Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 4. Sonntag nach Trinitatis, 5.Juli 2020

Liebe Gemeinde,
“Wie du mir, so ich dir” und “auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil”. „Wie man in den Wald hinein schreit, so kommt es wieder heraus“. Sicher gibt es im Russischen und im Ukrainischen ähnliche Sprichworte.

Die jüngere Generation drückt es viel deutlicher aus: “Du musst ein Schwein sein in dieser Welt!” heißt es in einem neueren Schlager der Gruppe „Die Prinzen” aus Dresden. Du musst ein Schwein sein, du musst gemein sein, um in dieser Welt überleben zu können.

Du musst dich durchsetzen. Schon im Kindergarten fängt es an. Man muss sich behaupten, darf sich nicht alles gefallen lassen. Man darf nicht gutmütig sein, sonst wird man ausgenutzt. Seit ich hier in Kiew bin habe ich den Eindruck, dass dieser Satz hier noch aktueller ist als in Deutschland.

Liebe Gemeinde, das sind Erfahrungen, die den Forderungen der ersten Lesung zu widersprechen scheinen.
Diese Sätze aus dem Römerbrief wäre auch nur oberflächlich verstanden, wenn man in ihm ausschließlich die Forderung hören würde: Lass alles mit dir machen um des lieben Friedens willen. Halte Frieden um jeden Preis, wehre dich nie!

Von Dulden und sich nicht wehren ist in diesen Sätzen nicht die Rede. Viel mehr gebraucht Paulus hier Worte, die Aktivität widerspiegeln, z.B.: Man soll etwas geben oder das Böse überwinden.

Wenn ich etwas überwinden möchte, muss ich aktiv werden, brauche ich Kraft und Energie.
Paulus ruft nicht zum Nichtstun auf, sondern er appelliert an die Vernunft und ans Gewissen.
“Vergeltet nicht Böses mit Bösem” ist ein Appell an die Vernunft. Soweit muss es mit etwas Vernunft einsichtig sein, dass kein dauerhafter Friede möglich ist nach dem Motto: “Wie du mir, so ich dir.”

Man muss viel eher das, was man für den Frieden tun will abschätzen. Man muss in der jeweiligen Situation überlegen, was kann ich tun, um Frieden zu erhalten. Wie reagiere ich angemessen, damit nicht eins zum andren kommt? Soll ich lieber einmal mehr den Mund halten, wenn mir jemand krumm kommt, oder soll ich mit gleicher Münze heimzahlen?

Freilich, manchmal ist es nicht gut, einfach den Mund zu halten. Es gibt Situationen, in denen ist es auch im Interesse des anderen, zu widerstehen und sich nicht alles gefallen zu lassen. Manchmal müssen Grenzen gesetzt werden. Manchmal muss man riskieren, dass Gräben aufbrechen und Unfriede entsteht.

Paulus predigt hier keinen unbedingten Pazifismus. Er fordert keinen Verzicht auf Gewalt und Durchsetzung.
Paulus bleibt realistisch: “Ist’s möglich, so viel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.” Paulus ist sich der Grenze der eigenen Friedensbemühungen wohl bewusst.

Die Grenze kann in der Feindseligkeit des anderen liegen. Hier gilt der Spruch aus Schillers Wilhelm Tell: “Es kann der Frömmste nicht im Frieden bleiben, wenn es dem bösen Nachbarn nicht gefällt.” Nur so viel an mir liegt muss und kann ich für den Frieden tun.

Die Friedfertigkeit kann auch an eine Grenze kommen, an der ich in der Gefahr stehe, mein Christsein und meine Freiheit aufzugeben. Wenn ich aus falsch verstandener Friedfertigkeit heraus nicht mehr wage, Unrecht beim Namen zu nennen.

Dem Liederdichter Johann Heermann war dieser Umstand bewusst. Er bittet in seinem Lied, das wir vorher gehört haben: “Lass mich mit jedermann in Fried und Freundschaft leben, soweit es christlich ist.”

