Predigt von Pastor Klaus van der Grijp am 4. Sonntag der Passionszeit

Jesaja 66, 10 – 14; Johannes 12, 20 – 24
“Freuet euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle die ihr sie liebhabt!” Dieses Wort aus dem Bibelbuch Jesaja steht seit vielen Jahrhunderten über dem vierten Sonntag in der Passionszeit geschrieben. Man nennt ihn deswegen auch den Sonntag Laetare, das ist Latein für “Freue dich!”
Irgendwie regt das Erstaunen. Warum sollten wir uns jetzt freuen, inmitten der Passionszeit, wo ja das Leiden Christi noch längst nicht zu Ende gegangen ist? Um das recht zu verstehen, sollten wir diesen Text in seinem Zusammenhang lesen.
Einige Verse vorher (Vs 6) heisst es: “Horch, Lärm aus der Stadt! Horch, vom Tempel her! Horch, der Herr vergilt seinen Feinden!” Angeblich gibt es einen Aufruhr in der Stadt, einen Zustand der Verwirrung. Was geschieht da, und wann ist es geschehen?
Die jüdischen Frommen, die dereinst nach Babylonen deportiert wurden, sind frei um in ihre Heimat zurückzukehren. Längst nicht alle tun das tatsächlich, bestimmte Gruppen aber haben sich mit hohen Erwartungen auf den Weg gemacht.
Nun werden sie das zertrümmerte Jerusalem wieder aufbauen, es wird einen neuen Tempel geben – es soll wieder werden wie in den glorreichen Zeiten Davids und Salomos!
Die harte Wirklichkeit hat diese lieben Leute aber schwer enttäuscht. Die Bibelbücher Esra und Nehemia skizzieren uns die historische Lage. Im Buch Jesaja wird noch ein paar Kapitel vorher zu Jerusalem gerufen: “Mach dich auf, werde licht, denn dein Licht kommt und die Herrlichkeit des Herrn geht auf über dir!” Aber so leicht ging das nicht.
Viele Schwierigkeiten mussten überwunden werden. Ein deutsches Sprichwort sagt, Rom sei nicht an einem Tag gebaut – die Russen sagen das selbe von Moskau, und ebenso wurde der Neubau Jerusalems ein langer, mühsamer Prozess, eine harte Probe für die begeisterten Gläubigen.
Hier nun bringt der Prophet seine Sicht der Dinge ein. Er kennt natürlich das Bild der Stadt Jerusalem als das einer Jungfrau, als “Tochter Zion”, wobei die Bürger dann als ihre Kinder gelten. Jerusalem war errobert und verwüstet worden, nun aber kommen die Vertriebenen aus ihrem Exil wieder und versuchen, sich dort wieder anzusiedeln.
So wird die Tochter Zion aufs neue Kinder bekommen: sie war schwanger und liegt jetzt in den Wehen. Der Prophet spricht zu seiner Hörerschaft: Seid ihr denn so naiv, dass ihr meint, eine Geburt liesse sich einfach auf Knopfdruck durchführen?
Ich zitiere: “Wer hat solches je gehört? Wer hat solches je gesehen? Ward ein Land an einem Tag geboren? Ist schon ein Volk aufeinmal zur Welt gekommen? Kaum in Wehen, hat Zion schon ihre Kinder geboren!” Ende des Zitates, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übriglässt.
Ihr lieben Leute, was erwartet ihr denn eigentlich von eurem Gott? Ihr seht doch, dass der Prozess in vollem Gang ist! Zitieren wir noch weiter: “Sollte ich das Kind den Mutterschoss durchbrechen und nicht auch geboren werden lassen? spricht der Herr. Sollte ich, der gebären lässt, den Schoss verschliessen? spricht dein Gott.
Freut euch lieber, dass die Geburt schon stattfindet – dass die Tochter Zion jetzt wieder Mutter wird, dass eine neue Volksgemeinschaft sich hier zu Hause fühlen wird! “Freut euch mit Jerusalem und seid fröhlich über die Stadt, alle die ihr sie liebhabt!” Da haben wir also unser bekanntes Bibelwort für den Sonntag Laetare.
