Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den 20. Sonntag nach Trinitatis, 25. October 2020

1.Mose1, 26 – 27; 2, 1 – 3; Markus 2, 23 – 28;

In der biblischen Schöpfungsgeschichte wird uns erzählt, dass Gott die Welt in sieben Tagen geschaffen hat. Oder genau genommen: Gott habe sechs Tage daran gearbeitet, und am siebenten Tag habe er von allen seinen Werken geruht. “Und – so lesen wir – Gott segnete den siebenten Tag und heiligte ihn.”

Bevor wir weiter über diese Worte nachdenken, kommt mir die Frage: Was bedeutet hier die Zahl sieben? Hätte es nicht ebenso gut heissen können, Gott habe die Welt in fünf, oder zehn, oder vielleicht auch zwanzig Tagen geschaffen?

Eine Einteilung der Zeit in siebentägige Wochen gab es gewiss schon vor der Zeit, als die biblische Schöpfungsgeschichte entstand. Mit Monaten hatte man schon immer gerechnet: das Wort “Monat” hängt ja mit “Mond” zusammen: von einem Neumond bis zum nächsten verläuft genau ein Monat, und die vier Gestalten des Mondes laden uns ein, diesen Zeitverlauf in vier Einheiten zu je sieben Tagen zu verteilen.

In manchen alten Kulturen gab es zwar auch andere Prinzipien der Zeiteinteilung, aber es ist klar, dass sich in der biblischen Schöpfungsgeschichte die Zahl sieben auf die Beobachtung der Schöpfung selber bezieht. Sinngemäss hat man in manchen Sprachen – etwa Französisch und Italienisch – die einzelnen Wochentage nach Sonne, Mond und den fünf von jeher bekannten Planeten benannt!

Wenn wir nun lesen, dass Gott dem siebenten Tag einen besonderen Segen gibt, so heisst das, dass er der Schöpfung als Ganzer sein Wohlgefallen schenkt. Wenn wir nun in einem Zeitrythmus von sieben Tagen leben, dann werden wir aufgefordert, jeweils dem siebenten Tag unsere besondere Aufmerksamkeit zu schenken – uns in besonderer Weise des göttlichen Segens zu freuen.

Die nächste Frage ist nun: Was heisst das, “sich des göttlichen Segens zu freuen” – wie tun wir das? Die biblischen Zehn Gebote geben darauf teilweise eine Antwort. Im dritten Gebot heisst es: Am siebenten Tag sollst du nicht arbeiten, weder dein Sohn noch deine Tochter, weder dein Knecht noch deine Magd; ja, sogar Ochs und Esel sollen sich der Arbeit enthalten.

Es gehört zum Stil der Zehn Gebote, dass die meisten als Verbote formuliert sind: “Du sollst nicht dies, und du sollst nicht das.” Aber wenn ich das so lese und mir nichts anderes dabei denke, so bekomme ich den Eindruck, dass der siebente Tag ein Tag fürchterlicher Langeweile sein muss!

Es erinnert mich an die Reisebeschreibung von lebensfrohen Franzosen, wenn sie im strengen, viktorianischen England irgendwie den Sonntag zu verbringen hatten: Geschäfte und Gaststätten waren geschlossen, Tanzböden ausser Betrieb, keinerlei Möglichkett sich zu amüsieren. Fast wie ein landesweiter Lockdown! Höchstens in die Kirche konnte man gehen, aber gerade über Kirche oder Synagoge lesen wir nun wieder in den Zehn Geboten kein Sterbenswörtchen!

Es wird uns aber gesagt, dass die Juden gerade in der Zeit, als sie über fremde Länder verstreut wurden, anfingen, das Sabbatgebot besonders pünktlich in acht zu nehmen. Sie wurden dadurch ständig daran erinnert, dass sie anders waren als die anderen Völker. Auch die jüdischen Speisegesetze bekamen dadurch eine neue Bedeutung. “Ihr sollt nicht … und ihr dürft nicht…”

Sollte man sich wirklich durch totale Enthaltsamkeit des göttlichen Segens erfreuen? Hier greift unsere heutige Evangeliumslesung vom Ährenraufen am Sabbat in die Diskussion ein. Sollte man nicht auch am Sabbat Ähren raufen dürfen, wenn man etwas zu knabbern haben möchte?

