Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 16. Sonntag nach Trinitatis, 27. September 2020

Liebe Gemeinde – Unsere erste Schriftlesung erzählt uns heute von einem ganz besonderen Festtag.
Er entspricht, wie wir da lesen, einer ewigen Ordnung, es soll für das ganze Volk, ja auch für die Fremdlinge, ein hochheiliges Fest sein.

Warum denn wird das mit soviel Nachdruck gesagt? Ich zitiere: “An diesem Tag geschieht eure Entsündung, dass ihr gereinigt werdet; von all euren Sünden werdet ihr gereinigt vor dem Herrn.”

Und zwar soll die Feier, nach dem jüdischen Kalender, alljährlich am 10. Tag des 7. Monats begangen werden. Im Jahr 2020 fällt dieser Tag, nach unserer Zeitrechnung, am 28. September. Oder genau genommen fängt er am Abend des 27. September, also heute abend an.

Heute abend, die Feier aller Feiern, das hochheilige Fest! Da ist es doch wohl der Mühe wert, dass wir als Christen den jüdischen Gläubigen ein wenig über die Schulter mitschauen. Worum handelt es sich dabei? Was wird da insbesondere gefeiert?

Es ist die Feier der Versöhnung: Versöhnung zwischen Gott und den Menschen, Versöhnung auch der Menschen unter sich. Gott will unsere Schuld “bedecken”, sie nicht länger sehen. Auf Hebraisch spricht man vom ”Tag der Bedeckung”, dem Jom Kippur. So wichtig wie für uns Weihnachten und Ostern sind, so wichtig ist für den gläubigen Juden der Jom Kippur.

Die Symbolik dieses Festes wird klar am Ritual, wie es im Jerusalemmer Tempel durchgeführt wurde. Im 3. Buch Moses wird es beschrieben; wir haben es jetzt nicht gelesen, weil es zu lang ist, aber es handelt – kurz gefasst – von zwei Ziegenböcken. Der eine wird auf dem Altar geopfert, auf den Kopf des andern legt der Hohepriester symbolisch alle Sünden des Volkes, woraufhin es in die Wüste gejagt wird.

Der Hohepriester erfüllt seinen Dienst im Heiligtum, das er nur einmal im Jahr betreten darf. Wenn er herauskommt und das Volk segnet, bricht ein allgemeiner Jubel aus. Die Gläubigen umarmen sich und preisen Gott für seine Güte: die Sünden sind bedeckt, versöhnt, verziehen!

Den gnädigen Gott zu preisen, das ist auch uns als Christen vertraut, aber beachten wir doch das Ritual mit den beiden Ziegenböcken. Dass einer geopfert wird für die Sünden des Volkes – erkennen wir darin nicht das Bild des Gotteslammes, “das die Sündender Welt trägt”? (Johannes 1, 29)

Und der Bock, der beladen mit den Sünden des Volkes in die Wüste gejagt wird, der sogenannte Sündenbock, darin sehen wir doch auch den Gottesknecht, der unsere Krankheiten trägt und unsere Schmerzen auf sich läd, auf dem unsere Strafe liegt, auf dass wir Frieden haben? (Jesaja 53, 4 – 5)

Aussagen, womit wir unseren Glauben an Christus bekennen, haben also ihre Wurzeln im jüdischen Ritual aus der Zeit, als in Jerusalem noch der Tempeldienst funktionierte! Nun ja, der Tempel wurde im Jahre 70 zerstört, und die jüdischen Riten mussten sich auf andere Bedingungen umstellen.

Es gibt keinen Opferkult mehr, und keine Tiere werden dafür mehr geschlachtet. Aber der Kern der Sache ist der gleiche geblieben, ja hat sich wohl noch vertieft: die Freude, der Jubel um diesen Gott, der uns die Schuld vergibt und der auch die Menschen miteinander versöhnt!

