Die mysteriöse Dreierzahl

Jesaja 6, 1 – 7                                                                                                              22. Mai 2016

Römer 11, 33 – 36

“Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!”Es ist ein Lobpreis des Allmächtigen, den Juden und Christen in ihren Gebeten oftmals zitieren: Die Juden in ihrem täglichen Achtzehnbittengebet, die Christen in der Vorbereitung auf das Herrenmahl. “Heilig, heilig, heilig!” Das Tris-hagion, Dreimal-Heilig, ist ein fester Bestandteil der ostkirchlichen Liturgie. Der Prophet Jesaja hörte es die Seraphinen singen vor dem Thron des Allerhöchsten: Himmlische Wesen, nicht nur zwei, wie man uns manchmal erzählt, sondern viele, ja, die ganzen himmlischen Heerscharen, von denen gesagt wird, dass jeder von ihnen drei Paar Flügel hatte –auch hier wiederum drei.

Fromme Christen verbinden diese Dreierzahl sofort mit ihrer Vorstellung von der Dreieinigkeit Gottes: Heilig ist der Vater, heilig ist der Sohn, heilig ist der Geist. Ähnlich deuten sie dann auch die Geschichte, wie der Erzvater Abraham seine drei Gäste empfing, die in ihrer Dreierzahl doch gleichzeitig den einen Gott darstellen. Wir erinnern uns der Dreieinigkeitsikone von Andrei Rubljow: sie sitzen da an einem Tisch, die lichtumkränzten Häupter zueinander hingeneigt – und für den Gläubigen sind sie soviel wie Gott der Vater, Gott der Sohn und Gott der Heilige Geist.

Nun möchte ich aber hinter dem Dreieinigkeitsdogma, das bekanntlich erst im vierten nachchristlichen Jahrhundert formuliert wurde, einmal ein paar Schritte zurückgehen. Wie erklärt es sich, dass gerade diese Zahl drei so bedeutsam geworden ist? Sie ist bedeutsam in der Bibel, aber auch im weltlichen Sprachgebrauch. “Aller guten Dinge sind drei,” sagt man auf Deutsch, und in anderen Sprachen gibt es dafür ähnliche Redewendungen. In den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm lesen wir die Geschichte von einer Mutter, die drei Töchter hatte, und die dritte Tochter hatte drei Augen im Kopf! Wieviel Volkserzählungen gibt es nicht über einen König, der drei Söhne hatte – und mit dem dritten geschah dann immer etwas ganz Besonderes.

Im Alten Testament wird uns von den drei Söhnen Noachs erzählt: Sem, Cham und Jafeth – und von diesen Dreien soll das ganze Menschengeschlecht abstammen. Im Neuen Testament finden wir das Gleichnis von den anvertrauten Zentnern: Ein Mensch ging auf Reisen und vertraute sein Kapital drei Knechten an, die damit wirtschaften sollten. Und dann wir uns erzählt von dem einen und dem andern – der dritte aber … und so weiter.

Dieser Zahl drei muss wohl eine ganz elementare Bedeutung haben; sie hat ihren Ursprung bestimmt in einer allgemein menschlichen Erfahrung, wie die Zahlen fünf und zehn, die von unsern fünf Fingern herrühren, und die Zahl zwölf, die mit den zwölf Monaten des Jahres zusammenhängt.

Auf der Suche nach einer Antwort habe ich die griechischen Philosophen zu Rate gezogen. Schon der alte Pythagoras, dessen Satz über das rechtwinklige Dreieck wir in der Schule gelernt haben, hat über die Zahl drei tief nachgedacht. Wenn wir in der Geometrie von der geraden Linie – die nur eine Dimension kennt – zur Fläche übergehn wollen – also zur zweiten Dimension – dann ist die einfachst denkbare Figur das Dreieck. Und in der Räumlichkeit – also in der dritten Dimension – ist die einfachste Figur der Tetra-eder, also eine Art Pyramide, die sich aus vier Dreiecken zusammen-stellt.

