Predigt von Pastor Matthias Lasi für den 19. Sonntag nach Trinitatis, 18. October 2020

Liebe Gemeinde,
aus Alt mach Neu. In meiner Heimat in Schwaben gibt es eine Sage, wir nennen sie die Altweibermühle. Darin geht es um einen Müller, dessen Mühle keinen Gewinn abwirft und der deshalb auf die Idee kommt, seine Mühle als Jungbrunngen zu vermarkten. Oben gehen die Alten rein und unten kommen sie als junge Burschen oder Mädchen wieder heraus.

So einfach geht es leider nicht. 30,40, 60 oder 80 Jahre lassen sich nicht einfach wieder zurückdrehen, obwohl das oft genug ein reizvoller Gedanke wäre. Einfach aus dem Alten herausschlüpfen und ein Neues anziehen, wie bei einem Kleidungsstück.

Diese Vorstellung legt der Anfang des Predigttextes nahe, den alten Menschen ablegen und den neuen Menschen anziehen.
Im Hintergrund steht dabei ein altes Bild von der Taufe. Damals, als der Predigttext entstand, war es üblich, dass die Täuflinge bei der Taufe neue, weiße Kleider anzogen und danach noch einige Tage anbehielten.

Damit sollte jeder sehen, diese Person ist Christ geworden. Sie hat ein neues Leben mit einem neuen Lebensstil begonnen. Damals war klar, wenn jemand getauft ist, dann hat er einen neuen Lebenswandel nach christlichen Prinzipien zu führen.

Stünde diese alte Erwartung auch heute noch hinter der Taufe, dann wären Eltern und Paten dafür verantwortlich, dass sie ihre Kinder zu guten Christinnen und Christen machen.
Dass das nicht so selbstverständlich geht, liegt auf der Hand.

Wir Eltern können selbst beim besten Willen und mit der größten Anstrengung nicht garantieren, dass aus unseren Kindern einmal gute Christen werden. Die Kindererziehung ist ein Unternehmen, bei dem das Ergebnis nicht schon von Anfang an feststeht.

Dazu kommt dann noch die Frage: Was gehört zu einem guten Christen? Man müsste beschreiben können, was einen guten Christen ausmacht. Welche Eigenschaften muss er haben? Was darf ein Christ tun und was darf er nicht tun?

Gäbe es auf diese Fragen ganz eindeutige Antworten, wo bleibe dann die Verantwortung des Einzelnen für sein Tun? Und was geschieht, wenn jemand diesem Idealtyp nicht gerecht wird? Was geschieht, wenn jemand entdeckt: Ich bin zwar getauft, aber ich schaffe es nicht als neuer Mensch zu leben und zu handeln, ich kann meine Vergangenheit, die mich geprägt hat, nicht einfach wieder zurücknehmen.

Bei der Taufe ändert sich rein äußerlich betrachtet gar nichts. Christen sind Menschen wie alle anderen auch, mit Stärken und Schwächen, Ecken und Kanten. Es ist deshalb gut, dass der Predigttext sich nicht auf das Ablegen des alten Menschen und das Anziehen des neuen Menschen beschränkt. Es geht weiter mit ziemlich deutlichen Anweisungen zum neuen Leben.

Es ist eine Zusammenstellung von Dingen, die Christen vermeiden sollten. Offenbar war es damals schon nicht selbstverständlich, dass sich mit der Taufe sofort alles änderte. Wohl gab es damals schon unter Christen Betrügereien, Streit, Diebstahl und unnützes Geschwätz.

Ich verstehe diese Anweisungen zum neuen Leben deshalb nicht als Beschreibung eines Idealbildes von christlichem Lebenswandel. Viel eher denke ich möchte damit eine Hilfestellung gegeben werden zu Fragen des täglichen Lebens. Wie gehe ich z.B. mit meinem Zorn um.

Interessant ist, dass es nicht heißt: “Zürnet nie”. Es wird durchaus damit gerechnet, dass Zorn entsteht. Manchmal ergeben sich aus einem Zornausbruch durchaus gute Folgen. Manchmal ist es nötig, deutlich Grenzen zu setzen. Schlimm ist, wenn sich jemand nicht wehren kann, weil er der Meinung ist, Zorn sei auf jeden Fall verboten für einen Christen. Diese Ansicht lässt sich mit der Bibel nicht begründen. Auch nicht mit der Stelle im Predigttext.

Hier jedoch wird auf eine Gefahr hingewiesen:
“Zürnt ihr, so sündigt nicht; Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen.”
Vielleicht könnte man es auch so sagen: Lass dir die Sonne nicht über deinem Zorn untergehen.

Leicht kann es geschehen: Man wird von seinem Zorn derart aufgefressen, dass man nichts anderes mehr sehen kann. Alle Lebensfreude vergeht, weil ständig die Gedanken des Zorns die Aufmerksamkeit fesseln. Hat man dann nicht Möglichkeiten an der Hand, mit dem Zorn umzugehen, gewinnt er immer weiteren Raum.

Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen muss nicht unbedingt als zeitliche Grenze verstanden werden. So, als dass man nicht länger als bis zum Abend zornig sein darf.
Lasst die Sonne nicht über eurem Zorn untergehen, kann auch heißen: Lass dir das Leben nicht vom Zorn verfinstern. Das kann leicht geschehen, wenn der Zorn ohne die Bereitschaft zur Vergebung und Versöhnung ist.

Ohne Versöhnung kann der Zorn eine Beziehung völlig zerstören. Da geschieht es dann, dass sich Geschwister im Zorn trennen und jahrelang nicht mehr miteinander reden.
Zugegeben, es fällt nicht leicht, nach einem Zorn, bei dem man sich eigentlich immer im Recht fühlt, sich beim anderen zu entschuldigen.

Besonders schwer fällt das denke ich, wenn der Anlass zum Ärgernis die eigenen Kinder sind, wenn sie trotz wiederholter Ermahnung die schöne Polstergarnitur beschmutzt haben oder wenn sie extrem herumtrödeln, gerade dann wenn man es besonders eilig hat.

In solchen Augenblicken spürt man nur zu gut, ich bin nicht vollkommen. Ich bin Mensch, mit Ecken und Kanten, nicht besser als andere. Da ändert auch die Taufe nichts daran.

Jedoch eines ändert sich mit der Taufe: Gottes Liebe wird bei der Taufe einem Menschen fest versprochen.
Gottes Liebe gilt auch wenn ich mich ändern möchte und merke, dass ich mich bemühe aber nicht loswerde, mit was ich bei mir unzufrieden bin.

Auch wenn ich spüren muss: Vergangenes lässt sich nicht zurückholen, bleibt mir der Wert meines Lebens sicher. Die Taufe bezeugt jedem Getauften: Gott hat dich gewollt. Auch wenn du mit dir und deinen Eigenheiten unzufrieden bist, freut sich Gott, dass du lebst.
Amen