Für den Jom Kippur gibt es noch heute, im September 2020, zehn Tage der Vorbereitung, wo der Gläubige all diejenigen, die er im Laufe des Jahres vielleicht gekränkt oder beleidigt hat, um Verzeihung bittet. Es sind Tage der Besinnung und der Einkehr.
Nach unserm lutherischen Lektionar ist für heute der Predigttext 2. Timotheus 1, 7 – 10 und bezieht sich also auf ein ganz anderes Thema. Immerhin lässt sich bei besserem Nachdenken wohl eine Verbindung mit dem jüdischen Festtag finden.
Was wird uns in diesem Timotheuswort gesagt? Es ist ein Wort der Ermutigung: Gott hat uns einen Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit gegeben, weshalb wir frei und furchtlos das Zeugnis für unsern Glauben ablegen dürfen.
Gott hat uns berufen mit einem heiligen Ruf – so lesen wir weiter – nach der Gnade, die uns von jeher gegeben wurde, und die jetzt durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus offenbart worden ist.
Unterstreichen wir zunächst einmal diese eine: die heilige Berufung zum Glaubenszeugnis vor aller Welt. Könnte man vom jüdischen Glauben her sich in diesem Begriffe zurechtfinden? Die Berufung – kann sich ein Jude berufen fühlen? Ja freilich, durch die ganze Geschichte Israels hindurch hat immer wieder Gottes Ruf geklungen! Von Abraham über Mose, über die Könige und Propheten … Aus dem jüdischen Volk stammen Gottes Berufene par excellence!
Und wie steht es mit dem jüdischen Glaubenszeugnis vor aller Welt? Wer das Alte Testament liest, findet da wohl zuerst den Ruf zur Gerechtigkeit im eigenen Volk, also sozusagen eine einwärts gerichtete Berufung. Aber das Alte Testament weiss auch von einer Berufung nach aussenhin, denn Gottes Plan ist es, mittels seines Knechtes Israel die Völkerwelt zu erreichen!
Schon die Psalmen singen von dieser Vision: “Der Herr lässt sein Heil kundwerden, vor den Völkern macht er seine Gerechtigkeit offenbar. (…) Aller Welt Enden sehen das Heil unseres Gottes” (Psalm 98, 2 – 3).
Von einer weltweiten Verkündigung dieser Nachricht lesen wir im Buch Jesaja, dessen spätere Kapitel bekanntlich aus der Zeit stammen, als Israel bereits unter die fremden Völker zerstreut wurde. Da sagt der Prophet: “Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, die Stämme Jakobs aufzurichten und die Zerstreuten Israels wiederzubringen, sondern ich habe dich auch zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde” (Jesaja 49, 6).
Ein Licht der Heiden – also ein freimütiges Zeugnis für den Gott Israels in aller Welt! Tatsächlich hat es so etwas gegeben in den letzten vorchristlichen Jahrhunderten und auch später noch, als immer mehr Nichtjuden sich von der heidnischen Götterwelt abwandten um den einen, einzigen Gott Israels zu anbeten. Im Neuen Testament werden diese Leute die Gottesfürchtigen oder auch Gottesverehrer genannt.
Dann aber ist die Verbreitung des jüdischen Glaubens unter Nichtjuden wieder zusammengeschrumpft, und ein Grund dafür lag wohl im schwierigen Verhältnis zwischen Juden und Christen.
Der Glaube an Gottes überschwengliche Gnade, den die Juden am Grossen Versöhnungstag erlebten, war ebenfalls die Wurzel des Glaubens der frühen Christen. Diese aber hatten in solcher Gnade ein noch tieferes Geheimnis gefunden: eine Gnade, die – nach den Worten des 2. Timotheusbriefes – “uns vor der Zeit der Welt gegeben ist, jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der (…) ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.”
Zusammenfassend dürfen wir sagen, dass es zwischen dem jüdischen und dem christlichen Glauben häufige Querverbindungen gibt. Vieles aus dem christlichen Glauben wird uns klar, wenn wir seine jüdischen Wurzeln beachten, und vieles aus dem jüdischen Glauben verstehen wir besser, wenn wir ihn mit seiner Zuspitzung im Christentum vergleichen.
Wenn es zum Glaubensgespräch zwischen Juden und Christen kommt – was in der Ukraine leider nicht oft der Fall ist – dann möchten wir uns doch vor allem über das gemeinsame Erbe freuen und die Unterschiede in aller Einfachheit hinnehmen.
Amen