Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 11. Sonntag nach Trinitatis, , 23 . August 2020

Predigt

Liebe Gemeinde,

im Norden von Deutschland ist folgende Legende angesiedelt: Irgendwann vor etwa 200 Jahren auf einer Insel in der Nordsee lebte eine anständige, kleine Gemeinde mit ihrem Pastor. Es war Herbst, eisige Winde wehten. Ein ehrbares Gemeindemitglied war gestorben und musste beerdigt werden. Der Pastor hielt eine lange Predigt am Grab, sodass die Menschen ordentlich durchgefroren waren.

 

Nun saß man im Gasthaus zusammen und trank einen heißen Kaffee mit Sahne. Auch der Herr Pastor saß bei ihnen. Er hatte sich draußen an seiner inneren Wärme erbaut und hatte daher weniger gefroren.

 

Es war ein tragischer Todesfall, der jedem ordentlich zugesetzt hatte. Und dennoch kam mit der zweiten und mit der dritten Tasse Kaffee mit Sahne Stimmung auf. Die Zungen der sonst eher schweigsamen Nordfriesen lösten sich mehr und mehr.

 

Der Pastor, der seine Schafe gut kannte und deren Geblöke ihn jetzt ein wenig befremdete, nahm sich die Tasse eines gerade austretenden Herrn und schnupperte daran.

Ein kräftiger Rumgeruch umwehte seine forschende Nase. Die Tasse zornig zu Boden werfend, rief er: “Ihr Pharisäer!”

 

Seitdem steht dieses Getränk an der deutschen Nordseeküste in jedem Cafe auf der Getränkekarte. Nur der Rum der heutigen “Pharisäer” ist nicht mehr so stark, wie damals bei den braven Nordfriesen!

 

Bemerkenswert, wie eine biblische Gestalt ihre Nachwirkungen hat. Dabei waren die Pharisäer ehrbare Leute mit vorbildlichem Lebenswandel.

 

Und was von Zöllnern zu halten ist, wusste jeder.

Der Zöllner arbeitet im Dienst der verhassten Besatzungsmacht. Da kann er doch nur ein schlechter Mensch sein! und außerdem: Zöllner sind alle Betrüger. Sie schikanieren die Menschen, wo sie nur können, nehmen zu viel Zollgebühren und wirtschaften in die eigene Tasche.

 

Da spielt es keine Rolle, ob dieser Mann eine Ausnahme ist; ob er in seinem Beruf und auch sonst um Ehrlichkeit bemüht ist; ob er ein Familienvater ist, der sich um Frau und Kinder liebevoll kümmert; ob er sich nach Gott sehnt. Er ist ein Zollbeamter, das reicht, so einem gibt man keine Chance.

 

Das Schlimme daran ist: Dieser Mann gibt sich selbst keine Chance mehr. Er glaubt zu wissen, dass er im Vergleich mit dem ehrenwerten Pharisäer keine Hoffnung hat.

 

Alle, die diese Geschichte hörten, werden ihm recht gegeben haben. Was ist schon ein Zöllner gegen diesen frommen Mann, der seinen Glauben sichtbar ernst nimmt. Dieser Gauner ist gegen den anständigen Pharisäer ein hoffnungsloser Fall.

 

Der Zöllner steht nun im Tempel und glaubt sich selbst fehl am Platz. Sein Urteil steht fest: Ich habe kein Recht, vor Gott zu treten. So hat man ihm auch immer wieder gesagt. und jetzt glaubt er es selbst. Der Zöllner verurteilt sich selbst. Sein Gebet ist ein Aufschrei aus tiefster Verlassenheit.

 

Recht geschieht ihm, mögen die Leute gedacht haben.

Aber Jesus gibt dieser Geschichte eine unerwartete Wendung: Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt hinab in sein Haus.

 

Ich kann mir vorstellen, für die Zuhörer damals ein unerwarteter Ausgang. Für uns heute auch. Diesen unerwarteten Ausgang hat Jesus nicht erklärt. Er hat ihn durch sein Leben entfaltet. Er hat sich den Menschen zugewandt, die abgeschrieben waren. Den Zöllnern und Huren, den Kranken, den Sündern und sogar dem Verbrecher, der neben ihm am Kreuz hing. Jesus hat gelebt, was er mit der Geschichte vom Pharisäer und Zöllner sagt.

 

Für Gott gibt es keine hoffnungslosen Fälle.

Gott hat die Menschen, die mit leeren Händen vor ihm stehen, genauso lieb wie die, die sich bemüht und die viel geleistet haben.

 

Zugegeben, das widerspricht unserem Gerechtigkeitsempfinden. Wir denken oft: Leistung muss sich lohnen, auch im Glauben.

Und wenn wir ehrlich sind: dieser Pharisäer ist uns eigentlich sympathisch. Wenn wir in unseren Kirchengemeinden noch mehr solcher Leute hätten, die vorbildlich leben, die regelmäßig am Gemeindeleben teilnehmen und auch noch einen Teil ihres Geldes spenden, dann würde unsere Gemeinde gut dastehen. Solche Leute wären angesehen bei uns und auf solche Leute sind wir ohne Zweifel angewiesen. Ohne Leute, die sich für Gott und ihren Glauben engagieren, könnte eine Kirchengemeinde nicht leben.

 

Und trotzdem genießen sie nicht mehr Ansehen bei Gott. Für unser Gerechtigkeitsempfinden ist das schwer zu verstehen, vor allem, wenn man selbst zu der Gruppe der Engagierten gehört. Irgendwo muss es doch einen Unterschied geben zu den Distanzierten, zu denjenigen, die keinen so ordentlichen Lebenswandel führen.

 

Die Denker des Neuen Testaments hat diese Frage schon beschäftigt, ohne dass sie jedoch eine deutliche Antwort hätten geben können.

Jesus warnt uns. Es geht nicht, andere Menschen dazu zu benutzen, um uns selbst besser zu machen. Der Vergleich gilt nicht.

 

Es ist eine Gefahr, auf andere mit dem Finger zu zeigen, um sich selbst ins rechte Licht zu setzen. Der Vergleich mag für uns manchmal vorteilhaft sein. Aber gerade ein solch vorteilhafter Vergleich bringt die Gefahr mit sich, dass wir die eigenen Fehler und Unzulänglichkeiten übersehen und schönfärben. Meine Fehler werden doch nicht kleiner, wenn ich auf die Fehler der anderen zeige.

 

Jesus sagt dazu sehr deutlich: Die einzige Möglichkeit, vor Gott bestehen zu können ist seine Barmherzigkeit und seine Liebe. Gott ist gerecht, aber nicht so, dass er mit sich handeln lässt. Er ist gerecht, aber nicht so, dass er gegenüberstellt, was in einem Leben gelungen und was misslungen ist.

 

Gott ist so gerecht, dass er ohne Blick auf Person oder Leistung einem jeden Menschen seine Liebe und seine Barmherzigkeit anbietet. Weil Gott auf diese Art und Weise gerecht ist, bleibt er mir und jedem Menschen zugewandt mit seiner Liebe und Barmherzigkeit.

 

Liebe Gemeinde, ich möchte an dieser Stelle einen Vergleich wagen. Wenn ein Freund mich schon jahrelang kennt. Wenn er mich so gut kennt, dass er sagen kann, in dieser Situation wird er so oder so reagieren. Wenn er auch meine schwierigen Seiten kennt, – und dann trotzdem zu mir hält gibt mir es große Sicherheit.

 

Gott hält zu mir, ohne Ansehen meiner Person, das gibt Halt und Sicherheit im Leben und im Sterben.

Amen