, der aus eigener ErfahrungGottesLiebe, GottesGnade, Gottes Trost erfahren hat!Alles, was Gottdichim Leben hat entdeckenunderfahren lassen – das alles bist du berufen, weiterzugeben.EinArbeiter in GottesErnte bist du, wenn du dies alles in Wort undTatdeinemNächstenweitergibst.

So kommen wirdannauchzurDeutung, die der Apostel Paulus für die Erntegibt.Er sammelt bei den Gemeinden in MazedonienfinanzielleUnterstützungfür die notleidendeGemeinde in Jerusalem ein, undbenutztdabeiebenfalls das BildvonSaatundErnte.Dennsozitiert Paulus ein Wort ausdemBuch des Sprüche: “Wer da kärglichsät, der wirdauchkärglichernten, undwer da sätimSegen, der wirdaucherntenimSegen.”“Gebtgrosszügig – soschreibt er – undmitfreudigemHerzen, denn den fröhlichenGeber hat Gottlieb.”Was wirfürunsrenotleidendenGeschwistertun, wirdGottunsvergelten.Man könntemeinen: Soseialso bei Paulus die Kollekte der WeisheitletzterSchluss, wie es in christlichenKreisenauchsozu sein scheint.Auf EnglischgibtesdafüreinwitzigesWortspiel: Pray and pay – “Bete und bezahle.”Wieviel du betest, weissnur der LiebeGott; wieviel du bezahlst, könnenwirzählenundregistrieren.

LiebeSchwesternundBrüder, darübersoll es bei unskeineMissverständnissegeben.UnserKollektengeldist, ebenso wie der Schmuck bei unsermErntedankfest, nureinSymbolvonetwas viel Grösserem: von der Hingabeunseres Lebens für das Gottesreich.Von einerjungeAmeri-kanerin, die ihr Leben dem Dienst des Herrnwidmenwollte, wirderzählt, dasssieimGottesdienstaneinemSonntagmorgeneinmalnebstein paar Dollar einZettelchenauf die Opferschalelegtemit den Worten: Andmyself, ifdeemedworthy– “Undmichselbst, fallswürdigbefunden.”AuchdieserZettel war nureinSymbol, abereinsehrvielsagendes; sie hat dann bis anihrLebensendefür den auswärtigenMissionsdienstgearbeitet.Hier, zumErntedankfest, habenwir in schönemSchmuck die Früchte des Feldesaufgestellt.Aber bedenken wir doch, dassauchdieseDarstellungnureinSymboleines noch viel Grösserenist: Unser Herz, unsern Verstand, unsern Willen dürfenwiraufGottesAltar legen.Hast du das schongetan? Hast du dein Leben bereitswirklichdemgöttlichenMeisterübergeben?Wenn du das tust, dannwird er dir sicher die nächstenSchrittezeigen, die du gehenkannst.

