Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den Sonntag Exaudi 24. May 2020

Jeremia 31, 31 – 34

31 Siehe, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen,

32 nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der HERR;

33 sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.

34 Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: “Erkenne den HERRN”, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der HERR; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.

1.Korinther 11, 23 – 26

23 Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,

24 dankte und brach’s und sprach: Das ist mein Leib für euch; das tut zu meinem Gedächtnis.

25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.

26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Predigt

Es gibt im Leben eines Menschen gewisse Momente, wo man keinerlei Aussicht mehr hat. Alles worauf man seine Hoffnung gesetzt hatte ist zunichte geworden; man ergibt sich einem Gefühl tiefer Trauer.

Das bekannteste Beispiel in der Bibel ist der Prophet Jeremia. Wer hat nicht schon einmal das Buch seiner Klagelieder gelesen? Trotz aller prophetischen Warnungen ist die Stadt geplündert und verwüstet worden. Zum Trümmerhaufen ist sie geworden!

Der berühmte niederländische Mahler Rembrandt hat den alten Jeremia in erschüttender Weise abgebildet, wie er da sitzt auf den Ruinen seiner Stadt: sich auf dem linken Ellbogen lehnend unterstützt er das bärtige Kinn. Die Augen starren vor sich hin: er blickt vielleicht in sich selber hinein, oder in die Vergangenheit.

Was hat er nicht alles über sein Volk geweisssagt! Gute Chancen hat er ihnen gegeben. Er hat sie an die Verheissung Gottes für Israels Väter erinnert: “Gehorcht ihr meinem Wort, so will ich euer Gott sein und ihr sollt mein Volk sein” (Jer 7, 23). Aber nein! “Das Haus Israel und das Haus Juda haben meinen Bund gebrochen!” (Jer 11, 10)

“Alle, klein und gross, gieren nach ungerechtem Gewinn” (Jer 6, 13). “Die Sünde Judas ist gegraben auf die Tafeln ihres Herzens” (Jer 17, 1). “Wie soll ich dir denn gnädig sein?” spricht der Herr. Jawohl, da ist der Unwille: das Herz des Menschen, das immer wieder Gott widerstrebt. So hat Jeremia es zu seinem Leidwesen sagen müssen: “Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding – wer kann es ergründen?” (Jer 17, 9).

Aber nun zeigt sich gerade bei dieser tiefen Sündenerkenntnis ein unerwarteter Ausweg. Wo der Mensch am Ende ist, da macht Gott einen neuen Anfang. Jahrelang hat Jeremia seinem Volk das Urteil Gottes verkünden müssen; aber dort, wo sich das Urteil schon vollzieht, dort auf den Schutthaufen des verwüsteten Jerusalems, bricht ein Lichtstrahl hervor.

Ob der Mahler Rembrandt sich dessen auch bewusst war, als er den trauernden Jeremia abbildete? Ich glaube: ja – denn Rembrandt kannte seine Bibel nur allzu gut. Jeremia blickte nicht nur in die Vergangenheit, sondern auch in die Zukunft.

“Siehe, es kommt die Zeit – so spricht der Herr – da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schliessen.” Es wir einen neuen Anfang geben, aber anders als dereinst, als Gott sie aus Ägypten befreite. Sie hätten damals auf seine Verordnungen hören sollen, haben es aber nicht getan und haben somit den Bund gebrochen.

Ja, aber nun gerade dieses unwillige Herz, dieses trotzige und verzagte Ding – das wird Gott verändern! “Ich will – so heisst es – mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben” (Jer 31, 31). Es wird kein Gesetz mehr von oben herunter geben, kein vertikales “du sollst”, wobei die Leute einander zum Gehorsam mahnen müssten.

Nein, in eurem eigenen Herzen wird die Liebe zu Gott aufblühen, es wird eure Freude sein, dem Herrn zu gehorchen. Es wird so sein wie es auch der Prophet Hesekiel, ein Zeitgenosse Jeremias, geweisssagt hat: “Ich will euch ein neues Herz und einen neuen Geist darin geben” (Hes 36, 26).

Wenn das geschieht, dann wird keine Sünde zwischen Gott und euch mehr im Wege stehn. Dazu prophezeit Jeremia dann auch die göttliche Verheissung: “Ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken” (Jer 31, 14).

