Reformationsgeschichte

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Zum Geleit

Im Hinblick auf die Reformationsfeier 2017 habe ich versucht, in einer gemeindlichen Gesprächsgruppe den Anfang und den Hergang der Reformation anhand autentischer Zitate darzustellen. Jede Sitzung der Gruppe sollte sich womöglich auf eine historische Gestalt oder auf ein bestimmtes historisches Ereignis konzentrieren. Querverbindungen, die es beispielsweise zwischen den verschiedenen Ansätzen zur Kirchenreform immer wieder gab, konnten dadurch nur andeutungsweise berücksichtigt werden. Um die Grundkenntnisse, die den Teilnehmern der Gesprächsgruppe vermittelt wurde, einem grösseren Kreis zugänglich zu machen, habe ich dem Vorschlag Folge geleistet, meine Notizen in allgemein verständlicher Form auszuarbeiten und dabei jeweils die benutzten Zitate hinzuzufügen. Besonderen Dank bin ich meiner Mitarbeiterin Lisa Safonowa verschuldet, die sich, wie schon im Gesprächskreis, so jetzt auch bei dieser schriftlichen Wiedergabe, grosse Mühe für die Übersetzung gegeben hat.

 

1. Der Anfang: John Wyclif

Die Meinung, dass die Kirche in mancher Hinsicht reformbedürftig war, wurde im Spätmittel-alter von breiten Schichten des christlichen Abendlamdes geteilt. Dies galt (1) dem Verhältnis von Kirche und weltlicher Obrigkeit, wo die erstere – jedenfalls in Theorie – weitgehend von der letzteren Abhängig war. Ein weiteres Übel war (2) die zügellose Moral der Geistlichkeit, die den von der Kirche verordneten Regeln in keiner Weise mehr entsprach. Aber auch (3) hatte die kirchliche Lehre, ihre Theologie, durch die starren Systeme der Scholastik weit von der lebens-nahen Botschaft der Bibel entfernt.

Das allgemeine Unbehagen hatte schon im 13. Jahrhundert zu neuen Initiativen geführt: Dem Reichtum der kirchlichen Oberschicht wurde das Ideal eines Christentums in Armut entgegen-gesetzt. Neue Mönchsorden (Franziskaner, Dominikaner) sollten sich keine irdischen Güter sammeln, sondern von den Spenden barmherziger Gönner leben; sie nannten sich deshalb Bettelorden. Sie lebten auch nicht länger in klösterlicher Abgeschiedenheit, sondern mitten unter dem Volk, das sie nun durch volksnahe Predigten zu erbauen suchten. Einen  Ausweg aus der Verklemmung der Scholastik fanden manche durch einen verinnerlichten Glauben, jenseits der Grenzen des Sagbaren: die Mystik.

Die Kritik an der Kirchenleitung spitzte sich zu in der Empörung über den Sitz des Papst-tums, der unter französischem Einfluss von Rom nach Avignon verlegt wurde (1309 – 1376), sowie über das Entstehen eines Doppelpasttums (1376 – 1417) mit konkurrierenden Päpsten an beiden Orten. Man verlangte nach einer “Reform der Kirche in Haupt und Gliedern”. Zwei Konzile (Konstanz, 1414-1418) und Basel (1431 – 1449) beseitigten längst nicht alle Misstände. [Read more...]