Klaus van der Grijp

Das Heil für alle, die glauben

­­­Jesaja 55, 1 – 5

Römer 10, 9 – 13

18. September 2016

17. SonntagnachTrinitatis Matthäus 15, 21 – 28

“Kommtzumir,” sohabenwir das Prophetenwortgehört. “Neigt eureOhrenundkommt her zumir! Höret, sowerdetihrleben!” Es isteinRufzum Heil, zumGlück, zum Leben. Ähnlich wie das wohlbekannte Wort Christi: “Kommt alle zumir, die ihrmühseligund beladen seid, undichwerdeeuchRuhe schenken.” Gott ruft den Menschenund der Mensch antwortet. Wie steht das bei uns, die wir hier die Bibelzuverstehensuchen? Wann hat Gottdennangefangen, dichzurufen? Undwannhast du zumersten mal verstanden, dass es Gott war, der dichrief? Es gibt in der Bibel die Geschichtevom kleinen Samuel, der von seiner Mutter ins Heiligtum gebracht wurde, umzueinemDienerGotteserzogenzu werden. Einmal, mitten in der Nacht, hörte er seinen Namen rufen: “Samuel!” Er meinte, es wäre sein Meistergewesen, der Priester, der ihngerufenhatte. Er ging zuihmundfragte, was der alte Mann wünschte. “Nein, Samuel, du irrstdich – war die Antwort –, ichhabedich nicht gerufen.” Samuel legt sich wieder hin, aber das Ereigniswiederholtsich. “Samuel, Samuel!” Erst als Samuel diesenRufzumdritten Mal hörte, verstand es, dass es Gottselber war, der ihnrief. Und er verneigtesichundsprach: “Sprich, Herr, dein Knecht hört!” Wennwir in unsereigenes Leben zurückblicken, kannunsetwasÄhnlichespassiert sein. einefeierlicheStunde, die wir als Kindererfahrenhaben, eineinschneidendesErlebnis, an das wiruns noch lange erinnerthaben, einweises Wort, voneinemliebenMenschengesprochen – es könnensolcheBegebenheiten sein, wodurchzumersten Mal an die TürunsresHerzensgeklopftwurde. “Samuel, Samuel!” Undvielleichtgehörst du zudenjenigen, die danneinesTages verstanden haben, dass es Gott war, der dichrief: “Komm her zumir, höreaufmein Wort, sowirst du leben!” Du standestaufund du gingst. Auf den RufGottesfolgtedeineAntwort. DieseAntwortnennt die Bibel den Glauben. Glaubeist die Antwortauf den RufGottes. Bei dem kleinen Samuel war dies der Anfang, der sein Leben weiterhinbestimmte. Auch bei unsgibt es einenGlauben als Anfang, vielleicht bei der Konfirmationoder noch viel früher, undeinenGlauben, der erprobt, bewährt, gestärktwird; einenGlauben, der reift, wenn der Mensch selberzurReifeheranwächst. AusdemRömerbriefhabenwirheute das Wort gelesen: “Wenn du mirdeinemMundebekennst, dassJesus der Herrist, und in deinemHerzenglaubst, dassihnGottvon den Toten auferweckt hat, sowirst du gerettet werden.” Glaubenmitdem Mund, glaubenmitdemHerzen: die Worte, die du sprichst, und die Gefühle, die du hegst, siegehörenzusammen. “Kommtzumir!” spricht der Herr, und es istfürunseinetäglicheÜbung, dieses Kommen durchzuführen. Es istso, wie Mose es nach der Überlieferung den Israelitengebotenhatte: “NehmtnundieseWortezuHerzenund in eureSeeleundbindetsiezumZeichenaufeure Hand; rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunter-wegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst” (5. Mose 11, 18 – 19). Die Worte des Herrn? Der Apostel Paulus beruftsichauf die kürzeste Form des Glaubens-bekenntnisses in der frühchristlichenKirche: “Christus istHerr!” Darinist alles Übrigeeinge-schlossen. Dass der auferstandene Christus Herrdeines Lebens ist – wenn du das mitdemMundebekennstund es vonHerzenglaubst, dannist es gut mit dir. Der Glaubeist die BewegungunsresHerzens, mitdemwiruns die WorteGottesaneignenkönnen.“Kommtzumir,” heisst es imProphetenwort. “Kommtzumir – sagtJesus – alle, die ihrmühseligund beladen seid.” Der Ruf des Herrn gilt allen MenschenkindernohneAusnahme. Paulus sagtdazu: “Es ist hier keinUnterschiedzwischenJudenundGriechen.” Gottes Heil gilt der ganzen Völkerwelt. Und Paulus zitiertdann wieder einProphetenwort: “Wer den Namen des Herrnanruft, der wirdgerettet werden.” Der Apostel ist das lebende Beispiel davon, wie der Ruf Christi ausdemgeschlossenenKreis des jüdischenVolkesheraustritt in die Welt der Völker. Es mussverkündigt werden, alle sollen es wissen!Die GeschichteausdemEvangelium, die wirheutegelesenhaben, von der phönizischen Frau, die  Jesus als den Sohn Davids anriefund deren Tochterdaraufhingeheiltwurde, dürfenwir als einbescheidenes Vorspiel betrachten vondem, was dannfolgte. Der Glaubekommt nicht vonselber, er musserweckt werden. UnddieseErweckungkannnur kommen, indem das Wort Christi verkündigtwird. “Verkündigt” soll es werden – UnsereLutherbibelspricht da von “predigen”, richtig;aber das Wort, das Paulus gebraucht, hat noch eineweitereBedeutung. Der Verkündigerist der Herold, der mitTrommelnund Trompeten die guteNachricht in alle Welt ausposaunt. “JesusistHerr, JesusistHerr!” Alle Welt soll es hören, dennnurwer den Rufhört, wirdauchimstande sein, zuglauben. “Wie sollen sieglauben – fragt der Apostel – wenn es ihnen nicht verkündigtwurde?” Was in der Gemeindegeschieht, sollundkannsoetwas wie eineKettenreaktion sein. Das Wort Christi wirdverkündigt, es wirdgehörtund es erweckt den Glauben, aber der Glaubewillwiederumweiter-gegeben werden. Es ist wie das Echo imHochgebirge: EinlauterRuf (!) wiederholtsichweiterundweiter, man kannihn immer noch hören. Soist es mit der Verkündigungvon Christi Herrschaft. Paulus war einer der ersten, die den Ruf schallen liessen. Bald tönte das Echo überallimRömischen Reich, baldwurde es von anderen Verkündigernübernommen: JesusistHerr, JesusistHerr. Hörenwir es nicht auch hier, in Kiew, in unsererKirche? Die Folgerungistklar. Das Wort Christi ist nicht diesenweiten Weg gegangen, um bei unssanfteeinzuschlafen. Wennwir es recht gehörthaben, wird es auchuns wieder zuVerkündigernmachen. Das Wort, das wirmitdem Mund bekennen undmitdemHerzenglauben, wird hier weitergegeben. Vielleichtso, wie Mose es dem Volk hat beibringen wollen: “Rede davon, wenn du in deinemHausesitztoderunterwegs bist, wenn du dichniederlegstundwenn du aufstehst.” Rede davonundlebeaus der Freude, die das Wort dir schenkt. Christi Wort – deineAntwort. Sodürfenwirlebenunter der Herrschaft Christi. Amen.

Klaus van der Grijp

Die Sprache der grossen Liebe

Johannes 15, 1 – 8                                                                                                       29. Mai 2016

1 Joh 5 : 1 – 4

Der erste Johannesbrief steht voll von Andeutungen, deren Sinn wir uns erst einmal klarmachen sollten. Als Gläubige sind sind wir  – so sagt der Apostel – “von Gott (oder auch aus Gott) geboren.” Sehr schön, aber wie soll ich mir das vorstellen? Wie kann ich mir das veranschaulichen? Dass Gott etwa die Gläubigen gebiert, sie zur Welt bringt, wie eine Mutter ihre Kinder? Es wäre schön, wenn wir uns Gott so mütterlich vorstellen dürften, dass Ihm sogar eine Entbindung nicht fremd wäre. Aber diese Vorstellung geht mir nun doch ein bisschen zu weit. Der Gedanke an eine göttliche Geburt bringt mir vielmehr die Worte ins Gedächtnis, die der griechische Dichter Homer in seiner Odyssee öfters wiederholt. Er spricht von der “aus Nebeln geborenen, rosenfingrige Morgenröte.” Die Sonne geht auf, und durch die rosigen Nebelwolken bricht der Tag hervor. Das ist ein schönes Bild! So etwa könnte ich mir vorstellen, dass jemand aus Gott geboren wird! Und tatsächlich, wir finden das Bild auch in der Bibel, nämlich im Buch der Richter, wenn die Richterin Debora ihr Siegeslied singt (5, 31): “Die Ihn liebhaben – so singt sie – sollen sein wie wenn die Sonne aufgeht in ihrer Pracht.”

Gott liebhaben und aus Gott geboren werden – darum handelt es sich auch im Ersten Johannesbrief. Gott liebhaben, ja, das können wir – so heisst es (4, 19) –, “weil er uns zuerst geliebt hat.” Als Gläubige werden wir dessen teilhaftig, was zu Gott gehört. Und das ist an erster Stelle: seine Liebe, denn Gott ist Liebe. Unser Autor wiederholt das an mehreren Stellen, um es uns gut einzuprägen: Gott ist Liebe, Gott ist Liebe, Gott ist Liebe. Wer aus Gott geboren wird, bekommt Gottes Liebe als Geburtsgeschenk mit!

