Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den Sonntag Trinitatis 7. Juni 2020

4. Mose 6, 22 – 27; 2. Korinther 11, 11 – 13

Gesegnet werden ist eine Erfahrung, die das ganze Leben umfasst. Ein gesegneter Mensch entdeckt auch in dunklen Zeiten irgendwann das Licht des Segens.

 

Um welche Bereiche des Lebens es sich da handeln kann, lesen wir beispielsweise im 5. Buch Mose, wo an einer Stelle (28, 3 – 14) zehn Bereiche des Lebens aufgezählt werden: ein Katalog der versprochenen Segnungen, ähnlich wie wir im selben Bibelbuch an die zehn Gebote erinnert werden.

 

“Gesegnet wirst du sein in der Stadt, gesegnet wirst du sein auf dem Acker, gesegnet wird sein die Frucht deines Leibes, der Ertrag deines Ackers und die Jungtiere deines Viehs, deiner Rinder und deiner Schafe.” In diesem Stil werden dann insgesamt zehn göttliche Segnungen aufgelistet.

 

Die Vielfalt der Segnungen kann aber auch in knapper, konzentrierter Form zum Ausdruck gebracht werden. So finden wir sie in dem Segensspruch, mit dem ein lutherischer Pfarrer jeden Gottesdienst abzuschliessen pflegt, und dessen Wortlaut aus dem vierten Buch Mose herrührt.

 

Man nennt ihn gemeinhin den priesterlichen Segen, weil es die Aufgabe der Priester gewesen sei, diesen Segen zu vermitteln. Es ist nicht der Priester, der segnet, auch nicht der Pfarrer. Gott sagt den Priestern: “Ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne.”

 

Der Name Gottes, dieser geheimnisvolle, unausprechliche Name, den unsere Bibelübersetzung mit “der HERR” übersetzt, darin liegt der Urgrund allen Segens. Wenn der Priester den Segensspruch sagt, so legt er damit den Namen des Allerhöchsten auf das Gottesvolk.

 

Es sind drei Sätze, von denen jeder mit diesem Namen anfängt, und die in ihrer Dreizahl das ganze Leben des Gesegneten umfassen: der HERR, der HERR, der HERR. Im priesterliche Segen gibt es drei Kernworte: “Der HERR behüte dich” – also Schutz! “Der HERR sei dir gnädig” – also Gnade! “Der HERR gebe dir Frieden!” Schutz, Gnade und Friede umfassen die Fülle des göttlichen Segens.

 

Wann der Spruch entstanden ist, ist schwer zu sagen. Interessant ist aber ein archäologischer Fund in einer Grabhöhle östlich von Jerusalem aus dem 6. oder 5. vorchristlichen Jahrhundert. Auf zwei kleinen Röllchen aus Silberblech waren die Worte des priesterlichen Segens graviert.

 

In der Mitte jeder Rolle war je ein Loch gebohrt, so dass ein Faden durchgezogen und die Objekte als Anhänger um den Hals getragen werden konnten. Man hat den Toten angeblich die Bitte um Schutz, Gnade und Frieden bis ins Grab mitgeben wollen: ein Zeichen dafür, dass der Segensspruch allgemein bekannt war und dass er im jüdischen Glauben jener Zeit eine Rolle spielte.

 

Nun ist es gewiss kein Zufall, dass der priesterliche Segen aus drei Sätzen besteht, so wie es auch kein Zufall sein kann, dass im 5. Buch Mose zehn Gebote und zehn Bereiche des Segens aufgelistet werden. Die Zahl 10 hängt offensichtlich damit zusammen, dass der Mensch zehn Finger hat, an denen man die einzelnen Gebote und Segnungen nachzählen konnte; und hinter der Zahl 3 steckt wohl ein anderes Geheimnis, das nicht so leicht zu erforschen ist. Aber wir wissen doch: “Aller guten Dinge sind drei!”

 

Ja, und nun hat man bei der Zusammenstellung des evangelisch-lutherischen Lektionars gerade diesen priesterlichen Segen für den Sonntag Trinitatis ausgesucht: also müsste der dreifache Segenswunsch im Namen des HERRN irgendwie mit dem christlichen Begriff der Dreieinigkeit im Zusammenhang stehen!

