Reformationsgeschichte

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Zum Geleit

Im Hinblick auf die Reformationsfeier 2017 habe ich versucht, in einer gemeindlichen Gesprächsgruppe den Anfang und den Hergang der Reformation anhand autentischer Zitate darzustellen. Jede Sitzung der Gruppe sollte sich womöglich auf eine historische Gestalt oder auf ein bestimmtes historisches Ereignis konzentrieren. Querverbindungen, die es beispielsweise zwischen den verschiedenen Ansätzen zur Kirchenreform immer wieder gab, konnten dadurch nur andeutungsweise berücksichtigt werden. Um die Grundkenntnisse, die den Teilnehmern der Gesprächsgruppe vermittelt wurde, einem grösseren Kreis zugänglich zu machen, habe ich dem Vorschlag Folge geleistet, meine Notizen in allgemein verständlicher Form auszuarbeiten und dabei jeweils die benutzten Zitate hinzuzufügen. Besonderen Dank bin ich meiner Mitarbeiterin Lisa Safonowa verschuldet, die sich, wie schon im Gesprächskreis, so jetzt auch bei dieser schriftlichen Wiedergabe, grosse Mühe für die Übersetzung gegeben hat.

 

1. Der Anfang: John Wyclif

Die Meinung, dass die Kirche in mancher Hinsicht reformbedürftig war, wurde im Spätmittel-alter von breiten Schichten des christlichen Abendlamdes geteilt. Dies galt (1) dem Verhältnis von Kirche und weltlicher Obrigkeit, wo die erstere – jedenfalls in Theorie – weitgehend von der letzteren Abhängig war. Ein weiteres Übel war (2) die zügellose Moral der Geistlichkeit, die den von der Kirche verordneten Regeln in keiner Weise mehr entsprach. Aber auch (3) hatte die kirchliche Lehre, ihre Theologie, durch die starren Systeme der Scholastik weit von der lebens-nahen Botschaft der Bibel entfernt.

Das allgemeine Unbehagen hatte schon im 13. Jahrhundert zu neuen Initiativen geführt: Dem Reichtum der kirchlichen Oberschicht wurde das Ideal eines Christentums in Armut entgegen-gesetzt. Neue Mönchsorden (Franziskaner, Dominikaner) sollten sich keine irdischen Güter sammeln, sondern von den Spenden barmherziger Gönner leben; sie nannten sich deshalb Bettelorden. Sie lebten auch nicht länger in klösterlicher Abgeschiedenheit, sondern mitten unter dem Volk, das sie nun durch volksnahe Predigten zu erbauen suchten. Einen  Ausweg aus der Verklemmung der Scholastik fanden manche durch einen verinnerlichten Glauben, jenseits der Grenzen des Sagbaren: die Mystik.

Die Kritik an der Kirchenleitung spitzte sich zu in der Empörung über den Sitz des Papst-tums, der unter französischem Einfluss von Rom nach Avignon verlegt wurde (1309 – 1376), sowie über das Entstehen eines Doppelpasttums (1376 – 1417) mit konkurrierenden Päpsten an beiden Orten. Man verlangte nach einer “Reform der Kirche in Haupt und Gliedern”. Zwei Konzile (Konstanz, 1414-1418) und Basel (1431 – 1449) beseitigten längst nicht alle Misstände.

Einen erfolgreichen Protest gab es aber in England, das als Inselstaat von jeher eine gewisse Selbständigkeit gegenüber den kontinentalen Mächten beansprucht hatte. Dort war die Gesellschaft reif für das Vorgehen des Priesters John Wyclif (1320 – 1384), der Dozent für Kirchenrecht und Bibelexegese in Oxford und gleichzeitig ein beliebte Volksprediger war. Eine glaubwürdige Kirche sollte seines Erachtens in Armut leben und auf weltliche Macht verzichten. Dass er den Strom kirchlicher Abgaben an den päpstlichen Sitz in Avignon stoppen wollte, hörten die Engländer, die ja in ständigem Krieg mit Frankreich verwickelt waren, nur allzu gerne. Für das Kirchenvolk hatte Wyclif ein einfaches Rezept:

Man lese doch die Bibel, und zwar nicht mit allerhand “allegorischen” Umdeutungen, sondern im Sinne, wie der Kirchenvater Augustin es empfahl! In seiner Abhandlung Von der Wahrheit der Heiligen Schrift sagte er darüber Folgendes:

So bleibt uns die Aufgabe, die heute am weitesten verbreiteten Irrtümer und allgemeinen Auffassungen bezüglich der Schrift ein wenig zu diskutieren, sowohl weil darin das Heil der Gläubigen besteht, als auch weil sie die Grundlage jedweder katholischen Ansicht ist und das Vorbild und der Spiegel, mit dem jeder Irrtum oder jede ketzerische Verzerrung untersucht und getilgt werden soll.

[Wycliff spricht dann vom Unterschied zwischen dem klaren und dem angeblich “dunkeln”  Sinn der Schrift. Der Kirchenvater Augustin folgert daraus:]

“An den leicht verständlichen Worten derer, die die Schrift verfasst haben, dürfen wir uns also dementsprechend beim Reden und Argumentieren ein Beispiel nehmen, indem wir ihnen als demütige Lehrlinge nachfolgen, ohne uns ihnen in ihrer Autorität gleichzustellen.” (…) Wir sollen uns den Verfassern der Heiligen Schrift, wenn wir sie kommentieren, nicht in ihrer dunkeln Ausdrucksweise und ebenso wenig in der Autorität ihres Redens gleichsetzen; wenn wir nur den verständlichen Sinn ihrer Worte zum Ausdruck bringen. Denn Gottes Gnade hat es so gefügt, dass wir nicht nur in der Zeit ihre Nachkommen sind, sondern ihnen auch als ihre Jünger nachfolgen dürfen.

[Wiederum zitiert er Augustin mir den Worten:] “Alles was der Mensch von ausserhalb der Schrift lernen möge, wird dort verurteilt, wenn es schädlich ist; ist es aber etwas Nützliches, so findet man es dort vor. Und wenn auch jemand dort alles vorfände, was er sonst irgend-wo gelernt hat, so wird er diese Dinge nirgends reichlicher vorfinden als wie sie nur in der wunderbaren Tiefe und wunderbaren Einfalt dieser Schriften gelehrt werden” [So schreibt der Kirchenvater an einen gewissen Volusian, dass alle Gesetzgebung, alle Philosophie, alle Logik und alle Ethik in der Heiligen Schrift zu finden ist.] Der grösste  Philosoph, ja die Weisheit selber, ist also Christus, unser Herr. Indem wir ihm folgen und von ihm lernen, sind auch wir Philosophen, und wenn wir etwas Falsches lernen, weichen wir von der Meinung jener Gesegneten ab, die die rechten Philosophen sind.

Folgerichtig kamen unter Wyclifs Leitung und Anregung verschiedene Bibelübersetzungen aus dem Latein in die Volkssprache zustande. Diese wurden eifrig benützt von den “Lollarden”, Wanderpredigern, die gemäss dem Ideal der Armut durchs Land zogen. Dass es in England gleichzeitig Bauernaufstände gab, ist wohl kaum als Folge dieser Bewegung zu deuten. Einige von Wyclifs Thesen, zumal seine Leugnung der Transsubstantiation, wurden 1382 von einer Londoner Synode verurteilt, er selbst aber blieb unbehelligt. Die “Lollarden” wurden verfolgt, ihre Bewegung lebte im Untergrund weiter.

Der Name des Bibelübersetzers lebt weiter im Verein der Wyclif Bible Translators, gegrün-det 1942. Er hat jetzt über 100 Mitgliedvereine in vielen Ländern. Ziel: Die Bibel (ganz oder auch teilweise) in alle Sprachen der Welt zu übersetzen. Bis jetzt sind Bibeln oder Teile der Bibel in 2800 von den 6877 noch lebenden Sprachen übersetzt!

2. Tschechisches Selbstbewusstsein: Jan Hus

Die von Wyclif in Gang gesetzte Bewegung fand ihre Fortsetzung im Königreich Böhmen. In Prag residierte neben dem böhmischen König auch der König des Heiligen Römischen Reiches. Ab 1376 fielen beide Würden in Personalunion auf Wenzel (IV. von Böhmen) zusammen. Dieser wurde 1400 von den Kurfürsten abgesetzt. Als König von Böhmen regierte dann faktisch Wenzels Bruder Sigismund, der 1411 die “deutsch-römische” Krone und nach Wenzels Tod 1419 auch die böhmische Hausmacht übernahm.

An der Prager Karls-Universität lehrte seit 1402 der Priester Jan Hus Philosophie und Theologie. Durch Verbindungen mit der Universität Oxford lernte er die Schriften Wyclifs kennen und begeisterte sich dafür. Er predigte dann häufig in der Prager Bethlehemskapelle in tschechischer Sprache. In seinem Traktat Was ist Glauben? äussert er sich folgendermassen.

Du sollst wissen, dass du weder an den Papst, noch an den heiligen Petrus, noc an die Jungfrau Maria glauben sollst; glaube aber, dass, was sie gesagt hat, wahr sei. Dann wirst du ihr und von ihr glauben, aber nicht an sie. (…) Glaube auch dem Papst, wenn er die Wahrheit sagt, und glaube vom Papst, dass er wenn er sich an das Gesetz Gottes und die Taten der Apostel hält und wenn er Christus und den Aposteln nachfolgt, heilig sei. Widerspricht aber sein Leben dem Leben Jesu Christi, ist er ein Widersacher Christi, obglaich er den Platz und das Amt Christi innehat. (…) Die Priester schrecken gewöhnlich das ungelehrte Volk mit dem Heiligen Vater, alsob er der Herrscher aller Welt wäre und als ob er tun könnte, was immer er wollte.Und besonders die welche die päpstlichen Anordnungen studieren und viele Pfründe erwerben wollen, die sie sich erschmeicheln müssen, sagen, dass der Papst nicht irren könne, dass den Papst niemand bestrafen dürfe, dass ihm niemand sagen dürfe: “Warum tust du dies?”, denn er sei der heiligste Vater. 

(…) Alle Christen sollen glauben, was Gott sie zu glauben geheissen hat. Obgleich nicht jeder alles weiss oder kennt, was geglaubr werden soll, so soll er doch bereit sein, es demütig anzunehmen, wenn ihm aus der Heiligen Schrift die Wahrheit kundgetan wird, und wenn er an einer falschenLehre festhält, die Wahrheit zu erkennen und alsogleich von dem Irrtum zu lassen. Und es ziemt einem jeden Menschen, sich an keinem Satz unüberlegt festzuhalten, sondern nach der Erkenntnis Gottes sich bis in den Tod an sie zu klammern. Die Wahrheit nämlich gibt am Ende die Freiheit. Der Herr Jesus sagt: “So ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch  frei machen.”

Darum, frommer Christ, suche die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sprich die Wahrheit, halte die Wahrheit fest, verteidige die Wahrheit bis zum Tode, denn die Wahrheit befreit dich von der Sünde, vom Teufel, vom Tode der Seele und schliesslich vom ewigen Tod, der den ewigen Abschied von Gottes Gnade bedeutet und von aller Glückseligkeit. Diese Glückseligkeit aber erlangt der, welcher an Gott und an Jesus Christus, den wahren Gott und wahren Menschen, glaubt. 

Die Universität war, entsprechend der demografischen Lage des Landes, nach den vier „Nationalitäten“ Bayern, Sachsen, Polen und Böhmen (Tschechen) gegliedert. Als nun die Universität zum Abendländischen Schisma – dem Doppelpapsttum – Stellung nehmen sollte, wurde Hus zum Wortführer der Tschechen. Die Tschechen erklärten sich zusammen mit König Wenzel in bezug auf das Schisma für neutral, während die Deutschen zusammen mit dem Römischen König Sigismund und Erzbischof Zbynko an der römischen Obödienz festhielten. Um nun bei der Vorbereitung für das Konzil von Konstanz die Neutralität der Universität zu gewährleisten, erteilte Wenzel den Böhmen drei Stimmen, den Bayern, Polen und Sachsen zusammen dagegen nur eine.

Bald kam es zur Eskalation: (1) Zbinko liess die Thesen Wyclifs verbrennen und verhängte den Bann über Hus. (2) Die Ablassbulle des römischen Papstes zugunsten eines “Kreuzzugs” gegen den König von Neapel führte zu einem Volksaufstand der Tschechen. Im Gegenzug entzogen nun die Universität und König Wenzel Hus ihren Schutz.

Zur Sanierung kirchlicher Misstände wurde das Konzil von Konstanz einberufen (1414 – 1418). Hus traute sich, mit Geleitschutz des Römischen Königs Sigismund, zur Verteidigung seiner Ansichten nach Konstanz zu reisen, wurde dort aber in Kerkerhaft genommen, als Ketzer verurteilt und starb am 6. Juli auf dem Scheiterhaufen.

Die Volkswut gegen seine Mörder entflammte dann die “Hussitenkriege” (1419 – 1434), die bis hin zur Ostsee die Massen in Mitleidenschaft zogen. Der radikaler Flügel wurde besiegt; die Gemässigten überlebten als “Utraquisten” (Latein utraque = beiderlei: Kommunion mit Brot und Wein, auch für die Laien). Ab 1467 kam es zu einem Zusammenschluss mit den Waldensern als “Unitas Fratrum”, Brüdergemeinde, und diese wiederum machte im 18. Jahrhundert einen erstaunlichen Neuanfang.

 

3. Das 15. Jahrhundert: Zeitalter einschneidender Veränderungen

Um zu verstehen, was sich im 16. Jahrhundert in der Kirche alles geändert hat, müssen wir uns die grossen Veränderungen vergegenwärtigen, die das Abendland schon im 15. Jahrhundert aufweist. Erstens schon auf geopolitischem Gebiet: Aus Ost-Europa zog sich das Mongolenreich zurück. Grossmächte wurden nun das Königreich Polen und das Grossfürstentum Litauen, in einer Personalunion zusammengefasst. Das Grossfürstentum Moskau betrachtete sich nun als Hüter der Orthodoxie. Das osmanische Reich eroberte Konstantinopel (1453) und drang in Europa bis Ungarn hervor (1520), an der südlichen Mittelmeerküste bis Algerien. Die Christenheit lebte hier in ständiger Bedrohung durch die Türken.

Im Westen hingegen fühlte sie sich siegesgewiss. Die maurische Herrschaft auf der Iberi-schen Halbinsel wurde zurückgedrängt: aus Portugal schon 1249, aus Spanien 1492. Nautische Fähigkeiten und Techniken (der Kompass!) ermöglichten weite Seefahrten. Portugiesische Karavellen fuhren bis zum Kap der Guten Hoffnung (1488) und entlang der ostafrikanischen Küste bis nach Indien (1498). Im selben Jahrzehnt meinte Christophorus Columbus den kürzeren Weg nach Indien entdeckt zu haben (1492). Das war zwar ein Irrtum, aber für die Machtver-grösserung der christlichen Staaten öffnete diese Entdeckung eine ungeahnte Zukunft. Sehen wir bloss, wie triumphierend Columbus seinen spanischen Auftraggebern über sein Unternehmen berichtet.

    

In nomine Domini Nostri Jesu Christi: Allerchristlichste, höchste, erlauchteste und gross- mächtige Fürsten, König und Königin der spanischen Lande und der Inseln des Meeres, unsere Herren!