Es gibt – zumindest in der Wortwahl des Johannes – einen schroffen Kontrast zwischen Gott und der Welt. Wir wissen es: Die Welt ist zwar gute Schöpfung Gottes, aber sie ist auch das Vergängliche, das Flüchtige, das Unzuverlässige. “Die Welt vergeht mit ihrer Lust,” – wiederum zitiere ich den Ersten Johannesbrief –, “wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.” Dieses Bleiben, im Gegensatz zu allem Vergänglichen und Flüchtigen, das ist auch ein Begriff, den der Brief uns einschärfen will. Es ist wie das bekannte Jesaja-Wort (40, 8), das wir meistens in der Adventszeit lesen: “Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes bleibt ewiglich.” Unser Gott ist standhaft, zuverlässig; auch wenn alles um uns herum ins Wanken gerät – er ist der Bleibende und sein Wort hält stand. “Das Wort unseres Gottes!” Es ist nicht ein allgemeiner Gottesbegriff, wie etwa der Gott der Philosophen, nein, er ist unser Gott: der Bleibende ist bei uns und geht mit uns, so sagt es das Prophetenwort. Oder wiederum mit Johannes (1. Joh 2, 14): “Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch.”

Welch eine Zusage! Die Stärke Gottes wird unsere Stärke, denn das Wort Gottes bleibt in euch.Es bleibt – da haben wir es wieder. In schwachen Augenblicken dürfen wir uns daran erinnern. Wenn wir an uns selber zweifeln, ob wir durchhalten werden, ob wir einer schweren Aufgabe auch gewachsen sein werden, so dürfen wir es uns sagen lassen: “Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch.”

Gott in uns … Jemand wird mir sagen, das sei Mystik. Nun gut, aber so steht es in der Bibel, und es hilft uns, wenn die äussere Welt uns bedrängt: “Der in euch ist, ist grösser als der, der in der Welt ist” (4, 4), und “alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt” (5, 4). Das ist das Geheimnis aller jener Gläubigen, deren Mut und Beharrlichkeit für uns ein Beispiel geworden sind, sei es bei unseren eigenen Vorfahren, sei es irgendwann in der Geschichte der Christenheit. Denn sie wussten: Der in uns ist, ist grösser als der, der in der Welt ist, und alles, was von Gott geboren ist, überwindet die Welt!

Gott in uns … Aber nun gilt auch das Umgekehrte: Wir in Gott! “Wer in der Liebe bleibt,” so heisst es, ”in dem bleibt Gott und er in Gott.” Gott ist sozusagen ein Raum, ein Schutz, ein Heiligtum, in dem ich als Gläubiger verweilen darf, und zwar nicht bloss für einen Augenblick, in einer Sternstunde meines Lebens, sondern ständig, ja, bleibend: ich darf bleiben in Gott! Das erinnert mich an die Psalmen, wo Gott unsere Burg genannt wird; dass wir unter dem Schirm des Höchsten sitzen dürfen und unter dem Schatten des Allmächtigen bleiben; dass er uns mit seinen Fittichen decken wird; dass wir Zuflucht haben werden unter seinen Flügeln, denn seine Wahrheit ist Schirm und Schild (Psalm 91, 1. 4). Nicht nur Gott will in mir bleiben, sondern auch ich darf bleiben in Gott! Das wird also gesagt von denen, die aus Gott geboren sind.

Nun kann es aber nicht anders, oder Johannes bringt dabei den zur Sprache, der als erster – vor allen Zeiten – aus Gott geboren ist: Christus, den eingeborenen Gottessohn. “Gott von Gott, Licht von Licht, wahrer Gott vom wahren Gott.” Die innige Gemeinschaft zwischen Gott und dem Gläubigen wird vermittelt durch Christus, dem Scharnier, dem Gelenkpunkt zwischen Gott und uns. Johannes sagt das schon gleich zu Anfang seiner Epistel: “Unsere Gemeinschaft ist mit dem Vater und mit seinem Sohn, Jesus Christus (1, 3).” Dementsprechend, ein paar Kapitel weiter: “Wer nun bekennt, dass Jesus Gottes Sohn ist, in dem bleibt Gott, und er in Gott.” Wir wissen es: Christus ist nicht ein anderer, neben Gott, zu dem wir eine parallele Beziehung aufzubauen hätten, sondern er zeigt uns das Wesen Gottes, in ihm wird ja die Liebe Gottes offenbar. Wie können wir uns das vorstellen? Welches Bild schwebt uns dabei vor Augen?

Gleich wie wir uns unsere Beziehung zu Gott als eine Geburt vorzustellen versuchen, vermittelt uns das Evangelium des heutigen Sonntags ein Bild aus der Botanik: den Weinstock und die Reben. Auch hier handelt es sich um gegenseitige Durchdringung: Die Rebe ist nichts ohne den Weinstock. “Bleibt in mir,” so sagt Jesus, “und ich in euch. (…) Wer in mir bleibt, und ich in ihm, der bringt viel Frucht.”

Bleiben in Jesus, Jesus mit sich und in sich herumtragen – sind das etwa verschwommene, nebulöse Begriffe? Ich glaube es nicht. Es ist die Sprache der Liebe. Wer schon einmal richtig verliebt gewesen ist, kann es bestätigen. “Bei allem was ich tue, sage oder denke, steht sie mir vor Augen” – und das Mädchen wird sagen: “Bei allem muss ich immer wieder denken an ihn, an ihn, an ihn…” Herzliche Liebe zu Jesus lässt sich damit vergleichen. Und dann handelt es sich natürlich nicht um die Gefühlsregung eines Augenblicks, nicht um eine Liebe, die morgen wieder erkaltet. Nein: “Bleibt in meiner Liebe, bleibt in mir!” Es ist ein Aufruf zur Beständigkeit. In einem schönen Passionslied heisst es:

“In meines Herzens Grunde / dein Nam’ und Kreuz allein

funkelt all Zeit und Stunde, drauf kann ich fröhlich sein!”

Das wollen wir uns sagen lassen: Fröhlich sein – auch heute, ungeachtet aller unserer Sorgen! Amen.