Der Vergleich mit David und seinen Männern, die sich vom Priester die heiligen, Gott geweihten Brote zu essen erbaten, ist wohl nicht richtig überzeugend. Denn da handelte es sich um ausgehungerte Partisanen, die sich in einer gewissen Notlage befanden. Die Frage, worum es sich hier handelt, ist vielmehr, ob das pharisäische Verbot des Ährenraufens nun wirklich zur Heiligung des Sabbats beiträgt, oder auch nicht.

Bekannt ist, dass Jesus ein äusserst respektvolles Verhälnis zum jüdischen Gesetz hatte. “Meint nicht, dass ich gekommen bin um das Gesetz aufzulösen, sondern um es zu erfüllen.” Das Gesetz zu erfüllen – das heisst: es zu seinem letzten, tiefsten Sinn hinzuführen. Wenn der siebente Tag so eine wichtige Rolle spielt, wenn Gott diesem Tag seinen besonderen Segen verliehen hat, so dürfen wir die Worte Jesu über den Sabbat sicher nicht in einem gegensätzlichen Sinn verstehen.

Jesus führt seinen Sinn vielmehr zurück auf die Schöpfungsordnung. Gott hat zunächst den Menschen geschaffen und dann erst seinen Segen über den siebenten Tag gesprochen. Man stelle sich vor, Gott hätte erst den siebenten Tag geheiligt und dann anschliessend den Menschen geschaffen, so könnte das bedeuten, dass der Mensch bloss geschaffen sei damit er die Sabbatsruhe einhalte. Dann hätte Gott den Menschen um des Sabbats willen geschaffen.

Aber nein, aus der Schöpfungsgeschichte wird sofort klar, dass bei Gott alles auf den Menschen zuläuft und dass dann der besondere göttliche Segen seiner ganzen Schöpfung, einschliesslich dem Menschen, gilt.

Fragen wir uns nun noch einmal: Wie können wir uns am siebenten Tag in besonderer Weise des göttlichen Segens erfreuen? Die Antwort ist: indem wir für uns und für unsere Mitmenschen so handeln, wie es mit Gottes Güte und Freundlichkeit übereinstimmt. Ein Spaziergang mit Freunden durch das halb abgemähte Kornfeld, wo sie hie und da ein paar Ähren raufen können, ist nicht mehr als ein Beispiel.

Ich glaube, wir kennen viele verschiedene Weisen um Gottes Güte und Freundlichkeit zum Ausdruck zu bringen. Jedes gute Wort, jeder kleine Akt der Nächstenliebe ist da willkommen.

“Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat,” so endet unsere heutige Schriftlesung. Jesus Christus führt den siebenten Tag zu seiner eigentlichen Bedeutung hin. Wir kennen die Geschichte vom Ostermorgen: Jesus ist auferstanden am Morgen nach dem Sabbat, also am ersten Tag der Woche. Damit hängt es zusammen, dass in unserer Tradition der biblische Sabbat auf den Sonntag verschoben ist.

Für uns ist der Sonntag “der Tag des Herrn.” Was uns die Bibel über den siebenten Tag erzählt, bezieht sich für uns auf den Sonntag. Ein Tag besonderen Segens, ein Tag der Besinnung, ein Tag, der sich von den anderen Wochentagen unterscheidet.

Geschäfte, die wir an anderen Tagen erledigen können, vermeiden wir am Sonntag. Einkäufe, die nicht unbedingt am Sonntag besorgt werden müssen, besorgen wir lieber einen oder zwei Tage zuvor. Wenn auch in der modernen Grossstadt das business unaufhaltsam vorangeht, so können wir unsern Nachbarn, unsern Vewandten und Bekannten durch die Sonntagsfeier zeigen, dass unser Glaube uns zu einem andern Lebensstil inspiriert.

Und was ist mit unserm Kirchgang? Ja freilich, um uns auf Gottes Wort zu besinnen und die Gemeinschaft mit lieben Mitmenschen zu pflegen halten wir den Sonntag für besonders geeignet. Aber das wisst Ihr ja schon, Ihr lieben Gemeindemitglieder – denn sonst wäret Ihr heute wahrscheinlich nicht hier! Ich wünsche Euch einen gesegneten Sonntag!