Nachdem Eure Hoheiten im laufenden Jahr 1492 den Krieg wider die Mauren, die in Europa herrschten, beendet und die Kampfhandlungen in der grossen Stadt Granada zum Abschluss gebracht hatten, wo ich am 2. Januar dieses Jahres mit eigenen Augen sehen konnte, wie auf den Türmen der Alhambra, der Festung besagter Stadt, durch die Kraft der Waffen Eurer Hoheiten königliche Banner gehisst wurden und wie der Maurenkönig durch das Tor der Stadt herauskam, um die königlichen Hände Eurer Hoheiten und meines Herrn Fürsten zu küssen, entsannen sich Eure Hoheiten im gleichen Monat des Berichts, den ich ihnen on den Ländern Indiens gegeben hatte und von einem Fürsten, den man den Grossen Khan nennt, was in der spanischen Sprache König der Könige bedeutet, und davon, wie oft seine Vorgänger und er selbst nach Rom geschickt hatten, um in unserem heiligen Glauben unterrichtete Männer zu erbitten, auf dass sie auch darin unterwiesen würden, und dass der Heilige Vater niemals welche zu ihnen gesandt hatte, weshalb so viele Völker verloren gingen, weil sie dem Götzendienst huldigten und verderbten Sekten Eingang bei sich verschafften.

Und Eure Hoheiten beschlossen als katholische Christen und Fürsten, die den heiligen christlichen Glauben lieben und ihn verbreiten und folglich der Sekte Mahomets und jedem Götzendienst und jeder Ketzerei feindlich gesonnen sind, mich, Christoph Columbus, nach den erwähnten Gebieten Indiens zu entsenden, um besagte Fürsten und Völkerschaften und Länder, ihre Beschaffenheit und alles übrige in Augenschein zu nehmen, nebst der Art und Weise, wie man sie zu unserem heiligen christlichen Glauben bekehren könne. Und sie verfügten, dass ich nicht über den Landweg gen Osten reiste, der üblicherweise benutzt wird, sondern auf dem westlichen Wege, den, wie wir ganz sicher wissen, bis auf den heutigen Tag niemand eingeschlagen hat. Und so sandten mich Eure Hoheiten, nachdem sie alle Juden aus ihren Reichen und Herrschaftsgebieten vertrieben hatten, im gleichen Monat Januar mit hinreichend grosser Flotte aus, dass ich nach den erwähnten Gegenden Indiens segelte.

Bei der Ausdehnung des geografischen Horizonts hing alles mit allem zusammen. Die Ent-deckung des Kopernikus (1473 – 1543), dass sich nicht die Sonne um die Erde, sondern die Erde um die Sonne dreht, veränderte das ganze Weltbild. In der Mahlerei bekam die Perspektive grössere Bedeutung, weil jetzt der Begriff “Raum” eine neue Rolle spielte. Anatomische Studien wie die von Leonardo da Vinci und Albrecht Dürer zeigen ein Interesse für den menschlichen Körper, wie es den seit dem klassischen Altertum nicht mehr gegeben hatte. Neue Techniken steigerten die Macht des Wortes (die Druckpresse) sowie auch die Schlagkraft der Armee (Feuerwaffen).

Die Bezeichnung der neuen Kultur als “Renaissance” (= Wiedergeburt) weist auf den Wunschtraum hin, über Jahrhunderte hinweg auf das Erbe der Antike zurückzugreifen. Dieser Wunsch äusserte sich in der Architektur, in der bildenden Kunst, in der Literatur, im Selbst-bewusstsein des individuellen Menschen. Bessere Kenntnis des griechischen Altertums wurde unter anderem gefördert durch Flüchtlinge aus dem nunmehr türkischen Byzanz. Einen besonderen Aspekt der Renaissance stellt der Humanismus dar: eine umfassende Bildungs-reform, die den Menschen befähigen sollte, durch Verbindung von Wissen und Tugend seine wahre Bestimmung zu erkennen.

 

4. Sozialkritik und Satire

Der soziale Umbruch des 15. Jahrhunderts hat nicht nur Gutes hervorgebracht. Scharfsinnige Beobachter bemerkten auch die Widersprüche, die Torheiten, den Wahnsinn ihrer Umwelt. Die neu erfundene Druckpresse ermöglichte es ihnen, ihre Ansichten mit vielen zu teilen. Noch ähnlich wie heute diente die Karikatur nicht nur zur Belustigung: Sie konnte auch dem sozial Züruckgestellten ein Mittel sein, sich zu verteidigen und standzuhalten.

Man bemerkte den Niedergang der Kirche und des Glaubens; man fühlte sich bedroht durch den “irrsinnigen” Islam; man meinte, man sei ein Spielball von unkontrollierbaren Kräften. Die Satire war für die Menschen der beginnenden Neuzeit  eine Form, ihre Kritik zu äussern. Als literarische Form gab es sie schon im klassischen Altertum; durch die italienische Renaissance gelangte sie dann wieder ins Abendland. Ein Beispiel ist Das Narrenschiff vom deutschen Humanisten Sebastian Brandt, Erstauflage Strassburg, 1494. Mit Holzschnitten illustriert hatte es grossen Erfolg und wurde in viele Sprachen übersetzt.

Über hundert Narren befinden sich an Bord eines Schiffes, das ins Narrenland fährt.

Wenn ich der Säumigkeit und Schande gedenke, die man heute bei Fürsten und Herren auf dem Lande und in der Stadt überall feststellt, da kommen mir die Tränen darüber in die Augen, dass man den christlichen Glauben so schmählich verkümmern sieht. Man verzeihe mir, dass ich auch die Fürsten für schuldig halte. Wir sehen zu unserm Bedauern, dass der christliche Glaube von Tag zu Tag abnimmt. Erstens haben die bösen Ketzer ihn halb zerrissen und zerstört. Aber auch der schändliche Mohammed hat ihn mehr und mehr verwüstet und hat dem Glauben, der vorhin im Orient, in Asien, im Mohrenland und in Afrika weit verbreitet war, mit seinem Irrsal argen Schaden zugefügt.

Der Wolf ist wahrlich in den Stall eingedrungen und raubt die Schafe der heiligen Kirche, während der Hirte schläft. Die Kirche von Rom hat vier Schwestern, die man Patriarchate nennt: Konstantinopel, Alexandrien, Jerusalem und Antiochien, die jetzt ganz daniederliegen; bald könnte auch ihr Haupt betroffen sein. An alledem ist unsre Sünde schuld, denn keiner hat Geduld mit dem andern oder Mitleid mit seinen Beschwerden: jeder möchte der Grösste sein. So geschieht uns, was den Ochsen geschah, als einer dem andern zusah, bis der Wolf sie alle zerriss.

(…) Jetzt befleissigen sich die Deutschen, ihr Reich selber zu vernichten. Damit die Pferdezucht verdorben wird, beissen die Pferde sich selber den Schwanz ab.

Aber ihr Herren, Könige, Land, werdet eine solche Schande nicht gestatten. (…) Die Sache sieht gefährlich aus. Ich will euch alle mein Leben lang mahnen, und wer mein Wort nicht beachtet, dem schenke ich die Narrenkappe!

Ebenso beliebt beim Publikum, aber gutmütiger in seinem Humor, waren die Streiche von Till Eulenspiegel, erstmals gedruckt in Strassburg, 1515.

Anderer Art wiederum ist Das Lob der Torheit, in wenigen Tagen verfasst von Desiderius Erasmus, als dieser 1509 bei seinem Freund Thomas More zu Gast war. Es gibt die heitere Unterhaltung zweier Humanisten wieder. Erasmus identifiziert sich mit “Frau Stultitia”, die in vollendetem Latein die Dummheiten seiner Zeit anprangert. Das Buch wurde 1515 in Basel herausgegeben mit Handzeichnungen von Hans Holbein dem Jüngeren und wurde in viele Sprachen übersetzt. Bald wurde es die bevorzugte Literatur der Gebildeten!

(Die Torheit spricht:) Obwohl von allen Menschen auf dieser Welt die Theologen am meisten geneigt sind, meine Wohltaten zu verkennen, sind gerade sie mir in der Tat in mehr als einer Beziehung grossen Dank schuldig. Im glücklichen Vollbesitz ihrer Eigenliebe thronen sie gleichsam im dritten Himmel und blicken auf alle Sterblichkeit wie auf Erdenwürmer herab, ja bemitleiden sie fast. (…) Selbst ich muss bisweilen darüber lachen, dass sich die Theologen erst dann als vollkommen betrachten, wenn sie in ihrem garstigen Kauderwelsch so konfuses Zeug zusammenreden, dass sie höchstens ein Verrückter verstehen kann; denn was der Menge unverständlich ist, halten sie für den Gipfel des Scharfsinns. Sie behaupten, es heisse die Würde der Heiligen Schrift herabsetzen, wenn man sie den Regeln der Grammatik unterwerfen wolle. Fürwahr, die Majestät der Theologen ist erhaben, wenn es ihnen allein freisteht, Sprachfehler zu machen, und dabei teilen sie doch dieses Vorrecht mit vielen Tagelöhnern. Schliesslich fühlen sie sich fast den Göttern gleich, wenn man sie in beinahe göttlicher Verehrung mit “Unser Herr” anspricht; denn sie glauben, in dieser Anrede etwas von dem unaussprechlichen Namen zu spüren, den die Juden mit jenen vier Buchstaben bezeichnen.

Das mühselige Leben im Bauernstand wurde schon früher ein Gegenstand satyrischer Literatur: etwa die mittelenglische, allegorische Erzählung über Piers Ploughman (Ende des 14. Jahr-hunderts). Bauernaufstände gab es seit dem 14. Jahrhundert in der Schweiz, in Flandern und England; im 15. Jahrhundert auch in Böhmen. In einem portugiesischen Theaterstück (Gil Vicente, 1517) klagt der Bauersmann:

Ach, mein Herr, es geht uns schlecht. Ständig stirbt wer vom Pfluge leben muss. Wir sind das Leben der anderen und der Tod unseres eigenen Lebens; geduldig gegenüber den Tyrannen, die mit Krallen und Zähnen unsere Seelen zerfleischen. Warum sollte ich mein Leben beschönigen? Ob der Bauer auch ein Sünder sein möchte, er hat weder Zeit noch Gelegenheit, sich die Schweisstropfen von der Stirne zu wischen.

 

5. Luther: Gerechtigkeit aus dem Glauben

Martin Luther (1483 – 1546) wurde geboren in Eisleben (Sachsen-Anhalt) und wuchs auf in Mansfeld, wo seine Eltern einen bescheidenen Wohlstand erreichten. Er besuchte dort die Lateinische Schule, dann ein Jahr lang die Magdeburger Domschule bei den “Brüdern des Gemeinsamen Lebens” und bis 1501 die Pfarrschule in Eisenach. Das Studium der artes liberales (“freie Künste”) an der Universität Erfurt vermittelte ihm eine akademische Grundausbildung, nach welcher er, dem Wunsch seines Vaters gemäss, an derselben Universität Jura zu studieren gedachte.

Es kam aber anders. Der junge Luther lebte noch in der Welt des Mittelalters. Eines Tages, auf dem Weg von Mansfeld nach Erfurt, wurde er von einem argen Ungewitter überfallen, das ihn so beängstigte, dass er gerufen haben soll: “Hilf du mir, heilige Anna, dann will ich ein Mönch werden!” Und er kam seinem Gelübde nach. In Erfurt trat er ins Kloster eines strengen Ordens, dem der Augustiner Eremiten, ein. Gewissenhaft befolgte er die Ordensregeln und wurde 1507 zum Diakon, bald darauf zum Priester geweiht. Aber es nagte an ihm ein ständiger Zweifel: Ein frommer Christ sollte seine täglichen Bussübungen tun aus Liebe zu Gott – aber tat er es wirklich aus Liebe, oder vielmehr aus Angst vor Bestrafung?

Auf den Hinweis seines Beichtvaters, Johann von Staupitz, der auch Generalvikar seines Ordens war, begab Luther sich 1508 in das kursächsische Wittenberg zum Theologiestudium, das er zwei Jahre später in Erfurt fortsetzte. Zwecks einer Beratung über Angelegenheiten des Augustinerordens entsandte Staupitz ihn 1511 nach Rom. Obwohl Luther seinen Auftrag erfüllte und sogar als frommer Pilger auf den Knien die “Heilige Treppe” erstieg, entsetzte er sich über den von ihm wahrgenommenen Sittenverfall des römischen Klerus. In Wittenberg promovierte er 1512 zum Doktor der Theologie, woraufhin ihm, als Nachfolger von Staupitz, der Lehrstuhl für Bibelaus-legung anvertraut wurde. Zusätzlich wurde er 1514 zum Provinzialvikar des Augustiner-ordens ernannt, wobei ihm die Aufsicht über elf Konvente oblag. Über Luthers Erfahrung mit der Bibelauslegung schrieb er viele Jahre später Folgendes.

Ich hasste das Wort “Gerechtigkeit Gottes”, weil ich – nach Brauch und Gewohnheit aller Kirchenlehrer – unterwiesen worden war, es philosophisch zu verstehen von der sogenannten formalen oder aktiven Gerechtigkeit, wonach Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft. Ich aber liebte den gerechten und die Sünder strafenden Gott nicht, ja ich hasste ihn, denn ich fühlte mich, so sehr ich auch immer als untadeliger Mönch lebte, vor Gott als Sünder mit einem ganz und gar ruhelosen Gewissen und konnte das Vertrauen nicht aufbringen, er sei durch meine Genugtuung versöhnt. (…)

Endlich, unter Gottes Erbarmen, Tage und Nächte lang nachdenkend, richtete ich meine Aufmerksamkeit auf den inneren Zusammenhang der Worte, nämlich “Die Gerechtigkeit Gottes wird darin offenbart, wie geschrieben steht: Der Gerechte lebt aus dem Glauben” (Römer 1, 17; Habakuk 2, 4). Da begann ich die Gerechtigkeit Gottes verstehen zu lernen als die Gerechtigkeit, in der der Gerechte durch Gottes Geschenk lebt, und zwar aus dem Glauben, und ich fing an zu verstehen, das dies die Meinung ist: es werde durchs Evangelium die Gerechtigkeit Gottes offenbart, nämlich die passive, durch welche uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben steht: “Der Gerechte lebt aus dem Glauben.”

Hier fühlte ich mich völlig neugeboren und als wäre ich durch die geöffneten Pforten ins Paradies selbst eingetreten. Da zeigte mir sogleich die ganze Schrift ein anderes Gesicht. Darauf durchlief ich die Heilige Schrift, wie es das Gedächtnis mit sich brachte, und sammelte auch in anderen Ausdrücken die entsprechende Übereinstimmung, wie zum Beispiel “Werk Gottes”, d.h.. das Werk, das Gott in uns schafft, “Kraft Gottes”, durch welche er uns kräftig macht, “Weisheit Gottes”, durch welche er uns weise macht; “Stärke Gottes”, “Heil Gottes”, “Ehre Gottes”… (…) Später las ich Augustin, “Vom Geist und vom Buchstaben”, wo ich wider Erwarten darauf stiess, dass auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich auslegt: als diejenige, mit der Gott uns bekleidet, indem er uns rechtfertigt.

Luthers Entdeckung betrifft tatsächlich einen Kernpunkt der biblischen Theologie. Für den Apostel Paulus bedeutet “Gerechtigkeit Gottes” die Einheit von Gericht und Gnade. Der Kirchenlehrer Augustin hält die Mitwirkung der Gnade Gottes für so wesentlich, dass ohne sie auch des Menschen beste Taten nicht mehr als splendida vitia, “wunderschöne Untugenden” sind.

In der seelsorgerlichen Praxis stellte sich dann die Frage, ob der getaufte Mensch, wenn er wiederum sündigt, von Gott noch begnadet werden kann. Die bestätigende Antwort auf diese Frage findet sich in Busse und Beichte, sowie im Vollbringen guter Werke. Als gute Werke galten auch die Reliquienverehrung und der Erwerb kirchlichen Ablasses gegen Entgelt. Nach katholischer Auffassung wird Gottes Gnade in Abstufungen verliehen: die zuvorkommende Gnade (die Reue), die mitwirkende Gnade (die Busse) und die eingegossene Gnade (“Gnadenmittel”: die Sakramente). Dem gegenüber kam Luther zur Einsicht, Rechtfertigung geschehe alleine durch den Glauben, alleine durch Gottes Gnade, alleine durch das Werk Christi, wie es die Schrift bezeugt.

