Predigt von Pastor Klaus van der Grijp für den letzten Sonntag des Kirchenjahres, 23.11.2020

Es ist heute das Ende des Kirchenjahres. Mit dem ersten Adventssonntag hat es angefangen, mit dem 24. Sonntag nach Trinitatis endet es. Über viele Geheimnisse des Gottesreiches haben wir im Lauf des Jahres nachdenken können, und nach guter alter Gewohnheit steht dieser letzte Sonntag unter dem Zeichen des Sterbens und der Ewigkeit.

Man spricht vom “Totensonntag”, beziehungsweise vom “Ewigkeitssonntag”. Das Nachdenken über Tod und Sterblichkeit trifft viele von uns ins Herz: Es handelt sich da um unsere Toten, denen wir vielleicht immer noch nachweinen.

Es handelt sich aber auch um uns selber: Wie lange werden wir noch auf Erden sein, und was wird uns dann nachher noch erwarten? Wenn unsere biologische Uhr stillsteht, werden wir dann in eine zeitlose Ewigkeit eingehen?

Wir wollen uns als sterbliche Menschen doch etwas dabei denken können – uns eine Vorstellung davon machen! In der Bibel finden wir zu solcher Vorstellung verschiedene Ansätze.

In der Parabel vom reichen Mann und dem armen Lazarus heisst es, Lazarus sei nach seinem Sterben von den Engeln in “Abrahams Schoss” getragen worden: also ein Bild friedlicher Ruhe nach einem kummervollen Leben.

In ganz anderem Zusammenhang sagt Jesus zu dem einen Übeltäter, der neben ihm am Kreuz hängt: “Heute wirst du mit mir im Paradies sein!” (Lukas 23, 43) Also nach dem Sterben könnten wir uns gleichsam in einem himmlischen Garten, in einem Paradies befinden! Ein Bild der wiedergewonnen Unschuld – oder auch der Freiheit in einer göttlich schönen Natur.

In wieder einem andern Zusammenhang lobt Jesus den römischen Hauptmann von Kapernaum und sagt dazu: “Viele werden kommen vom Osten und vom Westen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tische sitzen!” Also seht doch: Wir dürfen uns das Himmelreich vorstellen als ein Festmahl, wo Juden und Heiden zusammen mit den Erzvätern auf ihr Wohl trinken! Ein Bild universaler Freude und Sättigung, woran sich viele beteiligen werden.

Blitzartig überlagern sich die Bilder, die unsere Vorstellung von einer jenseitigen Welt ausmalen sollen. Dann kommt aber noch die ausführliche Beschreibung des himmlischen Jerusalems, wie wir sie im vorletzen Kapitel des Buches der Offenbarung finden.

Da ist weder ein Garten noch ein Gastmahl, und auch von Abrahams Schoss ist keine Rede. Das Sinnbild der Ewigkeit ist jetzt eine Stadt.

Warum gerade eine Stadt? Städte sind ein Erzeugnis menschlicher Kultur, verfeinerter Technik und Architektur, grosser sozialer Errungenschaften. Die Stadt, von der hier die Rede ist, kommt aber ganz fertig aus dem Himmel. Gott hat alles menschliche Schaffen in eine höhere Sphäre aufgenommen und geheiligt.

Im Laufe des selben Kapitels erfahren wir dann noch Einzelheiten über das göttliche Baumaterial: goldene Strassen, Stadttore aus Edelstein und noch weiteres. Freilich: es sind alles nur Bilder, es ist die Bildsprache, derer sich die Bibel so oft bedient. Aber welche Wirklichkeit steckt hinter den Bildern, was haben sie uns in unserm sterblichen Dasein zu sagen?

Ich glaube, irgendwie beziehen sie sich alle auf den einen Gott, der bekanntlich weder abgebildet noch in Worten dargestellt werden kann. “Siehe da, die Hütte Gottes bei den Menschen, und er wird bei ihnen wohnen und sie werden sein Volk sein!” Die Hütte: dieses Wort bezieht sich auf das heilige Zelt, Symbol der Präsenz Gottes bei Israels Zug durch die Wüste.

