Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 13. Sonntag nach Trinitatis, 06. September 2020

Liebe Gemeinde,

ein Murren erhob sich in der Gemeinde über die Benachteiligung der griechisch stämmigen Witwen, die vor leeren Tellern saßen. Schon die erste Gemeinde musste sich mit Problemen beschäftigen. Schon damals war keine heile Welt, auch nicht bei den Christen.

 

Mich beruhigen und ermutigen solche Abschnitte in der Bibel sehr. Bin ich doch immer wieder versucht, die ersten Christen als Vorbild zu nehmen. Dann denke ich: „Damals war noch alles gut. Damals mussten sie sich nicht mit so vielen unterschiedlichen christlichen Glaubensrichtungen auseinandersetzen. Damals waren die ersten Christen noch nah dran am Ursprung. Manche werden Jesus noch persönlich gekannt haben.“

 

Ja, früher, war eben auch nicht alles besser. Schon damals gab es Probleme und keine heile Welt. Wir wünschen uns das vermutlich alle gerne, eine Gemeinde, eine Kirche, in der Harmonie und Einigkeit herrscht.

 

Ja, und dann erlebt man die Realität. Dann muss eine Gemeinde mit einem ehemaligen Bischof kämpfen, der nicht abtreten will. Dann muss eine ganze Kirche eine lange Reihe von Gerichtsprozessen führen. Dann entdeckt man, dass es auch in der Kirche Ungleichheit und Probleme gibt.

 

Natürlich wollen wir als Gemeinde ein gutes Bild abgeben. Wir haben ja auch unsere Vorstellungen wie es harmonisch und friedlich in der Kirche zugehen soll. Aber haben wir es nötig, uns wie auf schönen Familienfotos in einer scheinbar harmonischen Scheinwelt darzustellen, von der jeder weiß, dass sie nicht existiert. Haben wir in der Kirche nötig, nach außen eine scheinbar heile Welt zu spielen?

 

Ich würde sagen: Nein, es ist nicht die Aufgabe christlicher Gemeinde, die Welt um eine weitere Scheinwelt zu bereichern. Es ist Zeichen ihrer Wahrhaftigkeit, wenn Probleme nicht unter den Teppich gekehrt, sondern angesprochen werden. Ich gebe jedem gerne zu, dass in der Kirche nicht die besseren Menschen sitzen. Aber die, die in der Kirche sitzen haben eines gemeinsam, sie glauben an Jesus Christus. Diese gemeinsame Grundlage ermöglicht es ihnen, dass sie sich von Gott und seinem Wort ansprechen und helfen lassen.

 

Das Evangelium selbst legt den Finger in offene Wunden und sorgt dafür, dass die Wahrheit ans Licht kommt. Hierzu gehört die Benachteiligung von Menschen aufgrund ihres Geschlechts, ihrer Herkunft, ihrer Kultur oder ihrer Zugehörigkeit zu einer sozialen Schicht. Mit der Armut der Armen mag sich das Evangelium nicht abfinden. Gott ist ein Freund der Armen und Benachteiligten.

 

Im Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Matthäus 20/1-15) macht Jesus deutlich, dass die Gerechtigkeit Gottes jedem nicht nur das zukommen lassen will, was er verdient, sondern das, was er zum Leben braucht. Deshalb ist die Frage der sozialen Gerechtigkeit für die Christenheit nicht vor allem eine politische, sondern eine geistliche Angelegenheit. Es gibt Fragen, in denen Christen nicht anders können, als auf ihren Herrn zu hören.

 

Damit sind mir die Apostel in der Gemeinde von Jerusalem ein Vorbild. Sie halten keine beschwichtigenden Reden, sondern gehen geistesgegenwärtig daran, Abhilfe zu schaffen. Und manchmal fängt das damit an, Einsicht zu gewinnen in die eigene Überforderung. “Es ist nicht recht, dass wir für die Mahlzeiten sorgen und darüber das Wort Gottes vernachlässigen.”