Man spricht in diesem Zusammenhang auch von der “forensischen” (= gerichtlichen) Rechtfertigungslehre: das Bild des Anklägers (der Teufel), des Angeklagten (der sündige Mensch), des Fürsprechers (Christus) und des Richters (Gott Vater).

Bei alledem ist zu bemerken, dass es sich hier grundsätzlich um den individuellen Menschen handelt. Das Alte Testament, wie auch Jesu Verkündigung vom Königreich Gottes, legt grossen Nachdruck auf gerechte Beziehungen zwischen dem Menschen und seinem Mitmenschen, also auf soziale Gerechtigkeit.

 

6. Luther: Der Streit um den Ablass

Dass einem Jünger Jesu die Autorität zusteht, andern die Sünden zu “erlassen”, ist biblisch belegt. “Welchem ihr die Sünden erlasst, dem sind sie erlassen, und welchen ihr sie behaltet,denen sind die behalten” (Johannes 20, 23). “Was ihr auf Erden bindet, soll auch im Himmel gebunden sein, und was ihr auf Erden lösen werdet, soll auch im Himmel gelöst sein” (Matthäus 18, 18). Im Sakrament der Beichte konnte der Priester dem Bussfertigen bestimmte Strafen auferlegen, “zeitliche Strafen” genannt; es stand ihm aber auch zu, den Bussfertigen von diesen Strafen freizusprechen. Seit dem 14. Jahrhundert führten die Päpste aber auch bei bestimmten Gelegenheiten einen “Totalablass” ein, der sich sowohl auf die zeitlichen Strafen als auf die Strafen im Jenseits, also die Jahre im Fegefeuer, beziehen sollte. Der Büsser konnte sich einen solchen Sündenerlass durch Bezahlung erwerben, und zwar konnte dieser Erlass, je nach der Höhe der Bezahlung, auch für bereits Verstorbene gelten.

Für die Päpste war dieses System eine Quelle reicher Einkünfte. Papst Julius II erliess 1506 einen solchen Ablass um den kostspieligen Bau des römischen Sankt-Petersdomes zu finanzieren. Es entwickelte sich dazu ein regelrechter Ablasshandel, dessen Ertrag zu 50% für Rom und zu 50% für das jeweilige Erzbistum bestimmt war. Im Erzbistum Magdeburg war ein bekannter Ablasshändler der Domikaner Johan Tetzel, mit seinem Spruch: “Und wenn das Geld im Kästchen klingt, die Seele in den Himmel springt.” In Sachsen, das zum Bistum Brandenburg gehörte, liess Kurfürst Friedrich “der Weise” diesen Handel nicht zu, unter anderem weil er mit seiner reichen Reliquiensammlung selbst Ablassgelder inkassieren konnte. Luther aber bemerkte die verheerenden Folgen von Tetzels Praxis bei seinen Beichtkindern und wünschte deshalb an der vom Kurfürsten errichteten Universität eine theologische Disputation, nicht direkt wider den Ablass als solchen, sondern über dessen Grenzen. Ohne zu ahnen, welchen Stein er damit ins Rollen brachte, fasste er darüber 95 Thesen ab, die er am 31. Oktober, dem Tag vor Aller-heiligen, angeblich an die Tür der Wittenberger Schlosskapelle nagelte. Wir zitieren einige in Auswahl.

 

         Im Namen unseres Herrn Jesu Christi – Amen.

         1. Da unser Herr und Meister Jesus Christus spricht: “Tut Busse,”usw., hat er gewollt, dass das ganze Leben der Gläubigen Busse sein soll.

         2. Dieses Wort kann nicht von der Busse als Sakrament – d.h. von der Beichte und Genugtuung – die durch  das priesterliche Amt verwaltet wird, verstanden werden.

         3. Es bezieht sich auch nicht nur auf eine innere Busse, ja eine solche wäre gar keine, wenn sie nicht nach aussen mancherlei Werke zur Abtötung des Fleisches bewirkte.

         5. Der Papst will und kann keine Strafen erlassen, ausser solchen, die er aufgrund seiner eigenen Entscheidung oder der der kirchlichen Satzungen auferlegt hat.

         21. Deshalb irren jene Ablassprediger, die sagen, dass durch die Ablässe des Papstes der Mensch von jeder Strafe frei und los werde.

         24. Deswegen wird zwangsläufig ein Grossteil des Volkes durch jenes in Bausch und Bogen grossprecherisch gegebene Versprechen des Straferlasses getäuscht.

         27. Menschenlehre verkündigen die, die sagen, dass die Seele aus dem Fegefeuer emporspringe, sobald das Geld im Kasten klingt.

         28. Gewiss, sobald das Geld im Kaste klingt, können Gewinn und Habgier wachsen, aber die Fürbitte der Kirche richtet sich allein auf den Willen Gottes.

         33. Nicht genug kann man sich vor denen hüten, die den Ablass des Papstes jene unschätzbare Gabe Gottes nennen, durch die der Mensch mit Gott versöhnt werde.

         43. Man soll die Christen lehren: Dem Armen zu geben oder dem Bedürftigen zu leihen  ist besser, als Ablass zu kaufen.

         62. Der wahre Schatz der Kirche ist das allerheiligste Evangelium von der Herrlichkeit und Gnade Gottes.

         91. Wenn daher der Ablass dem Geiste und der Auffassung des Papstes gemäss gepredigt würde, lösten sich die Einwände alle auf, ja es gäbe sie überhaupt nicht.

 

Das Thema fand beim Publikum einen viel grösseren Widerhall als Luther erwartet hatte. Die Thesen wurden aus dem Latein ins Deutsche übersetzt, im Druck herausgegeben und verbreiteten sich bald durch ganz Deutschland. Das Generalkapitel der Augustiner Eremiten veranstaltete im April 1518 in Heidelberg eine Disputation, mit deren Leitung Luther beauftragt wurde. Er ging dort nicht weiter auf das Thema des Ablasses ein, sondern legte, im Gegensatz zur Werkgerechtigkeit, die volle Abhängigkeit des Menschen von der Gnade Gottes dar; ein Thema, das er als “Theologie des Kreuzes” bezeichnete und das ihm viele Anhänger besorgte. Zu den Gegnern gehörten Erzbischof Albrecht und die Dominikaner. Nur dank dem Schutz des Kurfüsten konnte Luther einer Vorladung nach Rom entgehen. In der sogenannten Leipziger Disputation (1519) stellte der Dominikaner Johann Eck fest, dass Luther die Aussagen von Jan Hus wiederholte, die schon vom Konzil von Konstanz als Ketzereien verurteilt worden waren.

 

7. Der Bruch mit Rom

Da nun für Luthers Stellungnahme von der Kirche keine Unterstützung mehr zu erwarten war, wandte er sich an die weltliche Obrigkeit mit der Schrift An den christlichen Adel deutscher Nation: Der junge Kaiser, Karl V., und die Fürsten des Reiches sollten doch ihre Verantwortung nehmen und sich der kirchlichen Bevor-mundung entziehen! Die Schrift enthält einen heftigen Angriff auf die Tyrannei der Priester. Drei “Mauern” seien zu erstürmen: (1) “Die geistliche Macht gehe über die weltliche Macht”; (2) “Nur der Papst könne die Schrift erklären”; (3) “Nur der Papst könne ein Konzil einberufen.”

Ein folgendes Traktat handelt Von der babylonischen Gefangenschaft der Kirche. Die Kirche sei verstrickt in der Praxis ihrer Sakramente. Luther hat darüber die folgende Meinung:

Das Sakrament des Heiligen Abendmahls ist von der Kirche schwer entstellt. (…) Das ist also die erste Gefangenschaft dieses Sakraments, sein Wesen und seine Unversehrtheit betreffend. (…) Nicht als ob die gegen Christus sündigten, die nur einerlei Gestalt gebrauchen. Wohl aber sündigen diejenigen, welche die Austeilung von beiderlei Gestalt denen verweigern, die von ihrer freien Wahl Gebrauch machen wollen. Das Sakrament gehört nicht den Priestern, sondern allen, und die Priester sind nicht Herren, sondern Diener, welche den Bittenden beiderlei Gestalt reichen müssen, sofort sie darum bitten. (…) Es geht mir nicht darum, mit Gewalt beiderlei Gestalt wieder zu nehmen, wie wenn wir durch ein dringendes Gebot dazu gezwungen würden. (…) Nur darum geht es mir, dass keiner die römische Tyrannei rechtfertige, als ob sie recht daran getan hätte, den Laien die eine Gestalt zu verbieten.

(Die zweite Gefangenschaft: das Dogma der Transsubstantiation.) Ich jedenfalls, wenn ich doch nicht begreifen kann, auf welche Weise das Brot Christi Leib ist, will meinen Verstand gefangengeben in den Gehorsam Christi: an seinen Worten einfältig hangend, glaube ich festiglich, nicht nur dass Christi Leib im Brot, sondern dass das Brot Christi Leib sei. Und wenn das die Philosophie auch nicht fasst, so fasst es doch der Glaube. Die Gewalt des Wortes Gottes ist grösser als die Fassungskraft unseres Geistes. Damit also im Sakrament der wahre Leib und das wahre Blut Christi sei, ist nicht nötig, dass Brot und Wein sich wandeln (…) sondern indem beide zugleich bleiben was sie sind, heisst es in Wahrheit: “Dieses Brot ist mein Leib, dieser Wein ist mein Blut” und umgekehrt.

Die dritte Gefangenschaft dieses Sakraments ist dessen über alle Massen gottloser Missbrauch, infolge-dessen heute in der Kirche fast nichts so algemein und so fest geglaubt wird, wie dass die Messe ein gutes Werk und Opfer sei. Dieser Missbrauch  hat dann eine unabsehbare Flut anderer Missbräuche aufge-bracht, bis man den Glauben dieses Sakraments ganz ausgelöscht und aus dem göttlichen Sakrament die reinen Jahrmärkte, Wirtshäuser und Geldgeschäfte gemacht hat. Ich gehe gegen eine schwierige Sache an, und vielleicht ist es unmöglich, damit fertig zu werden. Denn sie ist durch die jahrhundertelange Übung bestärkt und durch das allgemeine Einverständnis gutgeheissen und hat sich so fortgesetzt, dass man den grössten Teil der heute herrschenden Bücher und fast die ganze Gestalt der Kirche aufheben und ändern und eine ganz andere Gottesdienstordnung einführen oder vielmehr wiederherstellen muss. (…) Aber was schert mich die Menge und grosse Bedeutung Irrender? Stärker als sie alle ist die Wahrheit! 

Luther konnte seine Worte wählen wie er wollte, aber nach katholischer Kirchenlehre verkündigte er Ketzerei! Wie zu erwarten war, drohte Papst Leo X. schon bald – im Juni 1520 – mit dem Kirchenbann. Dessen noch unkundig, richtete Luther im September desselben Jahres an den Papst ein Traktat, betitelt Von der Freiheit eines Christenmenschen. Er berief sich auf das Wort des Paulus, “Obwohl ich frei bin von jedermann, habe ich doch mich selbst jedermann zum Knecht gemacht.” Folgerichtig schrieb er:

Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan. Ein Christen-mensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.

Dem Papst gegenüber verhielt sich Luther weder als ein dienstbarer Knecht noch als ein Untertan. Er betrachtete ihn vielmehr als den Antichrist. Im Dezember 1520 verbrandte er vor dem Wittenberger Stadttor die päpstliche Bulle zusammen mit den Dekretalien, die das kanonische Recht formulieren. Unter dem Schutz seines Kurfürsten konnte er sich eine solche Dreistigkeit leisten; in den Nieder-landen aber, wo die Machtsverhältnisse anders lagen, wurden Luthers Schriften bereits dem Feuer übergeben. Nach altem Gebrauch sollte auf den kirchlichen Bann die Reichsacht folgen, die einem jeden das Recht gab, den Verbannten zu töten.

Der junge Kaiser, im Oktober in Aachen zum römisch-deutschen König gekrönt, hätte gerne sofort die Acht verhängt, jedoch die deutschen Fürsten und Reichsritter, die zum Teil mit Luthers Kritik einverstanden waren, bedingten, dass er sich zuvor im Reichstag verteidigen sollte. Dieser wurde im April 1521 nach Worms einberufen. Unter dem Freigeleit Friedrich des Weisen begab sich Luther dahin und weigerte nach kurzer Unterredung, seine Schriften zu widerrufen, es sei denn, man könne ihn aufgrund der Bibel eines besseren belehren. Auf dem Rückweg nach Sachsen, als die Reichsacht (das “Wormser Edikt”) schon ausgesprochen war, wurde er von Freunden entführt und heimlich auf der Wartburg bei Eisenach in Sicherheit gebracht.

 

8. Der Bauernkrieg / Thomas Müntzer

Bauernaufstände gegen Städte und Grundherren gab es schon im 14. Jahrhundert in England, Flandern, Deutschland, Böhmen. Die soziale Lage der Bauern war tatsächlich miserabel. Sie waren zu hohen Steuerabgaben und zu Frondienst verpflichtet; wer das nicht aufbringen konnte, geriet in Leibeigenschaft. Adel und Klerus profitierten davon und waren an keiner Verbesserung interessiert; so sei nun eben die von Gott gewollte Ordnung … Da zündete nun die Botschaft Luthers neue Hoffnung. Hiess es da nicht, ein Christenmensch sei ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan? Es stand ja auch in der Bibel: Wer lesen konnte, dem stand seit 1522 das von Luther übersetzte Neue Testament zur Verfügung!

Zu denen, die hier grosse Erwartungen hegten, gehörte der Priester Thomas Müntzer. Seine Theologie war im Ursprung eher mystisch als revolutionär. Ähnlich wie die mittelalterlichen deutschen Mystiker – Eckhart und Tauler – lehrte er die Entleerung der Seele durch das Wort Gottes zur völligen Gelassenheit, so dass im Seelengrund der echte Glaube geboren werden konnte. Müntzer wirkte vorübergehend in verschiedenen Städten Sachsens und Böhmens, hörte Luther und stimmte ihm zu, meinte aber ähnlich wie viele in Luthers Umkreis, dass eine kirchliche Reform unweigerlich soziale Früchte treiben sollte. Als Pfarrer in Allstedt (Südharz) setzte er sich, zugleich mit einer deutschsprachigen Liturgie, für eine gerechte Gesellschaftsordnung ein. Privilegien wurden aufgehoben, Klöster aufgelöst, Räume für Obdachlose geschaffen, eine Armenspeisung eingerichtet. Wenn die Allstedter jetzt nur den Mut hätten, wider die Unterdrückung der Machthaber standzuhalten! In einem Manifest an die Allstedter schreibt Müntzer:

Die reine Gottesfurcht kommt zuerst, liebe Brüder! Wie lange schlaft ihr, wie lange würdigt ihr Gottes     Willen nicht und meint, er hätte euch verlassen? Ach, wie oft habe ich euch das gesagt, wie es eben sein muss. Gott kann sich anders nicht offenbaren, es sei denn, ihr vertraut ganz auf ihn. Tut ihr das nicht, so ist das Opfer – euer inniges Herzeleid – umsonst, und es wird euch nachher von neuem Leid widerfahren. Das sage ich euch: Wollt ihr nicht um Gottes willen leiden, so werdet ihrt des Teufels Märtyrer sein. Darum hütet euch, seid nicht verzagt, nachlässig, schmeichelt nicht länger die irrenden Phantasten, die gottlosen Bösewichte, fangt an und streitet den Streit des Herrn! Es ist höchste Zeit. Haltet eure Brüder alle daran, dass sie das göttliche Zeugnis nicht verspotten, sonst müssen sie alle verderben. (…)

Vorwärts, vorwärts, während das Feuer heiss ist! Lasst euer Schwert nicht kalt werden und lasst es nicht erlahmen! (…) Vorwärts, vorwärts, solange es Tag ist. Gott geht euch voran, folget, folget! Wie es geschrieben steht in der 2. Chronik 20, 15 – 17: “Ihr sollt euch nicht fürchten, ihr sollt diese grosse Menge nicht scheuen, es ist nicht euer, sondern des Herrn Streit. Ihr werdet sehen die Hilfe des Herrn über euch.”