Klaus van der Grijp

Beweisen kann man das nicht

Lukas 5, 1 – 11

1.Korinther 1, 18 – 25

26. Juni 2016

5. Sonntag nach Trinitatis

Der Apostel Paulus war noch nicht dabei, als Petrus und seine Gefährten den wunderbaren Fischzug erlebten.Sie waren auf das Wort Jesu mit ihrem Boot in tiefes Wasser gefahren, und siehe da, sie fingen soviele Fische, dass ihre Netze zu reissen drohten. Und dann sprach Jesus diese bedeutungsvollen Worte: “Von nun an wirst du ein Menschenfischer werden!” Nicht Fische fangen, sondern Menschen fangen im Netz der frohen Botschaft! Dieses “Fangen” ist dann natürlich im übertragenen Sinn gemeint. Wenn Fische im Netz gefangen werden, können sie nicht mehr heraus; sie werden an Land gezogen und sterben dann durch Atemnot. Wenn Menschen in das Netz der frohen Botschaft gezogen werden, so werden sie gerade zu neuem Leben befreit. Jesus wollte dem Petrus sagen: Du wirst mir folgen – und du wirst viele Menschen für das Königreich Gottes gewinnen.

Wenn Petrus das nicht sofort kapiert hat, dann hat er es wohl nachher verstanden, zu Pfingsten, als der Heilige Geist ausgegossen wurde und sich an einem Tag dreitausend Seelen taufen liessen. Menschen fangen … Wer die Apostelgeschichte liest, kann sich nur wundern, wie sich in wenigen Jahrzehnten das Christentum über das Mittelmeergebiet ausbreitete: nach Syrien, nach Klein-Asien, nach Griechenland, nach Rom und vielleicht sogar schon nach Spanien. Wir sehen da den Apostel Paulus rastlos von einem Ort zum andern reisen: Juden, Griechen, römische Staatsbürger wusste er für Christus, seinen Meister, zu gewinnen. Menschen fangen – sicher, das gelang ihm!

Natürlich längst nicht überall. Wir erfahren auch von Enttäuschungen und Misserfolgen.

Es war wohl wie bei dem wundersamen Fischzug, von dem uns der Evangelist Lukas erzählt: viele Fische gerieten in das Netz, andere entwischten und schwammen davon.Aber Gott sei  Dank, wir gehören zu denen, die irgendwie gefangen wurden: zwar nicht direkt durch Petrus oder durch Paulus – aber immerhin durch die Kraft des Evangeliums. Jemand – oder vielleicht mehrere Personen – haben an das Netz gezogen … und schwups! Man hat uns gefangen.Hier sitzen wir, als Gläubige in der Katharinenkirche, mit dem Blick auf das Geheimnis, das uns zu Gläubigen gemacht hat: den gekreuzigten Christus.

Wie sagt Paulus es im 1. Korintherbrief, woraus wir ein paar Verse gelesen haben?“Für uns, die wir selig werden, ist das Wort des Kreuzes eine Gotteskraft.” Seien wir uns klar darüber: Es steckt keine Philosophie dahinter, keine wissenschaftliche Begründung. Es ist anders als beim Marxismus, deren Grundlagen man vielen von uns noch in der Schule hat beibringen wollen. Es ist auch  anders als beim modernen Humanismus, der sich nur auf des Menschen Dasein und auf seine Erfahrungen beruft – wenn auch der Humanismus in manchen Dingen dem Christentum nahe steht.

Nein – “für uns, die wir selig werden, ist das Wort des Kreuzes eine Gotteskraft.”Wie hat es uns erreicht? Wie haben wir uns in sein Netz fangen lassen? Vielleicht einfach durch die grenzenlose Liebe des Gekreuzigten: Er gab sein Leben für uns, er war getreu bis in den Tod, er trug was wir nicht tragen konnten. Vielleicht hat uns eigene Leidenserfahrung näher zum Gekreuzigten gebracht. Was wir erfuhren, hat auch er erfahren, obwohl er Gottes Sohn ist; ja, noch viel Schlimmeres muss er gelitten haben als wir: “Mein Gott, warum hast du  mich verlassen?” Vielleicht – ja, das glaube ich sicher! – steht für uns hinter dem Kreuz das Geheimnis der Auferstehung, der Sieg des Leben über den Tod hinaus. Wenn uns ein lieber Mensch gestorben ist und wir über seine sterblichen Überreste das Zeichen des Kreuzes machen, dann sagen wir damit: “Mein Liebster, meine Liebste, auch bei dir wird der Tod nicht das letzte Wort haben!”

Es kan viele Gründe, viele Anlässe geben, wodurch das Wort des Kreuzes uns lieb wird. Aus der Matthäuspassion, die unser Kirchenchor in vergangenen Jahren mehrmals aufgeführt hat, kennen wir diese Arie:

Komm, süßes Kreuz, so will ich sagen,

mein Jesu, gib es immer her.

Wird mir mein Leiden einst zu schwer,

so hilfst du mir es selber tragen.

Die Liebe zum Kreuz und zu dem Gekreuzigten – wie können wie die einem Ungläubigen erklären? Der Apostel Paulus schreibt darüber an die Gemeinde in Korinth, die Besuch bekommen hatte von gelehrten Predigern, die die Korinther zu ihrer Weisheit zu überreden suchten. Es gab in Korinth natürlich auch Juden, und diese wollten Zeichen sehen, Beweise, dass Paulus die Wahrheit sprach, wie sie schon zu Jesu Lebzeiten nach Beweisen fragten.Nein! sagt Paulus, für die tiefsten Geheimnisse des Lebens gibt es keine Argumente, keine Beweise – sie bewegen sich auf einem andern Niveau!Man sagt euch, liebe Korinther, dass das Torheit sei? Nun gut, nennen wir es einmal Torheit. Aber es hat Gott gefallen, durch diese angebliche Torheit “selig zu machen, die daran glauben.”

Die Torheit des Kreuzes! Das Wort war als Beschimpfung gemeint, und siehe da – es wird eine ehrenvolle Bezeichnung. “Denn die Torheit Gottes ist weiser, als die Menschen sind, und die Schwachheit Gottes ist stärker, als die Menschen sind.” Neulich las ich ein Buch über einen jungen Mann, einen Franzosen, der im 2. Weltkrieg in deutsche Kriegsgefangenschaft geraten war. Unglaubliche Grausamkeiten hat er gesehen und selber erlitten, und viele seiner Gefährten sind dabei ums Leben gekommen. Aber als er, wie durch ein Wunder, den Tag der Befreiung erleben durfte, wusste er eines ganz sicher: “Jetzt will ich Theologie studieren! Jetzt will ich den Leuten erzählen können, wie Jesus inmitten solcher Unmenschlichkeiten Mensch geworden ist, um uns zu neuen Menschen zu machen.” Ich habe diesen Mann gekannt. Zum letzten Mal traf ich ihn, als er schon über achzig Jahre war. Er hat das Geheimnis des Kreuzes ein Leben lang mit sich herumgetragen und es anderen weitergegeben.

