Klaus van der Grijp. Predigt für den Sonntag Quasimodo, 19.04.2020

Lesung: Jesaja 40, 26 – 31
Hebt eure Augen auf in die Höhe und seht! Wer hat dies geschaffen? Er führt ihr Heer vollzählig heraus und ruft sie alle mit Namen; seine Macht und starke Kraft ist so groß, dass nicht eins von ihnen fehlt. Warum sprichst du denn, Jakob, und du, Israel, sagst: „Mein Weg ist dem Herrn verborgen, und mein Recht geht vor meinem Gott vorüber?“ Weißt du es nicht? Hast du es nicht gehört? Der Herr, der ewige Gott, der die Enden der Erde geschaffen hat, wird nicht müde noch matt, sein Verstand ist unausforschlich. Er gibt dem Müden Kraft und Stärke dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen. Aber die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.

Lesung: Johannes 20, 19 – 22
Am Abend dieses ersten Tages der Woche, als die Jünger versammelt und die Türen verschlossen waren aus Furcht vor den Juden, kam Jesus und trat mitten unter sie und spricht zu ihnen: Friede sei mit euch! Und als er das gesagt hatte, zeigte er ihnen die Hände und seine Seite. Da wurden die Jünger froh, dass sie den Herrn sahen. Da sprach Jesus abermals zu ihnen: Friede sei mit euch! Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und als er das gesagt hatte, blies er sie an und spricht zu ihnen: Nehmt hin den Heiligen Geist!

Predigt
Es ist traumhaft schoen, dass gerade diese Verse aus dem Jesajabuch uns zur Lesung an diesem ersen Sonntag nach Ostern empfohlen werden.

Neue Energie werden wir bekommen auf unserm Lebensweg: “Er gibt den Müden Kraft und Stärke genug dem Unvermögenden. Männer werden müde und matt, und Jünglinge straucheln und fallen;
aber – und jetzt kommt es! – die auf den Herrn harren kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler, dass sie laufen und nicht matt werden, dass sie wandeln und nicht müde werden.”

Denkt euch, liebe Gemeinde: “auffahren mit Flügeln wie Adler” – wer möchte das denn nicht? Wer hat nicht schon mindestens einmal davon geträumt, sich wie ein Vogel erheben zu können und in den weiten Raum zu fliegen?

Es ist ein alter Traum der Menschheit. Wir kennen doch die Geschichte von Ikarus, dem Jüngling, der sich von seinem Vater Flügel hatte machen lassen, die dann mit Wachs an seine Schultern befestigt wurden.
Ikarus stieg hoch in die Luft: so hoch, dass duch die Sonnenhitze das Wachs an seinen Flügeln schmolz und er in die Tiefe stürzte.

Dass der Mensch doch wie ein Vogel sollte fliegen können, hat auch in späteren Zeiten die Geister nicht losgelassen. Von Leonardo da Vinci, dem italienische Mahler, Zeichner und Erfinder, sind nicht weniger als 400 Entwürfe bekannt, wie es sich vorstellte, dass der Mensch sich mit eigener Kraft in die Luft erheben könnte.

Wenn wir nun im Buch Jesaja lesen, dass Gott diejenigen, die auf ihn harren, wird auffahren lassen mit Flügeln wie die Adler, so ist das keine willkürlich erdachte Bildsprache. Das Bild schliesst an bei uralten Träumen, die wir auch sonst in der Bibel wiederfinden.
Zunächst finden wir es bei dem Auszug aus Ägypten, wo der Ewige sein Volk daran erinnert, “wie ich euch getragen habe auf Adlerflügeln und euch zu mir gebracht” (2.Mose 19, 4). Nicht die Gläubigen tragen Flügel, sondern Gott selber ist wie ein mächtiger, grossen Vogel, der das Volk auf seinen Flügeln trägt.

Aber wie schön: Wir wollen uns nicht nur tragen lassen, sondern wir wollen es ja selber lernen. “Fliegen lernen,” das ist doch unser Ziel! Im 5. Mosebuch (32, 11) wird daran erinnert, dass, “wie ein Adler ausführt seine Jungen und über ihnen schwebt, so der Ewige seine Fittiche ausbreitete und nahm die Gläubigen und trug sie auf seinen Flügeln.”
Das ist doch die ideale Luftfahrt! Man versucht schon selber ein bisschen zu fliegen, aber so bald man müde wird, setzt man sich bequem auf die grossen, mütterlichen Flügel des Adlers und lässt sich tragen!