Nun wird aber das Bild von der Mutter mit den neugeborenen Kindern noch weitergeführt. Anstatt zu sagen: “Das Volk wird im Wohlstand leben,” heisst es: “Sie werden sein wie Säuglinge, die reichlich trinken aus der Mutterbrust; sie werden auf dem Arm getragen werden und auf den Knieen wird man sie liebkosen.”
Was ist denn los? Ihr weint noch immer? Ja gewiss, denn die Hörerschaft unseres Propheten hat sich von dessen munterem Zuspruch noch nicht ganz überzeugen lassen. Und siehe da – wer die weinenden Kinder tröstet, das ist jetzt nicht mehr die sinnbildliche Tochter Zion, sondern der liebe Gott selber!
“Ich will euch trösten, wie einen seine Mutter tröstet; ja, ihr sollt an Jerusalem getröstet werden.” Wenn wir in der Bibel von Gott lesen, so finden wir da fast immer einen Vergleich mit männlichen Personen: Gott der König, Gott der gute Hirte, Gott der Richter.
Aber um die zärtliche Liebe Gottes für seine weinenden Kinder zum Ausdruck zu bringen, gibt es dann ausnahmsweise diesen Vergleich Gottes mit einer Mutter, die versteht, wie sie ihre schluchzenden Kinder trösten kann.
Väter können die besten Absichten haben, aber wenn es drauf ankommt, wenn es wirklich weh tut und der Schmerz so gross ist, dann gibt es nichts Schöneres auf der Welt als den mütterlichen Trost. So tröstet Gott die Jerusalemmer, deren Erwartungen erst halbwegs erfüllt sind.
Und jetzt zieht unser Lektionar zum Vergleich Johannes 12 heran! Jesu Einzug in Jerusalem hat schon stattgefunden, es folgen Texte über seine bevorstehende Verherrlichung – und da finden wir dann das bekannte Wort über das Weizenkorn, das in die Erde fallen muss um Frucht zu tragen!
Es muss – wie es heisst – ersterben, sein Leben dahingeben, damit es dann die Frucht, die Freude, die Seligkeit hervorbringen kann. Wir sind noch inmitten der Passionszeit, es wird noch Wochen dauern bis Gründonnerstag, bis Karfreitag, bis es dann endlich Ostern wird und wir uns mit Christi Auferstehungsfreude begrüssen dürfen.
Der sterbende Christus am Kreuz erinnert uns an den Prozess einer Geburt. Aus seinem Leiden wurde die neue Menschheit geboren. “Drum muss uns sein verdienstlich Leiden recht bitter und doch süsse sein.” Wer in dieser vorösterlichen Zeit die Bachsche Matthäuspassion hört, kann es sich zu Gemüte führen.
“Bitter und doch süsse …” Was kann das für uns bedeuten? Ja, die Freude des Sonntags Laetare ist die Vorfreude – die Erwartung einer Freude, die erst noch kommen wird! Es ist eine beherrschte Freude, eine gebändigte Freude, aber sie steckt ganz tief in unsrem Herzen.
Es ist die Gewissheit, dass weder Tod noch Leben, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes uns scheiden kann von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserm Herrn.
Warte nur! Erst muss das Weizenkorn ersterben, erst muss sich die Geburt zum neuen Leben vollziehen. Christen sind Leute, die das Warten gelernt haben. Warten – nicht wie auf Geschenke unter dem Christbaum; nein, warten darauf, dass Gott eines Tages allen Kummer in reine Freude verkehren wird.
Kein Geschenk unter dem Christbaum, keine Gebetserhörung, ja auch unser schönster Lebenstraum wird solche Freude ersetzen können, nein! Warten auf Gott heisst einfach warten auf Gott. Eines Tages wird er selber die Erfüllung unsres Wartens sein. Mit dieser Perspektive können wir, wenn es drauf ankommt, ein Leben lang die Vorfreude des Sonntags Laetare geniessen. Amen.