 

Also werden sieben aufrechte Männer gewählt und in die Küche geschickt. Allerdings gehen die Gewählten nicht ohne vorherige Ordination mit Gebet und Handauflegung an die Arbeit. Und wir sehen daran, dass die Bibel auch den Tischdienst für ein geistliches Amt hält. Denn schließlich dient auch dieser Dienst dem Dienst am Wort.

 

Gemeinde ist wie ein Mobile: Viele kleine Teile hängen zusammen. Sie halten sich gegenseitig im Gleichgewicht. Leise bewegen sie sich im Wind und verändern immer wieder ihre Position und bleiben in Bewegung. Wenn ich aber einen Teil wegnehme, ist es vorbei mit dem Gleichgewicht. Im schlimmsten Fall klappt alles zusammen und die feinen Fäden verheddern sich.

 

Die Gemeinde ein Mobile, ein schöner Gedanke. Jede Gruppe, jedes Team, jede Gemeinschaft, jede einzelne Mitarbeiterin und jeder einzelne Mitarbeiter sind Teil dieses Ganzen. Im Kirchenvorstand haben wir miteinander Entscheidungen zu treffen, wie und wo das Mobile verschoben wird. Vielleicht wird es dabei kleiner und weniger imposant, aber es darf nicht aus dem Lot geraten, es muss sichtbar bleiben und den Menschen seine Botschaft zeigen.

 

In den vergangenen Wochen und Monaten mussten wir entscheiden, wie soll angesichts der Quarantäne unsere Gemeindearbeit aussehen.

Damals haben wir uns entschieden, mit Gottesdiensten und Gemeindegruppen zu pausieren, dafür aber zu helfen, wo Not ist. Allen, die mitgeholfen haben möchte ich hier Danke sagen.

 

Am vergangenen Sonntag beschäftigten wir uns mit der Frage, wie können wir jetzt wieder vorsichtig beginnen, obwohl die Quarantäne nicht einfach aufgelöst ist. Das Virus bedroht immer noch unsere Gesundheit und es gibt immer noch keine Medizin oder Therapie gegen diese Krankheit.

 

Es fiel uns nicht leicht. Oft können Probleme nicht ganz ohne Schmerzen gelöst werden. Wir werden wahrscheinlich auf längere Zeit nicht mehr zu unserer bisher gewohnten Form des Gottesdienstes mit Gesang und Chor und gemeinschaftlicher Nähe zurückkehren können.

 

„Und das Wort Gottes breitete sich aus, und die Zahl der Jünger wurde sehr groß in Jerusalem.“ Die Lösung des Problems muss der Gemeinde eine gute Ausstrahlung gegeben haben.

Liebe Gemeinde, ich stelle mir aktuell immer wieder eine Frage:

Gibt es bei aller Tragik und allen Einschränkungen in der gegenwärtigen Situation auch Gutes zu entdecken?

 

Meine Antwort ist heute ein vorsichtiges „Ja“. Ja, es gibt auch Positives, aber wir können es auch wieder verspielen. Ein Beispiel‘: Mit dem Tagen der Maske und mit dem Einhalten von Abstand befolgen wir ja nicht lediglich eine lästige Anweisung unserer Behörden. Maske und Abstand verstehe ich auch als ein Zeichen unserer christlichen Nächstenliebe.

 

Auch mir selbst fällt es oft schwer, Maske zu tragen und Abstand zu halten. Bei allem was wir heute wissen, sind beide Maßnahmen die einzigen wirksamen gegen eine Ausbreitung des Virus. Dabei geht es nicht so sehr um meine eigene Ansteckung, sondern um die des Nächsten. Ich selbst könnte ohne eigenes Wissen andere anstecken.

 

Gerade in unserer Kirche sollten wir unsere Nächsten hochachten. Maske und Abstand wären da schöne sichtbare Zeichen. Nicht wegen mir, sondern weil ich dich hoch achte trage ich Maske. Gerade weil du mir lieb und wichtig bist umarme ich dich nicht zur Begrüßung und gebe dir nicht die Hand.

So könnte in der gegenwärtigen Situation Nächstenliebe praktiziert werden.

Amen