Oder aber – wie es wiederholt in den Psalmen steht (z.B. 17, 8) – der Mensch findet Schutz “unter dem Schatten seiner Flügel.” Das ist ein herrliches Wort, das schon vielen beunruhigten, gehetzten Gläubigen geholfen hat. Denn schließlich: Welches Unheil könnte mich noch treffen, wenn ich im Schatten seiner Flügel geborgen bin?
Gott – dargestellt wie ein mächtiger Vogel: das kann uns helfen, über Gottes Wirkung nachzudenken.

Der Allmächtige kommt in Windeseile, ja – wie ein Psalm (104, 3) es ausdrückt – “er kommt daher, schwebend auf den Flügeln des Windes.”
Die Flügel des Windes …? Wie dürfen wir das verstehen? Ist es nun der Wind, der Flügel hat? Oder ist es noch immer Gott selber? Oder … oder vielleicht dürfen wir diese Unterscheidung gar nicht machen? Deutet dieser Wind etwa Gottes Gegenwart schon an?

Hier wird es nun ganz geheimnisvoll. Lesen wir einmal die ersten Worte der Bibel. “Gott schuf Himmel und Erde, die Erde war wüst und leer, und Finsternis war auf der Tiefe, und … “der Geist Gottes schwebte über dem Wasser.”
Der Wind, der die Flügel trägt, der Wind, auf dem Gott daherschwebt, ist nichts weniger als der Geist Gottes, nichts weniger als Gott selber, der daherkommt und bereitsteht uns zu tragen!
Es hat guten Grund, dass das Lektionar des ersten Sonntags nach Ostern den Text über das “Auffahren mit Flügeln” mit der Lesung aus Johannes 20 verbindet. Der auferstandene Christus findet über alle Mauern und verschlossenen Türen hinweg den Weg zu seinen Jüngern. Er öffnet ihnen einen weiten Raum.
Und anschliessend gibt er den Jüngern den Missionsauftrag. Er bläst auf sie und sagt: “Nehmt hin den Heiligen Geist!” Derselbe Geist Gottes, der einst über die finsteren Fluten schwebte, derselbe Vogel Gottes wird uns jetzt dargebracht mit dem Auftrag, in die Welt zu gehen und das Evangelium zu verkünden!

Da bekommen alle Verheissungen, die der Prophet dem bedrückten und beängstigten Volk gegeben hatte, eine neue Bedeutung. “Hebt eure Augen in die Höhe!” so sagt er. “Seht ihr nicht das unzählige Sternenheer?” Der Gott, der jedes Sternlein mit Namen ruft, der kennt auch dich und tritt für dich ein.
Wenn du auf deinem Lebensweg verzweifelst und versagst, so gilt dir das Wort des Propheten: “Weißt du es nicht? Hast du es nicht gehört?” Der Vogel Gottes führt dich hinauf, sozusagen bis in die Höhe des Sternenhimmels, so dass du das irdischen Geschehen in einer anderen Dimension wahrnehmen kannst: in der Dimension der Höhe und der Tiefe.

Wo das geschieht, bekommt das Leben neue Kraft: da fliesst uns neue Kraft durch die Adern, Erquickung für Körper und Geist. Von diesem allmächtigen, ewigen Gott darfst du es erwarten. Denn die auf den Herrn harren, kriegen neue Kraft, dass sie auffahren mit Flügeln wie Adler!
Wir wissen es: Keine bildliche Darstellung Gottes reicht aus um zu beschreiben wie er ist. Immerhin – das Bild Gottes als Vogel kann uns hilfreich sein. Mit dem Bild Gottes als einer Taube sind wir vertraut. Die Taube fliegt, schwebt, flattert – sie ist in fortwährender Bewegung.
Die Vorstellung Gottes als ein grosser, starker Vogel, als ein hoch fliegender Adler, fügt aber etwas Grossartiges hinzu: Er trägt uns, hebt uns, lässt uns unser Leben “im Vogelflug” betrachten, so dass Dinge, die uns Sorge machten, bedrängten oder beängstigten, auf einmal ganz klein erscheinen.

Wir werden “fliegen lernen” – wir werden lernen, unser Leben in einer neuen Dimension zu sehen. Das ist, für heute, die Botschaft vom ersten Sonntag nach Ostern. Amen.