Müntzer wurde aber von der Obrigkeit verjagt und fand Unterkunft in Mühlhausen (Thüringen), wo er zur Leitfigur im Bauernkrieg wurde. Aufstände gab es nun vielerorts, aber es fehlte die zentrale Führerschaft. Bauern der Oberschwäbischen Eidgenossenschaft verfassten im März 1525 die Zwölf Artikel von Memmingen, eine erste Niederschrift von Menschen- und Freiheitsrechten, in der Hoffnung, darüber mit der Obrigkeit unterhandeln zu können. Jedoch zeigte sich schon im April des selben Jahres im Massaker von Weinsberg (Württemberg), dass die Emotionen nicht länger zu bezügeln waren. Luther brauchte bekanntlich für seine Reformation die Unterstützung durch die Fürsten und stellte sich deswegen auf ihre Seite. In einer Flugschrift  “Wider die mörderischen und räuberischen Rotten der Bauern” liess er darüber keinen Zweifel bestehen:

Man soll sie zerschmeißen, würgen, stechen, heimlich und öffentlich, wer da kann, wie man einen tollen Hund erschlagen muss.

Es kam dann zu verschiedenen Schlachten, wo die Bauern mit ihren Sensen und Heugabeln gegen die gut  bewaffneten Heere nicht die geringste Chance hatten. Entscheidend war im Mai 1525 die Schlacht bei Frankenhausen (Thüringen). Müntzer wurde gefangen genommen, gefoltert und hingerichtet, womit der Bauernkrieg bald zu Ende ging.

Es war aus mehreren Gründen eine tragische Episode. Burgen und Städte waren zerstört worden, die Landesherren rächten sich zum Teil in grausamer Weise, die Hoffnung des “kleinen Mannes” auf bessere Zeiten ging verloren, die Reformation war nicht imstande, eine gerechtere Ordnung zu schaffen. Wie sehr der Bauernkrieg mit der gesammten Problematik der abendländischen Kultur zusammenhing, wird anschaulich dargestellt im Monumentalpanorama, das der Leipziger Kunst-professor Werner Tübke in den Jahren 1976 – 1987 bei Frankenhausen angefertigt hat. Eine 2001 gegründete Thomas-Müntzer-Gesellschaft versucht mit neuzeitlichen Kriterien die Bedeutung dieses Mannes zu verstehen.

In der Theologie Martin Luthers wird die Beziehung zwischen Kirche und Gesellschaft mittels der Lehre von den zwei “Regimenten” oder zwei Reichen dargestellt. Gott regiere die Welt in zweierlei Weise, nämlich (1) im geistlichen Regiment für die Gläubigen, durch die Predigt des Wortes und das Gebot der Liebe; (2) im weltlichen Regiment für alle andern, durch das Schwertamt der Obrigkeit, dem sich aber auch die Gläubigen freiwillig unterwerfen. Zu welchen Verwirrungen diese Unterscheidung in der Geschichte Deutschlands geführt hat, ist vor allem in der Periode 1933 – 1945 deutlich geworden.

9. Erasmus

In den Niederlanden führte der Kummer um den Niedergang des kirchlichen Lebens zu einer Erweckungsbewegung, der devotio moderna, die hauptsächlich von Laienbruderschaften getragen wurde. Die Mitglieder lebten in “gemeinsamem Leben”, oft ohne Klostergelübde oder Ordensregel und verdienten sich den Lebensunterhalt durch Handarbeit, Abschreiben von Bibeln und Devotionsbüchern, Unterricht und Seelsorge. Ihnen war die individuelle Beziehung zu Christus wichtiger als das Befolgen der Sakramente. Aus diesem Kreis ist unter anderem die dem Thomas a Kempis zugeschriebe Nachfolge Christi hervorgegangen, ein Devotionsbuch, das in Europa weite Verbreitung fand.

In der niederländischen Stadt Gouda, bei Rotterdam, wurde Desiderius Erasmus (1466/69 – 1536) geboren als uneheliches Kind eines Priesters. Er besuchte die weit und breit bekannte Lateinschule in Deventer, wo man auch – als grosse Ausnahme in jener Zeit! – das Lehrfach Griechisch eingeführt hatte. Obwohl 1492 zum Priester geweiht, wurde er der amtlichen Tätig-keiten dispensiert, um sich voll und ganz auf das Studium verlegen zu können. Eine Periode an der Pariser Sorbonne (1495 – 1499) machte ihn mit der Scholastik vertraut. In Turin (1506 – 1509) promovierte er zum Doktor der Theologie.

Seinen frühesten Ruhm erntete sich Erasmus mit der Veröffentlichung der Adagia, einer Sammlung von Sprüchen und Zitaten antiker Schriftsteller, mit deren Hilfe auch die weniger intellektuell Gebildeten sich ein Air der Gelehrsamkeit geben konnten. Seriöser war schon sein Enchiridion militis christiani, das “Handbüchlein des christlichen Streiters” (1501), ein Plädoyer für den geistlichen Kampf mit einer geistlichen Waffenrüstung (vgl. Epheser 6, 10 – 20). Den Lesern wurde Selbsterkenntnis, Besinnung auf das Wesentliche, Gebet und Kenntnis der Heiligen Schrift empfohlen.

Als Latinist war Erasmus überall und nirgends zu Hause. Von 1500 bis 1506 weilte er abwechselnd in England, den Niederlanden und Frankreich. Einem witzigen Einfall des Gelehrten verdankt die Welt die Laus stultitiae, das “Lob der Torheit” (1509), in welchem eine personifizierte Frau Stultitia erzählt, wie wichtig in allen Bereichen der Gesellschaft ihr Vorgehen ist. Kein Werk des Erasmus hat soviele Auflagen erlebt wie dieses!

Ein Aufenthalt in  Löwen (südliche Niederlande), wo sich er als Erzieher und Berater des spanischen Kronprinzen Karl betätigte, führte zur Herausgabe der Institutio principis christiani (= Erziehung des christlichen Fürsten), die mehrfach übersetzt und an vielen europäischen Höfen fleissig gelesen wurde. Aber obwohl Erasmus immer eine Moral der Friedlichkeit befürwortete, bemerkte er zu seinem Leidwesen, dass sich die weltlichen Herrscher immer wieder auf militärische Konflikte einliessen. In seiner Querela pacis (“Klage des Friedens”, 1517) empfiehlt er den Mächtigen, lieber auf Vermögen und Land oder sogar auf ihre Macht verzichten, als einen Krieg zu beginnen.

Inzwischen befasste er sich mit einer kritischen Ausgabe des griechischen Neuen Testaments, für die er alte, von Flüchtlingen aus Konstantinopel mitgebrachte Handschriften heranziehen konnte, und fügte einen verbesserten Text der lateinischen Vulgata hinzu (1516). Etwa gleichzeitig wurde in Spanien, in der vom humanistisch gesinnten Kardinal Jiménez gegründeten Universität Alcalá de Henares, eine Bibelausgabe Hebräisch, Griechisch und Latein vorbereitet. Erasmus bekam eine Professur in Alcalá angeboten, aber er lehnte diese höflichst ab.

Ab 1520 erfuhr er von dem um Martin Luther entfachten theologischen Streit. Luthers Kritik an der Kirche stimmte er grundsätzlich zu, entrüstete sich aber über dessen heftigen Charakter. Am liebsten wäre er in diesem Streit neutral geblieben, aber auf Drängen der Kirche kommentierte er dann (1524) einen Aspekt von Luthers Aussagen: De libero arbitrio (= Über den freien Willen). Man beachte, wie vorsichtig der Gelehrte sich äussert:

Mit geduldigen Ohren nehmen wir hin, dass manche die Liebe zu Gott ins ungeheure steigern, weil wir glauben, dass der allenthalben durch so viele Untaten beschmutzte Lebenswandel der Christen nirgendwo anders herrührt als aus unserm lauen und schläfrigen Glauben, der nur ein Buchstabenglaube und ein Lippenbekenntnis ist, während man nach Paulus “mit dem Herzen glauben muss, um gerecht zu werden” (Römer 10, 10).

Und ich will doch nicht sonderlich mit denen streiten, die alles auf den Glauben als die Quelle und den Anfang zurückführen, auch wenn meiner Ansicht nach der Glaube aus der Liebe und die Liebe wiederum aus dem Glauben entsteht und sich nährt. Sicherlich gibt die Liebe dem Glauben Nahrung, wie in der Lampe das Licht vom Öl gespeist wird; denn wir glauben demjenigen lieber, den wir von Herzen lieben. Und es gibt auch Leute, die behaup-ten, der Glaube sei eher der Anfang des Heils als seine Vollendung. Aber darüber wollen wir hier nicht streiten.

Man hätte sich hierbei jedoch hüten müssen, während man sich voll für ein erhöhtes Ansehen des Glaubens einsetzt, dass man nicht die Freiheit des Willens beseitigt; ist diese nämlich aufgehoben, dann sehe ich nicht ein, wie die Frage nach der Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes gelöst werden könnte. Augustin ist aufgrund seines Kampfes mit Pelagius dem freien Willen gegenüber abgeneigter geworden, als er es früher war. Luther hingegen, der früher dem freien Willen noch einiges zuschrieb, ging in die Hitze des Gefechts so weit, dass er ihn gänzlich aufhob. Aber doch wird bei den Griechen Lykurg – glaube ich – getadelt, dass er aus Abneigung vor der Trunkenheit die Weinstöcke abzuhauen befahl, während er doch durch Beigabe von mehr Wasser die Trunkenheit so hätte ver-hindern können, dass der Weingenuss dennoch nicht verloren gegangen wäre.

Es hätte nämlich meiner Ansicht nach die Willensfreiheit so definiert werden können, dass dennoch jenes Vertrauen auf unsere Verdienste sowie die anderen Nachteile, die Luther vermeiden will, gleichzeitig aber auch die Nachteile, die wir oben besprochen haben, vermieden würden und dass auch die Vorteile, die Luther schätzt, nicht verlorengingen.  

Luther schrieb daraufhin (1525) in resolutem Stil sein De servo arbitrio (= Vom unfreien Willen):

Wenn es Leute gibt, die unsere durch so viele Schriften verteidigte Lehre nicht tiefer erfaßt haben und nicht kräftiger festhalten, als daß sie durch diese leichtwiegenden und nichts bedeutenden Argumente des Erasmus bewegt werden, mögen diese auch kunstvoll verbrämt sein, so sind sie es nicht wert, daß ich ihnen mit meiner Antwort zu Hilfe komme.

Bis 1529 wohnte Erasmus dann in Basel, in regem Kontakt mit seinem Verleger Johann Froben. Als dort die Reformation proklamiert wurde, wich er um des Friedens willen nach Freiburg aus. Zuletzt kehrt er aber nach Basel zurück, wo er 1536 starb und im mittlerweile protestantisch gewordenen Münster beigesetzt wurde.

10. Zwingli

Die Schweiz existiert als Staat erst seit 1848. Seit ca. 1300 gab es eine Eidgenossenschaft: ein lockeres Bündnis zwischen drei Orten, bis 1515 auf dreizehn Orte angewachsen, die im Heiligen Römischen Reich eine gewisse Autonomie erlangt hatten. Es gab Beziehungen zu Frankreich wie auch zum Herzogtum Mailand. Die Schweizer, in der internatialen Politik ziemlich gleich-gültig, dienten als Söldner denen, die ihnen dafür am meisten bezahlen wollten. Ab 1509 beteiligten sie sich an der “Heiligen Liga” zwischen Papst Julius II., Kaiser Maximilian, Venedig und Aragon gegen Franz I. von Frankreich, um  ihn aus Mailand zu vertreiben. Als die Liga 1515 bei Marignano geschlagen wurde, war die Position der Schweizer nachhaltig geschwächt.

Vor diesem Hintergrund ist das Auftreten des Schweizer Reformators Ulrich Zwingli (1484 – 1531) zu verstehen. Zwingli, geboren in Wildhaus als Sprössling einer bäuerlichen Familie, bekam in Basel, Bern und Wien eine humanistische Ausbildung und wurde 1506 Priester in Glarus, wo er eine Lateinschule gründete, Griechisch lernte und die klassischen Autoren sowie die Kirchenväter studierte. Seine mittelalterliche Frömmigkeit zeigte sich darin, dass er einen angeblichen Splitter des Kreuzes Christi nach Glarus zu holen wusste und, um diese Reliquie würdig aufzubewahren, der alten Pfarrkirche eigens eine Kapelle anbauen liess. In der Heiligen Allianz diente er als Feldprediger für den Papst im Kampf gegen die Franzosen in der Lombardei. Nach der Niederlage bei Marignano ergriff Glarus jedoch Partei für die Franzosen, was Zwinglis Stelle als örtlichen Pfarrer kompromittierte.

In den nun folgenden Jahren kehrte sich der ehemalige Feldprediger gegen das Söldner-wesen. Er las die Querela Pacis des Erasmus, machte mit dem Gelehrten auch persönlich Bekanntschaft und fand dadurch einen neuen Zugang zur Bibel. Als Leutpriester im Wallfahrts-ort Maria-Einsiedeln stiess er auf die Missbräuche in der Ablasspraxis und prangerte diese an. In dieser Phase seiner Entwicklung wurde Zwingli 1519 zum Leutpriester an das Zürcher Gross-münster ernannt. Seine neue biblisch-humanistische Sicht geht hervor aus einem Brief an einen Freund aus 1520:

Schon längst ist bei allen denen, die den Glanz der feinen Bildung lieben, die Hoffnung erwacht, dass jene gelehrten Zeiten wiederkehren werden, in denen noch, wie man ver-muten darf, fast alle insgesamt gelehrt gewesen sind. (…) Es ist auch die mächtige Hoff-nung auf eine Renaissance Christi und des Evangeliums erwacht, da viele gute und gelehrte Männer mit Rudern und Segeln, wie man sagt, auf das Ziel loszusteuern begonnen haben, die Saat zur reifen Frucht zu bringen. Aber diese Hoffnung wird geschwächt, wenn man das Unkraut sieht, das der Feind darunter säte, während die Leute schliefen und schlecht auf der Hut waren.

(…) Das alles führe ich aus, um, wie man sagt, denjenigen anzutreiben, der ja zwar schon im Lauf ist und eilends das Ziel verfolgt, für Christus möglichst viele Soldaten zu werben, die dann einmal tapfer für ihn kämpfen sollen; ermanne sie je länger je mehr, dass sie, je grausamer die Verfolgung sie trifft, um so weniger schmählich davonlaufen. Denn auch das will ich Dir offen sagen: Ich glaube, wie die Kirche durch Blut zum Leben kam, so kann sie auch nur durch Blut erneuert werden, nicht anders.

(…) Und natürlich dürfen sie in dieser Welt keinen Lohn erwarten und sich nichts daraus machen, wenn sie den Menschen ganz und gar missfallen. Sie sollen nur still sein und sich sagen: “Wenn ich noch den Menschen gefallen wollte, so wäre ich nicht Christi Knecht,” oder – um alles zusammenzufassen: “Selig sind, die um Gerechtigkeit verfolgt werden.” Niemals wird sich die Welt mit Christus vertragen; auch jene Vergeltung Christi (= die Seligkeit) ist mit Verfolgung verheissen. Er schickte die Seinen wie Schafe mitten unter die Wölfe.

Dem denke nach, mein Bruder, wie Du hoffen kannst, ein Schaf Christi zu sein; so ohne Zweifel, wenn Du für die Ehre Christi alles und jedes tust, alles und jedes leistest, und wenn  drum auch die böse Horde der Wölfe Dir mit dem Tode droht, wenn sie mit den Zähnen knirschen und mit den Krallen Dich zerfleischen.

(…) Von Luther habe ich jetzt (1520) fast nichts mehr gelesen, aber was ich bisher von ihm gesehen habe, das befindet sich meines Erachtens in Übereinstimmung mit der evangeli-schen Lehre.

