Predigt von Pastor Matthias Lasi für den Karfteitag 10.04.2020

Karfreitag, Jesus stirbt am Kreuz.
Karfreitag, wie soll man diesen Feiertag verstehen?
Als meine Großmutter noch lebte, erzählte sie mir aus ihrer Kindheit. Sie war aufgewachsen in einem schwäbischen, gut pietistischen Elternhaus. Karfreitag war einer der wichtigsten Feiertage im Jahr. Es galt, an diesem Feiertag des Todes von Jesus zu gedenken. Alle trugen schwarze Trauerkleidung. Man verhielt sich der Trauer entsprechend ruhig und zurückgezogen. Sogar den Kindern war verboten, fröhlich zu spielen. Still mussten sie zuhause auf dem Sofa sitzen. Karfreitag war ein kollektiver Trauertag.

Karfreitag, Gott opfert seinen Sohn.
Dahinter steht die Denkweise:
Gott sei verärgert angesichts der Sünde der Menschen. Er möge strafen und fordere ein Opfer, damit er wieder versöhnt wäre.
Jesus wäre dann das Opfer, damit Gott gnädig gestimmt würde.

Der Apostel Paulus hat eine andere Meinung.
In seinem zweiten Korintherbrief schreibt er:
Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit ihm selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.
So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott! (2. Kor. 5,19+20)

“Gott war in Christus!”
Es ist nicht die Meinung des Paulus zu erklären:
Gott sei so wütend und zornig auf die Menschen,
dass er für sich Genugtuung fordere und Christus das Opfer sein müsse.
Oder:
Gott fordere Gerechtigkeit und Jesus müsse am Kreuz sterben um Gott zu versöhnen.
Diese Auffassung mag zwar fromm sein, aber sie wird von Apostel Paulus nicht geteilt, denn:
“Gott war in Christus!” Es ist ein Teil Gottes selbst, der da am Kreuz stirbt.

“Gott war in Christus!“ ist eine Seite Gottes, die unserm menschlichen Denken eigentlich fremd ist.
Es ist nicht die Seite Gottes, die wir in unseren Kirchen mit viel Gold und Gloria verehren. Verständlich, dass unserem menschlichen Denken diese prunkvolle Seite mehr liegt. Man steht doch viel lieber auf der Seite des Mächtigen, des Siegers.
Niemand verliert gerne.

“Gott war in Christus!”
Was ist das für ein Gott? Wir haben andere Erwartungen. Stärke, Allmacht, Richter, gerechtes Urteil, Strafe… sind Assoziationen, die sich in den Vordergrund drängen.
Die sind nicht falsch, aber eben auch nicht alles.
Gott nimmt sich die Freiheit, gegen menschliche Erwartungen zu handeln. Gott sprengt alle menschliche Festlegung. Es geht nicht um Opfer. Menschen möchten gerne etwas in der Hand haben, etwas tun können, etwas vorweisen können, um dann ein Recht auf etwas zu haben. Schau her, ich habe etwas für dich geleistet, jetzt bist du mir verpflichtet.
Gott war in Christus, auch als er am Kreuz hing. Trotzdem schrie Jesus: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Der allmächtige Gott hängt am Kreuz. Es kommt kein Engel. Es geschieht kein Wunder. Jesus stirbt.

