Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 3. Sonntag nach Trinitatis, 28.Juni 2020

¬¬1.Mose 18, 1 – 8
Hebräer 13, 1 – 3

Unsere Einstellung gegenüber fremden Leuten – wie ist die eigentlich? Die Begegnung mit Fremden kann bei uns Verwunderung erregen: sie sind anders als wir, haben andere Sitten, kochen gerne andere Speisen als wir, sprechen wohl auch eine andere Sprache.

Die Begegnung kann auch Ärger hervorrufen. Die Fremden benehmen sich vielleicht als ob sie hier zu Hause wären – und dem ist doch nicht so. Wir möchten wirklich lieber “unter uns” sein! So schillert unsere Einstellung gegenüber Fremden zwischen positiv und negativ.

Interessant ist was die Sprachwissenschaft uns erzählt über das Wort “Gast” – also ein willkommener Fremde.”Gast” hängt zusammen mit dem lateinischen Wort “hostis”, ein Feind! Das selbe Wort kann in zwei Sprachen entgegengesetzte Bedeutungen bekommen!

Als um die Verwirrung noch grösser zu machen, bedeutet das englische Wort “host” weder Feind noch Gast, sondern Gastgeber, denjenigen, der Gäste empfängt!

Ja, und nun lesen wir im Hebräerbrief, bei den Ermahnungen zur brüderlichen Liebe, den folgenden Satz: “Gastfrei zu sein vergesst nicht, denn dadurch haben einige ohne ihr Wissen Engel beherbergt.”

Ist Gastlichkeit denn wirklich so wichtig? Im Alten Orient war sie das gewiss. In einer Zeit, als die Welt noch nicht so schön geordnet und durchorganisiert war, konnte man als Reisender eine leichte Beute für Diebe und Mörder werden.

Dem Fremden ein Unterkommen anzubieten bedeutete dann, dass man ihn in Schutz nahm und ihm Sicherheit gewährleistete, als wäre er ein Mitglied der eigenen Familie. Orientalische Gastlichkeit! In mehreren Religionen gilt sie als heilige Pflicht.

Für die Aufnahme von Fremdlingen in den Volksstamm hat es bestimmte Rituale gegeben. Die Ureinwohner Australiens begingen das Tanderrum, eine Feier, wodurch der Fremde so gut wie ein Familienmitglied wurde. Und wer die Indianerbücher von Karl May gelesen hat, erinnert sich sicher, wie der Häuptling Winnetou mit seinem weissen Bruder Old Shatterhand Blutbruderschaft schloss. Bei manchen slavischen Völkern gibt es noch heute ein Willkommensritual mit Brot und Salz.

Im Gesetz des Mose werden drei Kategorien von Menschen dem besonderen Schutz der jüdischen Frommen empfohlen: die Witwen, die Waisen und – die Fremdlinge.

Da gibt es ein Buch des Alten Testaments, das sich speziell mit der Geschichte einer fremden Frau beschäftigt: das Buch Ruth, das in rührender Weise erzählt, wie die Moabiterin in die jüdische Familie aufgenommen und dann sogar zur Stammmutter König Davids wurde.

Oder denken wir einmal an die Witwe zu Zarfat, im phönizischen – also nicht jüdischen – Land (1. Könige 17). Es herschte Hungersnot, und sie hatte gerade noch genug Mehl und Öl, um für sich und ihren Sohn einen Kuchen zu backen. Aber indem sie bereit war, zuerst den ihr unbekannten Juden Elia zu bewirten, geschah bei ihr das Wunder: Mehl und Öl gingen bei ihr nicht zu Ende!

Die drei Fremdlinge, die bei Abraham zu Besuch kamen – das ist wohl die berühmteste Geschichte über die Gastlichkeit im Alten Testament (1. Mose 18). “Ein wenig Wasser und einen Bissen Brot” bot Abraham ihnen an. Dann aber buk seine Frau ihnen einen Kuchen aus feinstem Mehl, und er schlachtete ein zartes, gutes Kalb als Festmahl für seine Gäste. Dass hinter diesem Besuch noch ein grosses Geheimnis steckte, geht aus dem Ablauf der Geschichte hervor.