Aus diesen Einsichten zog Zwingli nun Konsequenzen. Mittels klarer, allgemein verständlicher Predigten wusste er das Volk und den Stadtrat von Zürich zu überzeugen. In einem Brief an den Bischof von Konstanz, worin er um die Aufhebung des Priesterzölibats bat, schrieb er, er und seine Genossen seien “mit Gott fest entschlossen, das Evangelium ohne Unterlass zu predigen.” Noch einmal. Im Oktober 1522, predigte er in seiner alten Pfarrkirche in Glarus, wobei er sämtliche Predigten aus den Jahren 1506 – 1516 widerrief.

Wie vorhin bei Luther, waren es auch hier die Dominikaner, die gegen Zwinglis Verkündigung Einspruch erhoben. Jedoch lagen hier die Autoritätsverhältnisse anders. In zwei aufeinander folgenden, vom Zürcher Stadtrat einberufenen Disputationen – in der Volkssprache, nicht in Latein! – legte Zwingli 1523 seine biblischen Argumente dar, während seine Gegner sich nur auf die Autorität der Konzilien und der kirchlichen Tradition berufen konnten. Der Stadtrat erklärte Zwingli für den Sieger. Die zweite Disputation führte zur Entfernung und Zerstörung der Heiligenbilder. Eine dritte Disputation, Anfang 1524, betraf das Heilige Abend-mahl, in welchem es sich nach reformatorischer Auffassung nicht um die leibliche Gegenwart Christi handeln konnte. Gesellschaftliche Veränderungen waren unter anderem eine Reform des Schulwesens und eine geregelte Armenfürsorge, die mit der Säkularisation der Klöster einher-ging.

Sein reformiertes Glaubensbekenntnis formulierte Zwingli 1525 mit dem Titel Von der wahren und falschen Religion, gerichtet an König Franz I. von dem er Hilfe erwartete in seinem Widerstand gegen Kaiser Karl V. Seine klare Gliederung der Lehre wurde fundamental für die Schweizer Reformation. Die “wahre Religion” grenzte er ab gegen die Altgläubigen; gegen die Täufer, deren Praxis schon in der Zweiten Disputation verurteilt worden war; und gegen Luther, der nach Zwinglis Auffassung zuviel alte Bräuche geschont hatte. “Nur was die Bibel nachdrück-lich lehrt” sollte befolgt werden. Zwingli war aber auch radikaler in seiner Lehre über die Obrigkeit. Die Vorschriften Christi sollten für sie ebenso sehr gelten wie für die Kirche; von zwei verschiedenen “Regimenten”, wie bei Luther, durfte keine Rede sein. Es kam dann bald zur Ausbildung reformierter Theologen, mit besonderer Berücksichtigung der Bibelexegese, und zur Herstellung der “Zürcher Bibel” (1523 – 1529): die älteste protestantische Übersetzung der gesamten Bibel. Mehrere Schweizer Kantone bekannten sich inzwischen zum evangelischen Glauben.

Im Heiligen Römischen Reich waren aber nach dem Zweiten Reichstag zu Speyer (1529, siehe Kapitel 11) die Aussichten für die Reformation ziemlich schlecht. Da es sich herausstellte, dass aufgrund der Abendmahlslehre ein Versuch zur Einigung mit Luther scheitern musste, reichte Zwingli auf dem Reichstag zu Augsburg (1530) ein eigenes Glaubensbekenntnis, die Fidei ratio, ein, das aber, ebenso wenig wie das lutherische, das kaiserliche Gutachten erlangen konnte. War es nun denkbar, den Zusammenhalt der eidgenössischen Kantone nicht nur im Widerstand gegen den Habsburger, sondern auch in Glaubensfragen zu sichern? Einige Kantone, worunter Luzern, blieben dem alten Glauben treu, und so liess sich Zwingli dazu verführen, im Namen des Kantons Zürich den Luzernern den Krieg zu erklären. Es wurde ihm zum Verhängnis, denn 1531 fiel er in der Schlacht bei Kappel. Die Arbeit in Zürich wurde nun fortgesetzt von Zwinglis jungem Mitarbeiter Heinrich Bullinger (1504 – 1575), dem es in einer langen Amtszeit mit grosser Gelehrsamkeit und Diplomatie gelang, die Schweizer Reformation endgültig zu festigen.

11. Luther: Von der Wartburg 1521 bis Augsburg 1530

Unter dem Decknamen “Junker Jörg” weilte Luther zehn Monate lang in der Wartburg. In dieser Periode übersetzte er das Neue Testament aus dem von Erasmus herausgegebenen griechischen und lateinischen Text in ein dem Volk gut verständliches Deutsch; daneben schrieb er eine Postille, eine Sammlung von Predigten für alle Sonn- und Feiertage. Wichtig war ihm nur “was Christum treibet” – denn Gottes Gnade in Christus sei Ziel und Mitte der Schrift. Er stellte dabei Gesetz und Evangelium gegenüber einander: das Gesetz verurteile den Menschen, das Evangelium begnade ihn. Die komplette Bibel wurde erst 1534 herausgegeben. Philipp Melanchton, Luthers jüngerer Kollege in Wittenberg, schrieb inzwischen die Loci communes (= Grundbegriffe), mit denen er in klarer, systematischer Weise den Glaubensweg des Menschen darzulegen versuchte.

Melanchton war aber nicht die geeignete Person um die Radikalisierung der Reform-bewegung aufzuhalten, die einige Geistliche in Wittenberg durchführen wollten und die im Februar 1522 einen Bildersturm veranlasste. Luther verliess daraufhin seinen Unterschlupf, kehrte nach Wittenberg zurück und führte dort, unter anderem, eine gemässigte Neuordnung der Liturgie durch: eine Messe ohne Offertorium (das Opfer Christi konnte nicht gleichzeitig ein von den Gläubigen dargebrachtes Opfer sein). 1525 heiratete er die ehemalige Nonne Katharina von Bora. Seine Deutsche Messe veröffentlichte er 1526.

Kaiser Karls Sorge galt in diesen Jahren vor allem dem Krieg gegen Frankreich in Nord-Italien und dem Vormarsch der Türken in Ungarn. Er musste die Aufsicht über das römisch-deutschen Reich seinem Bruder, dem Erzherzog Ferdinand, überlassen, der nicht verhindern konnte, dass die Reformation sich dort allerorts verbreitete. In den Niederlanden, die unter der Regentshaft von des Kaisers Tante Margaretha standen, kam es bald zu harten Verfolgungen und zu den ersten Ketzerverbrennungen.

Da der Kaiser aber aus strategischen Gründen die Unterstützung von seiten der deutschen Fürsten brauchte, stand ihm das Wormser Edikt von 1521 im Wege. Auf dem Reichstag zu Speyer wurde 1526 beschlossen, es vorläufig “den Ständen zu überlassen, wie sie es vor Gott und dem Kaiser verantworten konnten.” Dann stellte sich aber heraus, dass es für eine Allianz gegen die Türken schon zu spät war. Die Kaiserlichen erlitten 1526 eine zerschmetternde Niederlage im ungarischen Mohacs. Da nun die kirchliche Spaltung als die nächstgrösste Gefahr galt, setzte 1529 ein zweiter Reichstag zu Speyer das Wormser Edikt wiederum in Kraft gesetzt. Sämtliche evangelische Stände reagierten darauf mit einer Protestationsschrift, der sie weiterhin die Andeutung als “Protestanten” verdankten.

Um sich effektiv gegen die Habsburger verteidigen zu können, versuchten sie nun einen Zusammenschluss mit den Schweizer Reformierten, wofür sich besonders Philipp, der Landgraf von Hessen, einsetzte. Ein in Marburg 1529 einberufenes Religionsgespräch scheiterte aber aufgrund von Luthers entschiedener Ablehnung von Zwinglis Abendmahlslehre. (“Dies ist mein Leib”, so betonte er die Worte Christi.) Ein neuer Reichstag, diesmal in Augsburg, 1530, sollte versuchen, die Versöhnung von altem und neuem Glauben zustande zu bringen. Da für Luther nun wieder die Reichsacht galt und Augsburg sich ausserhalb der von evangelischen Fürsten beschützten Gebieten befand, musste er sich von Melanchton vertreten lassen. Melanchton verfasste nun in seiner vorsichtigen, systematischen Weise eine Zusammenfassung des evangelischen Glaubens, die in der Geschichte als das “Augsburger Bekenntnis” bekannt geworden ist. Die Vorrede charakterisiert das ganze Unternehmen:

Allerdurchlauchtester, grossmächtigster, unüberwindlichster Kaiser, allergnädigster Herr! Eure kaiserliche Majestät hat vor kurzem (21. Januar 1530) einen allgemeinen Reichstag hierher nach Augsburg gnädig ausgeschrieben mit dem Aufruf und dringenden Ersuchen, es möge beraten werden, wie dem Türken – unserem und des christlichen Namens Erbfeind – durch anhaltende (militärische und finanzielle) Hilfe kräftig Widerstand geleistet werden und “wie wegen des Zwiespaltes in dem heiligen Glauben und der christlichen Religion gehandelt werden könnte.” Dabei sollte “sorgfältig beraten und darauf geachtet werden, die Ansicht, Überzeugung und Meinung eines jeden in Liebe und Güte miteinander zu hören, zu verstehen und zu erwägen, und sie zu einer gemeinsamen christlichen Wahrheit zusammenzubringen und auszugleichen. Alles, was bisher auf beiden Seiten nicht richtig ausgelegt oder getan worden ist, soll abgestellt werden, damit durch uns alle eine gemeinsame wahre Religion angenommen und gehalten und wir so, wie wir alle unter einem Christus stehen und streiten, wir auch alle in einer Gemeinschaft und Kirche in Einigkeit leben. (…) Deshalb überreichen wir hiermit in untertänigsten Gehorsam gegenüber Eurer Kaiserlichen Majestät die Lehren unserer Pfarrer und Prediger – damit auch unser Bekenntnis des Glaubens –, nämlich was und auf welche Weise sie aufgrund göttlicher, heiliger Schrift sie in unsern Ländern, Fürstentümern, Grafschaften, Städten und Gebieten predigen, lehren, handeln und unterrichten. Ausserdem bieten wir Eurer Kaiserlichen Majestät, unserm allergnädigsten Herrn, untertänigst an, falls die andern Kurfürsten, Fürsten und Reichstände jetzt auch eine zweifache schriftliche Darlegung ihrer Meinung und Überzeugung lateinisch und deutsch übergeben sollten, dass wir uns mit Eurer Majestät und mit ihnen gerne über geeignete gemeinsame Wege beraten wollen. Soweit es möglich und zumutbar ist, wollen wir uns verständigen, damit die von beiden Seiten schriftlich vorgebrachten Wünsche und Beschwerden zwischen uns “in Liebe und Güte” behandelt und diese Meinungsverschiedenheiten zu einer gemeinsamen wahren Religion zusammengeführt werden mögen.”

Das Augsburger Bekenntnis wurde zur Basis zäher Unterhandlungen, wurde aber vom Kaiser nicht akzeptiert, ebenso wenig wie eine von Zwingli zum selben Zweck eingereichte Fidei ratio. Nun war der Papst am Zuge! Würde er zur Beseitigung des Konfliktes ein allgemeines Konzil einberufen? Papst Clemens VII. (1523 – 1534), mit seinen schwankenden Bündnissen zwischen Frankreich und Karl V. und seinem undipolomatischen Verhalten gegenüber Heinrich VIII. von England, konnte sich zu einem solchen Konzil nicht entschliessen.

12. Die Konfessionelle Spaltung Deutschlands besiegelt

Mit dem Wohlwollen des Kaisers war nach dem Reichstag zu Augsburg nicht mehr zu rechnen. Um sich gegen ihn verteidigen zu können, schlossen nun die evangelischen Territorialfürsten das Kriegsbündnis von Schmalkalden (Thüringen, 1531). Der Kaiser hatte aber schon einen doppelten Kampf gegen Frankreich und gegen die Türken zu führen: also musste er bis zum ersehnten Konzil die Protestanten gewähren lassen.

Inzwischen breitete die Reformation sich in Nordeuropa immer weiter aus: nach Preussen (1525) und von dortaus nach Pommern und in die baltischen Länder; nach Schweden (1527) und von dortaus nach Finland; nach Dänemark (1536) und von dortaus nach Norwegen. Im allgemeinen waren es die Fürsten und der Adel, die eine solche Entscheidung trafen. In den skandinavischen Ländern wurde die Kirche zur Staatskirche, eine selbstverständliche Kompo-nente der Öffentlichkeit.

Als Papst Paulus III. 1536 ankündigte, im Norditalienischen Mantua das erhoffte Konzil einzuberufen, verschärfte sich die Haltung der Protestanten. Luther schrieb eine neue Bekenntnisschrift, die 1538 als die “Schmalkaldischen Artikel” in Umlauf kamen und in denen er sich zu keinerlei Kompromiss mit Rom bereit zeigte. Auch Melanchton, sonst immer der mildere von beiden, polemisierte nun scharf gegen die Autorität des Papstes. Noch 1541 fand im bayrischen Regensburg ein Religionsgespräch zwischen Evangelischen und Katholiken statt, in welchem es fast zu einem Konsens über die Rechtfertigungslehre hätte kommen können. Die Annäherung blieb aber erfolglos.

Am Konzil, das nun tatsächlich 1545 in Triënt eröffnet wurde, waren die Protestanten nicht beteiligt. Luther schrieb noch kurz vor seinem Tod (1546) Wider das Pasttum zu Rom, vom Teufel gestiftet. In seinen letzten Jahren zeigte er sich zweifelnd und enttäuscht, hart polemisierend gegen die Juden, die er vorhin noch für ein erneuertes Christentum meinte gewinnen zu können. Wie war Luther im Endeffekt zu beurteilen? Folgende Generationen schafften sich jedesmal ein eigenes Lutherbild.

Dem Kaiser blieb keine andere Wahl, als dem Schmalkaldener Bündnis den Krieg zu erklären. Er verhängte die Reichsacht über den Anführer der Verbündeten, Philipp von Hessen, und über dessen Schwiegersohn Moritz, den sächsischen Kurfürsten. Persönliche Interessen der Verbündeten hatten Risse in das Schmalkaldener Bündnis verursacht und seine Stosskraft geschwächt. In der Schlacht bei Mühlberg (Sachsen, 1547) litten die Verbündeten eine schmäh-liche Niederlage. Die Protestanten wurden nun zu peinlichen Zugeständnissen gezwungen. Melanchton verdarb sich in den folgenden Jahren seinen guten Ruf bei den “echten” Luthe-ranern, indem er manche katholische Bräuche als adiaphora (= belanglos, gleichgültig) zu akzeptieren empfahl.

Unter der Führung Moritz von Sachsens kam es 1551 noch einmal zu einem Aufstand der evangelischen Fürsten. Sie verbündeten sich nun mit Frankreich, während gleichzeitig die Türken in Siebenbürgen einfielen. Der Kaiser wurde bei Innsbruck überrumpelt und entkam nur mit knapper Not der Gefangennahme. Seine Politik, die konfessionelle Geschlossenheit des römisch-deutschen Reiches zu erhalten oder wiederherzustellen, war gescheitert. Er überliess daraufhin die Friedensverhandlungen seinem Bruder Ferdinand, dem römisch-deutschen König.

