Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 6. Sonntag nach Trinitatis, , 19 .Juli 2020

Liebe Gemeinde,
das Schöne (und manchmal Verrückte) an der Liebe ist doch, dass sie nicht unbedingt den Regeln der Vernunft folgt. Liebe ist dann – ganz einfach da. Und manche Leute fragen sich kopfschüttelnd: Was findet der bloß an ihr? Oder: Was hat sie denn mit dem da? Der ist doch weder reich noch hübsch noch hat er einen interessanten Beruf!?

Es gilt dann wohl schlicht der Satz, dass die Liebe eben hinfällt, wo sie hinfällt. Ob daraus in jedem Fall eine gute Geschichte wird, bleibt natürlich eine offene Frage. Die Zeit wird es zeigen.

Die Sätze aus dem 5. Buch Mose haben folgende Botschaft: dass dieses alle Grenzen überwindende, auch alle Schranken der Vernunft durchbrechende Lieben auch für Gott gilt, oder besser: gerade für ihn. Dass er nicht ist wie wir Menschen, sondern wir, wenn wir lieben, wie er sind.

Die „Braut“, die Gott sich auserwählt hat, war, bildlich gesprochen, ein kleines, unscheinbares Mädchen, weder sonderlich schön noch angesehen noch mit Reichtümern und Glanz ausgestattet. Ein Mauerblümchen der Weltgeschichte, sozusagen. Ein Aschenbrödel, missbraucht von den höheren Herrschaften. Eine gefährdete, geschundene Existenz.

Vielleicht war es gerade das, was seine Liebe erweckt hat? Liebe und Mitgefühl sollen ja Geschwister sein. „Dich hol‘ ich da raus, so was hast du nicht verdient“ – war es das, was in Gott den Funken entzündet hat, aus dem dann die große Liebe, die Befreiung Israels von der Knechtschaft wurde? Anders können wir es uns wohl nicht vorstellen.

Doch damit endet auch schon jede romantische Vorstellung. Menschen stellen dieser Liebesgeschichte zwischen Gott und seinem „Würmlein“ Israel Fragen. Berechtigte Fragen, wie ich meine. Es käme mir unehrlich vor, sie nicht zu benennen.

Wenn Sie das ganze 7. Kapitel vom 5. Mose zu Hause nachlesen, entdecken Sie, mit welcher Grausamkeit diese Liebe verbunden ist. Gott, der Herr, verspricht seiner Braut, viele Völker auszulöschen. Nur WIR gelten!

Israel soll den „Bann vollstrecken“. Das heißt nichts anderes, als ganze Scharen von Menschen umzubringen. Und sich danach abzugrenzen: habt nichts mit den anderen zu tun! Haltet euch fern von jeder Integration.

Da lese ich auch andere Sätze im Alten Testament:
Einen Fremdling sollst du nicht bedrücken und bedrängen; denn ihr seid auch Fremdlinge in Ägyptenland gewesen (Exodus 22,20). Nicht nur einmal steht dieses Gebot in der Bibel.

Schon die Denker und Schreiber der Bibel wussten, wie schwer es ist, in einem fremden Land zu leben, in der Fremde Fuß zu fassen und sich eine Existenz aufzubauen. Man versteht die Sprache nicht, man kennt nicht die Sitten und Gebräuche, man kennt die Gesetze nicht.

Die Fremden werden deshalb in der Bibel unter besonderen Schutz und Fürsorge gestellt. Dazu passt nicht, wenn
Religion und Erwählung den Sinn bekommen, dass anderen das Lebensrecht abgesprochen wird. Das darf man auch hier nicht verharmlosen, nur weil es in der Bibel steht.

Dazu kommt noch eine Frage: Gott, der Herr, redet in den Zeilen des Predigttextes so, wie wir es von einem Liebenden nicht erwarten würden. Liebe ist doch voraussetzungslos, oder? Wer liebt, stellt doch keine Bedingungen, oder?

Leider kann man das trotzdem beobachten, dass Menschen Bedingungen stellen: Ich liebe dich nur, solange du deine Haare nicht abschneidest.
Aber einen Bart darfst du dir nicht wachsen lassen!
Wenn du mir keinen Sohn zur Welt bringst ist es mit uns zu Ende!
Das sind Sätze, die passen nicht zur Liebe.

Hier wird ähnlich geredet mit „Wenn und Aber“: wenn ihr meine Gebote haltet, bin ich treu und barmherzig. Und wenn nicht, ja, wenn nicht, dann … bringe ich um und vergelte, auch hier wohl „bis ins tausendste Glied“.
Offen gefragt, wer möchte solch einem Bräutigam haben?

„Fürchte dich nicht, ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein“ (Jesaja 43,1) lautet der Leitspruch für die Woche. Ist es das, woran wir uns, über alles Nichtverstehen hinweg, halten sollen? Über all die Verwirrung, die das unrechte Leid in uns auslöst? Eine letzte, aber dafür tiefe Zuflucht im Glauben, dass „nichts uns scheiden kann von der Liebe“?

Nur im Glauben können wir festhalten, dass es nicht Gottes böse Absicht ist, sollte es uns einmal hart ergehen. Dass vielmehr Gottes Liebe uns begleitet unser Leben lang. Dass er uns einen Geist der Furchtlosigkeit und der Tapferkeit und der Freundlichkeit gibt, mit dem wir unser Leben bestehen und meistern, „was auch geschieht“. Darauf möchte ich vertrauen.

Um auf die Fragen von vorhin zurück zu kommen: Nicht erst im Neuen Testament schreiben die biblischen Denker anders über Gott. Der Gott, dem Jesus vertraut hat, wird andres dargestellt als, der aus dem 5. Buch Mose.

Jedenfalls sah Jesus die Liebe seines Vaters größer an als den Zorn und den Willen zur Strafe. Aus dem „Nur WIR gelten!“ wird: Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen einzigen Sohn gab… .

Mit mehr als einer Gleichnisgeschichte erzählt Jesus von der Freude im Himmel über Menschen, die zurückfinden zu Gott: Das wiedergefundene Schaf, der wiedergefundene Groschen und der zurückkehrende Sohn. Verstehe ich Jesus richtig, dann liegt ihm daran zu zeigen: Gottes Liebe ist viel größer als sein Recht auf Strafe.

Daran möchte ich mich halten. Gott verstehen werde ich deswegen noch lange nicht. Aber mit Jesus möchte ich Gott als den begreifen, der seine Kinder liebt „ohne Wenn und Aber“.
Amen