Liebe Schwestern und Brüder, Gott legt dieses Geheimnis auch in unsere Mitte nieder.  Das Zeichen des Kreuzes will uns immer wieder daran erinnern.Wir haben hier unsern schönen Kruzifix an der Wand, viele von uns haben vielleicht zu Hause etwas Ähnliches zur täglichen Besinnung hingestellt; ich trage gerne als Krawattennadel das goldene Kreuzchen, das mir meine Mutter einmal geschenkt hat. Alle diese Zeichen sind wie eine Einladung, des Wortes vom Kreuz innezuwerden: der grenzenlosen Liebe unseres Heilandes, der Schwachheit Gottes, die stärker ist als alle Mächte des Schicksals. Das ist das Evangelium! Wenn du noch nicht in dieses Netz gefangen bist, so lass dich fangen, heute. Das Netz wird nicht zerreissen,  Nimm dir das Wort des Kreuzes zu Herzen. Amen.

Klaus van der Grijp

 

Richtet nicht!

Römer 14, 10 – 13

Lukas 6, 36 – 42

19. Juni 2016

4. Sonntag nach Trinitatis

“Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist! Wohl dem Menschen, dem der Herr die Schuld nicht zurechnet, in dessen Geist kein Trug ist!” Der 32. Psalm ist ein Lied der Freude über die Güte Gottes. Ist das nicht eines der wesentlichen Dinge, wodurch sich der Gott der Bibel kennen lässt? Dass er barmherzig ist und gnädig und geduldig und von grosser Gnade und Treue? Dann ist aber in der Bibel auch die Rede vom Richterstuhl Gottes, vor den – nach des Paulus Worten im Römerbrief – wir alle einmal gestellt werden! Der Richterstuhl Gottes, das jüngste Gericht – nach welchen Normen werden wir dort beurteilt werden? Wird es dort eine Waage geben mit auf der einen Schale unsere guten Taten, auf der anderen, was wir Böses getan haben? Und stellt euch vor: Wenn die Waage zeigt, dass die bösen Taten schwerer wiegen als die guten – was dann? Wird der liebe Gott dann heimlich ein halbes Pfund von seiner Güte auf die leichtere Schale legen, so dass sie sich doch langsam hinunter neigt? Vielleicht …!

Ich glaube, es ist gut, wenn wir irgendwie in dieser Spannung leben und deswegen in unserm eigenen Verhalten die Güte, die Nachsicht zu betrachten versuchen, die wir uns von Gott erhoffen.

Jesus spricht: “Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist – und richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet.” Ich denke wiederum an das Bild der Waage. Auf die eine Schale lege ich, was mir an einer mir bekannten Person sympathisch ist. Auf die andere lege ich alles, was mich an diesem Menschen irritiert, was mich stört, was mich zornig macht. Sollte ich dann die Bilanz ziehen und vielleicht sagen: “Nein, mit so jemandem will ich nichts zu tun haben”? Weiss ich denn sicher, ob nicht meine Gereiztheit und meine Ungeduld die Waage auf die böse Seite haben ausschlagen lassen?

Habe ich auch wirklich richtig verstanden, was den andern getrieben hat, als er so-und-so handelte?

Es gibt in den modernen Sprachen einen schönen Ausdruck, den ich in diesem Zusammenhang für sehr wichtig halte: “Gib dem andern den Vorteil des Zweifels!” Im Zweifelsfall, urteile lieber zu seinen Gunsten. Es ist doch besser, den andern nicht zu verurteilen, auch wenn er es vielleicht verdient hätte, als den andern zu verurteilen, wenn es sich nachher zeigt, dass er unschuldig ist. Ich denke auch an kleine Vergeltungstaten im gesellschaftlichen Umgang. Wie oft handelt man nicht im Sinne von “wie du mir, so ich dir!” Früher waren wir einmal Freunde, aber diesmal hast du mir zu meinem Geburtstag nicht gratuliert – kein Telefonanruf, keine E-Mail, nichts. So! Morgen ist dein Geburtstag, da wirst du von mir auch keinen Glückwunsch bekommen…! Das wäre so ungefähr das biblische Vergeltungsprinzip,”Auge um Auge, Zahn um Zahn.” Es ist möglich, dass der andere meine Freundlichkeit nicht gut empfangen würde – nun ja, in dem Fall sei lieber zurückhaltend. Aber wiederum – im Zweifelsfall, enthalte dich eines Urteils!

Wie steht es nun aber mit Menschen, deren Lebensstil oder Weltanschauung wir nicht teilen?

Da kann es manchmal heftige Konflikte geben. Eltern und Grosseltern meinen, in ihren Kreisen pflege man einen gutbürgerlichen Lebensstil, so wie es sich eben gehört, oder man gehöre natürlich der Kirche an, in der man geboren und getauft worden ist. Wenn man als Mann und Frau einen gemeinsamen Haushalt aufbauen will, solle man doch erst heiraten! Aber siehe da: Die jungen Leute machen einfach alles, wie es ihnen passt: sie leben nur su drauf los und meinen, wir seien altmodisch!

Ja, aber auch hier sagt Jesus: “Richtet nicht, so werdet ihr nicht gerichtet; verdammt nicht, so werdet  ihr nicht verdammt; vergebt, so wird euch vergeben.” Vielleicht haben die jungen Leute über ihre Entscheidung besser nachgedacht als ihr meint, und sicher sind sie in einer anderen Gesellschaft aufgewachsen als ihre Eltern vor dreissig und ihre Grosseltern vor sechzig Jahren!

Freilich gibt es in der Gesellschaft eine Tendenz, wonach sich jeder nur für sich selbst verantwortlich fühlt und sich um die Ansicht anderer einfach nicht kümmert. Aber seien wir ehrlich: Eine Haltung der Gleichgültigkeit für den Nächsten und einer egoistischen Konzentration auf die eigenen Interessen hat es auch zu Grossmutters Zeiten schon gegeben! Vernünftig sind die Eltern, die durch ihre Lebensweise den Nachkommen die Werte zeigen, auf die es ihnen wirklich ankommt, so dass diese Nachkommen sich eines Tages mit Freude und vielleicht mit einem gewissen Stolz erinnern werden: Meine Eltern, meine Grosseltern – das waren prima Leute!