„(Wir) setzen demnach, ordnen, wollen und gebieten, daß fernerhin niemand, welcher Würde, Standes oder Wesens er auch sei, den anderen befehden, bekriegen, fangen, über-ziehen, belagern, […] [möchte], sondern ein jeder den anderen mit rechter Freundschaft und christlicher Liebe entgegentreten soll und durchaus die Kaiserliche Majestät und Wir (der römische König Ferdinand, der für seinen Bruder Karl V. die Verhandlungen führte) alle Stände, und wiederum die Stände Kaiserliche Majestät und Uns, auch ein Stand den anderen, bei dieser nachfolgenden Religionskonstruktion des aufgerichteten Landfriedens in allen Stücken lassen sollen.“ Und damit solcher Friede auch trotz der Religionsspaltung, wie es die Notwendigkeit des Heiligen Reiches Deutscher Nation erfordert, desto beständiger zwischen der Römischen Kaiserlichen Majestät, Uns, sowie den Kurfürsten, Fürsten, und Ständen aufgerichtet und erhalten werden möchte, so sollen die Kaiserliche Majestät, Wir, sowie die Kurfürsten, Fürsten und Stände keinen Stand des Reiches wegen der Augsburgischen Konfession, und deren Lehre, Religion und Glauben in gewaltsamer Weise überziehen, beschädigen, vergewaltigen oder auf anderem Wege wider Erkenntnis, Gewissen und Willen von dieser Augsburgischen Konfession, Glauben, Kirchengebräuchen, Ordnungen und Zeremonien, die sie aufgerichtet haben oder aufrichten werden, in ihren Fürstentümern, Ländern und Herrschaften etwas erzwingen oder durch Mandat erschweren oder verachten, sondern diese Religion, ihr liegendes und fahrendes Hab und Gut, Land, Leute, Herrschaften, Obrigkeiten, Herrlichkeiten und Gerechtigkeiten ruhig und friedlich belassen, und es soll die strittige Religion nicht anders als durch christliche, freundliche und friedliche Mittel und Wege zu einhelligem, christlichem Verständnis und Vergleich gebracht werden.“

Der Kaiser hatte sich nach Brüssel begeben, wo er die Herrschaft über die Niederlande seinem Sohn Philipp übergab, der wenige Monate später (1556) als Philipp II. König von Spanien wurde. Karl V., müde, krank und enttäuscht, brachte seine letzten Lebensjahre im spanischen Kloster San Yuste zu.  Nach seinem Tod (1558) erlangte Ferdinand die Kaiserskrone.

Die Bestimmingen des Religionsfriedens wurden später zusammengefasst in den Worten Cuius regio, eius religio: Wem das Land gehört, dem gehört die Religion, also der Fürst darf in seinem Herrschaftsgebiet die Religion bestimmen. Dies galt anfänglich nur für die Katholiken und für die Protestanten der Augsburger Konfession. Als aber im Kurfürstentum Pfalz am Rhein der evangelische Kurfürst Friedrich III. sich ab 1559 der calvinistischen Variante des Protestantismus zuwandte, konnten sich hier bald auch die Reformierten auf die Bestimmungen des Religionsfriedens berufen.

13. Calvin (1509 – 1564)

Der Sinn des Calvinismus war, den evangelischen Glauben in die Welt hineinzutragen. Er strebte nicht nur nach einer neuen Theologie, sondern auch nach einer neuen Gesellschaft.  Johannes Calvin, gebürtig aus Noyon (Nordfrankreich), studierte Jura, antike Literatur und Theologie. Ab 1532 wurde er für den Protestantismus gewonnen. Wie und durch wen? Calvin spricht wenig von seiner Bekehrung. Er reiste häufig hin und her durch Frankreich und nach Italien, liess sich auch zu predigen einladen.

Während eines Aufenthalts in Basel 1535 schrieb er die Institution chrétienne (= Christliche Unterweisung), eine systematische Darlegung seines neuens Glaubens, die er nachher viele Male überarbeitete. Die erste Auflage war noch grundsätzlich lutherisch, betonte aber weniger die Seelennot des Menschen als die Ehre Gottes und die Pflicht, Ihm zu dienen. Wir kennen Gott, damit wir zu seiner Ehre leben können. Das Gesetz Gottes dient nicht nur (1) um uns Gottes Willen bekannt zu machen und (2) uns unsrer Sünde zu überführen, sondern auch (3) um unser neues Leben in Christus zu gestalten. Diesen tertius usus legis – den “dritten Gebrauch des Gesetzes” findet man schon bei Melanchton, er wird aber bei Calvin stärker betont.

Calvins Abendmahlslehre betont unsre Einverleibung in Christus. Indem uns im Abendmahl sei Leib geschenkt wird, teilt er uns gleichzeitig durch die verborgene Wirkung des Geistes sein Leben mit. Unsere Vorbestimmung zur Seligkeit geht zweifelsohne auf Gottes Willen zurück. Aber es ist ein Faktum, dass nicht alle das gepredigte Wort fassen! Hat Gott es nicht gewollt? Sein Wille ist unerforschbar. Später sucht Calvin noch allerhand Argumente, das Unerklärbare zu erklären. Wir sollen aber dafür eifern, möglichst viele für den Glauben zu gewinnen! Und wer einmal verstanden hat, dass Gott ihn zur Seligkeit erwählt hat, bekommt in Zeiten der Verfolgung eine starke Glaubensgewissheit.

3. Buch, 21. Kapitel

Nun wird aber der Bund des Lebens nicht gleichermassen bei allen Menschen gepredigt, und er findet auch bei denen, die seine Predigt zu hören bekommen, nicht gleichermassen und fortwährend den gleichen Platz. In dieser Verschiedenheit tritt die wundersame Hoheit des göttlichen Gerichts zutage. Denn es kann nicht zweifelhaft sein, dass auch diese Verschie-denartigkeit dem Urteil der ewigen Erwählung Gottes dient. Ist es nun aber offenkundig, dass es durch Gottes Wink geschieht, wenn den einen das Heil ohne ihr Zutun angeboten wird, den anderen dagegen der Zugang zu diesem Heil verschlossen bleibt, so erheben sich hier gleich grosse und schwere Fragen, die nicht anders zu lösen sind, als wenn die Frommen innerlich klar erfasst haben, was sie von der Erwählung und Vorbestimmung wissen müssen. (…) Die Erörterung über die Vorbestimmung ist zwar schon an sich schon einigermassen verzwickt, aber der Vorwitz der Menschen macht sie erst recht verwickelt und geradezu gefährlich. Er lässt sich durch keine Riegel davon abbringen, sich auf verbotene Abwege zu verlaufen und über sich hinaus in die Höhe zu dringen; wenn es möglich ist, so lässt er Gott kein Geheimnis übrig, das er nicht durchforscht und durchwühlt. Wir sehen, wieviele Menschen immer wieder in diese Vermessenheit und Schamlosigkeit geraten, auch solche, die sonst nicht übel sind. (…) Zunächst sollen sie sich daran erinnern, dass sie mit ihrem Forschen nach der Vorbestimmung in die heiligen Geheimnisse der göttlichen Weisheit eindringen; wer nun hier ohne Scheu und vermessen einbricht, der erlangt nichts, womit er seinen Vorwitz befriedigen könnte, und er tritt in einen Irrgarten, aus dem er keinen Ausgang finden wird!

In der Freistadt Genf hatte der Franzose Guillaume (= Wilhelm) Farel angefangen, die Reformation durchzuführen. Als nun Calvin sich 1536 auf einer Durchreise in dieser Stadt aufhielt, überzeugte ihn Farel, dass er dort als sein Mitarbeiter bleiben sollte. Calvin liess sich überzeugen. Im folgenden Jahre schrieb er einen Katechismus und ein Glaubensbekenntnis, überschätzte aber seine Autorität als er meinte, die Bevölkerung darauf eidlich verpflichten zu können. 1538 kehrte sich die Mehrheit der Stadtverwaltung gegen die beiden Reformatoren. Farel wich nach Neuchâtel aus und Calvin nach Strassburg, wo er mit dem dortigen Reformator Martin Butzer fruchtbaren Kontakt hatte. 1541 kehrte er nach Genf zurück.

Trotz heftigen Widerstandes gelang es ihm, in Genf seine Vorstellungen durchzuführen. Bekannt wurden die Ordonnances ecclésiastiques (= kirchlichen Anordnungen) mit strenger Kirchenzucht. Sie führten in den Jahren 1545-1555 zu einem erbitterter Kampf zwischen Anhängern und Gegnern, wobei  Calvin einmal durch einen Volkstumult in Lebensgefahr geriet. Mit Heinrich Bullinger, dem Nachfolger Zwinglis, einigte er sich über die Abendmahlslehre (“Das bedeutet meinen Leib”) und legte damit eine Basis für die Einheit des Schweizer Protestantismus. Calvin konnte aber in seinen Urteilen auch sehr radikal sein. So geschah es mit seinem Gutachten, dass der Spanier Miguel Servet 1553 als “Antitrinitarier” vom Stadtrat auf den Scheiterhaufen gebracht wurde.

Obwohl Calvin selber bis zu seinem Tode Genf nicht mehr verliess, gewann er durch seine theologische Akademie, gestiftet 1559, und durch unablässige Korrerspondenz grossen Einfluss auf den werdenden Protestantismus in Frankreich, England, Schottland (John Knox), den Niederlanden, Polen und Ungarn. Sein Nachfolger an der Genfer Akademie wurde der Franzose Theodor Beza (1519 – 1605), unter dessen Leitung ein Reimpsalter entstand. Zusammen mit Bullinger erarbeitete Beza das reformierte “Helvetische Glaubensbekenntnis” (1566). Diesem schloss sich auch der reformierte Kurfürst Friedrich III. von der Pfalz an, auf dessen Wunsch kurz vorher (1563) der Heidelberger Katechismus zustande gekommen war.

Den Calvinismus charakterisiert ein stark entwickelter Wille zum Glaubenskampf und eine konsequente Theologie, deren letzten Ziel es ist, die Selbstverherrlichung Gottes klarzustellen. Auch die Obrigkeit hat Gottes Willen zu erfüllen; tut sie das nicht, dann schuldet man ihr keinen Gehorsam. Im Aufstand der Niederlande gegen die spanische Krone (ab 1568) spielten die Reformierten, obwohl anfangs nur eine Minderheit, eine wichtige Rolle. Es gibt in den reformierten Kirchen keine Bischöfe. Das Konsistorium (Pfarrer und Gemeindeälteste) überwachen das gesamte Leben der Gemeinde.

14. Die Kirche von England

Als Inselreich die römische Jurisdiktion anzuerkennen war für die Briten schon immer ein Problem. König Heinrich VIII. (1509 – 1547) hatte mit päpstlicher Dispensation die Witwe seines Bruders, Katharina von Aragon, geheiratet. Weil er grossen Wert darauf legte, einen männlichen Nachfolger zu bekommen, den Katharina ihm aber nicht schenken konnte, sann Heinrich ab 1527 darauf, sich zwecks einer Zweitehe von ihr scheiden zu lassen, was Papst Clemens VII. aber für kanonisch unzulässig hielt. Der König, obwohl in mancher Hinsicht ein frommer Katholik, erwog nun die Trennung der englischen Kirche von Rom. Die protestan-tischen Sympathien seines Premierministers Thomas Cromwell trugen dazu bei, dass das Parlament nach kompliziertem Verfahren 1534 ein “Suprematsgesetz” erliess, infolge dessen der König als oberstes-Haupt-auf-Erden der Kirche von England anerkannt wurde.

Der Humanist und Bibelforscher Thomas Cranmer, 1532 zum Erzbischof von Canterbury ernannt, wandte sich gegen die Heiligenverehrung und nötigte mehrere Klöster zur Auflösung. Um weiteren protestantischen Einflüssen zu steuern erliess der König 1540 die “Sechs Artikel”, womit er das Dogma der Transsubstantiation wie auch das Priesterzölibat sicherstellen wollte, und liess seinen ehemaligen Ratsmann Cromwell hinrichten. Das Lesen der Bibel, die in der englischen Übersetzung von William Tyndale erstmals in Druck erschien, sollte dem gemeinen Volk verboten und nur dem Klerus und den Adligen gestattet werden.

Heinrich VIII. liess bei seinem Tod einen einzigen männlichen Nachfolger zurück, den Sohn seiner dritten Ehefrau Jane Seymour, der als Eduard VI., neunjährig, 1547 den Thron bestieg. In den nun folgenden Jahren setzten sich in der Kirche von England viele protestantische Massnahmen durch. Heiligenbilder wurden aus den Kirchen entfernt, Prozessionen verboten, das Priesterzölibat aufgehoben, die neu ernannten Bischöfe waren Protestanten. Mit dem vorwiegend von Erzbischof Cranmer zusammengestellte Book of Common Prayer wurde eine Neuordnung der Liturgie durchgeführt.

Der Widerstand, den solche Massnahmen in konservativen Kreisen auslösten, machte die Rekatholisierung der Kirche von England nach Eduards frühzeitigem Tod 1553 um so leichter. Sie wurde durchgeführt von Maria Tudor, der einzig überlebenden Tochter Heinrichs aus seiner Ehe mit Katharina von Aragon. Nachdem sie die Ungültigkeitserklärung der Ehe ihrer Eltern hatte aufheben lassen und den protestantischen Erzbischof Cranmer zum Feuertod verurteilt hatte, heiratete sie, in der Hoffnung auf einen Nachkommen, den spanischen Kronprinzen Philipp. Kirchen wurden restauriert, das Zölibat wieder zur Pflicht gemacht und fast 300 protestantische Führer endeten ihr Leben auf dem Scheiterhaufen, weswegen sie als Bloody Mary in die Geschichte einging.

Für die Protestanten, die im Untergrund ihre Praktiken fortsetzten, war es ein Glücksfall, dass Marias Regierung keine lange Dauer beschieden war. Sie starb 1558 kinderlos. Nachfolgerin wurde ihre Halbschwester Elisabeth, Tochter von Heinrich VIII. und seiner zweiten Frau, Anna Boleyn. Für sie, als Tochter aus einer von Rom nicht anerkannten Ehe, gab es für den Protestan-tismus keine Alternative. Der katholische Gottesdienst wurde in England offiziell verboten, obwohl man den Kontrast mit dem alten Glauben nicht auf die Spitze treiben wollte. Auch der Separatismus der “Puritaner” konnte mit Gefängnis oder Exil bestraft werden. Die Königin wurde nicht, wie zu Zeiten ihres Vaters, als oberstes Haupt, sondern als oberste Verwalterin (Governor) der Kirche von England qualifiziert. Die 39 Artikel, die als anglikanisches Glaubens-bekenntnis in das Book of Common Prayer aufgenommen wurden, weisen die Merkmale einer reformatorischen Theologie auf.

Die 39 Artikel

11. Über des Menschen Rechtfertigung

Wir werden vor Gott für gerecht gehalten einzig wegen des Verdienstes unsres Herrn und Heilandes Jesus Christus, durch den Glauben, und nicht wegen unserer eigenen Werke oder Leistungen; weshalb es eine sehr heilsame und äusserst trostreiche Lehre ist, dass wir durch den Glauben allein gerechtfertigt werden.

13. Von den Werken, vor der Rechtfertigung getan

Werke, die vor der Begnadigung durch Christus und vor der Erleuchtung durch seinen Geist getan werden, sind Gott nicht gefällig, sintemalen sie weder aus dem Glauben an Jesus Christus hervorgehen noch dem Menschen die Gnade vermitteln oder (wie die Gelehrten es sagen) ihn die Gnade der Übereinstimmung (congruity) verdienen lassen; viel mehr noch, weil sie nicht nach Gottes Willen oder Gebot getan sind, bezweifeln wir nicht, dass sie sündiger Natur sind.

17. Von der Prädestination

Prädestination zum Leben ist das ewige Vorhaben Gottes, wodurch er (bevor die Welt gegründet wurde) in seinem uns verborgenen Rat fest beschlossen hat, diejenigen, die er in Christus aus der Menschheit erwählt hat, aus Fluch und Verdammnis zu befreien und sie, als Gefässe zu seiner Ehre gemacht, durch Christus, zum ewigen Heil zu bringen.

28. Vom Mahl des Herrn

(…) Die Transsubstantiation (oder Veränderung der Substanz von Brot und Wein) im Herrenmahl last sich aus der Heiligen Schrift nicht beweisen; sie widerspricht den einfachen Worten der Schrift, durchbricht die Natur eines Sakramentes und hat schon manchen Aberglauben veranlasst. Der Leib Christi wird im Abendmahl nur in himmlischer und geistiger Weise gegeben, genommen und gegessen. Und das Mittel, wodurch der Leib Christi im Abendmahl empfangen und gegessen wird, ist der Glaube. Das Sakrament des Herrenmahles ist durch Christi Verordnung nicht gegeben um aufbewahrt, herumgetragen, hochgehoben oder verehrt zu werden.

