Dialog zwischen Judentum und Christentum

2. Mose 19, 1 – 6; Markus 12, 28 – 34

Unsere Lesung aus dem Exodus, dem sogenannten zweiten Buch Moses, enthält eine zärtliche Liebeserklärung Gottes an das Volk der Israeliten. Aus Ägypte.n, aus dem Land der Sklaverei, hat er sie “auf Adlersflügeln getragen und sie zu sich gebracht.”

Wie ein fliegender Adler seine Jungen auf dem Rücken trägt, so hat Gott der Herr die Seinen getragen und sie bis an diesen Ort gebracht, wo er sich nun weiter als der Liebende offenbaren wird. Es wird keine allgemeine Gotteserkenntnis vermittelt -nein, es folgt ein liebevoller Zuspruch speziell für Israel, oder auch für “das Haus Jakobs”, wie es in unserm Text genannt wird.

“Hört auf was ich euch sage! Ja sicher, die ganze Erde ist mein, aber von allen Völkern werdet ihr – gerade ihr! – mein Eigentum sein.” Dann krönt er Herr sie mit königlicher Ehre: “Ihr sollt mir ein Königreich von Priestern und ein heiliges Volk sein.” Von allen Völkern der Erde wendet Gott sich mit diesen Worten ausgerechnet dem Volk Israel zu. Dazu gehört dann seitens dem Volk ein entsprechendes Verhalten; Gott wird ihm seinen Willen kundgeben, seine Weisung, die torah. Mehr als um die Frage nach dem, was sie tun sollen, handelt es sich darum, wessen sie sich enthalten sollen.
In den zehn Geboten heisst es: “Du sollst nicht … Du sollst nicht …” Du bist ja ein heiliges Volk, so lasse dich nicht mit unsauberen Dingen ein!
Beachten wir doch die biblische Reihenordnung. Der Gehorsam an die Weisung ist nicht eine Bedingung dafür, dass Israel Gottes Eigentum werden kann
- nein, die Weisung wird ihnen gegeben weil Gjött sie erwählt hat, weil sie Gottes Eigentum sind.

Im jüdischen Glauben ist eine solche Erwählung keineswegs ein Grund zum Hochmut. Dass ihnen die torah anvertraut ist, ist einersets ein Grund zu überschwenglicher Freude – die “Freude der torah” ist ein alljährlich begangenes Fest. Anderseits kann die Sonderstellung der Juden unter den Völkern auch eine schwere Aufgabe sein.

Schriftverständnis. Es ist für Christen ganz interessant, wenn sie die sogenannten messianischen Texte aus dem Alten Testament einmal durch eine jüdische Brille lesen.

Und welche gegenseitige Freude kann es geben, wenn wir entdecken, wieviel wir gemeinsam haben! Wundenichöfi ist die Geschichte aus unsrer heutigen Evangelienlesung, über den Schrift-gelehrten, der aller Streitigkeiten müde war und der Jesus fragte, was denn wohl das höchste Gebot sei. Jesus antwortete mftidem fundamentalen jüdischen Glaubensbekenntnis: “Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr allein!” Und dann fügt er hinzu: “Du sollst den Heijrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von allen deinen Kräften,” ja, und “du sollst deinen Njächsten lieben wie dich selbst.” Es ist kein anderes Gebot grösser als diese.

Woraufhin der Schriftgelehrte sprach: Meister, du hast wahrhaftig recht geredet! Er ist nur einer, und ist kein anderer ausser ihm.” Die beiden • haben alle Streitgespräche hinter sich gelassen. Sie finden einander in der Bekenntnis des einen, einzigen Gottes und in der Praxis einer tätigen Liebe. Nach diesem Modell werden Juden und Christen immer wieder sinnvoll aufeinander zugehen. Und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, i bewahre eure Herzen und Sinne durch Jesus Christus, unsern Herrn.

Nun kommt aber die nächste Frage: Wie verhält sich die Eigenart des jüdischen Glaubens zum Selbstverständnis der Christen? Christen gibt es in vielen Völkern, die meisten ihrer sind nicht jüdischer Abstammung, aber sie beanspruchen trotzdem eine besondere Zuwehdung Gottes.