Drei Dimensionen – ja, in drei und nicht mehr als drei Dimensionen besteht die Welt, in der wir leben! Wenn wir darüber nachdenken, belanden wir bei den Grundlagen der Schöpfung!  Und tatsächlich verband Pythagoras, der Philosoph aus dem 6. vorchristlichen Jahrhundert, seine Zahlenlehre mit einer religiösen Weltanschauung. Die räumliche Welt ist aufgebaut mit Hilfe von Dreierzahlen: eins, zwei, drei – Länge, Breite und Höhe. Die materielle Welt beruht auf Dreier-zahlen, z.B. Eis, Wasser und Dampf, drei Aggregationszustände einer und der selben Materie. Auch die unsichtbare Welt – unser Denken, unsere Logik – ist in Dreischritten strukturiert. Man denke nur an den Dreischritt These, Antithese und Synthese, der noch in der marxistischen Gesell-schaftsanalyse so wichtig war.

Auch in der Götterwelt hat man dieses Prinzip schon früh verstanden. Zeus, der Gott der Menschenwelt, Poseidon, der Gott des Meeres, und Hades, der Gott der Unterwelt, regieren zusammen die ganze Schöpfung. Bei den Indern gibt es Brahma, Vischnu und Schiwa, die beziehungsweise Schöpfung, Bewahrung und Zerstörung darstellen. Sie gehören zusammen, und die indischen Mystiker wissen, dass alle drei schliesslich nur Erscheinungsformen einer letzten, grundlegenden Wirklichkeit sind.

Nun kommen wir noch einmal zurück auf den Gesang der Seraphinen bei Jesaja:“Heilig, Heilig, Heilig ist der Herr Zebaoth, alle Lande sind seiner Ehre voll!” Alles, was die Griechen und die Inder über ihre verschiedenen Götter verteilten, ist hier in dem einen Herrn der Heerscharen zusammengebracht. Es gibt nur diesen einen: die Dreierzahl von Erde, Luft und Wasser ist voll von der Ehre dieses einen Gottes! Kann ich mir so etwas vorstellen? Nein! Es geht weit über meinen Verstand, weit über mein Vorstellungsvermögen. Also stimmt es: Gott – der Dreieinige – Vater, Sohn und Geist, die drei Personen in einem Wesen, wie es die Kirchenväter des vierten Jahrhunderts formulierten? Etwa so, wie sich im Menschen Seele, Leib und Geist unterscheiden lassen, die aber trotzdem zusammen nur diesen einen Menschen bilden?

Ich glaube es den Kirchenvätern gerne, und ich wiederhole es mit Liebe im kirchlichen Glaubensbekenntnis. Aber es ist gut, dass wir heute dazu auch noch über das Staunen des Apostels Paulus gelesen haben: ”O welche Tiefe des Reichtums, beides der Weisheit und der Erkenntnis Gottes!” Tiefe, Weisheit, Erkenntnis – ja, das waren Grundbegriffe in der Auseinandersetzung des Apostels mit seinen Gemeinden, nicht nur mit den Römern, sondern auch mit den Korinthern und mit den Kolossern. Und wirklich, da haben wir schon wieder die Dreierzahl: Tiefe, Weisheit, Erkenntnis! Unbegreiflich sind Gottes Gerichte und unerforschlich seine Wege.

Paulus stellt daraufhin noch drei rhetorische Fragen – ja, wiederum drei, und alle drei sind es Zitate aus den Propheten des Alten Testaments: “Wer hat des Herrn Sinn erkannt? Wer ist sein Ratgeber gewesen? Wer hat ihm etwas zuvor gegeben, dass Gott es ihm vergelten müsste?” Drei Fragen, auf die es natürlich nur eine Antworten gibt: “Keiner, keiner, keiner.” Nein, keiner ist Gott gleich, sagt uns Paulus, denn “von Ihm und durch Ihn und zu Ihm sind alle Dinge.” Im Volksmund sagt man gerne: “Aller guten Dinge sind drei.” Und das Wort Gottes sagt uns dazu: Alle Dinge sind in dreifacher Weise auf den einen Gott bezogen: in ihrem Ursprung – von Ihm – in ihrem Dasein – durch Ihn – und in ihrem Ziel – zu Ihm. In Ihm ist der Anfang, die Mitte und das Ende auch unseres Daseins in dieser Welt. “Alle Lande sind seiner Ehre voll” – oder mit den Worten des Paulus:

“Ihm sei Ehre in Ewigkeit. Amen.”

Klaus van der Grijp