Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 18. Sonntag nach Trinitatis, 11. October 2020

Liebe Gemeinde,

Und Jesus ging weg von dort und zog sich zurück in die Gegend von Tyrus und Sidon. Und siehe, eine kanaanäische Frau kam aus diesem Gebiet und schrie: Ach Herr, du Sohn Davids, erbarme dich meiner! Meine Tochter wird von einem bösen Geist übel geplagt. Und er antwortete ihr kein Wort. Da traten seine Jünger zu ihm, baten ihn und sprachen: Lass sie doch gehen, denn sie schreit uns nach. Er antwortete aber und sprach: Ich bin nur gesandt zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Sie aber kam und fiel vor ihm nieder und sprach: Herr, hilf mir! Aber er antwortete und sprach: Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde. (Matthäus 15,21-26)

Dieses Evangelium ist befremdlich, ja mehr noch, skandalös. Es gibt kaum eine andere Stelle in den Evangelien, in der Jesus so schroff, so abweisend auftritt. Jesus tut am Anfang so, als höre er die Stimme der Frau nicht: „Und er antwortete ihr kein Wort.“

Als Jesus die Situation dann aufgrund des Geschreis der Frau nicht mehr ignorieren kann, folgt zunächst radikale Ausgrenzung: „Es ist nicht recht, dass man den Kindern ihr Brot nehme und werfe es vor die Hunde.“ So eine schroffe Antwort hätte man von Jesus kaum erwartet.

Jesus zieht den Kreis ganz eng, denen helfe ich, den anderen nicht; klar und deutlich definiert er, wer innen und wer außen ist, wer dazugehört oder ausgeschlossen ist.

Es wäre schwer auszuhalten, wenn diese Erzählung schon zu Ende wäre. Gut, dass es nicht so ist. Der Evangelist Matthäus erzählt weiter:

Sie sprach: Ja, Herr; aber doch fressen die Hunde von den Brosamen, die vom Tisch ihrer Herren fallen. Da antwortete Jesus und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde. (Matthäus 15,27-28)
So wird aus einer Ausgrenzungsgeschichte auf einmal eine Heilungsgeschichte. Doch das Ende war für die damaligen Zuhörerinnen und Zuhörer nicht weniger befremdlich als der Anfang. Denn Jesus lässt sich eines Besseren belehren – von einer kanaanäischen Frau: In den Augen der Juden damals von einer ungläubigen Ausländerin „minderen Geschlechts“ – so muss ich es sagen, um das Skandalöse dieser Erzählung deutlich zu machen.

Jesus macht in diesen wenigen Versen eine Entwicklung durch. Vom strikten Verfechter einer „Geschlossenen Gesellschaft“ zu einem, der diese Geschlossenheit aufbricht. Jesus irrt sich, macht einen Fehler, lernt dazu und korrigiert sich. Der beim ersten Hören so schroff und ablehnend wirkende Jesus wird auf einmal menschlich sympathisch.

Der Lernprozess Jesu hat einen Ausgangspunkt: Der Glaube der kanaanäischen Frau. Der Glaube kann die Gebirge von Vorurteilen, Ablehnung und Ausgrenzung verschwinden lassen. Und wenn Jesus bereit war, dazuzulernen, einen Irrtum einzugestehen und sich zu korrigieren, dann können wir das doch aus dem Glauben heraus auch. Und können versuchen, diejenigen zu ermutigen offen zu sein, die aus Unsicherheit und Angst ausgrenzen.

Etwas Weiteres ist irritierend: Warum ist diese Erzählung überhaupt überliefert worden? Warum zeichnet der Evangelist Matthäus Jesus hier als jemanden, der irrt, der – wenn nicht vorurteilsbeladen – so doch zumindest verstockt ist und belehrt werden muss? Das ist in der damaligen Zeit nicht selbstverständlich.

Liest man die Lebensbeschreibungen römischer Kaiser aus der damaligen Zeit, so wird man selten kritische Töne finden. Auch spätere Heiligenlegenden zeichnen oft ein geschöntes Bild. Nicht so Matthäus.

Das zeigt mir als Erstes, dass die Bibel ein zutiefst ehrliches Buch ist. Selbst vor Jesus macht diese Wahrheitsliebe nicht Halt. Jesus ist eben ganz Mensch geworden; Kind seiner Zeit und seines Glaubens. Aber er ist mehr. In dieser Erzählung ist er der, der den Glauben der kanaanäischen Frau erkennt und ihre Tochter heilt.
Mich ermutigt dieses Beispiel zur Wahrheit. Das, was ist, zu beschönigen, hilft niemandem.

Der Evangelist Matthäus verfolgt mit dieser Erzählung noch ein weiteres Ziel. Er schreibt sie seinen Leserinnen und Lesern ins Stammbuch. Zu seiner Zeit öffnen sich die christlichen Gemeinden auch nichtjüdischen Anhängerinnen und Anhängern. Dass diese Entwicklung nicht reibungslos ablief, davon berichten eindrücklich die Apostelgeschichte und die Paulusbriefe.

Und der Evangelist Matthäus schreibt seinen Leserinnen und Lesern: Zieht den Kreis nicht zu eng; definiert nicht, wer dazugehören darf und wer draußen bleiben muss. Die Gemeinde Christi ist keine „Geschlossene Gesellschaft“. Das hat auch Jesus gelernt, und dann müsst ihr es in seiner Nachfolge auch kapieren.

Und das gilt nicht nur vor fast 2.000 Jahren, das gilt heute genauso. Das müssen auch wir heute immer wieder lernen und kapieren. Die christliche Gemeinde ist keine „Geschlossene Gesellschaft“. Das ist zunächst keine rechtliche Frage: Wer ist konfirmiert und wer nicht?

Die Konfirmation haben wir in den lutherischen Kirchen als Voraussetzung, um mitentscheiden zu dürfen. Das bedeutet jedoch nicht, dass wir als Kirchengemeinde Menschen abweisen. Wer sich für unseren evangelisch-lutherischen Glauben interessiert, ist herzlich eingeladen.

Niemand wird abgewiesen, der Fragen hat. Wer an der Konfirmation interessiert ist, ist herzlich eingeladen zum Konfirmandenunterricht. Erst wenn man das Besondere am evangelisch-lutherischen Glauben kennt, kann man auch über die Belange der Kirchengemeinde mitentscheiden.

Offene und einladende Kirchengemeinde zu sein, ist für mich eine Sache des Herzens. Gott möchte, dass alle Menschen gerettet werden und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Ich möchte dieses ALLE ernst nehmen. Ich möchte ein weites Herz haben, denn Liebe beginnt immer mit einem weiten Herzen.
Amen