Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 5. Sonntag nach Trinitatis, 12 Juli 2020

Liebe Gemeinde,
Gott braucht keine Helden.
An der Hauptperson des Predigttextes wird das deutlich.
Es geht um den Jünger Petrus, der wohl wie kein anderer ein begeisterter Anhänger Jesu war.

In unserem Abschnitt sagt er zu Jesus: “Auf dein Wort hin, will ich die Netze auswerfen”. An anderer Stelle ist es Petrus, der sich mutig und offen zu Jesus bekennt.
Jesus sagt dann auch einmal zu Petrus: “Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen.”
Mit diesen Aussagen wird Petrus in ein helles Licht gestellt. Man könnte meinen: Doch wieder ein Held. Doch wieder einer, der uns als Vorbild in puncto Glauben hingestellt wird.

Im Predigttext beginnt sozusagen die Glaubensgeschichte von Petrus und die verläuft überhaupt nicht wie die Geschichte eines Helden.
Zunächst steigt Jesus zu Petrus in Boot. Der erfolgreiche Prediger sitzt neben dem erfolglosen Fischer und am Ende der Begegnung heißt es: “und sie brachten die Boote an Land und verließen alles und folgten Jesus nach”.

Petrus wird zu einem der ersten Jünger und es ist gut, dass in der Bibel nicht nur die starken Seiten von Petrus beschrieben werden. Von Petrus bekommen wir auch ziemlich deutlich die schwachen, dunklen Seiten gezeigt.

Einmal verlässt ihn der Mut und zwar von einem Augenblick auf den anderen. Plötzlich schlagen die Wellen über Petrus zusammen und er droht, in Angst und Furcht zu versinken.
Ein anderes Mal ist von Selbstvertrauen und mutigem Glaubensbekenntnis bei Petrus nichts mehr zu spüren.

Als Jesus gefangen war und es riskant wurde, zu den Anhängern von Jesus zu gehören, da zählte für Petrus nur noch die Sorge um das eigene Schicksal. Jetzt wollte er wenigstens noch die eigene Haut retten. “Ich kenne diesen Jesus nicht”, hat Petrus beteuert, der zuvor so glaubensstark schien. In dieser Situation war nichts mehr geblieben von dem mutigen “auf dein Wort, Herr, will ich es wagen”.

Petrus wird in der Bibel realistisch beschrieben. Keineswegs wird von ihm nur das Positive, in unseren Augen vorbildliche betont. Und das ist gut so.
Denn damit wird deutlich: Gott möchte uns nicht nur mit unseren guten Seiten. Er will keine Supermenschen. Gott möchte uns, so wie wir sind.

Gott möchte uns Menschen, das wirft ein wichtiges Licht auf unsere Würde und unseren Wert. Am Anfang der Bibel heißt es: Gott schuf den Menschen zu seinem Bild. Schon in diesem einen Satz liegt eine unerhörte Aussage: Jeder Mensch hat schon allein dadurch einen unermesslichen Wert, weil er von Gott als sein Bild geschaffen wurde.

Jeder Mensch ist geschaffen zu einem Bild Gottes, egal ob Europäer, Asiate, Afrikaner, Amerikaner, egal ob erfolgreich und schön oder eben nicht. Man kann keinem Menschen wegnehmen Bild Gottes zu sein oder wie es im Psalm heißt: Du hast ihn wenig niedriger gemacht als Gott,
mit Ehre und Herrlichkeit hast du ihn gekrönt.

Jung und dynamisch sein, möglichst noch flexibel und kreativ, das sind heute die Eigenschaften, auf die es ankommt. Wer sie vorwiesen kann, ist gefragt und beliebt. Wer dagegen Qualitäten besitzt, die nicht zu diesem Idealbild passen, hat es schwer, obwohl auch andere Qualitäten wie z.B. Geduld oder Zuhören können, fürs Zusammenleben mindestens genauso wichtig sind und im Leben letztlich mehr zählen als jugendliches Aussehen und dynamisches Auftreten.

Gott braucht keine Helden. Gott kommt mit Menschen ans Ziel, die Fehler haben, die bei weitem nicht alles können.
Es sind nicht die Mächtigen oder die, die bei uns im Rampenlicht stehen, die Gott gebraucht und genau so wenig sucht er diejenigen, die meinen schon alles getan zu haben. Die Selbstgerechten, die schon von vorne herein wissen, dass sie den rechten Glauben haben, die will Gott auch nicht.

Gott will die, die nach menschlichen Maßstäben Macken und Fehler haben. Manchmal täte es uns gut, wir würden deshalb ein wenig verständnisvoller mit unseren eigenen Fehlern und mit den Fehlern anderer umgehen. Perfektionismus ist nicht gefragt.

Und noch eines ist wichtig: Jesus begegnet dem Petrus bei der täglichen Arbeit. Jesus nimmt den Petrus ernst bei dem, was seinen Lebensbereich ausmacht. Jesus möchte den Petrus als Petrus, mit genau seiner Person, nicht als Johannes oder Lukas.

Gott möchte uns als uns selber. Er möchte nicht, dass wir wie ein Petrus, Johannes oder sonst einer der Jünger werden.
Ich bin mir sicher, für Petrus hat sich sein Glaube anders ausgewirkt wie für einen seiner Jüngerkollegen.

Es ist wichtig, dass jede und jeder die Art zu glauben findet, die zu seiner Person passt. Deshalb ist es gut, dass auch der Petrus kein neuer Held wurde. Es ist gut, dass Petrus nicht als Vorbild für einen perfekten Christen oder für starken Glauben gelten kann.

Wenn schon Vorbild, dann kann Petrus dafür Vorbild sein, dass sich der Glaube in jeder Lebenslage anders ausdrückt und auswirkt, und dass Christsein auf unterschiedlichste Art und Weise gelebt werden kann.
Amen