 

15. Die radikale Reformation

Als radikale Reformation wird die Bewegung jener Gläubigen verstanden, denen die von Lutheranern und Calvinisten herbeigeführte Erneuerung nicht weit genug ging. Entscheidend waren für sie die Nachfolge Christi, die Gemeinde als Bruderschaft, Gewaltlosigkeit und Gütergemeinschaft. Da sie die Taufe als aktives Bekenntnis zu Christus verstanden, lehnten sie die Praxis der Kindertaufe ab.

Ansätze zu einer radikalen Reformation gab es gleichzeitig an verschiedenen Orten. In Zürich widerlegte der Stadtrat mit der “Zweiten Zürcher Disputation” die Argumente der Täufer, deren Vertreibung nun aber die Verbreitung ihrer Ansichten förderte. Mit den 1527 in Schleitheim bei Schaffhausen verfassten Artikeln benachdruckten sie die Absonderung von der Welt; eine Haltung, durch die sich der Hass der Obrigkeiten noch verschlimmerte. Der Zweite Reichstag von Speyer (1529) verhängte mit dem “Wiedertäufermandat” über sie die Todesstrafe.

Trozdem fand die Bewegung ihren Weg nach Tirol, nach Mähren, nach Schlesien und in die Niederlande, zum Teil mit apokalyptischen, endzeitlichen Vorstellungen. Letzteres geschah insbesondere in Münster (Westfalen), wo der Stadtrat unter dem Einfluss fanatischer Prediger radikalisierte. Gesinnungsgenossen aus Holland glaubten in Münster die neue Gottesstadt zu finden. Katholiken und nicht-täuferische Protestanten wurden vertrieben, Kirchen und Klöster verwüstet, man lebte in ungeordneter Gütergemeinschaft. Eine bischöfliche Armee belagerte und eroberte die Stadt. Die Episode (1534 – 1535) endete mit einem blutigen Massaker.

Dass die Täuferbewegung überlebte, ist vor allem dem ehemaligen Priester Menno Simons aus dem friesischen Dorf Witmarsum zu verdanken, der die zerstreuten Gläubigen im ganzen niederdeutschen Sprachgebiet in wohlorganisierte Gemeinden zusammenbrachte. Ein zurück-gezogenes Leben nach den Geboten der Bergpredigt war sei Leitbild. Mit Ausnahme der Niederlande, wo seit 1579 allgemeine Religionsfreiheit herrschte, wurden die Täufer – weiterhin auch Mennoniten genannt – überall verfolgt. Einer um 1570 erschienenen Gedenkschrift der Märtyrer wurde folgende Einleitung beigegeben:

Da der allerbarmherzigste Gott und Vater durch seine unergründliche Gnade und Güte jetzt in diesen letzten, gefährlichen Zeiten (…) so manche fassungslose, verirrte Schafe durch die Verkündigung seines heilsamen Wortes, in der Kraft seines Heiligen Geistes, aus den Händen der treulosen Hirten und aus den Kiefern der zerreissenden Wölfe erlöst hat, (…) so erheben sich nun alle Pforten der Hölle wider diejenigen, die mit dem Blut des Lammes besprengt sind. Das arme, unschuldige, friedliche, wehrlose Lämmlein wird von der Wut der Schlange in der Gestalt seiner auserkorenen Glieder gehasst, verfolgt und mit Schwert, Wasser und Feuer getötet. Und wie es vom Anfang an gewesen ist, so ist es noch immer und so wird es – wie die Schrift sagt – nicht aufhören bis zur Zeit, da das geringgeschätzte, verachtete, verstossene Lämmlein sich wieder in grosser Ehre und Herrlichkeit offenbaren wird.

Und da nun das Kreuz Christi in unseren Zeiten sich erhebt und zeigt für alle gottes-fürchtigen Kinder Gottes, die aus dem kräftigen Samen des heiligen Wortes im inneren Menschen wiedergeboren sind, so dünkt es uns gut, lieber Leser, die Bekenntnisse, Rundbriefe und Testamente zu sammeln, die manche aufgeopferte Kinder Gottes zum Trost und zur Stärkung aller Liebhaber der Wahrheit zurückgelassen haben, damit man bemerken und verstehen mag, wie kräftig Gott noch in seinen Auserkorenen wirksam ist und ihnen in der Not Trost, Stärke und Beistand verleiht. 

Viele Mennoniten wichen nach Westpommern aus, wo es unter polnischer Herrschaft bis 1772 eine gewisse Religionsfreiheit gab. Vertraut mit dem Wasserhaushalt, bauten sie im Weichsel-delta Dämme und gruben Kanäle, wodurch sie dem Land wirtschaftliche Vorteile erbrachten. Als aber nach der Ersten Polnischen Teilung das Gebiet dem preussischen Staat anheimfiel, zogen die Mennoniten in die Ukraine und weiter nach Osten, wo die Zarin Katharina II. sie wegen ihres Fleisses gerne kommen sah. Als dann Russland 1874 die allgemeine Wehrpflicht einführte, sahen viele von ihnen sich veranlasst, in die Vereinigten Staaten, nach Kanada oder auch nach Südamerika (Paraguay) auszuwandern, wo sie sich zumeist in geschlossenen Siedlungen nieder-liessen.

Einen besonderen Zweig des Täufertums bilden die Hutterer, eine Gruppe, die sich 1527/29 in Tirol um den Hutmacher Jakob Hutter versammelte. Als dort unter Erzherzog Ferdinand I. – dem Bruder Karl V. – die Verfolgung losbrach, zogen die Hutterer nach Mähren, wo die Obrigkeit sich eine Zeitlang toleranter verhielt. Viele Täufer aus der Pfalz, Schwaben und Schlesien gesellten sich zu ihnen. Unter Hutters Führung wurden in Gütergemeinschaft mehrere Siedlungen (“hutterische Bruderhöfe”) gegründet. Der 30jährige Krieg jedoch bereitete ab 1622 dieser Blütezeit ein Ende, und die Hutterer suchten sich eine neue Heimat unter der Ober-herrschaft des Osmanischen Reiches: in Ungarn, der Slowakei und Siebenbürgen.

Zur radikalen Reformation sind auch die Unitarier zu rechnen, die wegen ihrer Kritik am Dogma der Dreieinigkeit Gottes auch Antitriniarier genannt werden. Die Bibelforschung führte sie zur Überzeugung, dass Gott, Jesus Christus und der Geist nicht in der Weise miteinander verbunden sind, wie es seit dem 4. Jahrhundert die Kirche lehrt. Ein bekannter Vertreter dieser Lehre war der Aragonese Miguel Servet, der wegen seiner antitrinitarischen Schriften 1553 im calvinistischen Genf zum Feuertod verurteilt wurde. Zu ähnlichen Folgerungen kam der italie-nische Humanist Lelio Sozzini, der trotz vieler theologischen Debatten in reformfreundlichen Kreisen seine Meinung über die Sohnschaft Christi behutsam für sich selbst behielt. Seine Manuskripte gelangten aber nach seinem Tod 1562 in den Besitz seines Neffen Fausto Sozzini, der wegen evangelischer Sympathien seine Heimat zeitweilig verlassen hatte und sich nun die Ansichten seines Onkels völlig aneignete. 1575 verliess er endgültig Italien, lebte drei Jahre in Basel und fand sich schliesslich in Polen zurecht, wo ein als “Polnische Brüder” bezeichneter Kreis von humanistisch orientierten Protestanten ihn willkommen hiess. Bald kam das Wort Sozzinianismus dem Unitarismus gleich. Ein Zentrum unitarischer Gelehrsamkeit wurde die von Calvinisten gegründete polnische Kleinstadt Raków. Am Zustandekommen des Rakowschen Katechismus (1605) ist Fausto Sozzini nachweisbar beteiligt gewesen. Unitarische Gemeinden gab es bald auch in Litauen, in Ungarn und in Siebenbürgen.

16. Der Pietismus

Im 17. Jahrhundert erlebte Deutschland harte Zeiten. Der Dreissigjähruge Krieg (1618-1648), an dem fast ganz Westeuropa beteiligt war,  liess für viele Jahre einen Greuel der Zerstörung und Verelendung zurück. Um in dieser Lage standzuhalten, reichte nach der Meinung mancher Protestanten die seelsorgerliche Praxis der Kirche nicht aus. Sie kümmerte sich vor allem um die rechte Lehre und um die Befolgung liturgischer Vorschriften; ihre Lehrer verfielen mit kleinen Streitigkeiten wieder der Scholastik, die die Reformation gerade hatte überwinden wollen.

Dem gegenüber entstand nun der Wunsch nach mehr persönlichem Umgang mit der Bibel und nach reiner Herzensfrömmigkeit. Diese Bestrebung, die später als Pietismus angedeutet wurde, begann zuerst bei den englischen “Puritanern”, die mit dem Formalismus des anglika-nischen Gottesdienstes unzufrieden waren, und bei den niederländischen Reformierten, die sich eine “nähere” – das heisst eine konsequentere – Reformation wüschten. Kirchenmitgliedschaft sollte ihres Erachtens keine selbstverständliche Bürgerpflicht sein, sondern auf Bekehrung und auf persönlich erfahrener Gemeinschaft mit Gott beruhen.

Der lutherische Pastor Philipp Jakob Spener (1635-1705) lernte bei einem Aufenthalt in Genf die reformierten Kreise kennen, wo man miteinander die Bibel las und Erfahrungen dazu austauschte. Als Pfarrer in Frankfurt schrieb er 1675 ein Reformprogramm mit dem Titel Pia desideria (= Fromme Wünsche). Das Büchlein wurde mehrfach überarbeitet und erlebte viele Auflagen. Es fängt an mit einer Klage über die allgemeine Reformbedürftigkeit der (evange-lischen) Kirche, weshalb nach seiner Ansicht weder die Juden noch die Katholiken sich zu ihr bekehrten. Spener erwartete eine Verbesserung durch die Stärkung des Glaubens individueller Mitglieder nach dem Vorbild der frühen Christenheit, und empfahl dazu das ernsthafte Studium der ganzen heilgen Schrift – nicht nur der liturgisch vorgeschriebenen Perikopen! – in Bibel-kreisen, im Familienkreis und an den Universitäten.

Der Sinn solcher Erbauungskreise war, mittels geistlicher Übungen die Kirche zu stärken und sie glaubwürdiger zu machen. Seitens der lutherischen Orthodoxie kam aber auch der Vorwurf, dass jeder Kreis für sich “ein Kirchlein in der Kirche” oder eine Art Parallelkirche werden konnte. Inzwischen zeigte die Lyrik des Pastoren und Liederdichters Paul Gerhardt (1607 – 1676), wie ein lebendiger Glaube auch ohne solche Mittel alte biblische Wahrheiten emotional zum Ausdruck bringen konnte.

Eine grosse Gestalt im lutherischen Pietismus wurde auch August Hermann Francke (1663 – 1727). Nachdem er an verschiedenen Universitäten Philosophie und Theologie studiert hatte, bekehrte er sich als angehender Prediger in Leipzig unvermittelt zu einem persönlichen Glauben. In einem späteren Bekenntnis schreibt er darüber Folgendes:

 Dies ist das Bekenntnis des Glaubens, darinnen ich lebe, des Weges, darauf ich wandle, der Wahrheit, die ich aus der Heiligen Schrift gelernt und welche durch den Heiligen Geist  in meinem Herzen versiegelt ist, der Schranken, in welchen ich laufe, damit ich vor allem falschen Wege bewahret und das Kleinod des Lebens ergreife.

Ich erkenne mich für einen armen und elenden Wurm, der mit seinen Erb- und wirklichen Sünden Gottes Zorn und Ungnade, zeitlichen Tod und die ewige Verdammnis verdient habe. Der Sohn Gottes aber, Christus Jesus, hat sich selbst für mich gegeben und mich durch sein Blut mit seinem Vater versöhnet, dass mir Gott meine Sünde nicht zurechnet, mir aber zur Gerechtigkeit rechnet, dass ich glaube an den Namen seines eingeborenen Sohnes. Durch solchen Glauben bin ich wahrhaftig gerechtfertigt und damit hat der Heilige Geist mein Herz erfüllt.

In solcher meiner Rechtfertigung habe ich Frieden gefunden mit Gott, bin ein Kind Gottes, tröste mich fröhlich seiner Gnade und weiss gewiss, dass ich den Tod nicht sehen noch schmecken werde, sondern dass ich das ewige Leben habe und vom Tode zum Leben bin hinndurchgedrungen. (…)

Mein Heil ist wahrhaftig in der Vergebung der Sünden. Gott hat mich fühlen lassen mein Unvermögen zu glauben, und darauf hat er mir gezeiget sein Erbarmen und den Glauben selbst in meinem Herzen gewirket. Was ich dergestalt gesehen und gehört und in geistlicher Erfahrung gelernt, ist mir gewisser, als was meine leiblichen Augen sehen, meine leiblichen Ohren hören und meine leiblichen Hände betasten. (…)

In dem Glauben an Jesum ist mein Anfang, Mitte und Ende. Indem ich alles Selbstwirken verlasse (…) mich aber an die reine Gnade Gottes halte, so wird eine neue Kraft in meinem Herzen geboren, dass ich den Glauben als ein himmlisches Licht und Feuer in meinem Herzen fühle. Es ist nicht ein anderer Weg, dadurch ich gerecht geworden bin, und ein anderer, dadurch ich suche geheiligt zu werden, sondern es ist einer, welcher der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.

Das war wohl ungefähr das Modell eines persönlichen Glaubens, wie auch Spener es sich vorstellte. Es hatte bei Francke nur eine Schwäche: Nach seiner Meinung durfte nur derjenige sich in vollem Sinn ein Christ nennen, der gleich wie Spener durch einen “Busskampf” zur Bekehrung gekommen war. Man sollte Tag und Stunde melden können, an dem es geschehen war.

Sehr stark war hingegen sein Einsatz für Sozialarbeit und christliche Erziehung. 1695 begann Francke Kinder in seiner Pfarrwohnung zu unterrichten und zu versorgen. 1698 wurde in Halle an der Saale der Grundstein für ein neues Waisenhaus gelegt und innerhalb von dreissig Jahren entstanden Schul- und Wohngebäude, Werkstätten, Gärten und eine Apotheke. In insgesamt 50-jähriger Bautätigkeit wuchs eine Schulstadt heran, in der bis zu 2.500 Menschen lebten und an der Konzeption einer christlich inspirierten Gesellschaftsreform arbeiteten.

In Zusammenarbeit mit seinem Freund Carl Hildebrand von Canstein schuf Francke dem einfachen Volk erstmalig die Möglichkeit, sich zu erschwinglichem Preis eine Bibel zu kaufen. Die 1710 gegründete Cansteinsche Bibelanstalt ist die älteste Bibelanstalt der Welt. Francke war unter den Protestanten auch der erste, der ihre missionarische Aufgabe für Heidenvölker übersee verstand. Die dänischen Kolonie Tranquebar, in Südindien, wurde der Ausgangspunkt der Dänisch-Halleschen Mission.

17. Zinzendorf

In Böhmen und Mähren gab es noch im Reformationszeitalter Gemeinden, die aus der Bewegung von Jan Hus hervorgegangen waren. Sie hatten sich 1457 als Unitas Fratrum (Brüdergemeinde) zusammengeschlossen. Verfolgung durch die Habsburger hatte viele von ihnen zur Auswanderung nach Polen und Ungarn gezwungen. Ab 1575 erreichten sie zeitweilig Duldung, indem sie rechtlich den Lutheranern und Reformierten gleichgestellt wurden. Während des Dreißigjährigen Krieges wurden die Brüder in Böhmen fast vollständig vernichtet, sie konnten sich nur noch heimlich versammeln. Ihr Bischof Johann Amos Comenius musste 1628 seine Heimat verlassen.