Die Gemeinschaft mit Gott erfährt der Fromme als ein Bei-Gott-zu-Gast-sein. Im 23. Psalm heisst es: “Du bereitest mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde. Du salbst mein Haupt mit Öl, du schenkst mir voll ein. Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar!”

Das Neue Testament erzählt uns mehrmals von Mahlzeiten, wo man dem Gast den Ehrenplatz einräumte und ihm die besten Speisen servierte. Dass man dem Gast nach einer ermüdenden Wanderung die Füsse wusch, gehörte selbstverständlich zum Ritual. Und wie gross war das Erstaunen der Jünger Jesu als sie sahen, dass nun ausgerechnet der Meister anfing, ihnen die Füsse zu waschen.

Ganz besonders rührend ist in dieser Hinsicht die Geschichte von den Emmausjüngern. Sie sind von Jerusalem her auf ihrem Heimweg, wenn sie einen unbekannten Wanderer treffen, der mit ihnen ins Gespräch geht. Es steckt wiederum ein wunderbares Geheimnis dahinter, ebenso wie bei den drei Männern aus der Abrahamgeschichte.

Den Emmausjüngern hat das Herz im Leibe gebrannt, aber dessen wurden sie sich erst nachher bewusst. Sie luden den Unbekannten bei sich zu Hause ein. “Bleibe doch bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneiget!” Ein Akt der Gastfreunschaft! Und dann am Tisch hebt sich auf einmal der mysteriöse Vorhang: Der Eingeladene ist selber der Gastherr – er verteil das Brot, dankt Gott dafür und gibt es ihnen.

Hat nicht der Menschensohn gesagt: “Ich bin hungrig gewesen und ihr habt mir zu essen gegeben, ich bin ein Fremdling gewesen und ihr habt mich aufgenommen?” In der Gestalt des unbekannten Fremdlings offenbart sich der auferstandene Christus!

“Gastfrei zu sein vergesst nicht,” so lesen wir im apostolischen Brief an die Hebräer. Denn … nein! Meint nun nicht, dass dein Gast aufeinmal die Maske herunterziehen und sagen wird: “Ätsch! Ich bin Jesus Christus! Jetzt habe ich euch aber hineingelegt …”

Der Fremde bleibt der Fremde, der er von Anfang an schon war. Aber eine positive Gesinnung zu Fremden gehört zur Noblesse eines Christen. In der Andersartigkeit des Fremdlings steckt ein Geheimnis, das uns auch helfen kann, uns selber besser zu verstehen.

Fremde gibt es in der heutigen Welt mehr als je zuvor. Das erklärt sich durch die ungeheure Menge der Flüchtlinge, die Haus und Herd verlassen mussten auf der Flucht vor Hunger und Gewalt. Nach Angabe der Vereinten Nationen sind es schon über siebzig Millionen. Sie sind jetzt auf die Barmherzigkeit anderer Völker angewiesen, für die sie in mehrerer Hinsicht Fremde sind: durch ihre Kultur, ihre Sprache, ihre Religion.

Jordanien, ein Land mt fünf Millionen Einwohnern, beherbergt zur Zeit 600.000 Flüchtlinge; Libanon, mit knapp sieben Millionen Einwohnern, versucht anderthalb Millionen Flüchtlingen ein Obdach zu bieten. Europa, mit 740 Millionen Einwohnern, tut sich schwer, wenn sich nun wieder ein Gummiboot mit Flüchtlingen aus Libyen unsern Häfen nähert!

Wie wird man in unserm Kontinent der apostolischen Ermahnung aus dem Hebräerbrief gerecht werden? “Gastfrei zu sein vergesset nicht!” Die Ukraine zählt bis heute kaum Flüchtlinge aus Afrika oder aus dem Orient. Dafür gibt es bei uns Fremde anderer Art, etwa der Juden. Viele sind in vergangenen Jahrhunderten nach Osteuropa gezogen, weil sie meinten hier Sicherheit zu finden.

Sicherheit für den Fremdling? Ich glaube, wir haben da im 21. Jahrhundert noch viel dazu zulernen. Passt auf! Durch ihre Gastfreiheit haben manche ohne es zu wissen Engel beherbergt!