Auch wenn der Nächste auf religiösem Gebiet ganz anders denkt als ich, ist es meine Aufgabe, diesen Nächsten zu verstehen. Wir erleben in Westeuropa heute unterschiedliche Reaktionen auf die wachsende Zahl der Muslime. Es gibt eine schroffe Anti-Islam-Bewegung: “Je weniger solcher Leute wir in unsrer Umgebung haben, um so besser wird es sein!” Unser Urteil ist dann fertig. Zum Glück gibt es auch auch andere, die sagen: “Gerade jetzt können wir zeigen, dass wir dem andern ein Nächster sein wollen; wir können versuchen zu verstehen, was ihn treibt, was er erlebt hat, bevor wir ihn kennenlernten.” Ob sich der Muslim auch für unsern christlichen Glauben interessieren wird? Ich weiss: da gibt es Barrieren. Aber sicher ist, dass der andere uns nicht verstehen will, wenn wir unsererseits uns nicht bemühen, ihn zu verstehen. Die Grundfrage: Wenn ein Muslim betet, betet er dann zum selben Gott wie wir bei unserm Vater-Unser? Wer wird darüber urteilen? Bete aufrichtig und von ganzem Herzen, wer immer du bist! Und vor dem Richterstuhl wirst du einmal die Antwort wissen.

In meiner Heimat habe ich Signale der Grosszügigkeit kennengelernt: Muslime, die eine Gruppe von Christen einladen zum Ende des Ramadan: “Lernt unsere Bräuche kennen, kostet die Spezialitäten, die wir zu diesem Fest bereitet haben!” Und dann ist der nächste Schritt: Wir laden die Muslime zu unserer Weihnachtsfeier ein, wir lassen sie unsere schönen Weihnachtslieder hören und lassen sie von unserm Weihnachtsgebäck kosten. Solche Kontakte machen klar, dass wir zwar anders denken und anders glauben, dass wir aber füreinander offenstehn und einander das Beste gönnen. Man verliert die Angst voreinander, die zur Abschottung führen könnte; man verliert das Misstrauen, das dazu führen kann, jedem bösen Klatsch über den andern zu glauben.

“Gebt – sagt Jesus – und es wird euch gegeben werden.” Dies sagt er im Zusammenhang mit unserm Urteil über den Nächsten: Sei nicht kritzelig und nicht knauserig. “Ein volles, gedrücktes, gerütteltes uns überfliessendes Mass wird man euch in den Schoss geben. Mit dem Mass, mit dem ihr messt, wird man euch wieder messen.” Amen.

Klaus van der Grijp

Vom Glauben reden

Psalm 22, 26

Johannes 4, 23 -30

1.Timotheus 1, 12 – 17

12. Juni 2016

3. Sonntag nach Trinitatis

“Das ist gewiss wahr und ein Wort, des Glaubens wert, dass Jesus Christus in die Welt gekommen ist, die Sünder selig zu machen.” Ein schöner Spruch, der uns erinnert an die Worte, die Jesus sprach, als er in das Haus des Zöllners Zachäus einkehrte: “Der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist” (Lukas 19, 10). Im Grunde beteuren solche Worte derselben Wahrheit, die uns auch das nizänische Glaubensbekenntnis vorhält: Christus ist “für uns Menschen und zu unserm Heil vom Himmel gekommen” und er wurde “für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus.” Es sind Glaubenssätze der Gemeinde, die dem Gläubigen auch heute noch eine tiefe Wahrheit vermitteln können.

Aber wenn nun der Apostel Paulus seinem treuen Helfer Timotheus solche Worte schreibt, dann bekommen sie irgendwie einen besonderen Mehrwert. Es steht dahinter nicht nur der Glaube einer namenlosen Gemeinde, sondern auch die ganz persönliche Erfahrung eines Menschen, dem die Gnade zuteil geworden ist. Es spricht hier einer, der auf sein früheres Leben zurückblickt als auf das eines Lästerers, eines Verfolgers und eines Frevlers – aber der auch sagen kann: “Mir ist Barmherzigkeit widerfahren!” Er spielt an auf seine Bekehrung vom Christenverfolger zum Christenapostel, die Erfahrung, von der auch der Brief an die Galater und die Apostelgeschichte mehrfach berichten.

Dieses persönliche Zeugnis von einem, der verloren war und durch Gottes Gnade ein neuer Mensch geworden ist – darauf kommt es hier an! Wer in der Bibel herumblättert, findet mehrere solcher Zeugnisse. Ich denke beispielsweise an den 22. Psalm, den Psalm, der anfängt mit der erschütternden Klage: “Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?” Der Beter dieses Psalmes erfuhr dann aber irgendwie die Gnade Gottes und will davon erzählen. “Ich will deinen Namen kundtun meinen Brüdern, ich will dich in der Gemeinde rühmen, (…) denn der Herr hat nicht verschmäht das Elend des Armen. (…) Dich will ich preisen in der grossen Gemeinde!” Wir wissen nicht, was diesem Psalmdichter widerfahren ist: ob es Krankheit war, oder Verfolgung, oder irgend ein anderes Elend. Worauf es hier ankommt ist diese Einzelstimme, die Stimme eines Menschen, dem Gottes Erbarmen widerfahren ist. Und dann die Folge: “Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden, und vor ihm anbeten alle Geschlechter der Heiden.”

Ein anderes Beispiel finden wir im Neuen Testament, in der Geschichte von Jesus mit der Samariterin beim Jakobsbrunnen. Das Leben dieser Frau war nicht in Ordnung; es wurde in der Stadt über sie gemunkelt. Sie war darüber unglücklich. Das Gespräch mit Jesus brachte sie aber zur Selbsterkenntnis und gleichzeitig zu einem noch viel tieferen Verstehen:“Da liess die Frau ihren Krug stehen und ging in die Stadt und spricht zu den Leuten: Kommt, seht einen Menschen, der mir alles sagt, was ich getan habe – ob er nicht der Christus sei!” Dann fügt der Evangelist noch etwas hinzu: “Es glaubten an ihn viele der Samariter aus dieser Stadt um der Rede der Frau willen, die bezeugte: Er hat mir alles gesagt, was ich getan habe.” Das Zeugnis einer Menschenseele, die verloren war und durch die Gnade Gottes wiedergefunden wurde! Die Geschichte geht aber noch einen Schritt weiter. Jesus bleibt ein paar Tage bei den Samaritern, und zuletzt sagen sie zu der Frau: “Von nun an glauben wir nicht mehr um deiner Rede willen, denn wir haben selber gehört und erkannt: Dieser ist wahrlich der Welt Heiland!”