“Gott war in Christus!”
Doch Jesus stirbt. Kein Engel kommt, kein Wunder geschieht. Es sieht so aus als hätte Gott Christus im Stich gelassen. Gott verbirgt sich im Gegenteil.
Wie soll man Gott erkennen, wenn man sich in einer schweren Lage befindet?
Manchmal ist es wirklich zum Verzweifeln. Manchmal erscheint eine schwere Situation aussichtslos. Manchmal muss man auch eigene Fehler eingestehen und bei sich etwas ändern. Manchmal kann man nur gegen die Realität an Gott festhalten.
Von Jesus am Kreuz wird uns nicht nur überliefert „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, sondern auch: „Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!“
Trotz gegenteiligem Erleben fest halten am Vertrauen zu Gott.
Eigentlich verrückt, aber viele vor uns haben die starke Kraft dieses Festhaltens erfahren. Und viele Gläubige erleben auch heute, dass ihnen der Glaube Halt im Leben gibt.
Für die Freundinnen und Freunde von Jesus muss die Situation eine Katastrophe gewesen sein. Jesus stirbt am Kreuz. Wie soll ein Mann, dessen Lebensziel ihn ans Kreuz brachte zum Gründer einer Weltreligion werden?
Irgendetwas muss sich verändert haben. Irgendetwas muss zu dieser Katastrophe hinzugekommen sein.
Jetzt wird deutlich, Karfreitag ist nicht ohne Ostern zu verstehen. Der eigentlich traurige Feiertag ist eingebettet in die Freude und das helle Licht von Ostern.

“Gott war in Christus!”
Der Apostel hätte diesen Satz nicht schreiben können ohne die Erfahrung von Ostern. Der Tod und vor allem der Tod am Kreuz galt als Zeichen der größten Gottesferne. Jeder Theologe damals kannte den Satz: „Verflucht ist, wer am Kreuz hängt“. Mit der Auferstehung nun hat sich Gott zu Jesus Christus bekannt und damit auch zu jedem Menschen. Karfreitag und Ostern gehören eng zusammen. Irgendetwas muss geschehen sein, sodass die Jüngerinnen und Jünger sich nach Jesu Tod aus ihrem Versteck hervorwagten. Irgendetwas muss ihnen dermaßen viel Mut vermittelt haben, dass sie es wagten in aller Öffentlichkeit von ihrem neuen Glauben zu erzählen. Sie erzählten von einem Gott, der so gar nicht in die menschliche Vorstellung von einem Allmächtigen passt. Ein Gott, der seinen Sohn am Kreuz sterben lässt. Ein Gott, der sich selbst versöhnt und die Freiheit seiner Geschöpfe bewahrt.

“Gott war in Christus!”
Karfreitag im Licht von Ostern weist darauf hin: Gott bleibt da und eher stirbt Jesus am Kreuz, als dass Gott uns Menschen abschreibt.
Der Karfreitag gehört zur Osterfreude dazu, denn es fällt unendlich schwer, das Vertrauen auf Gott zu bewahren, wenn man vor den Trümmern persönlicher Hoffnungen steht oder wahrnimmt, was alles an Schrecklichem auf der Welt passiert.
Die Osterhoffnung gehört zur Karfreitagstrauer, denn ihr sollt euch von Gott getragen wissen, wenn ihr selbst Schweres erlebt. Und ihr könnt dort dem Bösen entgegentreten, wo es euch in eurer Umgebung begegnet.
Gottes Geist gebe uns dazu die Kraft und bewahre uns in einem Frieden, der höher ist als alle Vernunft, in Christus Jesus. Amen.
Gott,
so häufig wirst du uns vorgestellt als ein Gott, der unseren menschlichen Vorstellungen nicht entspricht.
Es ist nicht leicht, dich in den Zeichen deiner Macht zu entdecken. Dein Sohn stirbt am Kreuz. Wir erwarten Stärke und Allmacht. Du lässt dich tief herab. So kommst du uns nah, so stärkst du unsere Hoffnung und schenkst uns Menschen eine unendlich große Würde.
Gib uns die Kraft, damit wir uns nicht verschließen vor der Not. Lass uns Wege finden gegen die Not und die Verzweiflung
Sei bei denen, die keinen Grund mehr unter den Füßen spüren.
Sei bei denen, die um liebe Menschen trauern.
Sei bei denen die krank sind und wenig Hoffnung haben.
Steh ihnen bei. Zeige ihnen Pfade aus der Not und Verzweiflung. Schenke ihnen Menschen zur Seite mit Zeit und Verständnis.
Amen