Im Neuen Testament, im j1. fceljrusbrief, wird die Verheissung aus dorn! Exodus wortwörtlich auf die Christen angewandt: “Ihr seid das auserwählte Geschlecht, die königliche Priesterschaft, das heilige Volk, das Volk des Eigentums!” Wer hat nun das bessere Bibelverständnis – die Christen oder die Juden? Die Antwort auf diese Frage hat viele praktische Konsequenzen. Erst einmal soll festgestellt werden, dass die Autoren des Neuen Testaments Interesse daran hatten, ihre Botschaft scharf vom jüdischen Glauben abzugrenzen. Die Juden hätten ihre Bibel nicht recht verstanden; man meinte, sie halten sich nur am Buchstaben des Gesetzes und es fehle ihnen das geistliche Verständnis; sie erkennen Christus nicht, obwohl er überall in den Schriften zu finden sei. Also gibt es da einen zweideutigen Gebrauch des Alten Testaments: Ohne die jüdischen Schriften wäre uns die Botschaft von Jesus als Messias zwar völlig unverständlich, aber gleichzeitig werden diese Schriften 50 interpretiert, dass sie den jüdischen Glauben als hinfällig betrachten!

Viele Jahrhunderte galt als die Meinung der Christen, dass sie doch das wahre Gottesvolk seien; anstelle dejs Judentums sei nun die Kirche von Gott auserwählt worden. Diese Ansicht wurde verstärkt durch düstere Verdächtigungen und Hassgefühle, die das Judentum – vorsichtig ausgedrückt – zu einem negativen Faktor in der Menschheitsgeschichte herabsetzten. Daneben hat es auch – vor allem seit dem 19. Jahrhundert – eine Strömung gegeben, die sich als judenfreundlich bezeichnete: Was den Juden fehle, sei doch der Glaube an Jesus als den Messias! Es sei also die Aufgabe der Christen, die Juden zum Messiasglauben zu bekehren, sie christlich zu evangelisieren. Es entstanden vielerlei Ansätze zu einer zielbewussten Judenmission.

Es gibt nun auch, seitdem die Besinnung über den Holokaust in der! christlichen Theologie einen Umschwung eingeleitet hat, gelegentliche Versuche, em
christlichen Reden und Handeln gewisse jüdische Merkmale aufzudrücken. Das Laubhüttenfest zum Beispiel, mit den Mahlzeiten unter eineml | primitiven Zweigengeflecht, oder die chänukah, das ichtfest mit dem achtarmigen Kerzenleuchter – es gibt heute Christen, die sich solche Traditionen aneignen. Mit den Juden ins Gespräch zu kommen – das wäre immerhin schon ein Erfolg. Wie kann man einander beurteilen, wenn man voneinander bloss hablonenhafte
Kenntnis hat, vielleicht immer noch aufgrund der Polemik das Apostels aulus? Nun gut, es soll ein interreligiöses Gespräch zwischen Juden und hristen
geben. Aber was kann der Einsatz, was das Ziel solcher Gespräche sein? Wenn Anhänger verschiedener

Religionen den Dialog führen wollen, ist die Voraussetzung, dass sie sich gleichberechtigt und gleichwertig begegnen. Beim Dialog mit den Christen bekommen die Juden aber fast immer den Eindruck, dass sie von jenen vereinnahmt werden; dass die Christen es nicht unterlassen können, die jüdischen Partner irgendwie in ihr System hineinzuzwingen. In umgekehrter Richtung ist das nur selten der Fall. Das Judentum ist nicht missionarisch ausge-richtet. Der Jude kann höchstens den Christen darauf hinweisen, dass die Aussagen aus dem Neuen Testament – Aussägen von Jesus oder auch vom Ex^Rabbiner Paulus – viel “jüdischer” sind als man bisweilen geglaubt hat.

Soll das Gespräch mit. den JUden weiter geführt werden? Ich glaube: Gewiss! Und zwar unsrerseits mit dem Ziel, etwas vom andern Glauben zu lernen. Jahrhunderte alte Vorurteile müssen abgebaut werden; das kann aber nur in geduldiger Arbeit mehrerer Generationen geschehen. Jüdische Gelehrsamkeit sqll aus dem geistlichen Ghetto, in dem sie so lange eingeschlossen war, heraustreten und unser gemeinsames Erbe werden. Das gilt natürlich auch für das jüdische.

Klaus van der Grijp