Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 7. Sonntag nach Trinitatis, 26.Juli 2020

Micha 7, 18 – 20; Lukas 15, 11 – 32

Die Zusammensteller des lutherischen Lektionariums stellen uns manchmal vor eine unerwartete Aufgabe. So besteht heute unser Predigttext aus lediglich drei Versen im Buch Micha, aber als ausführliche, bildliche Veranschaulichung dazu soll uns die Parabel vom Verlornen Sohn dienen. Um der Verbindung zwischen diesen ungleichen Texten auf die Spur zu kommen, fragen wir uns nun erst einmal was sie gemeinsam haben.

Micha: Das Buch gehört in die Reihe der sogenannten “kleinen Propheten”, und zwar “klein” im Sinne von “nicht sehr umfangreich. Im letzten Kapitel, dem siebenten, endet es mit dem Staunen über die unvorstellbare Güte Gottes. “Wo ist solch ein Gott, wie du bist?” so ruft der Prophet. “Einer, der die Sünde vergibt und der immer wieder barmherzig ist?”

Die wunderbare Güte Gottes – wo finden wir sie im Neuen Testament treffender und rührender veranschaulicht als in der Parabel des Verlorenen Sohnes? Der schuldbewusste, in Lumpen gehüllte Bettler, der sich schlürfend auf seinen ehemaligen Heimweg begibt, wird schon in der Ferne vom Vater erkannt, und ja! Der Vater eilt ihm entgegen ohne nur den Gedanken an Vorwürfe.

Der Vater freut sich unbändig, umarmt ihn, küsst ihn, lässt ihm ein Festkleid bringen und gibt ihm einen Ring an den Finger. “Mein Sohn ist wieder da! Er war tot und ist wieder am Leben, er war verloren und ist wiedergefunden worden.” So ist eben auch die Liebe Gottes. Mensch, was für ein Glückspilz bist du! Ob du Gott gesucht hast, wissen wir nicht, aber Gott hat dich gefunden, und nun tanzt und singt man im Himmel!

Der Prophet Micha sagt das selbe mit wenigen Worten. Seine Freude scheint eher zurückhaltend im Vergleich zu der bekannten Parabel. Aber wir hören bei ihm deutlich das Staunen: “Du, Gott unserer Väter – wo ist solch ein Gott wie du?” Dieser Ausruf scheint dem Propheten auf den Leib geschrieben zu sein: heisst er doch auf Hebräisch vollständig Mi-cha-ja-hu, also “Wer ist wie der Herr?”

Gerade dieses kurze Prophetenwort, die Verse 18 – 20, werden bis heute im jüdischen Gottesdienst alljährlich am Sabbath unmittelbar vor dem Jom kippur, dem grossen Versöhnungstag, gelesen. Man hat die überragende Bedeutung dieses Wortes also richtig verstanden.

Im übrigen sind die sieben Kapitel des Buches Micha eine ständige Abwechslung von Verzweiflung und Hoffnung, von Schuldbewusstsein und froher Zukunfterwartung. Zum glücklichen Endziel gibt es keinen geraden Weg, ebensowenig wie für den Verlorenen Sohn vom Futter der Säue bis in die Arme seines Vaters. Einige Stellen aus Micha kommen uns vielleicht bekannt vor.

Bekannte Stellen? Jawohl, da gibt es die Vision vom Berg des Herrn, der höher sein wird als alle Berge, und wohin die Völker wallen werden, um vom Gott Jakobs Gerechtigkeit zu lernen (4, 1 – 2). Genau dieselbe Vision finden wir auch am Anfang des Buches Jesaja (2, 2 – 3). Es wird vermutet, dass sie von Micha herrührt und dann in den Schriften Jesajas übernommen wurde.

Eine Aussage aus dieser Vision hat sogar ihren Weg bis weit über die Grenzen der frommen Bibelleser gefunden; dort, wo es heisst, sie werden ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden. Das Bild vom Menschen, der energisch sein Schwert zu friedlichem Gebrauch umschmiedet, wurde ja in Deutschland zur Ikone der Friedensbewegung. Davon ist also Micha als Urheber zu betrachten!

