Pfarrer Matthias Lasi. Predigt für den Palmsonntag, 05.04.2020

1 Es waren noch zwei Tage bis zum Passafest und den Tagen der Ungesäuerten Brote. Und die Hohenpriester und Schriftgelehrten suchten, wie sie ihn mit List ergreifen und töten könnten.
2 Denn sie sprachen: Ja nicht bei dem Fest, damit es nicht einen Aufruhr im Volk gebe.
3 Und als er in Betanien war im Hause Simons des Aussätzigen und saß zu Tisch, da kam eine Frau, die hatte ein Alabastergefäß mit unverfälschtem, kostbarem Nardenöl, und sie zerbrach das Gefäß und goss das Öl auf sein Haupt.
4 Da wurden einige unwillig und sprachen untereinander: Was soll diese Vergeudung des Salböls?
5 Man hätte dieses Öl für mehr als dreihundert Silbergroschen verkaufen können und das Geld den Armen geben. Und sie fuhren sie an.
6 Jesus aber sprach: Lasst sie! Was bekümmert ihr sie? Sie hat ein gutes Werk an mir getan.
7 Denn ihr habt allezeit Arme bei euch, und wenn ihr wollt, könnt ihr ihnen Gutes tun; mich aber habt ihr nicht allezeit.
8 Sie hat getan, was sie konnte; sie hat meinen Leib im Voraus gesalbt zu meinem Begräbnis.
9 Wahrlich, ich sage euch: Wo das Evangelium gepredigt wird in der ganzen Welt, da wird man auch das sagen zu ihrem Gedächtnis, was sie getan hat.
Markusevangelium, 14,1-9

Eine eigenartige Begebenheit, die uns überliefert wird. Zunächst wird uns lediglich der Name des Gastgebers mitgeteilt. Simon, der Aussätzige, bei ihm war Jesus mit seinen Jüngern zu Gast. Eine Männerrunde sitzt da beisammen. Da platzt eine Frau ohne Namen ins abendliche Essen. Sie zerbricht ein Fläschchen mit kostbarstem Nardenöl. Die meckernden Jünger beziffern den Wert des Nardenöls auf 300 Silbergroschen, ein Jahreslohn für damalige Verhältnisse. Heute wären das vorsichtig gerechnet 600.000 Griwna. So viel Geld für nur ein paar Tropfen Öl.
Die Jünger meinen es gut. Es könnten gute Protestanden gewesen sein: Jesus würde sich mehr freuen, wenn du das Geld für einen guten Zweck spenden würdest. Das ist urprotestantisches Denken, nüchterne Bescheidenheit, kein Genuss, kein Luxus. Demütig muss man bleiben, darf sich nichts gönnen. Kein Schmuck auf dem Altar, damit die Kirchgänger nicht abgelenkt werden. Sie sollen über Gott nachdenken, nicht über die Kleidung des Pfarrers, der Pfarrerin.
Die Jünger meinten es gut. Sie meinten Jesus zu kennen und Jesus setzt eine andere Priorität. Jesus sieht das Mitgefühl der Frau. Er lobt ihr Handeln sogar. Diese Frau hat im Augenblick erkannt was jetzt dran ist. Mutig stört sie die Männergesellschaft bei Tisch.
Zwei Tage vor dem Passafest wird die Begebenheit datiert. Jesus stand kurz vor der dunkelsten Zeit seines Lebens. Dahinein strahlt die Aktion dieser Frau wie ein heller Lichtstrahl, mitten in der dunklen Karwoche. Die verwandelnde Kraft der Liebe leuchtet schon hier auf.
Diese Frau ließ es sich etwas kosten. Wir wissen von ihr nichts. Wir wissen nicht, war sie wohlhabend oder musste sie all ihren Besitz für das Nardenöl aufwenden. Jesus schätzt ihren Einsatz hoch.
Deshalb: lasst es euch etwas kosten für eure Lieben. Es muss ja nicht gleich ein Jahresgehalt kosten. Ja, manchmal sind Dinge, die nichts kosten viel wertvoller als teure Geschenke. Ein gutes Wort des Dankes. Wann haben Sie Ihrem Partner, Ihrer Partnerin zuletzt Danke! gesagt? Ich stelle fest, dass manche so immens wichtigen Worte und Sätze uns oft unheimlich schwer über die Lippen kommen. Emotional kosten sie dann mehr als ein gesamter Jahreslohn. Warum?
Unsere Seelen leben von den guten Worten. Wann haben Sie Ihre Kinder zuletzt gelobt? Auch erwachsene Kinder freuen sich über Lob. „Deine Wohnung ist immer so phantasievoll dekoriert“ zum Beispiel, oder: „Mit dem Essen hast du heute genau meinen Geschmack getroffen, Danke!“
Ich möchte nicht zählen, wie viele hungrige Seelen unter uns sind. Seelen, die dringend auf Anerkennung warten. Ich stelle mir vor, welche Anstrengungen Menschen unternehmen, welche Höchstleistungen sie vollbringen, um ein wenig Anerkennung und Beachtung zu erhalten.
Diese Frau wendet einen gesamten Jahreslohn auf, um Jesus ihre Anerkennung und Verehrung auszudrücken. Und nur Jesus selber weiß ihre Tat zu schätzen.
Sie hat die Aufgabe des Augenblicks erkannt und richtig gehandelt. Wenn ihr helfen wollt, könnt ihr das ja tun, entgegnet Jesus seinen Jüngern.
Wie häufig in der Bibel begegnet hier eine Frau, die beherzt reagiert, in die Männerrunde geht, das richtige unternimmt. Die Männer sind verärgert und Jesus lobt die Frau.
In einer Woche feiern wir Ostern. Frauen waren es, die als erste die Auferstehung verkündeten. Nimmt man die biblische Botschaft ernst, fällt es sehr schwer zu begründen, weshalb eine Frau nicht Pfarrerin sein soll. Ich verstehe nicht, weshalb man die Hochachtung, die Jesus den Frauen entgegenbringt vergisst, nur weil Apostel Paulus sich anders äußert. Männer haben Frauen was den Glauben angeht nichts voraus. Sie haben kein Vorrecht, nur weil sie Männer sind. Vor Gott sind wir alle gleich und das sollten wir in unseren Kirchen beherzigen.
Jesus sagt: „Lasst sie!“ „Sie hat ein gutes Werk an mir getan.“ Man wird sich immer und überall an sie erinnern. Ein Jahr Arbeit für unendliche Erinnerung.
Lasst es euch etwas kosten, Ihr Lieben, jetzt gerade in der Zeit der Corona-Krise, in der viele zuhause bleiben müssen.
Versucht es, mindestens einmal am Tag jemandem Danke zu sagen oder jemanden mit einem Lob oder Worten der Anerkennung zu überraschen. Ihr werdet sehen, es lohnt sich, das Leben wird schöner und die Quarantäne verliert ihre bedrückende Atmosphäre.

Gott,
wir sind so unendlich auf Lob und Anerkennung angewiesen. Schenke uns Augen für die kleinen Dinge des Alltags, die uns geschenkt werden und für die wir meistens vergessen, Danke zu sagen.
Schenke uns offene Augen und Phantasie, um uns gegenseitig Anerkennung und Lob zu geben.
In dieser ungewissen Zeit bitten wir dich für alle, die nicht wissen wie es weitergehen soll. Wir bitten für alle, denen die Krise die Existenzgrundlage genommen hat. Wir bitten für die Kranken um Genesung.
Lass uns trotz der körperlichen Distanz unsere innere Nähe nicht verlieren.
Amen