Es ist das selbe Schema, das wir auch in unserm Psalm haben beobachten können: Das beeindrückende Zeugnis des Einzelnen löst eine Kettenreaktion aus: “Es werden gedenken und sich zum Herrn bekehren aller Welt Enden!” Da sind wir dann wiederum bei dem Apostel Paulus und bei der Gnade, von der er sein Zeugnis ablegt. Er spricht die güldene Regel, “dass Christus in die Welt gekommen ist, um Sünder selig zu machen,” und direkt darauf folgt die Aussage: “Darum ist mir Barmherzigkeit widerfahren (…) zum Vorbild denen, die an ihn glauben sollen zum ewigen Leben.”

Christus bedient sich des Zeugnisses einzelner Gläubiger, um damit anderen, vielen, vielen anderen, den Weg zum Glauben zu öffnen.

Es ist gut, wenn wir lernen, von unsern Glaubenserfahrungen zu sprechen. Ich freue mich, wenn ich sehe, wie das manchmal in unserm spontanen Gesprächskreis zugeht. Da wird nicht nur über Allgemein-heiten gesprochen, nicht nur darüber, wie freundlich wir zueinander sind in dieser evangelischen Gemeinde. Nein – durch bestimmte Aussagen und Bemerkungen lässt auf einmal jemand sehen, wie er oder sie die Beziehung zu Gott erfährt.  Ich glaube, es ist sehr wertvoll, wenn wir solche Momente in der Gemeinde erleben dürfen; ein persönliches Wort aus persönlicher Erfahrung!

Eine Bekehrungsgeschichte braucht es nicht zu sein. Paulus – wir wissen es – hatte sein Damaskuserlebnis. Blitzartig wurde ihm klar: Dieser Jesus, den ich verfolge, will mein Heiland, mein Erlöser werden! Es gibt Christen, die von so einem Damaskuserlebnis aus eigener Erfahrung zu berichten wissen: “Da und dort, an jenem Tag, um soviel Uhr, da geschah es: Da wurde ich durch Gottes Gnade zu einer lebendigen Hoffnung wiedergeboren!” Es gibt sogar Christen, die meinen, ein jeder, der sich Christ nennt, solle von einer solchen Erfahrung berichten können. Das wird dann aber gleich wieder zu einem Gebot: “Du sollst …!” Warum denn eigentlich? Gott handelt mit einem jeden von uns in seiner eigenen Weise, je nach Charakter, Persönlichkeit, Lebenslauf. Es ist aber ein Segen Gottes, wenn wir die einzelnen Stimmen unserer Brüder und Schwesten hören dürfen, die erfahren haben, dass unser Gott ein lebendiger Gott ist, der im Leben jedes seiner Kinder wirkt.

Es gibt in der Bibel so ein schönes Wort: “Freimut.” Meistens handelt es sich da um das mündliche Zeugnis von dem, was Gott getan hat. In der Apostelgeschichte kommt es wiederholt vor: Es handelt sich da jedesmal darum, dass die ersten Christen offen und frei erzählen von dem, was sie von ihrem Glauben erfahren haben. Noch im letzten Vers des letzten Kapitels, wo erzählt wird, dass Paulus zwei volle Jahre in Rom in seiner eigenen Wohnung verblieb, heisst es: Er predigte das Reich Gottes “mit allem Freimut, ungehindert.”

In unsern Kreisen sind wir da manchmal ein bisschien scheu. Ist das die Erinnerung an die Sowjet-Union, wo jedes Reden von  Religion unerwünscht war? Oder ist es die bürgerliche Diskretion, der man auch in Westeuropa gerne beipflichtet, und nach der Religion einfach Privatsache sei? Ich erinnere mich mit Wohlgefallen meiner Jahre in Brasilien, wo man bei einer längeren Busfahrt leicht mit einem Mitreisenden ins Gespräch kam – und es dann sein konnte, dass man gefragt wurde: “Und was ist den ihre Religion? Ach ja, und was glaubt man da denn eigentlich?” Meine Religion – davon könnte ich Ihnen so manches erzählen … Amen.

Klaus van der Grijp

 

Keine Scheidewand mehr

Lukas 9, 1 – 6

Epheser 2, 17 – 22

5. Juni 2016

2. Sonntag nach Trinitatis

“So seid ihr nun nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen!” Nicht mehr Gäste und Fremdlinge – diese Wortkombination kommt dem Bibelleser irgendwie bekannt vor. Gäste und Fremdlinge – was waren das für Leute in der Welt der Bibel? Fremdlinge – ein Fremdling ist einer, der in einem Lande wohnt, wo er nicht zu Hause ist, dessen Sprache und Sitten ihm vielleicht fremd sind. Vom Erzvater Abraham wird gesagt, dass er ein Fremder war im Lande Kanaan, weil er irgendwo aus Mesopotamien stammte. Gott hatte ihm dieses Land zwar versprochen, aber er hatte darauf keinen Rechtsanspruch. Als seine Frau starb und er sie bestatten wollte, musste er dazu von den einsässigen Hetitern ein Grundstück kaufen – und er sagte zu ihnen: “Ich bin ein Fremder und Beisasse bei euch” (1. Mose 23, 4). In späteren Zeiten, als sich die Israeliten im Lande der Verheissung niedergelassen hatten, wurde ihnen durch das Gesetz des Mose eingeschärft, Fremde und Beisassen besonders nachsichtig zu behandlen – denn sie sollten nicht vergessen, dass ihre Väter hier einmal als Fremde gewohnt hatten.