Wenn wir in unserm Kapitel weiter lesen, finden wir noch andere Worte für das grosse Geheimnis: Die Stadt braucht keinen Tempel mehr, keine Kirche auch – keinen Raum, der das Heilige vom Profanen abgrenzt.

Denn Gott selber wird da sein, ähnlich wie die Luft, die wir atmen. Und die Stadt braucht weder Sonne noch Mond, denn Gott selber wird ihr Licht sein. Gott wird uns umgeben wie die Luft, er wird über uns scheinen wie die Sonne. Es wird weder Leid noch Schmerz mehr geben, denn Gott spricht: “Ich mache alles neu!”

Ist das das Bild, womit die Bibel mir meine Zukunft ausmalen will, wenn ich einmal das Sterbliche für das Unsterbliche verwechseln werde? Eine ganz neue Erde mit einem funkelnagelneuen Himmel über dem Kopf?

Diese Vorstellung erinnert mich an was ich gelesen habe über die Entstehung des Kosmos aus dem Urknall und über die zu erwartende Zusammenschrumpfung des Weltalls in Milliarden von Jahren. Und niemand weiss: Hat es vor diesem Urknall schon einmal einen Kosmos gegeben? Wird nachher einmal wieder ein neues Weltall entstehen? In einer zeitlosen Ewigkeit ist ja alles möglich!

Wenn ich aber über den von Gott zu schaffenden neuen Himmel und die neue Erde nachsinne, will ich aber so weit nicht denken. Wenn der Schöpfer es mir erlaubt, als sein Geschöpf in einer neuen Schöpfung aufzuwachen, so möge mir doch eines erhalten bleiben: meine Erinnerung!

Was ich in meinem sterblichen Leben erfahren, genossen, geduldet und erlitten habe! Gut – es möge zwar keinen Schmerz und kein Weinen mehr geben, auch traurige Erinnerungen sollen uns dann nicht mehr traurig machen; aber die Erinnerung an sich bleibt das Kostbarste, was ich aus meiner Vergangenheit mitnehmen möchte; sie soll mir etwas sein so wie ein Photoalbum von damals – mein Leben, meine Glücksstunden, mein Schmerz …

Lieber Gott, lass mich das wenistens behalten, wenn du einmal alles neu machen wirst! Ja, das sind menschliche Überlegungen. Eines wissen wir aber sicher beim Nachsinnen über Zeit und Ewigkeit: Gott ist da am Anfang – und Gott ist da am Ende, er ist sozusagen das Alpha und das Omega, wie der erste und der letzte Buchstabe des griechischen Alphabets.

Falls es vor dem grossen Urknall schon einen früheren Kosmos gegeben hat, war Gott sicher schon da: am Anfang war ja das göttliche Wort. Und wenn dieses Weltall irgendwann sich auflöst oder zusammenschrumpft, wird Gott noch immer da sein.

Nicht anders steht es um unser eigenes, sterbliches Dasein. Das wunderschöne Psalmwort (Psalm 139) sagt es mir: Schon ehe ich im Mutterleibe empfangen wurde, hat Gott mich gesehen. Und wenn ich eines Tages von der Erde verschwunden bin, bleibe ich in Gottes Gedächtnis behütet.

Gott ist “der Erste und der Letzte, und ausser ihm ist kein Gott” – so lesen wir es schon im Buch des Propheten Jesaja (44, 6). “Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir,” so heisst es im Psalmwort (139, 5).

Und weil wir heute, an diesem Ewigkeitssonntag, unserer Sterblichkeit gedenken, so dürfen wir auch mit dem Apostel Paulus sagen: “Leben wir, so leben wir dem Herrn; und sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: ob wir leben oder sterben, wir sind des Herrn.”

Ebenso schön hat das der deutsche Pastor und Liederdichter Arno Pötzsch gesagt (EGB 533, 3): “Wir sind von Gott umgeben in Raum und Zeit / und werden in ihm leben und sein in Ewigkeit.”