Mit allen Menschen Frieden halten zu wollen, ist einleuchtend und vernünftig. Dieses Bestreben mündet in den Aufruf zum Verzicht auf Rache. Gewalt erzeugt Gegengewalt. Rache setzt nur all zu leicht eine Spirale der Vergeltung in Gang, die nur noch sehr schwer aufzubrechen ist.

Dagegen empfiehlt Paulus die Feindesliebe: “Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; dürstet ihn, gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.
Lass dich nicht vom Bösen überwinden, sondern überwinde das Böse mit Gutem.”

Böses mit Gutem überwinden ist etwas, das meistens sehr schwer fällt. Mit dieser Forderung appelliert Paulus an das Gewissen. Die Feindesliebe ist ein Appell an das Gewissen des Feindes und daher fällt sie so schwer. Es ist riskant, seinem Feind Gutes zu tun, weil man nicht weiß, wie es ankommt.

Nimmt er es sich zu Herzen, oder bleibt alles beim Alten?
Feindesliebe zu üben kann in der Praxis völlig verschieden aussehen. Auszüge aus einem Gedicht von Walter Toman können das verdeutlichen:

Dir schlägt dein Bruder in dein Gesicht.
Was tust du dann?
Du weißt, was die Bibel sagt.
Halt ihm die andere Wange hin!
Das sagt die Bibel.
Und wahrlich, wenn du es tust, dann ist es gut. Dann haut dir dein Bruder eine zweite runter,
von der anderen Seite,
und wenn du benommen bist davon,
dann lachen die andren aus ganzem Herzen.
(…)
Du hast gemerkt, ganz heimlich, dass der zweite Schlag
schon schwächer war als der erste.
Und wenn er es nicht war, dann rede dirs ein.
Jedenfalls halt ihm wieder die erste hin,
die erste Wange, und wenn du nur richtig lächelst dabei,
ganz ohne Zorn, ganz gütig,
dann wird der folgende Schlag, der Schlag auf die erste Wange,
wieder ein wenig unsicherer sein.

Nur wenn das nicht ist,
wenn der dritte Schlag schon wieder
besser sitzt als der zweite und erste,
und wenn die Zuschauer herzhafter lachen als früher,
und wenn dein Bruder dich weiter schlagen wird wie ein Hündlein,
dann leg ihn hin, deinen Bruder,
mit einem Schlag auf das Kinn.
Dann warst du nicht in der rechten Arena
für dieses Bravourstück Christi.
Und lächeln musst du, wenn du den Kinnhaken gibst.
Ganz gütig lächeln musst du dabei,
ganz ohne Zorn.
Nachher kannst du ihm aufhelfen, deinem Bruder.

Diese Abschnitte machen darauf aufmerksam: Den Feind mit Gutem versöhnen geht nicht immer. Böses mit Gutem überwinden kann manchmal auch heißen, Widerstand zu leisten, nicht alles mit sich machen lassen. Es hängt von der Situation ab, wie ich reagiere.

Im Gedicht heißt es so schön: “Wenn der zweite Schlag schon schwächer ist, dann wehre dich nicht. Wenn er aber besser sitzt und stärker ist, dann schlag zurück”.
Manchmal muss dem Bösen eine Grenze gesetzt werden.
Manchmal kann es nötig sein, im Interesse anderer einzuspringen und stellvertretend für andere dem Bösen zu wehren. Für einen Menschen, der ausgenutzt wird und sich nicht wehren kann, den Mund aufzumachen.

Dabei stellt sich natürlich immer die Frage, wie weit kann ich gehen und wie weit muss ich gehen? Sicher muss ich nicht jedes Mal wie im Gedicht den anderen k.o. schlagen, aber manchmal kann das nötig sein. “Und dann kannst du ihm aufhelfen, deinem Bruder” heißt es im Gedicht. Bei allem Widerstehen, bei allem sich zur Wehr setzen bleibt immer noch die Möglichkeit zur Versöhnung. Und die sollte man sich nicht verbauen.
Amen