Gehörte aber das Land nun wirklich den Israeliten? Hatten sie ein Anrecht darauf? Eigentlich durften sie niemals vergessen, dass das gute Land ein Geschenk Gottes war. Sie wohnten darin durch Gottes Gnaden! In einem Psalm (39, 13) heisst es: “Denn ich bin ein Fremdling bei dir, ein Fremdling wie alle meine Väter.” Die Fremdlingschaft setzt sich immer noch fort! Einem Bericht aus dem 1. Buch der Chroniken zufolge (29, 15) sieht der alte König David auf sein Leben zurück und betet: “Denn wir sind Fremdlinge und Gäste vor dir wie unsre Väter alle: unser Leben auf Erden ist wie ein Schatten und bleibt nicht.” Ah! Das geht aber noch einen Schritt weiter! David sagt nicht, dass er im Lande Israel noch ein Fremdling und ein Gast ist, sondern er sagt es über sein ganzes Leben auf Erden. Jetzt geniesst er es noch, aber es bleibt nicht – es ist flüchtig wie ein Schatten.

Leben wie ein Fremdling und ein Gast auf dieser Erde – das ist also die Andeutung einer Glaubens-weise!

Mit dieser Einsicht blättern wir weiter in der Bibel und kommen zum Brief an die Hebräer. Im 11. Kapitel lesen wir über den Glauben, und was der Glaube alles vermag. Ein Prediger, dessen Name uns unbekannt ist, durchläuft da die ganze biblische Geschichte von den ersten Menschen über Noah bis Abraham, und noch weiter. Dazu sagt er dann (Vs.13): “Diese alle sind gestorben im Glauben und haben das Verheissene nicht erlangt, sondern es nur von ferne gesehen und gegruesst und haben bekannt, dass sie Gäste und Fremdlinge auf Erden waren.” Der Verfasser des Hebräerbriefes macht dann einen nahtlosen Übergang vom Alten zum Neuen Testament, wenn er schreibt (Vs. 26), Mose habe die Schmach Christi für grösseren Reichtum gehalten als die Schätze Ägyptens, denn Gott hatte mit ihm und mit uns etwas Besseres vor. “Sie warteten auf die Stadt, die einen festen Grund hat, dessen Baumeister und Schöpfer Gott ist” (Vs. 10). Sie alle waren Gäste und Fremdlinge, denn sie wussten: Es gab für sie eine Heimat, eine Vaterstadt, in der sie einmal wirklich zu Hause sein würden.

So – und jetzt kommen wir zu unserer Epistellesung aus dem Epheserbrief: “Ihr seid nicht mehr Gäste und Fremdlinge, sondern Mitbürger der Heiligen und Gottes Hausgenossen.” Was sind wir nun eigentlich? Immer noch Gäste und Fremdlinge, wie die Glaubenshelden aus Hebräer 11? Oder wohnen wir bereits im Haus Gottes, das er uns erbaut hat? Ich glaube, wir sind beides, je nachdem von welcher Seite man es betrachtet. So wie Martin Luther über den gläubigen Menschen gesagt hat, er sei gleichzeitig ein Sünder und ein Gerechtfertigter, so sind auch wir gleichzeitig Fremdlinge und Hausgenossen Gottes – wir haben unsere Bürgerschaft im Himmel.

Unser Vorbild sind die Jünger Jesu, die – wie wir es im Evangelium lesen – auf Wanderschaft geschickt wurden: “Ihr sollt nichts auf den Weg mitnehmen, weder Stab noch Tasche noch Brot noch Geld; es soll auch einer nicht zwei Hemden haben. Wenn ihr in ein Haus geht, dann bleibt dort, bis ihr weiterzieht. Und wenn sie euch nicht aufnehmen, dann geht fort aus dieser Stadt und schüttelt den Staub von euren Füssen.” Ein Bild der Wanderschaft, der andauernden Pilgerschaft.

Fremdlinge und Gäste … Der Apostel Paulus sieht in Gedanken vor sich die Begegnung von Gläubigen zweierlei Art: die Altgläubigen, die Juden also, denen sich Gott schon vorzeiten offenbart hat, und die Neugläubigen, die ehemaligen Heiden, die jetzt von dieser Offenbarung ihr Teil bekommen. Uns als Neugläubigen wird gesagt: Seid herzlich willkommen, ihr gehört nun auch zu uns, Alt- und Neugläubige sind von nun an Hausgenossen. Fremdlinge und Gäste sind wir gewissermassen beide; schon Erzvater Abraham war ein Fremdling. Fremdlinge sind wir auf Erden, unser Leben ist wie ein Schatten und bleibt nicht. Aber das geistliche Haus, in dem wir wohnen, ist von den Aposteln und Propheten erbaut worden, und der Eckstein ist kein anderer als Jesus Christus.

In Christus und durch Christus gibt er keine Scheidewand mehr, wir gehören alle zusammen im einen Glauben.

Nun denke ich aber noch einen Schritt weiter. In der heutigen Welt handelt es sich nicht bloss um Juden und Nichtjuden. Kriege und Katastrophen haben Menschen aus vielen Nationen zusammengewürfelt: Europäer aller Art, Asiaten, Afrikaner. Viele sind Fremde füreinander, es gibt Scheidewände, manchmal auch wirklich Mauern, wodurch sie voneinander getrennt bleiben wollen.

Aber Christus ist Mensch geworden: Mensch, nicht Europäer, Asiat oder Afrikaner. Seine Mensch-werdung ist für uns, die wir an ihn glauben, ein Zeichen, dass wir grundsätzlich alle Hausgenossen sind. Keiner darf sagen: “Dies ist mein Land, meine Kultur, mein Volkstum – und ihr seid auf unserm Boden die Fremden.” Nein! Das sind Formen des Patriottismus und Nationalismus, die sich zwar immer wieder breit machen, die aber überwunden werden sollten.

Gäste und Fremdlinge sind wir gewissermassen alle, wir sind in dieser Welt auf Pilgerschaft. Ich glaube, es ist im Sinne des Apostels Paulus, wenn wir sagen: Dadurch, dass Gott seinen Sohn in die Welt gesandt hat, müssen wir uns bei all unserer Verschiedenheit doch auch als Hausgenossen verstehen. Die Einheit von Altgläubigen und Neugläubigen ist sozusagen das Modell, nach dem die zerbröckelte und zerstückelte Menschheit den Weg zur gemeinsamen Grundlage finden kann. Der Nächste spricht zwar eine andere Sprache als du, er hat vielleicht eine andere Hautfarbe, eine andere Religion. Aber wir dürfen lernen zu sagen: Du bist ein Mensch wie ich, ich bin ein Mensch wie du.

In dieser einen Welt werden wir den Weg zueinander finden, einander akzeptieren um Christi willen. Amen.

Klaus van der Grijp