Kleine, isolierte Gruppen waren ab 1722 willkommen auf dem Landgut des Reichsgrafen Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700 – 1760) in der Oberlausitz, Kurfürstentum Sachsen. Unter der Schirmherrschaft des Grafen bildete sich eine Kolonie von Glaubensvertriebenen, “Herrnhut” geheissen. Die Mitglieder der erneuerten Unitas Fratrum werden seitdem als “Herrnhuter” oder auch bis heute als “Mährische Brüder” bezeichnet.

Zinzendorf entstammte einem österreichischen Adelsgeschlecht, das seines evangelischen Glaubens wegen aus Niederösterreich vertrieben worden war. Als Knabe besuchte er in Halle Franckes Pädagogium, wodurch er pietistisch geprägt wurde. Er hatte seinen Glauben aber schon von der frommen Grossmutter mitbekommen. Somit eigneten ihm zwar die Ideale einer christlichen Lebensführung, aber war die Bekehrung im franckischen Sinne, der “Busskampf”, ihm fremd. Er schätzte auch die Beziehung zu anderen Konfessionen und sann über die Möglichkeit einer die Konfessionen übergreifenden Einheit der Christen. So bald er von der Grossmutter das Rittergut Mittelberthelsdorf in der Oberlausitz geerbt hatte, gedachte er der Mährischen Brüder, die sich dort niederlassen konnten und unter starker Mitbeteiligung des Grafen und eines lutherischen Pfarrers 1727 die “Wiedergeburt” ihrer Unitas Fratrum feierten.

Zinzendorf sah es als seine Aufgabe, die Flüchtlinge – Bauern, Handwerker, Studenten und Bürger – zu Fleiss und Ordnung anzuregen und unter ihnen den Gemeingeist zu fördern. Junge Männer, Mädchen, Verheiratete mit Kindern, Witwen und Witwer führten jeweils einen gemein-samen Haushalt in “Chören” – wie man diese Abteilungen bezeichnete – wo jeder einzelne seine Aufgabe für das Gemeinwohl hatte und man sich im Glaubensleben unterstützte. Immer noch kamen aus Mähren, Böhmen und Schlesien neue Flüchtlinge zugezogen. “Wir schaffen es!” sagte der Graf, aber Kurfürst August der Starke liess sich 1731 umstimmen durch ein zorniges Schreiben von Kaiser Karl VI. aus Wien, der sich darüber beklagte, dass soviele Untertanen aus seinem Herrschaftsgebiet in die neue sächsische Siedlung gelockt wurden. Der Kurfürst befahl nun den Grafen, Sachsen innerhalb von drei Monaten mitsamt seinen Ansiedlern zu verlassen.

Zinzendorf überliess daraufhin das Rittergut seiner Frau, reiste selber in aller Welt herum um ein Netzwerk evangelisch gesinnter Beziehungen aufzubauen und fand für seine Schützlinge, soweit sie nicht doch in Herrnhut blieben, ein neues Unterkommen in Herrnhaag, östlich von Frankfurt, und nicht viel später auch in London. Es herrschte aber unter den Brüdern und Schwestern ein mutiger Unternehmergeist, verbunden mit dem Wunsch, das Zeugnis von ihrem kostbaren Glauben in die Welt zu tragen.

Am königlichen Hof in Kopenhagen lernte Zinzendorf einen schwarzen Diener, einen “Kammermohren”, kennen, der ihm vom Leben der Sklaven auf den Karibischen Inseln erzählte. Tief bewegt, erspähte er hier ein neues Arbeitsfeld für seine Brüdergemeinde. Und tatsächlich waren 1732 zwei Brüder aus Herrnhut, David Nitschmann und Leonhard Dober, bereit, sich ohne weitere Vorausbildung als Missionare auf die von Dänemark kolonisierte Insel St. Thomas zu begeben. Ein holländisches Handelsschiff ermöglichte ihnen eine kostenlose Überfahrt. Es wurde der Beginn einer weltweiten Missionsarbeit, die noch heute in der Form überkonfessioneller Zusammenarbeit in vielen Ländern unter vielen Völkern existiert.

Bezeichnend für die Herrnhuter Mission war, dass man nicht warten wollte, bis ihre Arbeit sich an einem Ort etabliert hatte, ehe andernorts einen Versuch zu machen, sondern dass man überall dorthin, wo sich eine Tür zur Heidenwelt öffnete, gleich opferbereite Brüder entsandte, um den fremden Völkern “ein Nächster zu werden.” Nach den Sklaven im Karibik ging es schon 1733 zu den Eskimos in Grönland, 1735 nach Surinam zu den Indianern, Buschnegern und Sklaven, schon im selben Jahr auch zu den Indianersn in Nordamerika, 1737 nach Südafrika und in das Baltikum, 1752 nach Labrador. “Erstlinge der Ernte zu gewinnen für das Lamm,” dieses Ideal beseelte Zinzendorf.

 

Meine Geschwister, wenn ich sage, dass wir aus einer ganzen Nation kaum zehn, zwölf Familien zum Heiland zu bringen haben, dass unsere Bestimmung, unser grundplan, nicht weiter geht als auf primitias, auf die Erstlinge, so heisst das nicht, dass sich nicht mehr Leute da bekehren werden, sondern wir sollen nur etwas phlegmatisch dazu sein; wir sollen’s mit ansehen, dass sich die Zahl um uns herum von hundert auf zwanzig und von zwanzig auf zeht reduziert, und die anderen (…) dem Heiland und seiner weiteren Disposition überlassen. Wir sollen uns nicht mit Kirchenmachen übereilen unter den Heiden, mit Gemeindestiften, sondern wir sollen in der Heidenmission des Heilands Methoden observieren; der hatte fünfhundert Brüder, die auf einmal zusammenkommen konnten, wenigstens ist er ihnen zugleich erschienen, und was hat er nicht in allen den Städten und Dörfern gehabt, wo die Apostel hingekommen sind; man hat ihn aber selten weiter gesehen als unter seinen siebzig Jüngern, und für gewöhnlich hatte er nicht mehr als zwölf um sich gehabt, und die etlichen wenigen Schwestern… (Es hat dem Heiland) an einem grossen, ansehnlichen Haufen nicht gefehlt, daraus er so eine ecclesiam hätte machen können, als die Apostel gleich nach seinem Tode getan haben. Es hat ihm aber nicht beliebt, denn er har gewusst, dass die Zeit noch nicht da ist … Und so wissen auch wir, dass die vermutliche Zeit der Heiden, der ganzen Nationen, noch nicht ist, wenn wir auch nicht aufs bevorstehende Reich des Heilandes sehen wollen. Vielleicht, wenn alle die Lande, darinnen die Christen jetzt wohnen, ganz wieder zu Heidentum worden sind, alsdenn wird die Stunde von Afrika, Asia und Amerika kommen, in die Nationen hinein (…) Wer uns hören will, der höre uns; wer uns nachgehen will, der tue es; wem wir dienen können, da tun wir’s gerne. (…) Jesus taufte nicht selber, sondern seine Jünger. Das ist eine grosse Maxime, mit der Taufe so rar zu sein als möglich, noch mehr mit den übrigen Sakramenten. (…) Es müssen immer auch unter den Heiden, wo uns der Heiland legitimiert, solche Auserwählte sein, denen man das nicht disputieren kann, dass sie Erstlinge aus den Heiden fürs Lämmlein sind. Aber es muss doch dabei bleiben, eine kleine Zahl. (…) Dass es nicht heisst: “Ihr sollt alle Menschen auf dem ganzen Erdboden bekehren können, es wird geschehen, es wird gehen …”, das hat uns die Erfahrung aller Jahrhunderte deutlich gelehrt.

 

Der Reichsgraf, der um des Herrn willen für zahllose Menschen ein Bruder, ein Nächster werden wollte, hat der Unitas Fratrum seine Liebe für den Heiland und seinen weltoffenen Geist mitgegeben. Der Herrnhuter Adventsstern und die Herrnhuter Tageslosungen, die seit 1731 in ununterbrochener Reihe herausgegeben werden, sind Symbole für diese weltweite Bruder- und Schwesterschaft.

18. Schleiermacher

Zugleich mit dem Pietismus gab sich in der abendländischen Kultur eine ganz andere Entwicklung kund: die menschliche Vernunft als Wegweiser zur Erkenntnis und zum Fortschritt. Weder von der Autorität der Kirche, die weitgehend vom Staat unterstützt wurde, noch von der der Heiligen Schrift, deren Inhalt sich ja historisch oft nicht verifizieren liess, erwartete man die Antwort auf fundamentale Lebensfragen. “Denke nach – und du wirst deinen Weg finden!”

Unter diesem Motto begann die sogenannte Aufklärung, die man etwa dem Zeitabschnitt von 1650 bis 1800 zuordnet. Unser Denken und handeln, so hiess es, beruhe auf ein System allge-mein gültiger Wahrheiten (Rationalismus). Oder aber es beruhe auf das Gewissen: “Handle nicht, weil du etwas Nützliches erreichen willst, sondern weil du überzeugt bist, dass es so sein muss” (Moralphilosophie). Was ist nun aber der bleibende Sinn der Religion? Die Kirchen griffen gerne auf ihre alten Wahrheiten zurück: Es gebe eine übersinnliche Welt, und die Glaubenslehre informiere uns darüber (Konfessionalismus).

Ist damit aber das Wesentliche der Religion gesagt? Auf diese Frage gab nun Friedrich Schleiermacher (1768 – 1834) die Antwort, die ihn in der Nachwelt als den “Kirchenvater des 19. Jahrhunderts” erscheinen liess. Schleiermacher besuchte das Pädagogium der Herrnhuter in Niesky (Oberlausitz), studierte Theologie an der Universität Halle, wo er sich mit den Strömungen der Aufklärung auseinandersetzte. Ab 1790 wirkte er in verschiedenen Stellungen als Prediger und Schriftsteller, erlangte 1804 eine Professur in Halle und 1810 in Berlin. Seine Bekanntheit verdankte er vor allem einer Verhandlung mit dem Titel Über die Religion: Reden für die Gebildeten unter ihrenVerächtern.

Spekulieren darüber, ob es einen Gott gibt, ist nach Schleiermacher im Gebiet der Religion leere Mythologie. Nachdenken, Erklären, Systematisieren ist Teil der Metaphysik, Religion ist aber nicht dem Denken verhaftet. Auch zum Handeln treibt die Religion nicht an. Man kann nichts aus Religion tun, aber alles mit ihr. Ihr Wesen ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Religion ist passives Anschauen des Universums – das heisst: die Ganzheit der Welt – das sich offenbart und den Menschen tief berührt. Religion – sagt Schleiermacher – ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Wenn man Religion hat, begegnet einem im Endlichen ständig das Universum: “Alles Einzelne als einen Teil des Ganzen, alles Beschränkte als eine Darstellung des Unendlichen hinnehmen, das ist Religion.” Ich betrachte zum Beispiel eine Blume, oder einen Sonnenaufgang, oder ich blicke einem Kind in die Augen – und ich fühle: Hiermit berührt mich eine grosse, alles umfassende Wirklichkeit! Wunder sind überall, wenn man alles mit Religion wahrnimmt.

Der Glaube an einen Gott ist dabei nach Schleiermachers Urteil nicht unbedingt erforderlich. Er setzt damit Schranken vor der Philosophie Spinosas, der das Universum mit Gott identifizierte (Pantheismus). Auch der Glaube an eine unsterbliche Seele geht nicht notwendigerweise aus der religiösen Betrachtung hervor. Manch einer wünscht Unsterblichkeit, ohne dabei religiös zu sein!

So setzt Schleiermacher auch dem bekannten Dreischnitt “Gott, Tugend und Unsterblichkeit” (Immanuel Kant) deutliche Schranken.

Das Unendliche, das sich im Endlichen zeigt, kann uns begegnen in einem Mitmenschen oder auch in der Menschheit als ganzen (Humanität). Ja auch in sich selbst kann der religiöse Mensch es mitunter finden: die eigene Persönlichkeit umfasst nämlich das ganze Spektrum der menschlichen Natur.

Eine besondere Stellung weist Schleiermacher ausserdem der Geschichte zu: “Geschichte im eigentlichsten Sinn ist der höchste Gegenstand der Religion, mit ihr hebt sie an und endigt mit ihr. Alle wahre Geschichte hat überall zuerst einen religiösen Zweck gehabt und ist von religiösen Ideen ausgegangen. In ihrem Gebiet liegen dann auch die höchsten und erhabensten Anschauungen der Religion.”

In den Reden über die Religion lesen wir Folgendes:

Das Wesen der Religion ist weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl. Anschauen will sie das Universum, in seinen eigenen Darstellungen und Handlungen will sie es andächtig belauschen, von seinen unmittelbaren Einflüssen will sie sich in kindlicher Passivität ergreifen und erfüllen lassen (…) Die Religion lebt ihr ganzes Leben in der unendlichen Natur des Ganzen, des Einen und Allen; was in dieser alles Einzelne und so auch der Mensch gilt, und wo alles und auch er treiben und bleiben mag in dieser ewigen Gärung einzelner Formen und Wesen, das will sie in stiller Ergebenheit im Einzelnen anschauen. (…)

So behauptet sie ihr eigenes Gebiet und ihren eigenen Charakter nur dadurch, daß sie aus dem der Spekulation sowohl als aus dem der Praxis gänzlich herausgeht. (…) Spekulation und Praxis haben zu wollen ohne Religion, ist verwegener Übermut, es ist freche Feindschaft gegen die Götter, es ist der unheilige Sinn des Prometheus, der feigherzig stahl, was er in ruhiger Sicherheit hätte fordern und erwarten können. (…) Auch haben die Götter von je an diesen Frevel gestraft. Praxis ist Kunst, Spekulation ist Wissenschaft, Religion ist Sinn und Geschmack fürs Unendliche. Ohne diese, wie kann sich die erste über den gemeinen Kreis abenteuerlicher und hergebrachter Formen erheben? Wie kann die andere etwas besseres werden als ein steifes und mageres Skelett? (…)

Alles Endliche besteht nur durch die Bestimmung seiner Grenzen, die aus dem Unendlichen gleichsam herausgeschnitten werden müssen. Nur so kann es innerhalb dieser Grenzen selbst unendlich sein und eigen gebildet werden, und sonst verliert Ihr alles in der Gleichförmigkeit eines allgemeinen Begriffs. Warum war für Euch die Spekulation (…) nichts als ein leeres Spiel mit Formeln, die immer anders wiederkamen, und denen nie etwas entsprechen wollte? Weil es an Religion gebrach, weil das Gefühl des Unendlichen sie nicht beseelte, und die Sehnsucht nach ihm, und die Ehrfurcht vor ihm ihre feinen luftigen Gedanken nicht nötigte, eine festere Konsistenz anzunehmen, um sich gegen diesen gewaltigen Druck zu erhalten. Vom Anschauen muß alles ausgehen, und wem die Begierde fehlt das Unendliche anzuschauen, der hat keinen Prüfstein und braucht freilich auch keinen, um zu wissen, ob er etwas ordentliches darüber gedacht hat.

 

Schleiermachers theologisches Hauptwerk, Der christliche Glaube (1821/22) fasst alle dogmatischen Aussagen als Beschreibungen des christlichfrommen Selbstbewußtseins auf, das stets ein Verhältnis zu Gott und zur Welt einschliesst. Die Dogmatik entfaltet er nicht mehr als ein Wissen von Gott, sondern er fundierte sie neu als systematische Auslegung des christlichen “unmittelbaren Selbstbewusstseins.“ Schleiermacher vertrat einen erkenntnistheoretischen Realismus: Alles Wissen sei auf das Wissen von der Welt eingeschränkt, wurzele aber in dem absoluten Grund des Seins und Denkens, d. h. in Gott, der die „Grenze“ alles Denkens markiere und nur im Gefühl präsent sei.