 

Im Voraus darf es uns klar sein: der Gott der Bibel, der Gott Israels, ist einer und einzig. “Höre, Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein “(5. Mose 6, 4). Das ist das fundamentale Bekenntnis jedes gläubigen Juden. Es gibt keinen Gott ausser ihm. Aber dieser eine und einzige Gott hat verschiedene Formen, in denen er sich dem Menschen bekannt gibt.

 

An so manchen Stellen des Alten Testaments lesen wir über den Engel des Herrn, der als sein Botschafter zu uns kommt, von dem aber anschliessend gesagt wird, Gott selber habe da gesprochen. Ebenso sendet Gott sein Wort, und von diesem Wort sagt er: “Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun was mir gefällt, und ihm wird gelingen wozu ich es sende” (Jesaja 55, 11). Also auch hier: das Wort als Gesandter, als Botschafter Gottes.

 

Ein anderes Beispiel ist die Weisheit Gottes. Im Buch der Sprüche (8, 22 – 23) wird die Weisheit redend aufgeführt: “Der Herr hat mich schon gehabt am Anfang seiner Wege, ehe er etwas schuf, von Anbeginn her. Ich bin eingesetzt von Ewigkeit her, im Anfang, ehe die Erde war.” Wiederum sehen wir: die Weisheit ist göttlich, ja sie ist keine andere als Gott selber.

 

Und wie dürfen wir den Geist Gottes verstehen? Der Geist Gottes, der im Anfang über dem Wasser schwebte? Er ist Gott selber, es wird aber trotzdem gesondert von ihm gesprochen. Der Engel Gottes, das Wort, die Weisheit, der Geist … Es sind unterschiedliche Formen, worin ein und derselbe Gott sich seiner Schöpfung bekannt gibt.

 

Wenn wir nun den Sprung vom Alten Testament in das Neue Testament wagen, so lässt sich gut verstehen, warum dort Jesus Christus das Wort Gottes genannt wird: “Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott” (Johannes 1, 1). Und das menschgewordene Wort, Jesus Christus, sagt kurz vor seiner Erhöhung am Kreuz: “Und nun, Vater, verherrliche du mich bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, ehe die Welt war” (Johannes 17, 5).

 

Von diesem selben Jesus Christus heisst es nach seiner Auferstehung: “Er blies auf seine Jünger und spricht zu ihnen: Nehmet hin den heiligen Geist!” Es ist der Geist, der – infolge eines alten Glaubensbekenntnisses – aus dem Vater und dem Sohn hervorgegangen ist.

 

Gott Vater, Sohn und heiliger Geist – jawohl, da haben wir was im Christentum die Dreieinigkeit genannt wird. In späteren Jahrhunderten habe die Kirchenlehrer den scheinbaren Widerspruch zwischen den Dreien, die trotzdem eins sind, mit philosophischen Begriffen deutlich zu machen versucht. Die Bibel belässt es einfach beim Geheimnis des Glaubens.

 

Allerdings haben sich manche Lehrer gestritten um die Bedeutung der geheimnisvollen Aussage aus dem 1. Johannesbrief: ‘Drei sind es, die es bezeugen: der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei stimmen überein.” Ist das nicht doch eine verdeckte Anspielung auf die Dreieinigkeit Gottes?

 

Vater, Sohn und Geist: Es ist wiederum die mysteriöse Dreierzahl, die wir schon im priesterlichen Segensspruch gesehen haben und womit noch heute die lutherischen Pastoren ihre Gemeinden segnen.

 

Der Apostel Paulus hat uns aber aufgrund des christlichen Glaubens einen anderen Segensspruch vorgeschlagen, der in den reformierten Gemeinden beliebt ist. Paulus beschliesst seinen 2. Korintherbrief mit den Worten, die wir heute als unsern Wochensprch gehört haben: : “Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit euch allen.”

 

Gnade, Liebe und Gemeinschaft werden uns zugesagt, wie im priesterlichen Segen Schutz, Gnade und Friede. Ich wünsche uns allen einen gesegneten Sonntag Trinitatis.