Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 2. Sonntag nach Trinitatis, 21 . Juni 2020

Liebe Gemeinde,

manchmal hält uns Gottes Wort mit unscheinbaren Sätzen einen kritischen Spiegel vor. Manchmal entdeckt man beim Nachdenken über Bibelworte plötzlich eine Seite, die man so noch nie gesehen hat. Worte, die man bisher überlesen hat, berühren plötzlich persönlich.

 

Diese Rede Jesu hat zwei Teile. Der erste Teil überrascht: Gott wird gelobt, weil er seine Wahrheit nicht offenbart hat den Weisen und Klugen. Stattdessen hat er sie den Anderen offenbart, die hier ‚Unmündige’ genannt werden.

 

Das kann uns überraschen, wenn wir diese Worte ernst nehmen. Entweder haben wir die Wahrheit Gottes verstanden, dann sind wir Unmündige oder wir sind weise und klug, dann haben wir Gott nicht verstanden. Und für diesen Konflikt dankt Jesus.

 

Müsste er nicht eher Gott daraus einen Vorwurf machen, dass die Weisen und Klugen derart diskriminiert werden. Und überhaupt: Immer diese Pauschalierungen.

Wer sind denn die Unmündigen?

 

Damals waren es eigentlich alle außer den Männern. Alle anderen hatten nichts zu sagen. Damals galt vor Gericht das Wort einer Frau nichts. Eine Frau war Besitz ihres Mannes. Kinder störten, selbst die Jünger wollten sie wegschicken als man sie zu Jesus brachte.

 

Wenn wir uns in die Zeit von Jesus zurückbegeben, gelangen wir in eine von Männern dominierte Welt. Das müssen wir beachten, wenn wir die biblischen Sätze über die Geschlechterrollen lesen und verstehen wollen.

 

Wir müssen uns von dieser Rede Jesu fragen lassen: Wie ernst nehmen wir diese Sätze? Glücklicherweise leben wir heute in einer anderen Zeit. Frauen haben dieselben Rechte wie Männer. Aber das ist nicht unbedingt eine Errungenschaft der Kirche. In den Kirchen treffe ich leider auf die Meinung, Frauen könnten keine guten Pfarrerinnen sein. Warum? Hat Gott ihnen seine Weisheit vorenthalten? Kann der Heilige Geist nicht auch durch Frauen wirken?

 

Nein, Gott macht keine Unterschiede! Er ist für alle Menschen da, und er wendet sich in besonderer Weise denen zu, die Zuwendung brauchen, den Zöllnern und Sündern, den Samaritern und heidnischen Hauptleuten, den Kranken und Armen, der auspowerten Landbevölkerung und den nicht geachteten Frauen.

Ihnen gilt in besonderer Weise der zweite Teil unseres Textes. Die Seligpreisung von Mühseligen und Beladenen, die in besonderer Weise von Jesus eingeladen werden.

 

Der erste Teil ist liturgisch geprägt. Ein Gebet, in dem sich Jesus als der erwiest, der in enger Verbindung mit dem Vater steht. Der zweite Teil, der so genannte Heilandsruf ist ein Wort der Einladung an die Menschen, die ihre Last nicht tragen können. Sie sollen erquickt werden.

 

Manchmal reicht ja schon so ein Tag, der damit beginnt, dass wir im Stau stehen und zu spät ins Büro kommen, wo dann der Kopierer nicht funktioniert, Telefon und Türklingel nicht stillstehen, der Kollege ausrastet, weil ihm alles zu viel wird, manchmal reicht so ein Tag, um einen in den Zustand zu versetzen, dass man glaubt, dem ganzen Leben nicht gewachsen zu sein.

 

Aus all dem Trubel, aus all dem Kuddelmuddel des Alltags, wird uns Jesus nicht herausnehmen. Er wird nicht alle unsere Probleme lösen. Jedoch wenn wir uns an Jesus orientieren, lernen wir die Gewichtungen im Leben anders zu setzen. Was zählt wirklich? Sind es die Erwartungen der anderen? Soll ich den Erwartungen nachkommen? Das bedeutet: Immer gut angezogen, immer gute Laune, immer fröhlich, mich nie müde und überfordert zeigen.

 

Wenn wir ehrlich sind, beugen wir uns diesen Erwartungen und wir stellen sie unausgesprochen auch an unsere Mitmenschen. Und doch tief in uns wissen wir, eigentlich überfordern wir uns und eigentlich kommt es nicht darauf an immer perfekt zu sein. Jesus geht es nicht um Perfektion. Es geht ihm nicht um Erfolg oder irgendeinen neuen Maßstab aufzustellen.

 

Jesus will, dass die Mühseligen und Beladenen erquickt werden, erfrischt werden, dass sie ihre Last leichter tragen können.

Das Wunderbare ist die Aussage Jesu: Ich bin sanftmütig und demütig und ihr könnt von mir lernen – und: es kann schön werden, wenn wir das Joch Jesu tragen lernen.

 

Ich muss zugeben, dass dieser Satz mich erst einmal stutzen lässt. Sanftmut und Demut lernen, in einer Welt, in der Sanftmut lächerlich ist, in der man stark bleiben muss, sich durchsetzen soll. Demut ist für viele Unterwürfigkeit.

 

Dann aber spüre ich, wie wohltuend es sein kann, wenn ich mir nicht jede Provokation zu Herzen nehme. Wenn ich akzeptiere, dass es Menschen gibt, die mich nicht mögen und ich ihnen dann trotzdem freundlich entgegentreten kann.

 

Demut und Sanftmut ist der Mut, sich nicht immer und überall durchzusetzen, sondern die stark zu machen, die in dieser Welt als schwach gelten.

 

Gottes freie Gnade gilt den Mühseligen und Beladenen. Gott hat eine Schwäche für die kleinen Leute. Er schaut besonders auf die, denen die Last ihres Alltags schwer auf den Schultern liegt.

 

“Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht”, sagt Jesus.

Das Joch ist ein landwirtschaftliches Gerät. Tiere tragen es, um eine Last zu tragen oder zu ziehen. Die Wasserträger früherer Zeiten trugen auch ein Joch auf ihren Schultern. An der Wasserstelle wird es abgelegt, um sich erholen zu können.

 

Viele evangelische Pfarrerinnen und Pfarrer tragen – wie ich heute –eine Stola. Bei den Priestern der katholischen und orthodoxen Kirche gehört sie zur Amtskleidung. Dieses Stück Stoff, das über den Schultern liegt, ist kein Zeichen zur Dekoration, weil ein wenig Farbe so schön aussieht. Die Stola soll an diesen Satz erinnern: Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.”

 

Die Last, die Jesus auferlegt ist leicht. Er bündelt alle Gesetze und Gebote in dem einen:

“Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und von ganzem Gemüt”.

Dies ist das höchste und erste Gebot.

Das andere aber ist dem gleich: “Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst”.

In diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

 

Konzentriere dich mit deinem Leben und Denken auf Gott. Vertraue ihm! Und die Last verteilt Jesus auf mehrere Schultern. Wir sind aufgerufen zur Solidarität. Gerade in diesen schwierigen Wochen und Monaten.

 

Ich bin dankbar, dass wir Mittel haben, um einander zu helfen und Lasten wenigsten ein wenig leichter zu machen. Ich bin dankbar für unsere Freunde in Deutschland, die uns zur Seite stehen.

Amen