Ja – wird das alles wirklich so sein? Es ist ein Prophetenwort, dass sich auf die Zukunft bezieht: “Siehe, es kommt die Zeit …” so haben wir gelesen. Und ein paar Verse später heisst es: “nach dieser Zeit.” Wann wird denn das sein? Diese Frage hat zu manchen Vermutungen geführt.

Der Bund, von dem Jeremia spricht, wird in der griechischen Übersetzung mit einem Wort wiedergegeben, das nebst “Bund” auch “Vermächtnis” oder “Testament” bedeuten kann. In den Evangelien wie auch im 1. Korintherbrief (11, 25) lesen wir, dass Jesus am letzen Abendmahl den Kelch nahm und sprach: “Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, das für viele vergossen wird.”

Solche Worte, kurz vor dem Tod des Erlösers gesprochen, sind doch eine letzte Willenserklärung, ein Vermächtnis, ein Testament? Als Martin Luther die Bibel übersetzte, zögerte er nicht und schrieb für den “neuen Bund”: das Neue Testament! In den revidierten Lutherübersetzungen steht wiederum: “der neue Bund”, so dass deutlich wird, das Jesus sich hier auf den Text von Jeremia bezieht.

Bleibt nun aber die Frage: Wenn Jeremia bei den Trümmern Jerusalems dem verzweifelten Volk vorhält, dass der Allmächtige “nach dieser Zeit” mit ihnen einen Neuanfang machen wird – bezieht er sich dann auf etwas, was erst fünf oder sechs Jahrhunderte später geschehen wird?

Können wir Christen mit Fug und Recht sagen: “Der neue Bund – das sind wir, das Volk des Neuen Testaments, und die Juden, soweit sie nicht an Christus glauben, bleiben mit einem alten, ja veralteten Bund zurück”? Ich glaube, das würde wohl auf ein ganz falsches Verständnis des alttestamentlichen Prophetentums deuten.

Die biblischen Propheten sprechen ihr Wort mitten in ihrer Zeit: das Wort der Ermahnung, das Strafwort, aber auch das Wort des Trostes und der Freude. In dieser Tradition steht der Prophet Jeremia, und dabei hat sich Jesus angeschlossen.

“Der Kelch des neuen Bundes in meinem Blut”: ein guter Versteher hört darin was auch Jeremia gemeint hat: “Mein Blut wird vergossen, aber gerade dann erneuert sich die Liebe Gottes, die alles Vorherige übertrifft und übersteigt.”

Fragen wir: Mit wem wird dieser neue Bund geschlossen? Jeremia lässt darüber keinen Zweifel bestehen: mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda! Und wir, die wir keine gebürtigen Juden sind, die wir aber von Herzen an Jesus Christus glauben – was ist denn mit uns?

Auch wir dürfen durch Gottes Gnade dem neuen Bund angehören: zwar nicht Stellvertretend für Israel, alsob das Volk Gottes einen Stellvertreter brauchte, aber als Zeugen von Gottes Handeln unter den Völkern in der ganzen Welt.

So dürfen auch wir uns Gottes Verheissung sagen lassen: “Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben. Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.”

Auch wenn es in unserm Leben scheint alsob alles verloren ist, macht Gott einen Neuanfang. Nach Gründonnerstag und Karfreitag kommt wieder der Ostermorgen und bricht das grosse Licht hervor.

So können Juden und Christen beten mit den Worten des 51. Psalms: “Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, und gib mir einen neuen, beständigen Geist. Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, und nimm deinen heiligen Geist nicht von mir.” Das ist der Geist, den wir nächste Woche, zu Pfingsten, wiederum erwarten! Amen.

 

Gebet

Hilf den Menschen, dass sie erkennen was wichtig ist.
Bleibe bei den Menschen, die ihren Sinn im Leben verloren haben.
Stärke die Menschen, die sich zu schwach fühlen.

Begleite die Menschen, die sich ungeliebt und unbegleitet fühlen.
Beschütze die Menschen, die nicht wissen, wie sie satt werden, denen Lebensmittel fehlen oder Liebe.

Auch in unserem Land ist die Not in diesen Tagen groß. Viele sind in Schwierigkeiten und auf Hilfe angewiesen. Lass uns Mittel und Wege finden, um zu helfen.

 

Vater unser im Himmel.

Geheiligt werde dein Name.

Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 

Gott segne euch und behüte euch!

Gott lasse sein Angesicht leuchten über euch und sei euch gnädig!

Gott erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch Frieden!

Amen