Aber Micha ist uns auch bekannt durch die Lesung der Weihnachtsgeschichte. Wenn König Herodes sich bei den Schriftgelehrten erkundigt, wo der messianische König geboren werden soll, antworten sie ihm mit einem Micha-Zitat (5, 1): “Und du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den Städten in Juda, aus dir soll mir kommen der in Israel Herr sei …” und so weiter.

Eine schöne Perspektve. Aber andernorts übt Micha scharfe Kritik an seinem Volk in dessen jetztiger Lage. Ein auffälliges Beispiel ist die Weissagung, dass Zion um der Bosheit seiner Einwohner willen “wie ein Acker gepflügt werden wird, und der Berg des Tempels wird zu einer Höhe wilden Gestrüpps” (3, 12).

Das sagte Micha gegen Ende des 8. vorchristlichen Jahrhunderts. Aber noch mehr als ein Jahrhundert später verteidigten einige Ältesten des Volkes den Propheten Jeremia, der für Jerusalem einen ähnlichen Untergang voraussah, mit der Erinnerung an einen gewissen Micha, und zitieren dabei wortwörtlich die Weissagung vom gepflügten Acker und vom wilden Gestrüpp! (Jeremia 26, 18) Es ist in der Bibel der einzige Fall, wo in einem Prophetenbuch – also bei Jeremia – die Worte eines anderen Propheten – also Micha – mit Namen zitiert wird. Der Fall zeigt also, welche langfristige Wirkung die Worte des Micha auf seine Hörer erzeugten.

Kommen wir jetzt noch einmal auf die letzten drei Verse seines Buches zu sprechen – also auf unsern Predigttext. Wie verschlungen und unübersichtlich die Wege eines Volkes zu seinem Gott auch sein mögen, wie stolperig der Gang des einzelnen Menschen zu seiner befreienden Erlösung – am Ende steht der gnädige Gott. “Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht!”

“Wo ist ein Gott wie du? Einer, der die Sünde vergibt und uns die Schuld erlässt? Denn er ist barmherzig …” Ja, mit dem Wort Barmherzigkeit wird uns das Wesen Gottes offenbar. Wenn Gott dem Mose auf dem Berg sein Wesen offenbaren will, bekommt Mose zwar nichts zu sehen, aber der Herr geht an ihm vorüber, und Mose hört rufen: “Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig und geduldig und von grosser Gnade und Treue!” Immer wieder begegnen uns diese Worte im Alten Testament, sie sind eine Art Glaubensbekenntnis für viele Generationen.

Die letzten Worte Michas sind tief verankert im Handeln Gottes mit seinem Volk. “Er wird unsere Schuld unter die Füsse treten,” so heisst es. Erinnert uns das nicht an das Wort des Herrn an die Schlange im Paradies, wenn er Feindschaft setzt zwischen ihr und dem Weibe, dessen Nachkomme ihr “den Kopf zertreten wird”? (1. Mose 3, 15) So wird der Nachkomme des Weibes – und wer weiss, ob damit nicht der Messias gemeint ist? – unsere Schuld unter die Füsse treten. Der endgültige Sieg über das Böse!

Und unsere Sünden wird Gott in die Tiefe des Meeres werfen. Auch da erscheint uns noch einmal ein Bild aus den Anfängen des Gottesvolkes. Die Tiefe des Meeres: Das Bild erinnert uns an den Auszug aus Ägypten,

als vor den Flüchtlingen das Wasser zurückwich, sodass sie ihren Weg in die Freiheit gehen konnten, die Krieger mit ihren Wagen und Rossen jedoch ertranken. “Lasst uns dem Herrn singen, denn er hat Herrliches getan: Ross und Mann hat er ins Meer gestürzt!”

So, ja so wird Gott unsere Sünden in die Tiefe des Meeres werfen – sagt uns der Prophet Micha. Grosser Gott – wo ist ein Gott wie du?

Amen